{"id":516,"date":"2007-08-25T22:00:00","date_gmt":"2007-08-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/08\/25\/seid-sand-im-getriebe\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:22","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:22","slug":"seid-sand-im-getriebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/08\/25\/seid-sand-im-getriebe\/","title":{"rendered":"Seid Sand im Getriebe!"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Das Leben k\u00f6nnte so einfach sein, w\u00fcrde man sich nicht mit Skepsis gegen\u00fcber dem Mainstream herumplagen. Lie\u00dfest du dich treiben im Hauptstrom zeitgen\u00f6ssischen Denkens, du w\u00e4rest der Gr\u00fcbeleien ledig. Denn im Mainstream ist alles vorgedacht. Verk\u00fcrzte Schulzeit und bis 67 verl\u00e4ngerte Arbeitszeit treten als unausweichliche Vernunftl\u00f6sung auf. Privatisierung von Post, Bahn, M\u00fcllabfuhr, Wasserwerken und bald Stra\u00dfen hei\u00dft \u201efit machen f\u00fcr die Zukunft\u201c und wird mit Verve betrieben, was immer es koste. Dem Mainstream gilt die Steigerung der Geburtenrate trotz \u00fcberv\u00f6lkerter Erde ebenso als heilige Pflicht wie die Landesverteidigung am Hindukusch und sonstwo. Er bemisst den Wert von Filmen und Theater, von Konzerten, Ausstellungen und B\u00fcchern nach Publikumsquote. Bildung, ja selbst Erholung und Mu\u00dfe betrachtet er blo\u00df als Faktoren der Ert\u00fcchtigung f\u00fcr den Markt.<\/p>\n<p>Und was meint Freund Walter zu dieser Lageeinsch\u00e4tzung? Er widerspricht. Aus seiner Mappe f\u00fcr \u201ebesondere Presseberichte\u201c zieht er zweie hervor, die ihn w\u00e4hrend der&nbsp; neumodischen Sommerregenzeit in Aufregung versetzt hatten. Der erste, aus dem Juli, vermeldet ein Umfrageergebnis, wonach 60 Prozent der Deutschen Sozialismus f\u00fcr eine gut gedachte, bislang nur schlecht gemachte Alternative halten. Im zweiten, von Anfang August, berichtet die \u201eZeit\u201c unter der Schlagzeile \u201eDeutschland r\u00fcckt nach links\u201c von einer Umfrage, die quer durchs Parteienspektrum verbl\u00fcffende Mehrheitsmeinungen der Bev\u00f6lkerung in der Sache zutage f\u00f6rderte: drei Viertel f\u00fcr Abschaffung der Rente mit 67; gegen Bundeswehreins\u00e4tze in Afghanisten = 62 Prozent; Unternehmen wie Bahn, Telekom, Energieversorger sollten Staats- nicht Privatbesitz sein = 67 Prozent; die Regierung tut zu wenig f\u00fcr soziale Gerechtigkeit = 72 Prozent; weiter f\u00fcr den Ausstieg aus der Kernkraft = 54 Prozent.<\/p>\n<p>\u201eHat sich was mit Mainstream, noch gibt\u00b4s Hoffnung. Das Establishment ist dabei, die Meinungsf\u00fchrerschaft zu verlieren\u201c, triumphiert der Freund &#8211; der sich neuerdings das alte Peace-Zeichen um den Hals h\u00e4ngt, Stirnband tr\u00e4gt und, geh\u00fcllt in bunte Flickerldecke, hippiem\u00e4\u00dfig den Summer of Love nachholt. Anno 67\/68 war Walter noch zu jung, aber die regel- und systemwidrige Haltung von damals scheint ihm durchaus passend angesichts des heutigen Zustandes der Welt mit ihrer stupenden Maxime \u201eGeld, Geld, Geld\u201c. Er brummt Richie Havens \u201eFreedom\u201c vor sich hin, l\u00e4sst auf dem Player Jimi Hendrix vibrieren und beantwortet Fragen nach dem Sinn seines Tuns mit der legend\u00e4ren Aufforderung aus G\u00fcnter Eichs H\u00f6rspiel \u201eTr\u00e4ume\u201c: \u201eSeid Sand, nicht das \u00d6l im Getriebe der Welt\u201c.<\/p>\n<p>Das bringt mich auf den Bahnhof&nbsp; von St. Goarshausen. Vor selbigem stellten wir neulich das Auto ab, um acht Minuten mit dem Zug nach Kaub zu fahren und sechs Stunden \u00fcber den&nbsp; Rheinsteig zur\u00fcck zu wandern. Nicht sehr \u00f6konomisch, aber sch\u00f6n (anstrengend). Das gerade Gegenteil besagter Bahnhof. Verrammelt Fahrkartenschalter und Wartesaal, das Geb\u00e4ude heruntergekommen, m\u00fcffelnd; drinnen indes zwei hochmoderne Ticket-Automaten: Sehr \u00f6konomisch, doch absto\u00dfend unsch\u00f6n das Ganze. Ich wei\u00df, St. Goarshausen ist nur ein St\u00e4dtchen unter vielen, in denen die Bahnhofskultur vor die Hunde gegangen ist. Auskunftsfreudige Bahnler hinter dem Schalter, ein Bahnhofsbuffet, wo der Reisende \u00b4ne Zeitung und was zwischen die Z\u00e4hne kriegen konnte &#8211; pass\u00e9. Daf\u00fcr sind die Gro\u00dfstadt-Stations zu Shoppingmalls mit Food-Lounges (Fressmeile) mutiert. Ob klein oder gro\u00df, verschwunden ist \u00fcberall ein fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlicher Standard: der Wartesaal, im Winter beheizt.<\/p>\n<p>Wozu ist die Bahn da? Die Post, die Telekom, die M\u00fcllabfuhr \u2013 der Staat? Antwort meines jetzt hippiesken Freundes: \u201eF\u00fcr die Rendite, w\u00fcrde das Establishment denken, w\u00e4hrend es vom Allgemeinwohl schwadroniert und derweil die Bahn vollends verh\u00f6kert\u201c. So geht der Mainstream, der offizielle. Nicht mit uns! Wir wollen lebende Menschen hinter Schaltern, Wartes\u00e4le, Nebenstrecken und Z\u00fcge darauf. Wir wollen eine zuverl\u00e4ssige, flotte Postzustellung auch ins letzte Geh\u00f6ft. Wir wollen ein funktionierendes Telefon ohne Technikchaos, Tarifdschungel und Call-Center-Terror. Wir wollen eine ordentliche M\u00fcllabfuhr mit ordentlich bezahlten M\u00fcllwerkern. Wir wollen einen B\u00fcrgerstaat, keinen Yuppie-B\u00f6rsen-Staat. Sind wir deshalb von gestern? Eher von morgen \u2013 das wei\u00df der Mainstream blo\u00df noch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben k\u00f6nnte so einfach sein, w\u00fcrde man sich nicht mit Skepsis gegen\u00fcber dem Mainstream herumplagen. 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