{"id":529,"date":"2006-09-25T22:00:00","date_gmt":"2006-09-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/09\/25\/seit-adam-baggert-und-eva-spinnt\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:23","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:23","slug":"seit-adam-baggert-und-eva-spinnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/09\/25\/seit-adam-baggert-und-eva-spinnt\/","title":{"rendered":"Seit Adam baggert und Eva spinnt"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>\u201eWas da mitschwingt, wei\u00df doch kein Mensch mehr\u201c, brummt Freund Walter, als er die \u00dcberschrift sieht. Da \u00fcbertreibt er wohl, denn ein paar gebildete Altlinke wird es ja selbst am Mittelrhein noch geben. Und zumindest die sollten begreifen, dass hier nicht blo\u00df auf den \u00f6ffentlichen Geheimwunsch der TV-Eva (Herman) angespielt wird, vom Manne wieder als Rippchen aus eigener Zucht angeknabbert, ausgekocht, schlie\u00dflich abgenagt werden zu wollen. Besagte Altlinke sollten sich an ein Lied von 1865 \u00fcber einen Typen namens Florian Geyer erinnern. F\u00fcr alle andern muss, zugegeben, der Schlagzeile Hintersinn erst erhellt werden. Wof\u00fcr auf das Ende dieser Kolumne verwiesen sei.<\/p>\n<p>So ist das eben in der Kunst: Wer von kulturgeschichtlichen Kontexten nichts wei\u00df, h\u00e4lt im Angesicht der&nbsp; Meisterwerke aus Malerei, Musik, Literatur\u2026 blo\u00df staunend Maulaffenfeil. Man st\u00f6hnt \u201each\u201c und \u201esch\u00f6n\u201c oder \u201ewie gr\u00e4sslich\u201c, doch vom Sinn der Werke begreift man gerade so viel wie der sprichw\u00f6rtliche Ochs vorm gro\u00dfen Scheuertor. Denken Sie sich ein Land, wo niemand je von Bibel oder zehn Geboten geh\u00f6rt hat. Den Leutchen dort m\u00f6chte etwa Goethes \u201eFaust I\u201c sehr seltsam vorkommen. So seltsam wie den Hiesigen heute \u201eFaust II\u201c und hunderttausend andere Kunstwerke, die sich beziehen auf antike Mythen, von denen&nbsp; nur noch ein paar Klugschei\u00dfer zu wissen scheinen.<\/p>\n<p>\u201eEs spricht Oberlehrer Doktor Pe\u2026\u201c sp\u00f6ttelt Walter. Das tut er, wann immer ich das Bildungsbanner hisse, um mit Goethes letzten Worten \u201emehr Licht\u201c in die D\u00fcsternis der&nbsp; Ignoranz zu beschw\u00f6ren. Was n\u00f6tig bleibt, solange Zylinder Turbane und Turbane Zylinder als unertr\u00e4glich anfeinden, solange Adam sich als Krone der Sch\u00f6pfung geriert und Eva ihm&nbsp; brav die Kelche serviert. Nat\u00fcrlich, auf den Blickwinkel kommt es an, sogar innerhalb desselben Kulturkreises: Ist Loveparade oder Oktoberfest lustvoller respektive unanst\u00e4ndiger? Ist Buga 2011 in Koblenz ein Bluff mit nix oder ein Einsatz-Treiben mit Royal Flash? Ist das Kopftuch eine Kofferbombe oder die Krawatte ein Unterdr\u00fcckungsinstrument, sind vielleicht beide blo\u00df Verh\u00fcterli? Das alles muss neu bedacht werden, seit die Forschung die M\u00f6glichkeit einr\u00e4umt, dass Goethe auf dem Totenbett nicht \u201emehr Licht\u201c meinte, sondern sich im Frankfurter Dialekt seiner Kindheit \u00fcber die Matratze beschwerte: \u201emer liecht\u2026\u201c, man liegt hier so schlecht.<\/p>\n<p>Die Welt ist unpraktisch. Mussten unbedingt drei Religionen sich jenen winzigen Flecken Pal\u00e4stina zur Wiege nehmen? W\u00e4re wenigstens Jesus andernorts, idealer Weise in Bayern, geboren worden, man h\u00e4tte sich Kreuzz\u00fcge und andere Raub- und Raufh\u00e4ndel sparen k\u00f6nnen. Wom\u00f6glich h\u00e4tte sogar die \u201eBild\u201c-Zeitung mal zutreffend getitelt \u201eMir soan Poabst\u201c, statt das mehrheitlich nichtkatholische Deutschland mit der Ente \u201eWir sind Papst\u201c zu erschrecken. Die Kollegen vom Boulevard machen sich\u00b4s mit der Religion zu leicht. Mit der Nation \u00fcbrigens auch: \u201eDie Deutschen sterben aus\u201c hei\u00dft es. Was ein grober Unfug ist. Aussterben setzt eine biologische Spezies voraus. Von einer Spezies der Deutschen wusste freilich nur das NS-Wissenschaftskorps 1933 ff zu fabulieren.<\/p>\n<p>Dass Deutschsein in erster Linie eine Frage des Passes ist, in zweiter eine der Kocht\u00f6pfe war,&nbsp; erst in dritter Linie und mittels Verbreitung des Idioms Hochdeutsch durch den Rundfunk auch eine Frage der Sprache wurde, sollte gerade Mittelrheinern klar sein. Wandern doch seit Jahrtausenden Menschen aller Herren L\u00e4nder Rhein und Mosel rauf und runter.&nbsp; Zogen doch seit Urzeiten internationale Heerhaufen \u00fcbers eifelanische Maifeld. Selbst Bl\u00fcchers Mannen, die in der Neujahrsnacht 1813\/14 in Koblenz \u00fcber den Rhein setzten, waren keine Deutschen, nicht mal Preu\u00dfen, sondern russische Schwadrone. Und keineswegs blo\u00df R\u00f6mer blieben, vieler V\u00f6lker Samen ist in die mittelrheinischen Stammb\u00e4ume eingeflossen. Wie soll einer den hiesigen Menschenschlag begreifen, der blo\u00df von Deutschen faselt? Wie soll einer die Menschen hier verstehen, wenn er nicht wei\u00df, dass sie jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen, der Himmel k\u00f6nnte ihnen auf den Kopf fallen. W\u00e4re nicht das erste Mal. Muss blo\u00df der Laacher See \u201ePuff\u201c machen, gleich stecken wir wieder bis sieben Meter \u00fcber die Halskrause in der Schei\u2026, im Bims.<\/p>\n<p>So viel zum Kontext, zu den Umfeldbedingungen, die kennen muss, wer durchblicken will bei Welt, Kunst, Mensch. Womit wir wieder bei der \u00dcberschrift w\u00e4ren und einem alten Lied, das einen noch \u00e4lteren Bauernaufstand unter der Buntschuh-Fahne lobpreist. Darin hei\u00dft es: \u201eAls Adam grub und Eva spann, wo war denn da Edelmann?\u201c Die Sache ging \u00fcbel aus f\u00fcr die Bauern, weshalb das Lied mit dem Vers endet: \u201eGeschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten\u00b4s besser aus.\u201c Ein Irrtum, wie wir feststellen m\u00fcssen, da nun Adam baggert und Eva spinnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWas da mitschwingt, wei\u00df doch kein Mensch mehr\u201c, brummt Freund Walter, als er die \u00dcberschrift sieht. Da \u00fcbertreibt er wohl, denn ein paar gebildete Altlinke wird es ja selbst am Mittelrhein noch geben. 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