{"id":517,"date":"2007-07-25T22:00:00","date_gmt":"2007-07-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/07\/25\/der-kritiker-das-unbekannte-wesen\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:22","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:22","slug":"der-kritiker-das-unbekannte-wesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/07\/25\/der-kritiker-das-unbekannte-wesen\/","title":{"rendered":"Der Kritiker, das unbekannte Wesen"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Gefragt, ob Literat und Literaturkritiker auch Freunde sein k\u00f6nnen, pflegt Marcel Reich-Ranicki zu antworten, sinngem\u00e4\u00df: Im Ausnahmefall ja, sofern der Kritiker niemals B\u00fccher des Freundes rezensiert. Im Regelfall nein, weil Schriftsteller nur gelobt werden wollen \u2013 immer, alle. Was MRR aus Erfahrung f\u00fcr die Poeten anf\u00fchrt, l\u00e4sst sich auf s\u00e4mtliche Kunstsparten \u00fcbertragen: K\u00fcnstler wollen gelobt werden. Das ist menschlich, schlie\u00dflich m\u00fcssen sie von sich \u00fcberzeugt sein, andernfalls nie ein K\u00fcnstler irgendeine B\u00fchne betreten k\u00f6nnte. Gelegentliche Selbstzweifel sprechen nicht dagegen, sie geh\u00f6ren zum k\u00fcnstlerischen Schaffensprozess wie ein ger\u00fcttelt Ma\u00df Eitelkeit auch.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich herrscht an Lob ja kein Mangel, zumal in heimischen Gefilden. In 30 Jahren habe ich unter Hunderten von Theaterauff\u00fchrungen, Konzerten, Vernissagen und Lesungen am Mittelrhein keine Veranstaltung erlebt, die den Akteuren Beifall verweigert oder sie gar ausgebuht h\u00e4tte. Das ist anderswo anders: In den Schauspielh\u00e4usern von K\u00f6ln und Frankfurt etwa kann Premierenbeifall niederschmetternd knapp und spr\u00f6de ausfallen. Aus diversen Opernh\u00e4usern wird h\u00e4ufiger gar von lautstarken Missfallenskundgebungen berichtet. Und erst die Kritiken nachher in Zeitungen und Radio: Da gibt\u2019s bisweilen aus zwei, drei Dutzend Federn richtig Haue. Kennt man alles so nicht am Mittelrhein. Sollte das am Ende der Beweis f\u00fcr stets makellose Spitzenqualit\u00e4t im hiesigen Kunstschaffen sein?<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man meinen, w\u00fcrden nicht doch gelegentlich &#8211; die hierorts leider sp\u00e4rlich ges\u00e4ten &#8211; Vertreter der Kritikerzunft etwas Essig in den Wein regionaler Gl\u00fcckseligkeit tr\u00e4ufeln. Geh\u00f6rt sich denn das, ja d\u00fcrfen die denn das \u00fcberhaupt? Auf Freikarte inmitten der besten Pl\u00e4tze hocken, aber nachher meckern und sozusagen das eigene Nest beschmutzen? Antwort: Wenn sie die Darbietung f\u00fcr schlecht halten, d\u00fcrfen sie nicht nur, sie m\u00fcssen sogar. Denn Kritik ist ihr Aufgabe, und Kritik meint nicht, mit Engelszungen s\u00e4useln oder \u201ekeinem Wohl und Wehe\u201c, sondern meint: beurteilen, beanstanden, entscheiden (hergeleitet vom griechischen Verb kr\u00ednein und vom Substantiv kritik\u00e9 , das als \u201eKunst der Beurteilung\u201c \u00fcbersetzt wird).<\/p>\n<p>Dabei kommt mal hohes Lob, mal scharfe Ablehnung, (viel zu) oft ein \u201eSo-la-la\u201c heraus. Wie gelangt der Kritiker zu solchen Urteilen? Indem er sich um den Publikumsapplaus nicht k\u00fcmmert, sich gegen die H\u00fcbschheit der Darsteller\/in verschlie\u00dft und sich von niemandem einreden l\u00e4sst, was er sehen und h\u00f6ren oder schreiben soll. Am Ende steht er mit seinen Kenntnissen, Erfahrungen, Ma\u00dfst\u00e4ben sowieso allein dem Kunstgeschehen gegen\u00fcber, sitzt&nbsp; anderntags noch alleiner am PC, um zu tun, was alle Welt von ihm verlangt:&nbsp; Als einziger vor aller \u00d6ffentlichkeit ein pers\u00f6nliches Urteil ausbreiten und es begr\u00fcnden. Wie immer das auch ausf\u00e4llt, irgendjemand wird ihm dann doch vorwerfen, keine Ahnung zu haben oder b\u00f6se Absichten zu verfolgen. Im Falle des Tadels kommen diese Vorw\u00fcrfe von den Getadelten und aus jenem Publikumsteil, dem es gefallen hat. Im Falle des Lobes von neidischen K\u00fcnstlern und von Besuchern, denen es nicht gefallen hat.<\/p>\n<p>Dieses Dilemma ist so alt wie die Kritik selbst, und der Kritiker hat nur zwei M\u00f6glichkeiten, ihm zu entrinnen. Erstens: Seinen Platz zwischen allen St\u00fchlen mit selbstbewusster Dickfelligkeit auszuf\u00fcllen. Zweitens: Schweigen. Theoretisch gibt es noch einen dritten Weg: Werbliche&nbsp; Gef\u00e4lligkeitsberichte publizieren. Das wird heute vielfach getan, ist auch kaum verwerflich, solange nicht behauptet wird, es handle sich dabei um Kritiken. Werbung geh\u00f6rt nun mal weder zu den Kriterien noch den Aufgaben der Kunstkritik. Au\u00dferdem: Es mag&nbsp; zwar nett gemeint sein, dem Kritiker ma\u00dfgeblichen Einfluss auf Besucherzahlen nachzusagen. De facto indes: Zu viel der Ehre! Die Bedeutung simpler Fl\u00fcsterpropaganda liegt da auf Sicht um ein Vielfaches h\u00f6her \u2013 im Guten wie im Schlechten. Theater, Konzertarenen, Museen werden nicht voll oder leer geschrieben, sondern letztlich voll oder leer \u201egespielt\u201c.<\/p>\n<p>Kritik muss dennoch sein, sagen Kulturfans und K\u00fcnstler ebenso. Nun gut. Aber, Freunde, denkt daran: Kritiker haben Urteile zu f\u00e4llen \u2013 und die werden Euch nicht immer zusagen. Kritik gibt es nur ganz oder gar nicht, sie ist entweder geistig unabh\u00e4ngig oder es ist keine. Das \u00fcbrigens hat sie gemeinsam mit ihrem Gegenstand, der Kunst.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gefragt, ob Literat und Literaturkritiker auch Freunde sein k\u00f6nnen, pflegt Marcel Reich-Ranicki zu antworten, sinngem\u00e4\u00df: Im Ausnahmefall ja, sofern der Kritiker niemals B\u00fccher des Freundes rezensiert. Im Regelfall nein, weil Schriftsteller nur gelobt werden wollen \u2013 immer, alle. 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