{"id":532,"date":"2006-06-25T22:00:00","date_gmt":"2006-06-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/06\/25\/die-faehnchen-flattern-um-uns-rum\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:23","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:23","slug":"die-faehnchen-flattern-um-uns-rum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/06\/25\/die-faehnchen-flattern-um-uns-rum\/","title":{"rendered":"Die F\u00e4hnchen flattern um uns rum"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Haben Sie\u00b4s gesehen? Sogar die Bundeskanzlerin au\u00dfer Rand und Band: den Oberk\u00f6rper weit nach vorne geworfen; den rechten Arm nach seitlich-hinten verdreht, dabei dem polnischen Premier mit der reflexartig grapschenden Hand beinahe ins Gesicht patschend; ihre Augen quellen schier aus H\u00f6hlen; dem zuckend aufgerissenen Mund entringen sich erkennbar Schreie, Quiecker, St\u00f6hner. So ward es vom Fernsehen am 14. Juni dokumentiert \u2013 Frau Merkel bereitete derart das 1 : 0 der deutschen Mannschaft gegen die polnische in Dortmund vor. Wir sahen das erstaunliche Bild, h\u00f6rten dazu leider nur allgemeine Stadionwallung, denn Pressemikrofone sind auf den Ehrentrib\u00fcnen nicht zugelassen (und die Tonaufnahmen der Geheimdienste nicht zu haben).&nbsp; Was wohl hat Angie geschrieen, gequietscht, gest\u00f6hnt? \u201eMach ihn rein, mach ihn doch rein!\u201c, \u201ekomm schon, komm, komm, komm!\u201c, \u201eschie\u00df endlich, schie\u00df jeeetzt!\u201c. Etwas in der Art wird es gewesen sein. Fu\u00dfball ist halt doch ein sehr&nbsp; k\u00f6rperbetontes Spiel. Auch f\u00fcr zusehende Pastorent\u00f6chter, selbst wenn sie Kanzlerin sind.<\/p>\n<p>Wo schon die sonst so zur\u00fcckhaltende Regierungschefin sich von K\u00f6nig Fu\u00dfball ganz ungeniert zu \u00f6ffentlichen Ekstasen mitsamt Lustgeschrei reizen l\u00e4sst, muss man sich auch \u00fcber sonstige Erscheinungen der Massenorgie namens WM nicht wundern. Die auff\u00e4lligste davon ist, dass mit fortschreitender Weltmeisterschaft sich immer mehr gew\u00f6hnliche Kraftfahrzeuge in Dienstfahrzeuge verwandeln. Sie z\u00e4hlen mittlerweile nach Hunderttausenden, die mit Stander durch Deutschland kutschierenden Automobile. Stander hei\u00dft das Wort, nicht St\u00e4nder \u2013 wobei das im vorliegenden Fall beim einen oder anderen Zeitgenossen allerdings kaum einen Unterschied machen d\u00fcrfte. Stander also. Das meint beim Milit\u00e4r und in der hohen Politik kleine Flaggen an offiziellen Autos, Schiffen, manchmal auch gelandeten Flugzeugen oder startenden Zweir\u00e4dern. Diese Flaggen zeigen dem gemeinen Fu\u00dfvolk sowie&nbsp; Protokollbeamten, Wach- und Bedienungspersonal an, dass da eine&nbsp; Pers\u00f6nlichkeit von Rang mitf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>So gesehen erweist sich die Fu\u00dfball-WM als gro\u00dfer Gleichmacher: Auch Hinz und Kunz fahren jetzt mit Stander. Schwarz-rot-g\u00fclden knattert die Fahne im Fahrtwind. Mit Freund Walter w\u00fcrde ich jetzt gerne diskutieren, ob die dieser Tage epidemische Ausbreitung schwarz-rot-goldener Staffagen ein Zeichen f\u00fcr neuen Patriotismus ist oder doch eher modischer Hype eines neuen Party-Accessoires. Aber Walter hat die Mitwirkung an einer weiteren Fu\u00dfball-Kolumne kategorisch abgelehnt. Begr\u00fcndung: \u201e\u00dcber Fu\u00dfball schw\u00e4tze ist Blech, gucke ist Gold.\u201c Also sitzt er Tag um Tag vor der Glotze \u2013 und \u00e4rgert sich allweil \u00fcber ufer- und hemmungsloses Vor-, Zwischen- und Nachgesimpel.<\/p>\n<p>Wie ist das nun mit dem neuen Patriotismus? Ich sag mal so: Nationalfarben als Haarschmuck, Gesichtsbemalung und Bodypainting, die Flagge in T-Shirt-Form dr\u00fcber oder als reizende W\u00e4sche drunter, Narrenkappen, Pappbecher und Kondome in Landesfarben \u2026 Heinrich Heines Begriff \u201eteutomanisch\u201c will dazu nicht recht passen, zumal die G\u00e4ste aus aller Welt mit ihren jeweiligen Farben genau den gleichen unpathetisch-verspielten Zinnober veranstalten. So war die WM, zumindest bis zum Achtelfinale, ein im Wortsinne kunterbuntes V\u00f6lkerfest;&nbsp; \u00b4ne Party halt. Ob meine Landsleute es auch so meinten, wird sich erweisen: Die Nagelprobe k\u00e4me mit dem Aussteigen der deutschen Mannschaft aus dem Wettbewerb. Feiern wir als gute Verlierer dann weiter ein V\u00f6lkerfest, oder wenden wir uns schmollend von der WM ab? Diese Frage die letzten Tage in einige Runden geworfen, ergibt eine verwirrende Stimmungslage. \u201eWir feiern auf jeden Fall bis zum Abpfiff am 9. Juli durch\u201c, antworten die Einen.&nbsp; Andere erkl\u00e4ren schon die blo\u00dfe Frage zu grobem Unfug \u2013 denn \u201eDeutschland kann nicht ausscheiden, Deutschland wird Weltmeister\u201c. Hhmm, da beschleicht einen dann doch wieder eine gewisse Unruhe: Denn, hallo!, die Rede ist von einem Sportwettbewerb, an dem 32 Teams teilnehmen und 31 NICHT Weltmeister werden.<\/p>\n<p>Wie auch immer: Am 9. Juli ist alles vorbei. Dann kann sich der Deutsche Fu\u00dfballbund seinem n\u00e4chsten Etappenziel zuwenden: der Umwandlung der Bundesliga zur T-Com-Liga. Erst gingen die Spielfeldr\u00e4nder an den Markt, dann die Stadionnamen auf den Strich, jetzt folgen die Ligen \u2013 und dabei wird\u00b4s nicht bleiben. Eines baldigen Tages k\u00f6nnte das Koblenzer Theater nach einer Sektmarke benannt sein, K\u00f6lns Wahrzeichen Ford-Dom hei\u00dfen, das mittelrheinische Weltkulturerbe \u2013 wie schon der N\u00fcrburgring &#8211; abschnittsweise die Namen multinationaler Industriesponsoren annehmen. Dann hie\u00dfe ein G\u00f6rres-Gymnasium vielleicht Microsoft-Schule, diese Burg Milka-Ressort und jenes Museum Sony-Center. Schwarz-rot-goldener Putz mag auch dazu h\u00fcbsch aussehen, f\u00fcr den Gang der wirklichen Gesch\u00e4fte ist das bunte Volksvergn\u00fcgen freilich v\u00f6llig belanglos.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie\u00b4s gesehen? 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