{"id":5146,"date":"2006-09-02T10:52:00","date_gmt":"2006-09-02T09:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5146"},"modified":"2024-10-11T10:58:28","modified_gmt":"2024-10-11T09:58:28","slug":"bildung-verlangt-das-streitbare-miteinander-der-wissenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/09\/02\/bildung-verlangt-das-streitbare-miteinander-der-wissenschaften\/","title":{"rendered":"Bildung verlangt das (streitbare) Miteinander der Wissenschaften"},"content":{"rendered":"<h6>Schlusspl\u00e4doyer in einem &#8222;Streit der Fakult\u00e4ten&#8220; anl\u00e4sslich einer Feier zur Zertifikats-Vergabe an den ersten Teilnehmerjahrgang der Marienberger Akademie anno 2006<\/h6>\n<p>***<\/p>\n<p><em>Dem nachfolgend abgedruckten Vortrag waren Einlassungen von Vertretern der Kunstgeschichte, der Theologie, der Philosophie und der Naturwissenschaften vorausgegangen. Ihnen war im Sinne eines Kantschen &#8222;Streits der Fakult\u00e4ten&#8220; die Aufgabe gestellt worden, (mit gebotenem Ernst, aber nicht ohne Humor) zu begr\u00fcnden, warum ihr jeweiliges Fach das wichtigste unter den Wissenschaften sei. Von mir wurde nachher eine Conclusio nebst Kr\u00f6nung oder anderweitigem Richtspruch erwartet.<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Meine sehr verehrten Damen und Herrn, hochgesch\u00e4tzte Fakult\u00e4tsvertreterin und Fakult\u00e4tsvertreter,<\/p>\n<p>wieder einmal f\u00e4llt der Zunft der Journalisten und Kritiker die undankbarste aller Aufgaben zu: Vertreten durch meine Person soll sie die Richterrolle \u00fcbernehmen im Streit der Fachleute dar\u00fcber, welches die wichtigste der Wissenschaften sei. Ein braver, ein gescheiter, ein hochgebildeter Mensch, so wird dann jener Akademiker \u00fcber mich sagen, dessen Fach ich den Lorbeer zuspreche. Bei den anderen dreien k\u00f6nnte das hingegen so klingen: Wie kann er sich erdreisten, kann er sich anma\u00dfen, solch ein Urteil \u00fcber uns zu f\u00e4llen, dieser Kerl, der mit seinem allenfalls gepflegten Halbwissen allweil Leute behelligt. Was k\u00f6nnte ich zu meiner Entlastung anf\u00fchren? Erstens: Man hat mich gebeten, ich habe mich nicht aufgedr\u00e4ngt. Und zweitens: Wollte das Publikum auf meine Dienste verzichten, es m\u00fcsste wohl verhungern. Denn: Ganz auf sich gestellt, m\u00f6chten die Vertreter der Akademien den Laufsteg nie mehr verlassen.<\/p>\n<p>Wohlan denn, wie steht nun die Sache?<\/p>\n<p>Die PhILOSOPHIE behauptet von sich, die Mutter aller Wissenschaften zu sein. Das tut sie durchaus mit gewisser Berechtigung. War sie es doch, die das Warum-Weshalb-Wieso in die Menschheitsentwicklung eingef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Holla, rufen sogleich die NATURWISSENSCHAFTEN dazwischen: Das waren wir, die den Neandertaler, oder wie wir neuerdings wissen, den Homo sapiens sapiens, zuerst mit dem Warum-Weshalb-Wieso zwickten und zwackten. Werkzeuge, Waffen, Kleidung, immer raffiniertere \u00dcberlebensstrategien, das sind doch jeweils Ergebnisse der Auseinandersetzung mit den Gesetzen der Natur. Somit sind\u00b4s, wie primitiv sie seinerzeit auch ausgesehen haben m\u00f6gen, naturwissenschaftliche Prozesse.<\/p>\n<p>Und schon stehen wir scheinbar vor einem Dilemma oder vor einem scheinbaren Dilemma: Philosophie UND Naturwissenschaft beanspruchen die Ersteinf\u00fchrung des Warum-Weshalb-Wieso in die Humangeschichte.<\/p>\n<p>Nichts da, mischt sich jetzt auch noch die THEOLOGIE ein. Und sie stellt \u2013 auch durchaus nicht unberechtigt \u2013 Transzendenzbewusstsein, also Religiosit\u00e4t, als entscheidende Wegmarke an jene Kreuzung, von der aus Tier und Mensch in verschiedene Richtungen gingen.<\/p>\n<p>Und die KUNST? Schweigt sie etwa stille? Begn\u00fcgt sie sich etwa mit sp\u00e4terem, aber vielleicht umso wirkungsvollerem Einzug in die Geschichte? Keine Spur. \u201eIch bin die wichtigste Fakult\u00e4t\u201c wirft die Kunstgeschichte spitz in die Runde, denn erst die Kunst besiegelt als bewusste Spiegelung des Lebens und damit auch den Augenblick \u00fcberdauerndes Kollektivged\u00e4chtnis die Scheidung des Menschen vom Tier. Ohnehin seien Musik, Tanz, Skulptur und Gem\u00e4lde \u00e4lter als die Sprache.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich unschwer erkennen, dass, was ihre historische Pr\u00e4senz angeht, im Grundsatz alle vier Recht haben. Ein Streit ums Erstgeburtsrecht ist in anthropologischer Hinsicht, mit Verlaub, schierer Unfug. Ein Streit um Huhn oder Ei respektive um des Kaisers Bart. W\u00fcrden die Fakult\u00e4ten jetzt noch anerkennen, dass die eine ohne die andere gar nicht sein kann, wir k\u00e4men der Wirklichkeit und damit passabler Welterkenntnis stracks einen guten Schritt n\u00e4her.<\/p>\n<p>Nicht nur, weil wir uns zurzeit noch im Brecht-Jahr befinden, m\u00f6chte ich ihnen und den Disputanten Bertolt Brecht ans Herz legen. Was unsere momentane Kalamit\u00e4t in dieser Runde angeht, insbesondere sein Theaterst\u00fcck \u201eDas Leben des Galilei\u201c. Ich will jetzt nicht den Inhalt referieren oder Sie, verehrte Zuh\u00f6rer, mit aller Gewalt ins Theater treiben (obwohl ein Theaterbesuch gelegentlich gewiss nicht die schlechteste Idee ist). Ich will nur darauf hinweisen, dass in diesem St\u00fcck auf frappierend einleuchtende Art die wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeiten, Durchdringungen, ja auch Befruchtungen von Naturwissenschaft, Philosophie, Religion und Kunst vor Augen gef\u00fchrt werden. Brechts St\u00fcck handelt vom naturwissenschaftlichen und geistigen und seelischen und sozialen Sterben des Mittelalters, das in seinem Sterben das nachfolgende Zeitalter gebiert. Unter Schmerzen, mit erheblichen Verwerfungen auf allen Ebenen.<\/p>\n<p>Ihr seht\u00b4s bei Kopernikus und Galilei, k\u00f6nnte unser naturwissenschaftlicher Freund nun einwerfen: Meiner Disziplin kommt bei der Revolutionierung der Welt eine Schl\u00fcsselfunktion zu. Ja nat\u00fcrlich, w\u00fcrde Brecht sagen. Und in seinem schnarrendem Ton hinzuf\u00fcgen: Aber dem Brotpreis nicht minder! Brotpreis? Wie kommt der Mann angesichts weltersch\u00fctternder Umbr\u00fcche auf so etwas profanes wie den Brotpreis? Darauf k\u00f6nnten die in Bad Marienberg vereint auftretenden Fakult\u00e4ten Kunstgeschichte und Soziologie, k\u00f6nnten auch helle Historiker diese Auskunft geben: Es war der in schwindelnde H\u00f6hen gestiegene Brotpreis, der den Girondisten, den Simonisten, den Jakobinern und wie die mehr oder minder gescheiten Fraktionen des revolution\u00e4ren Frankreich alle hie\u00dfen, im rechten Augenblick jene Waffe in die Hand gaben, mit der die Revolution \u00fcberhaupt nur zu machen war: das Volk.<\/p>\n<p>Die Ideen f\u00fcr eine andere Ordnung verb\u00fcnden sich mit dem Hunger und dem Elend der Massen zum politischen Umsturz. Ohne den Hunger bleiben die Ideen ein Salonvergn\u00fcgen, ohne die Ideen der Hunger nur Triebkraft f\u00fcr blinde Wutausbr\u00fcche.<\/p>\n<p>\u201eErst kommt das Fressen, dann die Moral\u201c hei\u00dft es ebenso zutreffend wie frustrierend in der \u201eDreigroschenoper\u201c. Und das kann nun weder den Naturwissenschaften, noch der Philosophie, noch der Theologie gefallen &#8211; weist es doch den Ideen, dem rationalen Einsichtsverm\u00f6gen, selbst der Kantschen Vernunft einen Platz nur neben, gar unter dem Animalischen im Menschen zu. Wenn Hunger, wirklicher, richtiger, existenzieller Hunger in den Eingeweiden tobt, meine Damen und Herrn, tritt sehr bald das Tier in uns die Herrschaft an. Vielleicht ist es im Streit der Fakult\u00e4ten hilfreich, wenn immer wieder mal daran erinnert wird, auf einer wie d\u00fcnnen Zivilisationskruste alle Fakult\u00e4ten sich gleicherma\u00dfen bewegen.<\/p>\n<p>Schenken wir einen Augenblick noch den Naturwissenschaften besondere Aufmerksamkeit. Ich finde es ausgesprochen interessant, dass sie hier und heute aus einer vermeintlichen Defensive heraus argumentieren, dass ihr Vertreter versucht zu beweisen, warum auch sie ein Bildungsgut sind. Dieser Umstand verr\u00e4t uns viel \u00fcber die Geisteshaltung im Umfeld der Marienberger Seminare: Eine Haltung, die die Geistes- und Kulturwissenschaften auf gleiche Stufe mit den Naturwissenschaften stellt, in launigen (und etwas kurzsichtigen) Momenten sogar dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Denn Herrschaften, Obacht! In der gro\u00dfen Welt um uns herum ist das ganz anders, ist es gerade umgekehrt! In Schulpolitik, Bildungspolitik, Forschungspolitik und nat\u00fcrlich in der Wirtschaft genie\u00dfen die Naturwissenschaften und ihr praktischer Zwilling, die Ingenieurwissenschaften, heute unangefochtenes Primat. Warum ist klar: Ihrer praktischen, will sagen \u00f6konomischen N\u00fctzlichkeit wegen. Philosophie, Theologie, Germanistik, Kunstgeschichte etc., die ganze Geisteswissenschaft, die einst das Zentrum des akademischen Lebens bildete \u2013 heute hockt sie am universit\u00e4ren Katzentisch und muss, um \u00fcberhaupt noch Futter zu kriegen, seine wohlfeile N\u00fctzlichkeit erstmal wieder und bald wohl tagt\u00e4glich neu unter Beweis stellen. Insofern sind die Marienberger Seminare auch eine renitente Einrichtung. Eine, die sich dem Zeitgeist an einer Stelle widersetzt, wo der Zeitgeist vor Dummheit stinkt: N\u00e4mlich dort, wo er Bildung und Wissenschaft ganz und gar dem Rentabilit\u00e4tsgesetz unterwerfen will.<\/p>\n<p>Die Marienberger Seminare und Akademien w\u00e4ren allerdings schlecht beraten, w\u00fcrden sie nun ihrerseits die Naturwissenschaften an den Katzentisch setzen. Denn was die entdecken und aust\u00fcfteln, k\u00f6nnte ggf. unseren Geist und unsere Seele erneut in einer Weise umkrempeln, wie es dereinst Kopernikus bei den Altvorderen tat. Zwei Beispiele nur, die zu ignorieren auch Philosophen, Theologen, K\u00fcnstler zu blo\u00dfen Ignoranten machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Erstens: die Gen-Forschung, die Entschl\u00fcsselung des menschlichen Genoms ff<\/p>\n<p>Zweitens: die Hirnforschung, die uns fast t\u00e4glich neue Erkenntnisse dar\u00fcber serviert, wie wir wurden, wie wir ticken, was wir sind oder sein k\u00f6nnten, und welchen Einfluss jeder f\u00fcr sich darauf hat oder eher nicht.<\/p>\n<p>Aber, liebe Freunde der Naturwissenschaft, auch ihr werdet inzwischen zugeben m\u00fcssen, dass das wirkliche Leben noch um einiges komplexer ist, als die entschl\u00fcsselten Genkodes oder die Hirnw\u00e4rmebilder vermuten lassen. In beiden F\u00e4llen hat die \u00d6ffnung einer neuen Erkenntnis-T\u00fcr blo\u00df den Weg frei gemacht hinein in das Labyrinth menschlich-weltlicher Ganzheit mit Myriaden noch v\u00f6llig unerforschter Wechselwirkungen. Wenig nur ist gewiss, und ob mit dem Fortschritt der Forschung die Gewissheit w\u00e4chst, ist ungewiss. Unser Universum besteht, habe ich jetzt erfahren, nicht l\u00e4nger aus dunklem Leerraum mit lichten Sterneninseln dazwischen. Weil die Astrophysiker vergangene Woche ihre j\u00fcngsten Berechnungen ver\u00f6ffentlichten, besteht das Universum nunmehr zum gr\u00f6\u00dften Teil aus unsichtbarer oder schwarzer Materie. Die sichtbare, ja selbst die bislang nur messbare Welt, unsere Welt also &#8211; von diesem Sonnensystem bis zum entfernsten Galaxienhaufen -, das Gewicht dieser lichten Welt verh\u00e4lt sich zur unsichtbaren Materie wie die Menge des Bodenseewassers zur Menge s\u00e4mtlichen Wassers auf der Erde.<\/p>\n<p>Lieber Gott hilf, dass ich nicht ersaufe in der eigenen Bedeutungslosigkeit!<\/p>\n<p>Unendliche Himmel \u00fcber mir, und unendliche Welten in mir: Diese Dimensionen verschlugen selbst dem Giganten zu K\u00f6nigsberg, unserem Freunde Immanuel Kant, manchen Augenblick lang den Atem. Wollt Ihr, hochverehrte Fakult\u00e4tsvertreter dann solche Herausforderungen je als Einzelne schultern? Das Leben ist nicht nur Naturgesetz, ist nicht nur begreifbar aus Philosophie, nicht nur aushaltbar mit Religion und nicht nur durch Kunst genie\u00dfbar. Das Leben ist gr\u00f6\u00dfer, schwieriger, komplexer, frustrierender und aufregender als jede Einzelwissenschaft zu erhellen, darzustellen oder sp\u00fcrbar zu machen vermag.<\/p>\n<p>Und: Sobald Wissenschaft sich nicht nur mit sich selbst, sondern mit dem Leben befasst, werden die Grenzen zwischen den Fakult\u00e4ten fast von alleine durchl\u00e4ssig. Womit wir, quasi nebenbei, ergr\u00fcndet haben, warum die Fakult\u00e4tsgrenzen bei den Marienberger Seminaren nie besonders stabil waren und sind: Weil man hier die Wissenschaft stets nach Ihrer Bedeutung f\u00fcrs Leben befragt \u2013 was viel, viel mehr meint als bl\u00f6des Insistieren auf wirtschaftlichen Nutzen.<\/p>\n<p>&#8222;Habe nun, ach! Philosophie,<br \/>\nJuristerei und Medizin,<br \/>\nUnd leider auch Theologie<br \/>\nDurchaus studiert, mit hei\u00dfem Bem\u00fchn.<br \/>\nDa steh ich nun, ich armer Tor!<br \/>\nUnd bin so klug als wie zuvor;<br \/>\nHei\u00dfe Magister, hei\u00dfe Doktor gar<br \/>\nUnd ziehe schon an die zehen Jahr<br \/>\nHerauf, herab und quer und krumm<br \/>\nMeine Sch\u00fcler an der Nase herum-<br \/>\nUnd sehe, da\u00df wir nichts wissen k\u00f6nnen!<br \/>\nDas will mir schier das Herz verbrennen.<br \/>\nZwar bin ich gescheiter als all die Laffen,<br \/>\nDoktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;<br \/>\nMich plagen keine Skrupel noch Zweifel,<br \/>\nF\u00fcrchte mich weder vor H\u00f6lle noch Teufel-<br \/>\nDaf\u00fcr ist mir auch alle Freud entrissen,<br \/>\nBilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,<br \/>\nBilde mir nicht ein, ich k\u00f6nnte was lehren,<br \/>\nDie Menschen zu bessern und zu bekehren.<br \/>\nAuch hab ich weder Gut noch Geld,<br \/>\nNoch Ehr und Herrlichkeit der Welt;<br \/>\nEs m\u00f6chte kein Hund so l\u00e4nger leben!<br \/>\nDrum hab ich mich der Magie ergeben,<br \/>\nOb mir durch Geistes Kraft und Mund<br \/>\nNicht manch Geheimnis w\u00fcrde kund;<br \/>\nDa\u00df ich nicht mehr mit saurem Schwei\u00df<br \/>\nZu sagen brauche, was ich nicht wei\u00df;<br \/>\nDa\u00df ich erkenne, was die Welt<br \/>\nIm Innersten zusammenh\u00e4lt, \u2026.&#8220;<\/p>\n<p>Sie kennen, was ich eben zitierte, meine verehrten Damen und Herrn: Anfang erster Teil von Goethes \u201eFaust\u201c, es ist Nacht, einsam in seinem Studierzimmer hadert der Doktor Faust mit den Wissenschaften. Und zwar schlechterdings mit allen, die es zu seiner Zeit gab. Die hat er, im Gegensatz zu unseren heutigen Fakult\u00e4tsvertretern, allesamt h\u00f6chstselbst studiert. Der Herr Faust ist, was man einen Universalgelehrten nennt \u2013 f\u00fcr uns also Museumsexemplar einer l\u00e4ngst ausgestorbenen Akademiker-Spezies.<\/p>\n<p>N\u00fctzt dem alten Zausel seine universelle Gelehrtheit etwas? Jawohl, indem er n\u00e4mlich mit der gr\u00f6\u00dften Gewissheit feststellen kann und muss: Ich bin so klug als wie zuvor, was meint: Ich bin, obwohl ich mehr studiert habe als jeder von Euch, dumm geblieben und wei\u00df noch immer nicht, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Faust kennt die Fakult\u00e4ten alle, er wei\u00df um ihre jeweilige Begrenztheit. Verlangten wir von ihm, er solle eine Prima inter Pares, eine Erste Wissenschaft unter den Wissenschaften kr\u00f6nen, der Mann w\u00fcrde sich kategorisch verweigern. Das v\u00f6llig zurecht, weshalb ich mich dem Doktor Faust in diesem Punkte gerne anschlie\u00dfe.<\/p>\n<p>Was uns nun allerdings bek\u00fcmmern k\u00f6nnte, ist, dass Faust schlie\u00dflich an seinem Dasein vollends verzweifelt. Und dass der Grund f\u00fcr dieses Verzweifeln die Erkenntnis ist: Auch alle Wissenschaften zusammen k\u00f6nnen die Grenzen des Wissens zwar weiter hinaus schieben, aber nie und nimmer allumfassende Erkenntnis liefern. So beh\u00e4lt selbst im g\u00fcnstigen Fall, als welchen ich den interdisplin\u00e4ren Diskurs bei den Marienberger Seminaren bezeichnen m\u00f6chte, auf den sich nat\u00fcrlich auch unsere scheinbaren Kontrahenten verpflichtet f\u00fchlen \u2013 so beh\u00e4lt also selbst in diesem g\u00fcnstigen Fall auf absehbares Menschengedenken der Satz seine G\u00fcltigkeit: Ich wei\u00df, dass ich nichts wei\u00df.<\/p>\n<p>Und so sehen wir auch heute wieder betroffen: den Vorhang zu und alle Fragen offen.<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlusspl\u00e4doyer in einem &#8222;Streit der Fakult\u00e4ten&#8220; anl\u00e4sslich einer Feier zur Zertifikats-Vergabe an den ersten Teilnehmerjahrgang der Marienberger Akademie anno 2006 *** Dem nachfolgend abgedruckten Vortrag waren Einlassungen von Vertretern der Kunstgeschichte, der Theologie, der Philosophie und der Naturwissenschaften vorausgegangen. Ihnen war im Sinne eines Kantschen &#8222;Streits der Fakult\u00e4ten&#8220; die Aufgabe gestellt worden, (mit gebotenem Ernst, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[296,295,293,313,300],"tags":[9],"archiv":[65,208],"archiv_inhaltlich":[271,262,270,269,276],"class_list":["post-5146","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesellschaft_zeitgeist","category-kunstsparten","category-themen","category-vortraege","category-wissenschaft_bildung","tag-freier-lesetext","archiv-65","archiv-2006-09","archiv_inhaltlich-gesellschaft-zeitgeist","archiv_inhaltlich-kunstsparten","archiv_inhaltlich-themen","archiv_inhaltlich-vortraege","archiv_inhaltlich-wissenschaft-bildung"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5146"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5147,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5146\/revisions\/5147"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5146"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=5146"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=5146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}