{"id":518,"date":"2007-06-25T22:00:00","date_gmt":"2007-06-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/06\/25\/allweil-wieder-die-gretchen-frage\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:22","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:22","slug":"allweil-wieder-die-gretchen-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/06\/25\/allweil-wieder-die-gretchen-frage\/","title":{"rendered":"Allweil wieder die Gretchen-Frage"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Es gibt unter den Lesern meines Geschreibsels einige \u00e4ltere Damen. Die sind nett, soweit sich das aus der zeitweiligen Korrespondenz ersehen l\u00e4sst. Oft waren ihre Zuschriften voll des Lobes. Bei einer Sache allerdings entwickelten meine Lieben eine nachgerade zudringliche F\u00fcrsorglichkeit: Sie sorgten sich um mein Seelenheil. Was ich mir verbat. Vergeblich. Die Ladies mochten partout nicht einsehen, dass Religion eine&nbsp; private Sache zwischen mir und den G\u00f6ttern ist. Weshalb sie, wie das Gretchen im \u201eFaust\u201c, stets die inquisitorische Frage aufwarfen: Wie h\u00e4lst du\u2019s mit der Religion?<\/p>\n<p>Freund Walter sch\u00fcttelte nur den Kopf, wenn ich missionarisch bem\u00fchte Briefe in aller Ernsthaftigkeit beantwortete. \u201eLass es\u201c, sagte er, \u201ef\u00fcr deine rechtgl\u00e4ubigen Freundinnen hat die Welt quasi von Natur aus christlich zu sein.\u201c Walters Einwurf endete stets: \u201eDiese Leute glauben!\u201c Was hei\u00dfen sollte: Vernunft hat da keine Chance. Nach etlichen Briefwechseln musste ich ihm Recht geben: Die Damen und ich, wir konnten uns nicht verst\u00e4ndigen. F\u00fcr sie waren nur Christenmenschen Rechtgl\u00e4ubige, Andersgl\u00e4ubige blo\u00df verirrte Schafe, Gottlose schlicht bemitleidenswerte Kranke.<\/p>\n<p>Jeder muss seinen Weg gehen, argumentierte ich, weshalb es ein gro\u00dfes Gl\u00fcck sei, dass ein religionsneutraler Staat jedem das Recht darauf garantiere und obendrein im Inland&nbsp; verhindere, dass die Religionen wieder aufeinander einschlagen. Sprach ich so, konnten die Damen fuchsig werden: Deutschland sei Christenland, der Staat ein Christenstaat, alles andere&nbsp; Ausdruck von Gottlosigkeit. Aber, was ist mit den hiesigen Juden, Muslimen, Buddhisten\u2026? \u201eDie sind G\u00e4ste.\u201c&nbsp; Wenn es sich doch um deutsche Staatsb\u00fcrger handelt? \u201eTut nichts zur Sache, Deutschland ist christlich.\u201c Und was, bittesch\u00f6n, ist mit mir und jenem Drittel der Bev\u00f6lkerung, das gar keiner Religion angeh\u00f6rt?&nbsp; \u201eWir beten, dass sie den Weg zu Gott finden.\u201c Basta.<\/p>\n<p>Da bekam ich eine Ahnung davon, wie Gottesgerichte und Religionskriege entstehen: Aus der&nbsp; unersch\u00fctterlichen Gewissheit, dass der eigene Glaube die einzige Wahrheit sein darf, und keiner ein (guter) Mensch sein kann, der nicht glaubt. Gl\u00fccklicherweise gibt es im Freundeskreis aufgekl\u00e4rte Christen, Muslime und sonstwie Gl\u00e4ubige, die v\u00f6llig anders denken. G\u00e4be es die nicht, es m\u00f6chte dem Atheisten mulmig werden. Sollten wir das Prinzip der Religionsfreiheit missverstanden haben? Schlie\u00dft die Religionsfreiheit etwa das Recht auf Gottlosigkeit aus? Der Blick in die aktuelle Welt legt solchen Verdacht nahe. Fast entsteht der Eindruck, die Gottlosen verbergen ihre Gottlosigkeit, weil die \u00fcbrige Menschheit sich neuerdings einen Wettbewerb in vermeintlicher Gottgef\u00e4lligkeit liefert.<\/p>\n<p>Hallo, ihr Agnostiker und Atheisten: Hoch den Kopf! Nur weil ihr statt des Bekenntnisses \u201eich glaube\u201c die Gewissheit \u201eich wei\u00df nicht\u201c im Herzen tragt, seid ihr keineswegs Schlechtmenschen. Immerhin entspringt eure Sittlichkeit weder Furcht noch Heilsversprechen, sondern freiem Willen zu vern\u00fcnftigem Handeln. Das ist viel anstrengender als durch Blitzschlag bekehrt zu werden oder ein ungefragt in die Wiege gelegtes Glaubensbekenntnis wie eine zweite Haut zu tragen. Lasst sie \u00fcber eure Gottlosigkeit schimpfen und spotten. Wir streiten derweil um echte Religionsfreiheit, f\u00fcr alle. Die wir&nbsp; auch f\u00fcr uns in Anspruch nehmen, ebenso das Recht des Sp\u00f6tters. Denn Spott geh\u00f6rt zur Meinungsfreiheit. Und wo Spott nicht mehr m\u00f6glich, wird auch Kunst unm\u00f6glich. Weshalb die Gottlosen wie die Gottesf\u00fcrchtigen ihn ertragen m\u00fcssen, andernfalls w\u00e4re es aus mit Meinungs-, Kunst- und schlie\u00dflich auch Religionsfreiheit.<\/p>\n<p>Walter klopft mir auf die Schulter: \u201eGeht doch. Immer Butter bei die Fisch! Aber wolltest du nicht noch \u00fcber ein paar andere Glaubensfragen schreiben?\u201c Wollte ich. Etwa \u00fcber den Aberglauben, dass wirksamer Klimaschutz ohne Selbstbeschr\u00e4nkung m\u00f6glich sei. Oder \u00fcber den Irrglauben, dass der Mittelrhein seinen Welterbestatus beh\u00e4lt, auch wenn Koblenz die Buga-Seilbahn nicht wieder abbauen sollte. Doch es reicht f\u00fcr heute mit der Religion. Wer nun beten mag, der bete. Ich bleibe beim m\u00fchseligen Gesch\u00e4ft mit den Tatsachen und den zu beweisenden Hypothesen. W\u00e4re sch\u00f6n, man trifft sich nachher beim Leben und Lebenlassen wieder. Toleranz nennt sich das, und ist als Vernunftgebot (noch) Grundlage dieser Republik. Gott sei Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt unter den Lesern meines Geschreibsels einige \u00e4ltere Damen. Die sind nett, soweit sich das aus der zeitweiligen Korrespondenz ersehen l\u00e4sst. Oft waren ihre Zuschriften voll des Lobes. Bei einer Sache allerdings entwickelten meine Lieben eine nachgerade zudringliche F\u00fcrsorglichkeit: Sie sorgten sich um mein Seelenheil. Was ich mir verbat. Vergeblich. 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