{"id":534,"date":"2006-04-25T22:00:00","date_gmt":"2006-04-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/04\/25\/ob-godot-vielleicht-am-1-mai-kommt\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:23","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:23","slug":"ob-godot-vielleicht-am-1-mai-kommt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/04\/25\/ob-godot-vielleicht-am-1-mai-kommt\/","title":{"rendered":"Ob Godot vielleicht am 1. Mai kommt?"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>\u201eBedenke, du bist nur ein Mensch!\u201c Ausgerechnet beim triumphalen Einzug in die Hauptstadt des R\u00f6mischen Reiches bekamen die siegreich heimkehrenden Feldherrn in antiker Zeit diese Worte von einem Diener alle paar Minuten eingefl\u00fcstert, gewisserma\u00dfen hinter die Ohren geschrieben. Die Wirkung der erzieherischen Ma\u00dfnahme auf die Helden war bekanntlich&nbsp; begrenzt: In vielen F\u00e4llen erwiesen sich erfolgreich geschlagene Schlachten als \u00fcberaus f\u00f6rderlich f\u00fcr den Karrieresprung zum Imperator oder Gottkaiser.&nbsp; Dennoch mochte nachher selbst Shakespeare auf den Einfl\u00fcsterer nicht verzichten:&nbsp; Der Weise in seinen Spielen ist zumeist ein \u00e4rmlicher Narr \u2013 bei aller sp\u00f6ttischen Skepsis eine Art Mensch gewordenes Prinzip Hoffnung, das wider besseres Wissen und trotz Samuel Beckett bis heute daran glaubt, dass Godot irgendwann doch noch kommt.<\/p>\n<p>Ruhelos die gro\u00dfm\u00fctterliche N\u00e4hmaschine traktierend, knurrt Freund Walter: \u201eWorauf willst du eigentlich hinaus?\u201c Auf den Triumphzug von Kurt Beck selbstredend. Erst absolute Mehrheit hier, dann zzus\u00e4tzlich Kommando-\u00dcbernahme auf dem alten Tanker SPD, und alsbald d\u00fcrfte er obendrein wohl gegen Frau Bundeskanzler in den Ring steigen respektive sein Gewicht in die Waagschale werfen. \u201eAha\u201c, so Walter, \u201eund wir sollen nun f\u00fcr Kurt den Mahner spielen; etwa mit dem Spruch: Bedenke, du bist nur ein pf\u00e4lzischer Elektriker!\u201c Womit er nichts gegen Pf\u00e4lzer, geschweige denn gegen Elektriker gesagt haben wolle. Auch nichts gegen Beck, schlie\u00dflich \u201ekriegt jede Partei den verdienten Vorsitzenden, jedes Land den verdienten Staatslenker.\u201c Weshalb Walter \u00fcbrigens jetzt erstmals seit Jahren wieder einen Italienurlaub plant. Nicht wegen der Wahl Becks, sondern wegen der Abwahl Berlusconis; damit es da keine Missverst\u00e4ndnisse gibt.<\/p>\n<p>Und die N\u00e4hmaschine ruckelt dazu. (??) Freund Walter n\u00e4ht, nein bastelt, sich erstmals im Leben eine rote Fahne. Mit der will er, ebenfalls erstmals im Leben, zur Mai-Demonstration. Allseitiges Kopfsch\u00fctteln ist ihm darob sicher &#8211; denn nie, aber auch niemals war er mit von der Partie gewesen, wenn die Freunde in fr\u00fcheren Jahren wof\u00fcr oder wogegen auch immer auf die Stra\u00dfen zogen. Dieser Mensch hatte sich allweil in der Rolle des distanzierten Stoikers oder Zynikers gefallen. Woher jetzt der Sinneswandel? \u201eAckermann und die Franzosen\u201c lautete die erste knappe Antwort, als er Stecken, Stab und Stangerl nebst einigen Metern roten Tuches anschleppte. Genaueres folgte im Zuge fortschreitender Bastelarbeit:<\/p>\n<p>\u201eWenn die Ackerm\u00e4nner im Monat mehr verdienen, als ein flei\u00dfiger Facharbeiter im ganzen Leben verdienen k\u00f6nnte, wenn man ihn arbeiten lie\u00dfe, dann ist was faul im Staate D\u00e4nemark. Wenn nun der Ackerm\u00e4nner F\u00fcrstensal\u00e4r auch noch explosionsartig w\u00e4chst, w\u00e4hrend zugleich die Entlohnung normaler Arbeit kontinuierlich sinkt, dann ist es Zeit f\u00fcr die Stra\u00dfe.\u201c Sagt Walter, auf die Geschichte verweisend, die Aufruhr als notwendige Folge herrschaftlicher V\u00f6llerei bei gleichzeitiger Hungerleiderei im Volke ausweise. Und dass die Stra\u00dfe einen durchaus wirkungsvollen und wertvollen Beitrag zur Demokratie leisten kann, h\u00e4tten ja eben die Franzosen bewiesen: \u201eInakzeptables Gesetz; Schulstreik, Unistreik, Generalstreik; Gesetz perdu. Basta\u201c. Es sei doch sch\u00f6n, wenn ein Volk Traditionen b\u00fcrgerschaftlicher Renitenz habe und diese gelegentlich auch pflege.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSo spricht Walter, begutachtet zufrieden seine rote Fahne und macht sich auf die Suche nach der n\u00e4chstgelegenen 1.-Mai-Demonstration.&nbsp; Die geht in Koblenz um 10.30 Uhr am Stadttheater ab, l\u00e4uft um 11 Uhr am M\u00fcnzplatz ein: zur Ansprache von Andrea Nahles und anderen Fr\u00fchlings-Lustbarkeiten. Mal schauen, ob dem Freund zusagt, was er dort unter dem Motto \u201eDeine W\u00fcrde ist unser Ma\u00df\u201c vorfindet.<\/p>\n<p>Apropos Ma\u00df. Wann h\u00f6rt Koblenz auf, das Ma\u00df der mittelrheinischen Dinge zu sein? Wenn es Kleinstadt geworden ist, meinen ein paar aufgeregte Sch\u00e4ngel dieser Tage. Der Fall soll j\u00fcngsten Berechnungen zufolge binnen zehn bis zw\u00f6lf Jahren eintreten. Dann unterschreite die Kommune am Rhein-Mosel-Eck die Marke von 100 000 Einwohnern, wodurch sie den Titel \u201eGro\u00dfstadt\u201c verl\u00f6re.<\/p>\n<p>Aber bitte, liebe Mitb\u00fcrger, was gelten uns schon hohle Titel. Wird nicht Ehre viel mehr durch ehrenhaftes Verhalten eingelegt, Autorit\u00e4t durch Flei\u00df und Kompetenz erworben? Ansehen kommt schlie\u00dflich auch nicht von Aussehen, sonst s\u00e4\u00dfe Heidi Klump im Kanzleramt und nicht Frau Merkel. Und weil das so ist, bleibt uns der Trost, dass Beck und die Amtsinhaberin am Ende ihren Strau\u00df doch irgendwie politisch werden ausfechten m\u00fcssen. Denn unser Kurt hat zwar Gewicht, aber Sch\u00f6nheit ist dann doch wieder etwas anderes. Mit Koblenz verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich: Gro\u00dfstadt oder Kleinstadt \u2013 nehmt\u00b4s gelassen. Wenn nur ein ordentlicher Charakter drinsteckt, kann uns das offizielle Titularreglement allemal den Buckel runter rutschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBedenke, du bist nur ein Mensch!\u201c Ausgerechnet beim triumphalen Einzug in die Hauptstadt des R\u00f6mischen Reiches bekamen die siegreich heimkehrenden Feldherrn in antiker Zeit diese Worte von einem Diener alle paar Minuten eingefl\u00fcstert, gewisserma\u00dfen hinter die Ohren geschrieben. 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