{"id":520,"date":"2007-04-25T22:00:00","date_gmt":"2007-04-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/04\/25\/ein-prosit-auf-den-pragmatismus\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:22","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:22","slug":"ein-prosit-auf-den-pragmatismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/04\/25\/ein-prosit-auf-den-pragmatismus\/","title":{"rendered":"Ein Prosit auf den Pragmatismus"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>\u201eWer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen\u201c, hat Altkanzler Helmut Schmidt mal gesagt. Das Spiel mit der Doppelbedeutung des Wortes \u201eVisionen\u201c ist indes kein kluges. Da werden ernsthafte Zukunftsentw\u00fcrfe in Verruf gebracht, indem man sie mit pathologischer Fantasterei in einen Topf schmei\u00dft. Das klassische Politik-Verst\u00e4ndnis wird so seiner wichtigsten Aufgaben beraubt: Fr\u00fchzeitig eine Vorstellung von den Potenzialen der Zukunft gewinnen; dann Weichen stellen, damit nicht Schicksal, sondern Vernunft den Gang der Dinge lenke. Was bleibt der Politik, nachdem Visionen zur Geisteskrankheit erkl\u00e4rt sind?&nbsp; Pragmatismus. Das Wort bezeichnet eine \u201ephilosophische Richtung, die alles Denken und Handeln vom Standpunkt des praktischen Nutzens aus beurteilt\u201c. Ein Urvater dieser Philosophie, William James, hatte 1898 auch Wahrnehmung und Wahrheitsempfinden der N\u00fctzlichkeit unterworfen: \u201eEine Vorstellung ist wahr, solange es f\u00fcr unser Leben n\u00fctzlich ist, sie zu glauben!\u201c<\/p>\n<p>Womit wir bei der Gegenwart w\u00e4ren, also beim Klimawandel und beim Koblenzer Zentralplatz. Is ja gut, Walter, ich wei\u00df: Mit Klimawandel wollte ich mich nie mehr befassen, seit der Chefredakteur von \u201eCicero\u201c ihn ins Reich der Hirngespinnste verwiesen hatte. Ich erkannte den Irrtum, als neulich bei der Schlusskonferenz f\u00fcr den zweiten Teil des UN-Klimaberichtes die Regierungen der USA, Chinas, Russlands sich geifrig m\u00fchten, ihren Wissenschaftlichern auf offener B\u00fchne das Wort im Munde zu verdrehen respektive ihnen hinter den Kulissen das Maul zu stopfen. H\u00e4tte man vor 20 Jahren auf die Weitsichtigen unter den Wei\u00dfkitteln geh\u00f6rt, die Sache st\u00fcnde heute besser an der Klimafront. Warum h\u00f6rte damals keiner, warum sind heute noch so viele taub? Wegen des Pragmatismus\u2019 \u2013 beispielweise beim Verkauf von Innenstadt-Gel\u00e4ndewagen.<\/p>\n<p>Das Problem mit dem Pragmatismus ist, dass er N\u00fctzlichkeit blo\u00df f\u00fcrs Jetzt denkt. Ein Gel\u00e4nder um den Brunnen kann erst als n\u00fctzlich anerkannt werden, wenn ein Kind hineingefallen ist. Bis dahin w\u00e4re die Angst vor dem Unfall blo\u00df eine Vision. Man stelle sich vor, die Welt w\u00fcrde Abermilliarden in den umweltvertr\u00e4glichen Umbau der Wirtschaft stecken. Bliebe der gro\u00dfe Klimawandel nachher aus, die Pragmatiker w\u00fcssten nie, ob\u00b4s n\u00fctzlich war oder nicht. So \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich auch mit der Bebauung des Koblenzer Zentralplatzes. Gebaut muss werden und zwar rasch, sonst hat die Stadt zur Bundesgartenschau in ihrem Herzen ein h\u00e4ssliches Loch. Was, wie jetzt jedermann erkennt, wenig n\u00fctzlich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Weil in der Kasse Ebbe herrscht, ist die Stadt froh um einen privaten Investor. Der muss Gewinn machen, weshalb er ein Gesch\u00e4ftshaus auf den Zentralplatz bauen will und dessen bodennahe Geschosse mit L\u00e4den best\u00fccken. In den Oberetagen soll die Stadt Kulturr\u00e4ume anmieten. Auch wenn dieser Notplan s\u00e4mtlichen bisherigen Vorstellungen von einem so oder so gearteten Kulturhaus zuwiderl\u00e4uft, ist er doch pragmatisch: Zur Buga kein Loch; irgendwo \u00fcber dem Platz wird es auch Kultur-Kemenaten geben. Wei\u00df jemand unter den aktuell&nbsp; gegebenen Bedingungen eine bessere L\u00f6sung? Mit dieser klassischen Kernfrage des realpolitischen Pragmatismus haben sich nun alle Kritiker des Gesch\u00e4ftshausplanes herumzuschlagen.<\/p>\n<p>Selbstredend schlie\u00dft diese Frage die r\u00fcckblickende Gegenfrage aus: Seit wann wissen wir, dass der Zentralplatz einer Neubebauung bedarf? Seit 10 Jahren wei\u00df es jeder, der hinguckt. Kenner der Verh\u00e4ltnisse wissen es schon viel l\u00e4nger. Weil nichts geschehen ist \u00fcber all die Jahre, liegt das Kind nun im Brunnen. Aber das ist \u2013 Pragmatismus! \u2013 jetzt alles Schnee von gestern. Gestern freilich h\u00e4tte man die Weichen f\u00fcr die Zukunft ganz anders stellen k\u00f6nnen. \u201eWof\u00fcr damals allerdings eine Sache n\u00f6tig gewesen w\u00e4re: Visionen\u201c, brummt Freund Walter ein Schlusswort, zieht mich dann Richtung Koblenzer Altstadt. Auf dass pragmatisch erst die Kehlen befeuchtet werden und hernach neue Visionen entwickelt. Bis dahin sehen wir auf dem Zentralplatz ein Symbol unserer Zeit entstehen, das gewiss einmal Aufsehen erregt:&nbsp; \u201eZum Mittelrhein-Museum im vierten Stock Treppe links hinter dem Mittelrhein-Einkaufsparadies benutzen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen\u201c, hat Altkanzler Helmut Schmidt mal gesagt. Das Spiel mit der Doppelbedeutung des Wortes \u201eVisionen\u201c ist indes kein kluges. Da werden ernsthafte Zukunftsentw\u00fcrfe in Verruf gebracht, indem man sie mit pathologischer Fantasterei in einen Topf schmei\u00dft. 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