{"id":530,"date":"2006-08-25T22:00:00","date_gmt":"2006-08-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/08\/25\/die-alten-literaten-und-das-leben\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:23","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:23","slug":"die-alten-literaten-und-das-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/08\/25\/die-alten-literaten-und-das-leben\/","title":{"rendered":"Die alten Literaten und das Leben"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Das war ein Schock, als der Sommer vom hei\u00dfesten Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnung in die k\u00e4lteste erste Augusth\u00e4lfte seit Menschengedenken umschlug. Vor wie nach griff das Wetter geh\u00f6rig ins Leben hinein, und wieder war des einen Lust des andern Plag: Sonnengl\u00fcck hie, Hitzequal da; angenehme K\u00fchle f\u00fcr diesen, Herbsttristesse f\u00fcr jenen. Man muss von Gl\u00fcck sagen, dass der Homo sapiens das Tageswetter nicht beeinflussen kann. K\u00f6nnte er\u00b4s, zu allen bekannten Kriegsanl\u00e4ssen gesellten sich Mord und Totschlag des Wetters wegen. Kommt noch. Zu negativ? Der Mensch sei kl\u00fcger? W\u00e4re sch\u00f6n. Doch l\u00e4sst&nbsp; die Sache mit dem Klimawandel eher vermuten, dass unsere Spezies d\u00fcmmer ist, als die galaktische Polizei erlaubt. Anders l\u00e4sst sich kaum erkl\u00e4ren, dass dieses Jahr erneut s\u00e4mtliche Rekorde globaler CO2-Emission gebrochen werden.<\/p>\n<p>Das Sommerwetter 06 gab jedenfalls Schlagzeilen und Gespr\u00e4chsstoff in solcher F\u00fclle her,&nbsp; man h\u00e4tte damit das postfu\u00dfballerische Sommerloch auch ohne Krieg in Nahost und daraus folgender Verhedderung der politischen Lager in Deutschland stopfen k\u00f6nnen. Verhedderung? SPD-Chef und CDU-Verteidigungsminister f\u00fcr deutsche Truppen im Libanon. CSU-Stoiber, SPD-Linke und Linkspartei dagegen. Die Kanzlerin sowohl als auch, die Gr\u00fcnen vielleicht. Und der Papst betet f\u00fcr Frieden. \u00c4hnlich, wenn auch nicht in gleichem Ausma\u00dfe verworren, verhielt es sich neulich in Koblenz mit dem Versuch, k\u00fcnftig mehr Beigeordnete an die Stadtspitze zu bestallen. Ausgeheckt hatte den Plan einige (wenige) Polit-Granden der gro\u00dfen Parteien, vom Tisch geputzt wurde er durch eine supergro\u00dfe Koalition aus anderen Gr\u00f6\u00dfen derselben Parteien plus Fu\u00dfvolk, kleineren Gruppierungen und \u00f6ffentlicher Meinung.<\/p>\n<p>\u201eRinks und lechts\u201c waren schon f\u00fcr den gro\u00dfen Dichter Ernst Jandl leicht zu verwechselnde Zwillinge. Und seit die meisten Parteien sich dem Pragmatismus verschrieben haben \u2013 will sagen: dem nachlaufenden Reagieren auf alle Lebensbereiche durchwuchernden Kapitalismus \u2013, seither sind politische Grunds\u00e4tze geschw\u00e4tzige Leerstellen geworden, gibt es humanistische Werte blo\u00df noch als religi\u00f6se und \u201esozialromantische\u201c Nostalgie. Da trifft es hart, wenn einer, den man immer f\u00fcr einen aufrechten, aufkl\u00e4rerischen, republikanischen Fels erst im Restaurationssumpf-, dann in der Beliebigkeitsflut gehalten hat, wenn so ein G\u00fcnter Grass sich pl\u00f6tzlich als Vertuscher f\u00fcr ihn unangenehmer Wahrheit erweist.<\/p>\n<p>Ach G\u00fcnter, wenn du doch beizeiten geredet h\u00e4ttest wie du jetzt in deiner Autobiografie so sch\u00f6n, so w\u00e4gend, so zweifelnd, so nachf\u00fchlbar und so lebenssaftig schreibst. Nicht, dass der 17-j\u00e4hrige Bub in den letzten Kriegstagen blindbegeistert sich in Hitlers schwarze Bataillone einreihte, schmerzt. Es ist dein dummes&nbsp; Schweigen \u00fcber diese Kriegsumst\u00e4nde durch ein ganzes aufmerksames Leben und ein ganzes kluges Lebenswerk hindurch, das einen die H\u00e4nde ringen l\u00e4sst. Denn: Jetzt bei\u00dfen die Hunde wieder, wollen f\u00fcr nichtig erkl\u00e4ren jeden kritischen Satz, den der Grass \u00fcber dies Land und dessen Leute von sich gab. Oskar, die Unke, die Schnecke, die R\u00e4ttin, Fonti: Ihre Einw\u00fcrfe verlieren an Gewicht, weil ihr Erfinder vom eitel verf\u00e4lschten Selbstbild nicht lassen mochte. &nbsp;<\/p>\n<p>Arm das Land, das Helden braucht \u2013 hei\u00dft es beim alten Bert Brecht, der jetzt zum 50. Todestag doch noch recht ordentlich zu berechtigten (!) Ehren kam. Diese Einsicht&nbsp; entschuldigt nicht&nbsp; das Versteckspiel des G\u00fcnter Grass. Allerdings stellt sie unsere eigene&nbsp; Entt\u00e4uschung \u00fcber den Literaturnobelpreistr\u00e4ger unter Vorbehalt. Der Lichtgestalt Schwachheit macht den Fans weiche Knie; mancher wendet sich nun ab vom vorherigen Gegenstand seiner Verehrung. Es fehlt eben noch immer allerhand bis zum Kantschen \u201eAuszug aus der selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit\u201c.<\/p>\n<p>\u201eGeht es auch weniger pathetisch?\u201c Freund Walter zieht die linke Augenbraue weit hinauf in die unwillig gerunzelte Stirn. Ei freilich. Sowieso h\u00e4tte ich&nbsp; lieber \u00fcber die gr\u00f6\u00dfte Passion \u00e4lterer M\u00e4nner gesprochen. Wie Martin Walser in \u201eAngstbl\u00fcte\u201c einen 70-J\u00e4hrigen mit einer 30-J\u00e4hrigen ins Liebesnest fantasiert. Wie Philip Roth seinen namenlosen Senior im Roman \u201eJedermann\u201c an den Unvermeidlichkeiten des alternden Leibes verzweifeln l\u00e4sst, und im sehns\u00fcchtigen R\u00fcckblick den Walser in Sachen Sexappeal deklassiert. Wie Grass \u201eBeim H\u00e4uten der Zwiebel\u201c seinen jugendlichen G\u00fcnter nahrungshungrig, kunsthungrig, vor allem aber frauenhungrig durch Deutschland treibt. Drei reife Meister der Sprache erinnern sich in neuen B\u00fcchern an Leben und Tr\u00e4ume \u2013 darin das Weib, das ewig lockende, allf\u00e4llig die erste Geige spielt. So viel Begehren, noch immer. Nehmt\u00b4s als Kompliment, Ihr Damen.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war ein Schock, als der Sommer vom hei\u00dfesten Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnung in die k\u00e4lteste erste Augusth\u00e4lfte seit Menschengedenken umschlug. Vor wie nach griff das Wetter geh\u00f6rig ins Leben hinein, und wieder war des einen Lust des andern Plag: Sonnengl\u00fcck hie, Hitzequal da; angenehme K\u00fchle f\u00fcr diesen, Herbsttristesse f\u00fcr jenen. 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