{"id":5150,"date":"2006-01-25T13:20:00","date_gmt":"2006-01-25T12:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5150"},"modified":"2024-10-11T13:27:03","modified_gmt":"2024-10-11T12:27:03","slug":"ueber-das-phaenomen-mozart-und-das-phaenomen-mozart-jahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/01\/25\/ueber-das-phaenomen-mozart-und-das-phaenomen-mozart-jahr\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Ph\u00e4nomen Mozart und das Ph\u00e4nomen Mozart-Jahr"},"content":{"rendered":"<p><em>Unkorrigiertes Manuskript einer Rede, die ich im Januar 2006 mehrfach an verschiedenen Orten gehalten habe.<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Meine sehr geehrten Damen und Herrn, liebe Musikfreunde,<\/p>\n<p>willkommen im Mozart-Jahr! Oder haben Sie etwa schon die Nase voll davon? Sollte gerade mal drei Wochen nach dem Startschuss sich bei Ihnen bereits jene Malaise eingestellt haben, die S\u00e4ngerin Cecilia Bartoli f\u00fcr die letzte Phase des Jubeljahres prognostiziert hat? \u201eNach den vielen Mozartkugeln und den Mozartschinken und dem Mozartbier und was es noch alles gibt, wird es unserer kollektiven Mozart-Leber Ende des Jahres sehr schlecht gehen.\u201c Das gab Frau Bartoli bei einem Interview mit dem \u201eTagesspiegel\u201c zu Protokoll. Da schwingt Sorge mit, man k\u00f6nnte es auch \u00fcbertreiben mit der Mozart-Verehrung, vor allem mit der Mozart-Vermarktung.<\/p>\n<p>Cecilia Bartoli steht mit ihren Bef\u00fcrchtungen nicht allein. Der ehemalige Kulturstaatsminister und heutige Mitherausgeber der Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c, Michael Naumann, formulierte unl\u00e4ngst noch drastischer moch ernstere Bedenken: \u201eSollten die Radioh\u00f6rer des Landes das Mozart-Jahr 2006 wider Erwarten unbeschadet \u00fcberstehen, so wird man das f\u00fcr Mozarts Werk keinesfalls sagen k\u00f6nnen. Im Gegenteil. All jenen Menschen, denen seine Kompositionen unbekannt waren (und nat\u00fcrlich gibt es die), werden sie im Dezember 2006 noch unbekannter sein. Und alle anderen, die sie sch\u00e4tzten, werden sich fragen, ob es nicht doch eine Art \u00f6ffentlich-rechtlichen Terrorismus gibt, dessen Ziel akustischer Massenmord oder zumindest kultureller Suizid ist. Denn eines steht fest: Die so genannten Kultursender werden uns nur die schnellen S\u00e4tze bringen, die flotten Arien, die bekannten Ohrw\u00fcrmer, die sich nach einem Jahr Dauerberieselung in Ohrkakerlaken verwandelt haben werden.\u201c<\/p>\n<p>Noch eine dritte, heftig kritische Stimme will ich anf\u00fchren. Der Dirigent und Komponist Michael Gielen erkl\u00e4rte: \u201eDieses Mozart-Jahr ist eine Pest, der Arme wird vermarktet und erdr\u00fcckt. Man sollte seine Musik weniger spielen, damit man sie wieder bewusst h\u00f6ren kann.\u201c Der Satz ist nicht ganz neu, Gielen wetterte derart schon 1991, im Mozart-Jahr anl\u00e4sslich des 200. Todestages des Komponisten.<\/p>\n<p>Drei mal harte Worte, und sie stehen f\u00fcr viele \u00e4hnliche Anmerkungen, die seit Jahresbeginn die Feuilletons bev\u00f6lkern \u2013 freilich neben einer gewaltigen Menge an teils hochinteressanten Artikeln \u00fcber den Menschen und K\u00fcnstler Mozart, \u00fcber wohl bekannte, vor allem aber auch weniger bekannte Aspekte seines Werkes, \u00fcber dessen Rezeptions- und Interpretationsgeschichte. Zur Menge der Zeitungspublikationen gesellt sich eine ganze Reihe neuer B\u00fccher \u00fcber den Jubilar. Ich bin mit der Lekt\u00fcre noch nicht so weit gekommen, als dass sich \u00f6ffentliche Empfehlungen schon guten Gewissens vertreten lie\u00dfen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Mozart-CDs, die schon seit dem Sp\u00e4therbst 2005 in schier unfassbarer F\u00fclle auf den Markt fluten.<\/p>\n<p>Darin gleicht das Mozart-Jahr im Prinzip dem zur\u00fcckliegenden Schiller-Jahr, darin gleichen sich die gro\u00dfen Jubeljahre eigentlich allesamt: Dem Bed\u00fcrfnis nach W\u00fcrdigung des Jubilars und wom\u00f6glich dem Interesse f\u00fcr neue, erhellende Ann\u00e4herungen an ihn und sein Schaffen, steht eine durchaus berechtigte Angst gegen\u00fcber: Die Angst davor, dass ein \u00dcberangebot an Leben und Werk des Jubilars ebenso kontraproduktiv wirken k\u00f6nnte, wie seine Verwurstung zu Nippes und wohlfeilem Reliquienhandel absto\u00dfend ist. Die Angst davor, dass das Publikum \u00fcberf\u00fcttert wird und das Interesse an den eigentlichen Werten der Kunst Schillers oder jetzt eben Mozarts abstumpft.<\/p>\n<p>Kunst und K\u00fcnstlern, Gedanken und Denkern wird mit der Erhebung zur G\u00f6ttlichkeit sowie der meist gleichzeitig eintretenden Verwandlung zum goldenen Kalb der denkbar schlechteste Dienst erwiesen. Dem Publikum \u00fcbrigens auch, denn es droht partiell vor lauter Anbeterei blind, taub und denkfaul zu werden.<\/p>\n<p>Wobei im Jahr 2006 Mozart bei weitem nicht der einzige Gro\u00dfjubilar ist. Gem\u00e4\u00df der Chronistenpflicht und auch der Gerechtigkeit halber seien die wichtigsten anderen Jahrestage zumindest kurz genannt:<br \/>\nRembrands 400. Geburtstag am 15. Juli, Heinrich Heines 150. Todestag am 17. Februar, der ebenfalls 150. Todestag von Robert Schumann am 29. Juli. Dann der 150. Geburtstag von Sigmund Freud am 6. Mai. Ferner begehen wir am 25. Dezember den 100. Geburtstag von Dimitri Schostakowitsch und am 13. April den 100. von Samuel Beckett. Dazu kommen der 100. Todestag von Henrik Ibsen am 23. Mai und der 50. Todestag von Bertolt Brecht am 14. August.<\/p>\n<p>Der eine oder andere unter ihnen, verehrte Zuh\u00f6rer, wird sich vielleicht fragen: Was will der Kerl da vorne eigentlich, will er uns das Mozart-Jahr madig machen, gar den Mozart selbst? Mitnichten, liebe Zuh\u00f6rer. Das Gegenteil ist der Fall. Zweck der kritischen T\u00f6ne ist es, die Aufmerksamkeit f\u00fcr Mozart, insbesondere f\u00fcr sein Werk zu sch\u00e4rfen. Wappnen Sie Ihr Hirn und Ihre Sinne gegen die \u00dcberf\u00fctterung mit Worten, Bildern, T\u00f6nen; behaupten Sie ihre Genussf\u00e4higkeit gegen die \u00dcberflutung mit Mozart-Hits. Gehen Sie in dieses Mozart-Jahr nicht wie in einen Gottesdienst oder Festkommers. Versuchen Sie stattdessen einmal, so zu tun, als sei ihnen dieser Wolfgang Amadeo Mozart ein v\u00f6llig Unbekannter und seine Musik ihnen noch nie begegnet.<\/p>\n<p>Das ist nicht ganz einfach, zugegeben, denn wir sind halt alle Gewohnheitstiere, h\u00e4ngen am Altbekannten, und nehmen es deshalb auch immer und immer wieder in altbekannter Weise wahr. Andererseits ist es aber auch wieder einfacher als man denken mag. Warum? Weil die Musikwelt voll ist von ganz verschiedenen Mozart-Bildern, ganz verschiedenen Mozart-Interpretationen \u2013 und weil deshalb keiner von uns sicher sein kann, dass ausgerechnet der der wahre Mozart ist oder war, den man im eigenen kleinen Kopf hat.<\/p>\n<p>Ein Beispiel, wie ein einziges Ereignis das Bild vom Menschen Mozart in der \u00d6ffentlichkeit v\u00f6llig umgekrempelt hat. Die meisten von Ihnen sind alt genug, um sich an den Schock und die Entr\u00fcstung zu erinnern, die 1984 der Spielfilm \u201eAmadeus\u201c von Milos Forman verursachte. Schon vorher waren sich ernsthafte Musikhistoriker durchaus dar\u00fcber im klaren, dass dieser Wolfgang Amad\u00e9 weder ein gottgef\u00e4lliges Tugendl\u00e4mmchen noch ein in sich gekehrter stiller Tonsetzer gewesen ist. Das kollektive Bewusstsein der Mozart-Gemeinde hatte sich bis 1984 allerdings mit ziemlichem Erfolg geweigert, die menschen-m\u00f6glichen Kehrseiten des Genialischen, das Unbotm\u00e4\u00dfige, das gegen die Normen Versto\u00dfende zu thematisieren.<\/p>\n<p>Wie bei Schiller auch, aber wesentlich nachhaltiger, wurden im Falle Mozart alle nicht ins Bild des b\u00fcrgerlichen Musikbetriebes passenden Faktoren \u00fcber Jahrzehnte marginalisiert oder einfach ausgeblendet. Wie das funktioniert hat, ist mir angesichts der \u00fcberw\u00e4ltigenden F\u00fclle von Briefdokumenten und anderen Zeitzeugenschaften \u00fcber Mozarts Gebaren bis heute ein R\u00e4tsel.<br \/>\nDann kommt Formans Film, und der g\u00f6ttliche Genius tritt der Gemeinde pl\u00f6tzlich als vulg\u00e4re, hemmungslose, trink- und spiels\u00fcchtige, schrille, kindsk\u00f6pfige, zotige, eifrig die Bordelle frequentierende Monstrosit\u00e4t gegen\u00fcber. Was gab das ein Gezeter und Emp\u00f6ren damals! Nat\u00fcrlich, Forman hatte mit der k\u00fcnstlerischen Freiheit des Spielfilmmachers \u00fcbertrieben, \u00fcberzeichnet, hatte zu den unz\u00e4hligen Ger\u00fcchten, M\u00e4rchen und Fehldeutungen, die \u00fcber Mozart seit eh und je im Umlauf sind, noch einige hinzugef\u00fcgt. Und dennoch f\u00fchrte er uns n\u00e4her an den Menschen Mozart, seine Lebensart, vielleicht seine Lebenstrag\u00f6die heran, als es jede Biografie bis dahin getan hatte.<\/p>\n<p>Heute, gut 20 Jahre Mozart-Forschung und Mozart-Rezeption sp\u00e4ter, m\u00fcssen wir feststellen: Nie zuvor wussten wir so viel \u00fcber Wolfgang Amad\u00e9s Leben und Werk, nie zuvor gab es aber auch eine derartige Vielfalt an Deutungen davon. Der Musikredakteur Claus Spahn skizzierte unl\u00e4ngst ein eindr\u00fcckliches \u201eSpiegelkabinett der Mozart-Imaginationen\u201c: \u201eMozart ist ein Einfach-Schwieriger. Ist ein Kind-Gott-Engel-Mensch. Ist ein Witz-Ernst-Nacht-Sonnen-K\u00fcnstler. Ist ein Bewahrer-Vollender-Erneuerer. Ist ein Salzburger-Wiener-Deutscher-Europ\u00e4er.\u201c<\/p>\n<p>Will sagen: Welchem Mozart-Bild auch immer Sie zuneigen \u2013 seien Sie der Gefahr eingedenk, dass es falsch sein kann, dass es auf jeden Fall aber unvollst\u00e4ndig ist. Und damit er\u00f6ffnet sich ein denkbar weites Feld, neugierig durch dieses Mozart-Jahr zu gehen. Dabei vielleicht einen neuen oder einen anderen Mozart zu entdecken, vielleicht auch das Staunen fr\u00fcherer Erstbegegnungen mit seiner Musik wiederzuentdecken.<\/p>\n<p>Ein Staunen, wie es der soeben gek\u00fcrte Tr\u00e4ger des Koblenzer Literaturpreises 2006, der Schriftsteller Josef Ortheil so anr\u00fchrend beschreibt:<br \/>\n\u201eMozarts Musik ist die erste, an die ich mich erinnere, schon mit f\u00fcnf Jahren habe ich sie geh\u00f6rt. Damals, im Jahr 1956, sa\u00df ich im Schneidersitz auf dem Boden unseres Wohnzimmers und starrte auf die schwarze Scheibe, die sich langsam auf einem alten Dual-Plattenteller drehte. Was ich h\u00f6rte, war eine Sonate f\u00fcr Klavier und Violine, die Mozart als kaum Siebenj\u00e4hriger komponiert hatte.<br \/>\nStumm und regungslos sa\u00df ich da, ich lauschte und h\u00f6rte auf jede Nuance, und ich sp\u00fcrte, wie sich mein ganzer K\u00f6rper erhitzte, als w\u00e4re er angeschlossen an seltsame W\u00e4rme- und Gl\u00fccks-Quellen. Als das St\u00fcck vorbei war, wollte ich es sofort ein zweites und drittes Mal h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Der Knabe wusste rein gar nichts \u00fcber die Person des Komponisten. Es war die Musik ganz alleine, mit der er zu tun hatte, auf die er sich in h\u00f6chster Konzentration einlie\u00df und von der er sich dann ergreifen lie\u00df. Ortheil blieb Mozart zeitlebens treu, er gilt heute als exzellenter Mozart-Kenner, hat mehrfach \u00fcber ihn geschrieben, im M\u00e4rz wird ein neues Mozart-Buch von Ortheil erscheinen. Das Erleben des F\u00fcnfj\u00e4hrigen spricht f\u00fcr eine Forderung, die der gro\u00dfe Pianist Alfred Brendel immer wieder mal erhoben hat: Man m\u00f6ge bittesch\u00f6n Leben und Werk von Komponisten streng trennen. Die wechselseitige Beeinflussung sei in der Regel doch geringer, als man annehme.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber lie\u00dfe sich streiten. Unstrittig ist freilich, dass wahre Kunstwerke ihren Einfluss geltend machen, ihre Wirkung auf uns aus\u00fcben, AUCH OHNE dass wir N\u00e4heres \u00fcber deren Sch\u00f6pfer w\u00fcssten. Der kleine Ortheil mag als Hinweis dienen, der gro\u00dfe William Shakespeare ist der schlagende Beweise daf\u00fcr. Denn \u00fcber den bedeutendsten Dramatiker der Theatergeschichte, den Verfasser von \u201eRomeo und Julia\u201c, King Lear\u201c, \u201eMacbeth\u201c oder \u201eKaufmann von Venedig\u201c, den Dichter einiger der sch\u00f6nsten Verse zwischen Himmel und Erde \u2013 \u00fcber diesen Giganten der Kulturgeschichte wissen wir nichts, rein gar nichts. Wir wissen bis heute noch nicht einmal, wer er war oder ob ein Mann dieses Namens \u00fcberhaupt existierte.<\/p>\n<p>Sohn eines Handschuhmachers aus Stratford \u2013 pah, dies und fast alles weitere, was sich \u00fcber die Person Shakespeare im volkst\u00fcmlichen Umlauf befindet ist blo\u00df Hypothese, Spekulation, Annahme, Deutung. Mag sein, wir sind alle nur Mitspieler einer Kom\u00f6die, die seit viereinhalb Jahrhunderten auf der Weltb\u00fchne gegeben wird, verfasst von einem Herrn, wom\u00f6glich einer Dame, vielleicht sogar von einem Paar oder einer kleinen Gruppe, um mit einer Fantasiegestalt namens William Shakespeare die Menschheit an der Nase herumzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Aber behindert oder beschneidet dieses Nichtkennen des Autors in irgendeiner Weise die Wirkung von Shakespeare-St\u00fccken auf unser Herz und unseren Geist? Nein. Eher ist das Gegenteil der Fall. Der Autor schweigt sich aus \u00fcber sein Werk. Keine Hilfestellungen, keine biografischen Kr\u00fccken f\u00fcr Theatermacher oder Publikum \u2013 Shakespeare-Aneigung geht in erster Linie \u00fcber die Auseinandersetzung mit den Werken selbst. Anders die Mozart-Aneignung, bei der nicht selten sich das Biografische anekdotenselig, ja schier voyeristisch vor das musikalische Werk dr\u00e4ngelt.<\/p>\n<p>Woran \u00fcbrigens Mozart selbst nicht unschuldig ist. Seine eigene opulente Korrespondenz zeigt deutlich, dass der Bursche seine Briefe als wirkungsvolle Auftritte inszenierte. Wo er Pathos und Verzweiflung, Untergebenheit oder Aufbegehren, Liebesschw\u00fcre oder Frivolit\u00e4t ausdr\u00fcckt, tut er das zumeist mit der Raffinesse eines versierten Regisseurs. W\u00f6lferl ist ein Theatermann, ein Meister der Effekte und Affekte.<\/p>\n<p>Das ist er im Leben, das ist er mehr noch in der Musik. Er hat die Musik seiner Zeit an sich gerissen, beherrschte ihre Formen und Inhalte traumwandlerisch sicher. Der erste Blick zeigt klassizistische Werke auf h\u00f6chstem Niveau. Der zweite Blick offenbart, dass dieser Mozart kaum einen Stein lassen konnte wo und wie er war. Verst\u00f6\u00dfe gegen ehrw\u00fcrdige Kompositionregeln, Umdeutungen, gewagte Erfindungen, respektlose Varianten, Originalit\u00e4ten und Neuerungen an allen Ecken und Kanten. Etwa zuvor nie erlebte Theatralik in der Instrumentalmusik, im Gegenzug f\u00fcr die damalige Zeit irritierende Konzertqualit\u00e4ten in der B\u00fchnenmusik.<\/p>\n<p>Wolfgang Amad\u00e9 Mozart war ein musikalischer Revolution\u00e4r, dessen Gef\u00e4hrlichkeit allerdings selten ganz offen zu Tage trat. Puristen m\u00e4ckelten allerdings noch viele Jahre nach seinem Tod, der Herr Kompositeur habe \u201eunrein\u201c gearbeitet und bisweilen wie wild geworden verschiedene Stile miteinander vermischt. Stimmt das? Jawohl, es stimmt \u2013 und, die k\u00fcnstlerische Gr\u00f6\u00dfe Mozarts resultiert gerade aus dieser Unbotm\u00e4\u00dfigkeit, dieser Lust am Versto\u00df gegen Form- und Normkonventionen. Sie kennen das schon, von Schiller, fast mehr noch von Einstein.<\/p>\n<p>Meine sehr verehrten Damen und Herrn,<br \/>\nerlauben Sie mir gegen Ende dieses Vortrages ein Gest\u00e4ndnis: Es w\u00e4re mir nie und nimmer eingefallen, am 1. und 2. Januar jene 24 Stunden Mozart-Programm zu konsumieren, mit denen der sonst sehr gesch\u00e4tzte Fernsehsender 3Sat das Mozart-Jahr er\u00f6ffnete. F\u00fcr derartige, pardon, Verr\u00fccktheiten braucht es richtige Mozart-Fans, eingefleischte Mozart-Verehrer. Zu denen aber, ich bitt um Vergebung, z\u00e4hle ich nicht \u2013 mag sein: noch nicht. Ja es stimmt, Wolfgang Amad\u00e9 ist ein gro\u00dfer, ein ganz gro\u00dfer unter den Komponisten klassischer Musik. Aber ich teile nicht jene Anschauung, nach der Mozart quasi als einsame Gottvater-Gestalt weit, weit \u00fcber den anderen Gr\u00f6\u00dfen der Komponistenzunft thront. Wenn \u00fcberhaupt, dann kommt eine solche Position allenfalls Johann Sebastian Bach zu. Obwohl ich eigentlich dazu neige, eine derart allgemeing\u00fcltige Herausgehobenen f\u00fcr einen einzelnen K\u00fcnstler abzulehnen.<\/p>\n<p>In einer besonderen Sparte allerdings kann man Mozart durchaus eine solit\u00e4re Stellung einr\u00e4umen: in der Unterhaltungsmusik. Was keineswegs despektierlich gemeint ist, denn niemand anderes hat je Esprit und Leichtigkeit, Witz und Koketterie, Vergn\u00fcgtheit und theatralen Herzschmerz auf genialere Weise in kunstvolle Musikform gegossen.<\/p>\n<p>Das zu h\u00f6ren ist in den meisten F\u00e4llen ein Genuss und ein Freude. Und doch vermisse ich pers\u00f6nlich bei Mozart oft etwas: ehrliche ernsthafte Tiefe. Seit ich das vor einigen Wochen in kleiner Runde einmal erw\u00e4hnte, liegen mir die Mozartkenner aus dem Freundeskreis mit Gegenreden in den Ohren. Man hat mir sogar eine Liste von Werken zusammengestellt, die mir Mozart von seiner beethovenschen Seite her offenbaren sollen. In dieser Liste gibt es \u2013 die Opetrnfreunde mag\u00b4s verdrie\u00dfen, nur zwei Vertreter des Musiktheaters: \u201eIdomeneo\u201c und \u201eThamos, K\u00f6nig von \u00c4gypten\u201c. Darin finden Werke wie die Violinsonate G-Dur KV 379, die Serenade c-Moll 388, das Streichquartett d-Moll 421, das Klavierkonzert c-Moll 491, die Prager Sinfonie und ein halbes Dutzend Konzertarien.<\/p>\n<p>Die Freunde sagen: Doch, es gibt ihn, den Mozart ehrlicher, ernsthafter Tiefe. Ich will es gerne glauben, auch wenn er mir bislang verschlossen war. Und ich will mich bem\u00fchen, ihn zu finden, jenen anderen Mozart, der mein bisheriges Mozart-Empfinden wom\u00f6glich nachhaltig erweitern k\u00f6nnte, vielleicht sogar mein bisheriges Mozart-Bild radikal in Frage stellen k\u00f6nnte. Mit dieser Aufgabe gedenke ich, das Mozart-Jahr nicht nur heil zu \u00fcberstehen, sondern es auch sinnvoll zu nutzen.<br \/>\nIn diesem Sinne w\u00fcnsche ich ein erf\u00fcllendes Mozart-Jahr.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unkorrigiertes Manuskript einer Rede, die ich im Januar 2006 mehrfach an verschiedenen Orten gehalten habe. *** Meine sehr geehrten Damen und Herrn, liebe Musikfreunde, willkommen im Mozart-Jahr! Oder haben Sie etwa schon die Nase voll davon? Sollte gerade mal drei Wochen nach dem Startschuss sich bei Ihnen bereits jene Malaise eingestellt haben, die S\u00e4ngerin Cecilia [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[301,298,295,297,310,293,313],"tags":[9],"archiv":[65,66],"archiv_inhaltlich":[277,273,262,272,266,270,269],"class_list":["post-5150","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","category-kultur","category-kunstsparten","category-menschen_initiativen","category-musik-konzerte","category-themen","category-vortraege","tag-freier-lesetext","archiv-65","archiv-2006-01","archiv_inhaltlich-geschichte","archiv_inhaltlich-kultur","archiv_inhaltlich-kunstsparten","archiv_inhaltlich-menschen-initiativen","archiv_inhaltlich-musik-konzerte","archiv_inhaltlich-themen","archiv_inhaltlich-vortraege"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5150","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5150"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5150\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5151,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5150\/revisions\/5151"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5150"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5150"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5150"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=5150"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=5150"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}