{"id":5143,"date":"2007-03-04T10:40:00","date_gmt":"2007-03-04T09:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5143"},"modified":"2024-10-11T10:48:24","modified_gmt":"2024-10-11T09:48:24","slug":"zur-kritik-der-gegenemanzipation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2007\/03\/04\/zur-kritik-der-gegenemanzipation\/","title":{"rendered":"Zur Kritik der Gegenemanzipation"},"content":{"rendered":"<h6>Anmerkungen zur Diskussion um demographischen Wandel, Familien- und Ehekrise nebst der von Eva Herman, Bischof Mixa und Co. forcierten Kampagne f\u00fcr die R\u00fcckkehr zur traditionellen Frauenrolle.<\/h6>\n<h6>***<\/h6>\n<p><em>(Unkorrigiertes Vortragsmanuskript, teils ausformuliert, teils nur in Stichworten. Das Referat wurde 3. M\u00e4rz 2007 bei Marienberger Seminaren gehalten.)<\/em><\/p>\n<p>Meine sehr geehrten Damen und Herrn,<\/p>\n<p>ich habe ein riesiges Stoffpaket mitgebracht. Musste aber dennoch schon bei der Vorbereitung unz\u00e4hlige wichtige Aspekte auslassen. Unser Thema behandelt nun mal eine der wesentlichen, vielleicht die wesentlichste Frage der Zivilisationsgeschichte: Wie halten wir es mit der Reproduktion des Menschengeschlechts, welche Rolle soll die H\u00e4lfte der Menschheit spielen: die Frauen.<\/p>\n<p>Sie werden in den kommenden drei Stunden wahrscheinlich mit einer Menge recht ungewohnter Blickwinkel, Thesen, Argumente konfrontiert. Und ich bin davon \u00fcberzeugt, dass von Satz zu Satz, von Kapitel zu Kapitel das Bed\u00fcrfnis nach Widerspruch und Diskussion wachsen wird. Trotzdem m\u00f6chte ich darum bitten, dass Sie nicht nach jedem Satz, der Sie vielleicht auf die Palme bringt, um Aussprache ersuchen. Vieles wird sich im Verlauf meines Vortrages kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Frau Abigt und ich hatten einen guten Riecher, als wir vor Monaten dieses Seminar auf den Plan setzten. Wie gut er war, wurde erst in den letzten beiden Wochen deutlich:<br \/>\nPl\u00f6tzlich findet sich unser Seminar inmitten eines wilden Schlachtenget\u00fcmmels wieder, eines Kulturkampfes in dem es angeblich um Rettung oder Vernichtung der Institution Familie geht.<\/p>\n<p>AKTUELLE FRONTSTELLUNG<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br \/>\nHier:<br \/>\nUrsula von der Leyen = Aufstockung der Kitapl\u00e4tze um 500 000 und Idee von einem Vorschulpflichtjahr. Unterst\u00fctzung durch Merkel, Teile der CDU und aller anderen Parteien nebst ev.Kirche, kath. Laien, Gewerkschaften etc.<\/p>\n<p>Interessant: Kita-Ausbau resp. St\u00e4rkere \u00f6ffentliche Kinderbetreuung war eine Forderung der Bischofskonferenz.<\/p>\n<p>Dort:<br \/>\nAugsburger Bischof Mixa = Zerst\u00f6rung der Familie durch Primat der berufst\u00e4tigen Frau; Reduzierung der Frau auf Geb\u00e4rmaschine.<\/p>\n<p>Brandenburgs Innenminister Sch\u00f6nbohm = antiquiertes M\u00e4nnerbild.<\/p>\n<p>Beide: Leyen wolle der Bev\u00f6lkerung ein bestimmtes Familienbild vorschreiben.<\/p>\n<p>An Leyens Vorstellung ist nichts wirklich neu. Ihre Forderungen sind alt: siehe Bischofskonferenz, Gewerkschaften, CDU + Unzahl von Artikeln f\u00fcr Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den letzten Jahren durch bessere Kinderbetreuung.<\/p>\n<p>Diskussionen gab es in den letzten Monaten und jahren reichlich. Den konservativen Part hatten etwa Schirrmacher und Eva Herman inne, von denen noch die Rede sein wird. Aber eine Aufregung wie jetzt, Stichwwort: Kulturkampf, war da nicht.<\/p>\n<p>Woher kommt nun diese Aufregung, deren Inhalte ich erstmal noch gar nicht bewerten will?<\/p>\n<p>Weil Traditionalisten wie Mixa und Sch\u00f6nbohm erleben m\u00fcssen, dass der familienpolitische\/gesellschaftsideologische Paradigmenwechsel, wie sie das sehen, von v\u00f6llig unerwarteter Seite kommt:<br \/>\nAus der CDU<br \/>\nVorgetragen von einer siebenfachen Mutter,<br \/>\nDie man vorher f\u00fcr ein liebes M\u00e4dchen gehalten hatte,<br \/>\nMit konservativen Familiengrundwerten,<br \/>\nT\u00f6chterchen des erzkonservativen Ex MP Niedersachsens Ernst Albrecht.<\/p>\n<p>Von der Leyen ist auf den ersten Blick das genaue Gegenteil einer modernistischen Emanze. Sie genie\u00dft \u201eEhe- und Muttergl\u00fcck\u201c und sollte deshalb gerade Verfechterin der in den letzten 80 Jahren normativen Familienideologie sein. So m\u00f6gen es Mixa und Co beim Regierungsantritt empfunden haben. Nun tritt pl\u00f6tzlich das Gegenteil ein.<\/p>\n<p>Verr\u00fcckt an dieser Sache ist, dass die Konservativen genau genommen einen Kampf gegen Windm\u00fchlen f\u00fchren. Denn niemand hat je die Abschaffung der herk\u00f6mmlichen Familie gefordert, selbst von deren Diskreditierung im \u00f6ffentlichen Diskurs kann nicht wirklich die Rede sein. Die alte Kernfamilie aus berufst\u00e4tigem Mann, Hausfrau und Kindern hat sich seit den 1960ern einfach stillschweigend von der vorherrschenden Regelerscheinung zu einer Lebensform unter anderen entwickelt.<\/p>\n<p>Von der Leyens Ansinnen zielt lediglich auf eine Politik ab, die dem besser gerecht werden soll, was heute in mehr als 60 Prozent aller Familien Realit\u00e4t ist: Dass auch die Frau arbeiten geht \u2013 lassen wir einmal dahingestellt ob sie muss oder ob sie will oder beides.<\/p>\n<p>Auf diese Realit\u00e4t war bundesdeutsche Familienpolitik bislang eben gerade nicht eingerichtet. Mutterschutz, Familiengeld, Kindergartenrealit\u00e4t, betriebliche Realit\u00e4t \u2013 \u00fcberall Sachverhalte, die davon ausgehen oder darauf abzielen, dass M\u00fctter \u00fcber l\u00e4ngere Zeit daheim bei ihren Kindern bleiben.<\/p>\n<p>Die das nicht konnten oder wollten, mussten zusehen, wie sie zurecht kommen. F\u00fcr sie gab\/gibt es keine F\u00f6rderpolitik, keine Betreuungsstruktur, keine Hilfe. Deshalb stehen berufst\u00e4tige M\u00fctter bis heute lebenspraktisch vor teils fast unl\u00f6sbaren Problemen und enormen Mehrfachbelastungen. Iris Radisch , Literaturredakteurin bei der \u201eZeit\u201c und selbst sp\u00e4te Mutter von drei Kindern, bilanziert diesen schwierigen Zustand mit dem Satz: \u201eDie angepriesene Vereinbarkeit von Beruf und Kindern ist eine Schim\u00e4re. Da gibt es nichts zu vereinbaren. Da gibt es nur etwas zu addieren.\u201c<\/p>\n<p>In Wahrheit also diskriminiert die bisherige Familien- und Gesellschaftspolitik das Lebensmodell einer Familie bestehend aus zwei berufst\u00e4tigen Elternteilen zugunsten des alten Familienbildes: m\u00e4nnlicher Versorger, Hausfrau\/Mutter, Kinder.<\/p>\n<p>Leyens Vorsto\u00df zielt genau genommen auf die Anerkennung beider Lebensmodelle als gleichberechtigte. Jeder m\u00f6ge sich die Lebensform heraussuchen, die am besten zu ihm passt. Von einer Bevorzugung der berufst\u00e4tigen Mutter, gar einem Diktat, in Zukunft so leben zu m\u00fcssen, kann \u00fcberhaupt keine Rede!<\/p>\n<p>Freilich: Das Dogma von der herk\u00f6mmlichen Mutti-kocht-Vati-arbeitet-Familie als EINZIG wahrer, ethisch wertvoller, moralisch richtiger und gesegneter Form des Zusammenlebens verliert damit seine Alleinstellung, seine Quasi-Position als Staatsdoktrin. Wodurch auch offiziell nachvollzogen w\u00fcrde, was drau\u00dfen in der Welt l\u00e4ngst Wirklichkeit ist.<\/p>\n<p>\u201eZur Kritik der Gegenemanzipation\u201c hei\u00dft unser Thema. Ich aber spreche nun schon eine Weile \u00fcber Familienpolitik. Das hat seine Richtigkeit. Denn die gegenemanzipatorischen Bem\u00fchungen der j\u00fcngsten Gegenwart beziehen sich allesamt auf die Bedeutung der Frau f\u00fcr die Gesellschaft als Frau in der Familie.<\/p>\n<p>Das war \u00fcbrigens immer so: Alle Einw\u00e4nde gegen Frauenemanzipation begannen und beginnen damit, dass sie Frau nicht als eigenst\u00e4ndiges Individuum definieren, sondern stets nur als Familienwesen.<\/p>\n<p>In den zur\u00fcckliegenden 6, 7 Jahren DREI GEGENEMANZIPATORISCHE WELLEN:<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Welle I: Die Deutschen sterben aus, die Katastrophe des demographischen Wandels, der kommende Kollaps der Sozialsystemst. Ursache: Unsere Frauen geb\u00e4ren zu wenig.<\/p>\n<p>Welle II: Aufbauend auf I die scheinbar gediegen intellektuelle Auseinandersetzung in den B\u00fcchern von Frank Schirrmacher und Eva Herman. Ziel: Frauen sollen wieder mehr geb\u00e4ren.<br \/>\n.<br \/>\nWelle III, ist das, was wir eben erleben: Mixa, Sch\u00f6nbohm und Co propagieren offen das Primat, die unbedingte Vorherrschaft der herk\u00f6mmlichen Familie; sie zeihen jeden anderen Weg als Zerst\u00f6rung der Familie. Ziel: Frauen sollen mehr geb\u00e4ren, den Beruf sein lassen und sich der Kindesaufzucht widmen.<\/p>\n<p>EXKURS: KLEINE GESCHICHTE DER FRAUENBEWEGUNG<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Bevor wir auf die drei Wellen etwas genauer eingehen, eine kurze Erinnerung an das, was davor war, n\u00e4mlich die Tendenz zur Emanzipation, die Geschichte der Frauenemanzipation.<\/p>\n<p>Ans\u00e4tze gab es immer, schon in der Antike.<br \/>\nSogar im christlichen Mittelalter, etwa die Beginen-Bewegung im 11.\/12. Jahrhundert: Witwen und Alleinstehende Frauen taten sich zu weltlichen Orden zusammen, um sich in der Gesellschaft zu behaupten.<\/p>\n<p>Richtig Schwung in die Sache brachte Franz. Revolution:<\/p>\n<p>Freiheit und Gleichheit schienen zun\u00e4chst nur eine Sache der M\u00e4nner, auch wenn Frauen auf den Barrikaden vielfach von entscheidender Bedeutung waren. Doch im Begeisterungstaumel der Revolution entschlossen sich die Frauen, ebenfalls f\u00fcr ihre Rechte zu k\u00e4mpfen. F\u00fcr den Einzug in den Konvent reichte es zwar noch nicht, aber es l\u00e4sst sich leicht vorstellen, was in den Heimen los war, nachdem Frauen im Stra\u00dfenkampf ihren Mann gestanden hatten. Weibliche Soldaten, ja sogar Kommandeure waren bei den Revolutionsgarden durchaus normal.<\/p>\n<p>Im englischsprachigen Raum wurden die Frauenrechtlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Namen Suffragetten[5] bekannt. Die wichtigsten Ziele der Frauenrechtsbewegung waren die Erlangung der B\u00fcrgerrechte (Wahlrecht, Recht auf Bildung, Recht auf Privateigentum). Interessanter Weise spielte dabei die famili\u00e4re Rollenverteilung zwischen Mann und Frau kaum eine Rolle.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Emanzipationswelle nimmt Ende der 1940er wieder in Frankreich ihren Ausgang. Sie hat eine stark intellektuelle Pr\u00e4gung und leistet vor allem eine analytische Geschichtschreibung \u00fcber Rolle und Situation der Frau nbis dahin: Als Zentralwerk kann \u201eDas andere Geschlecht\u201c von Simone de Beauvoire gelte.<br \/>\nDie j\u00fcngste und noch immer andauernde Emanzipationsphase ist vor allem eine Folge der Erfindung und Verbreitung der Antibabypille.<\/p>\n<p>Tiefer will ich an dieser Stelle nicht in die Geschichte der Frauenemanzipation eindringen. Nur soviel noch aus meiner Sicht zum heute erreichten Stand: Mit vielen Zeitgenossen\/innen ging ich bis kurz nach der Jahrtausendwende davon aus, dass der Emanzipationsprozess der Frauen schiere Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist = und dass der Hauptaspekt nun nur noch sei: Wie schnell und tiefgreifend schreitet dieser Prozess in Richtung Vollendung voran.<\/p>\n<p>DOCH DANN KAM DER ERSTE GEGENSCHLAG (WELLE I):<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Ganz unschuldig, sehr wissenschaftlich und scheinbar fernab der Emanzipationsfrage \u2013 die Diskussion um den demographischen Wandel.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft werde immer \u00e4lter. Das gef\u00e4hrde die Sozialsysteme. Die Rente sei deshalb k\u00fcnftig nicht mehr sicher. Die Lebensqualit\u00e4t der Rentner in Gefahr\u2026..<\/p>\n<p>Frank Schirrmacher schrieb sein Buch \u201eDas Methusalem-Komplott\u201c, das neben endlosen Zahlenwerken zur kommenden \u00dcberalterung der Gesellschaft sehr sch\u00f6n gegen den Jugendwahn im Kapitalismus schimpfte und an das Selbstbewusstsein und die St\u00e4rke der neuen Senioren appellierte. Die Frauen lie\u00df er in diesem Buch noch weitgehend in Ruhe.<\/p>\n<p>Es war die Bild-Zeitung, die bald die unterschwelligen Begleitt\u00f6ne der Demographie-Diskussion auf den schreienden Punkt brachte: Die Deutschen sterben aus. Und pl\u00f6tzlich hatten wir eine Situation, in der die demographische Problematik zum sozialen und nationalen Existenzproblem stilisiert wurde, das nur eine L\u00f6sung kennt: Deutsche Frauen m\u00fcssen mehr Kinder geb\u00e4ren. Das war die erste Welle der neuen Gegenemanzipation.<\/p>\n<p>WELLE II: INTELLEKTUELLE GEGENEMANZIPATION<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Diese erste Welle brachte die biologische Funktion der Frau als Geb\u00e4rerin ins Zentrum der gesellschaftlichen Zukunftsdiskussion zur\u00fcck. Das mit Verve und schier unertr\u00e4glichem Furor, anno 2006. Sogar der \u201eSpiegel\u201c entbl\u00f6dete sich nicht, von einer \u201eSch\u00f6pfungsnotwendigkeit\u201c (= Kinder geb\u00e4ren) zu posaunen, der sich die Frauen der Zukunft Deutschlands nicht entziehen d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Frank Schirrmacher brachte sein Buch \u201eMinimum\u201c heraus, in dem er nun die familiare Bedeutung der Frau f\u00fcr die Gesellschaftszukunft gro\u00df herausstrich: &#8222;Gro\u00dfm\u00fcttern, M\u00fcttern und T\u00f6chtern\u201c halste er die verantwortung daf\u00fcr auf, \u201eob und wie unsere Gemeinschaft neu entsteht&#8220; beziehungsweise nicht, also untergeht. Was unweigerlich eintreten werde, wenn es nicht gel\u00e4nge, die widerstandsf\u00e4higste und leistungsst\u00e4rkste Sozialstruktur \u00fcberhaupt zu retten und zu reaktivieren: die klassische Kernfamilie.<\/p>\n<p>Da platzte dann Iris Radisch, , der Kragen und sie schimpfte in ihrer Zeitung: &#8222;Es vergeht kein Tag mehr, an dem nicht irgendein neuer \u00e4lterer Herr die jungen Frauen an ihren Auftrag f\u00fcr Vaterland, Rentenkasse und Kulturnation erinnert.&#8220;<\/p>\n<p>Beispiel: Man f\u00fchlt sich als junge Frau getrieben. Alle Welt schreit \u201eDu musst geb\u00e4ren!\u201c und wer\u00b4s nicht tut kommt sich beinahe schon als asoziales Element vor.<\/p>\n<p>\u201eDie Geb\u00e4rkampagnen der letzten Monate sind Propaganda. Die Appelle an die jungen Frauen, Kinder in die Welt zu setzen, erz\u00e4hlen viel \u00fcber m\u00e4nnliche Planspiele und wenig \u00fcber weibliche Wirklichkeit.\u201c Schreibt Radisch in ihrem letzte Woche erschienen Buch \u201eDie Schule der Frauen \u2013 Wie wir die Familie neu erfinden.\u201c<\/p>\n<p>In einem Punkt irrt die hochgesch\u00e4tzte, kluge Kollegin. Es gibt auch Frauen, die bei dieser Geb\u00e4rkampagne propagandistisch mitmachen. zB Miss tagesschau Eva Herman die in ihrem 2006 erschienen Buch \u201edas Eva-Prinzip\u201c f\u00fcr eine \u201eneue Weiblichkeit wirbt\u201c, die allerdings bei n\u00e4herer Betrachtung eine ziemlich altbekannte ist.<\/p>\n<p>Was Frau Herman in ihrem Buch ausbreitet, l\u00e4sst sich auf etwa folgende Kernthesen reduzieren.<br \/>\n68er und Frauenbewegung h\u00e4tten die (Klein-)Familie als Hort der Liebe und idealen Ort sozialer Erziehung zerst\u00f6rt.<br \/>\nErstes Werkzeug dazu sei die Lebensl\u00fcge von der Selbstverwirklichung der Frau durch Berufst\u00e4tigkeit.<br \/>\nZweites Werkzeug sei die Ideologie der \u201eGleichheit\u201c von Mann und Frau.<br \/>\nBeide Werkzeuge h\u00e4tten die Frau von ihren nat\u00fcrlichen Anlagen, F\u00e4higkeiten, W\u00fcnschen und Neigungen getrennt: Wo aber Frau nicht mehr Mutter und Nestpflegerin sein k\u00f6nne, h\u00f6re sie auf Frau zu sein.<\/p>\n<p>Alle \u00fcbrigen Krisen des menschlichen Miteinanders betrachtet Eva Herman als Folge der Wegentwicklung der Frauen von ihrer biologischen Bestimmung.<\/p>\n<p>Schlussfolgerung und Programm f\u00fcr eine Bewegung der \u201eneuen Weiblichkeit\u201c, die die Autorin gerne ins Leben rufen m\u00f6chte: \u201eIch w\u00fcrde mir einen Mann suchen, ihn arbeiten lassen und mich um unsere f\u00fcnf Kinder k\u00fcmmern.\u201c Basta.<\/p>\n<p>Die biologistische Betrachtungsweise von \u201eDas Eva-Prinzip\u201c stellt alles, was Mutter und Kind voneinander trennt unter Generalverdacht: Krippen, Horte, Tagesm\u00fctter, Babysitter etwa. Sie mag auch von Softie-M\u00e4nnern nichts wissen, denn dem Manne sei ebenfalls seit Urzeiten eine nat\u00fcrliche Rolle zugewiesen: Zeuger, Versorger, Besch\u00fctzer.<\/p>\n<p>Neue Weiblichkeit und auch neue M\u00e4nnlichkeit, das meint bei Eva Herman nichts anderes als R\u00fcckbesinnung auf alte Weiblichkeit und alte M\u00e4nnlichkeit, mithin auch auf die alte Rollenverteilung in der alten Familienstruktur. Hier nun treffen sich die Schirrmachers und Hermans ideologisch mit den konservativen Protagonisten der WEelle III, mit den Mixas und Sch\u00f6nbohms zum gro\u00dfen Projekt \u201eGegenemanzipation\u201c.<\/p>\n<p>Gemeinsam ist ihnen allen diese Position:<\/p>\n<p>Die Mutter-Kind-Bindung sei von der Natur als wichtigste Menschenbindung \u00fcberhaupt vorgegeben. Fremdbetreuung bedeute f\u00fcr Mutter und sowieso f\u00fcr die Kinder die H\u00f6lle auf Erden. Die Klein- oder Kernfamilie sei die zentrale S\u00e4ule jeder Gesellschaft. Jede andere Lebensform berge Verderbnis in sich. Gattinnenschaft und Mutterschaft sei Gl\u00fcckseligkeit und oberster Zweck des Frauenlebens. Familie sei der Sinn des Daseins und ein kleiner Vorgriff aufs Paradies.<\/p>\n<p>Und damit stehen sie durchaus nicht allein.<\/p>\n<p>WIE DIE FAMILIENIDYLLE ZUR NORM WURDE<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Wirklichkeit und Ideologie, Realit\u00e4t und Idyllevorstellung: Es gibt kaum ein Thema bei dem diese Pole so weit auseinander liegen wie beim Thema Familie.<\/p>\n<p>Hand aufs Herz:<br \/>\nIm Grunde (bewusst oder subkutan) sind wir doch davon \u00fcberzeugt, dass das, was wir Kernfamilie nennen \u2013 Vater, Mutter, Kind \u2013 Urzelle und soziales Zentrum aller Gesellschaften ist, seit das Menschengeschlecht von den B\u00e4umen gestiegen?<\/p>\n<p>Wir halten die Konstellation Vater, Mutter, Kind f\u00fcr eine Art ewiges Naturgesetz, kulturgeschichtlich symbolisiert in der monogamen christlichen Triade Josef, Maria, Jesuskind: der sog. Heiligen Familie.<\/p>\n<p>Ich will mich hier keineswegs gegen die Familie aussprechen, ihre Bedeutung f\u00fcr die menschliche Kulturentwicklung ist tats\u00e4chlich betr\u00e4chtlich. Aber: Die triadische Familie als ewig, als von Gott gegeben oder von Natur als Urgesetz vorgezeichnet, als quasi Bedingung f\u00fcr Gesellschaft und Zivilisation \u00fcberhaupt darzustellen, \u00fcbersch\u00e4tzt die Bedeutung dieses spezifischen Sozialgef\u00fcges doch arg.<\/p>\n<p>Und je n\u00e4her man den entwicklungsgeschichtlichen Aspekten des Ph\u00e4nomens Familie tritt, umso fragw\u00fcrdiger wird der Absolutheitsanspruch der triadischen Kernfamilie. Umso fragw\u00fcrdiger wird zugleich, was uns M\u00e4rchen, Rittergeschichten und Hollywood-Filme wie Nero, Ben Hur, Kleopatra oder das Sklavenepos \u201eSpartacus\u201c als angebliche \u00dcberlieferung anbieten. Schauen wir uns einige dieser entwicklungsgeschichtlichen Aspekte der familie an:<\/p>\n<p>DIE HEILIGE FAMILIE<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Wir gehen gemeinhin davon aus, dass in der christlichen Lebenswelt das Ideal der Heiligen Familien fundamental ist und seit 2000 existiert.<\/p>\n<p>Das trifft aber nicht zu!!!<\/p>\n<p>&#8211; Das katholische Kirchenjahr etwa kennt ein Fest der Hl. Familie erst seit dem 19. Jahrhundert. Die Verehrung der Hl. Familie ist freilich doch schon etwas \u00e4lter:<\/p>\n<p>&#8211; Man geht heute davon aus, dass Anfang des 13. Jahrhunderts erstmals eine Krippe (Bethlehem, Stall, Jesuskind) im Gemeindeleben auftauchte. Bei der fig\u00fcrlichen Darstellung fehlten in jener Zeit allerdings Maria und Josef noch v\u00f6llig. Es ging bei den fr\u00fchen Krippen um die Geburt Christi, nicht um die Hl. Familie.<\/p>\n<p>So ist es auch vom allerersten Krippenspiel des Mittelalters \u00fcberliefert: dem szenischen Weihnachtstheater des Francisco de Assis Ferreira de Vasconcellos 1223 in Greccio: Jesuskind, Ochs, Esel, Hirten \u2013 kein Josef, keine Maria.<br \/>\nGenau genommen spielte die Hl. Familie in der christlichen Dogmatik die ersten 1500 Jahre A.D. fast gar keine Rolle. Maria mit dem Kinde, das ja. Also jungfr\u00e4uliche Gottesmutter als Gef\u00e4\u00df f\u00fcr die irdische Inkarnation Gottes. Aber von Familie keine Spur.<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert sich erst mit dem Konzil von Trient (1545-1563), bei dem auch Taufe und Ehe in den Rang von Sakramenten = g\u00f6ttlichen Weihen erhoben wurden.<br \/>\nVon da an entfalteten Jesuiten und Franziskaner eine f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse gewaltige Umerziehungskampagne: Sie propagierten die Hl. Familie als Ideal &#8211; und betrieben so die Heiligung der weltlichen Familie.<\/p>\n<p>Die Kirche hatte in Familiendingen Nachholbedarf, denn ihr Einfluss auf die mittelalterliche Sozialstruktur des t\u00e4glichen Zusammenlebens im einfachen Volk war nicht so total wie man gemeinhin denkt. Im europ\u00e4ischen Mittelalter war die &#8222;auf ewig&#8220; geschlossene Ehe keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Allein die hohe und fr\u00fche Sterblichkeit f\u00fchrte in der Volkspraxis zu mehrfachen Neuverheiratungen, Patchwork-Familien und anderen sozialen Zusammenschl\u00fcsse in gro\u00dfer Zahl.<\/p>\n<p>Es herrschte damals ein unglaublicher Wildwuchs familiarer Lebensformen, eben angepasst an die Notwendigkeiten des \u00dcberlebens. Sodom und Gomorrha, wenn man es unter puristischen Gesichtspunkten beurteilen wollte. Eheschlie\u00dfung insbesondere unter Gemeinen war eine ganz weltliche und auch ziemlich unspektakul\u00e4re Angelegenheit. Sie bedurfte nicht des Segens der Kirche: Es gen\u00fcgte bis zum Konzil von Trient ein Versprechen unter vier Augen und die Ehe war geschlossen.<\/p>\n<p>Ratsam war ein Zeuge, ggf die Erlaubnis des Leibherrn und eine Beurkundung durch den Dorfschulzen\u2026. Kaum jemand ging davon aus, dass die Eheschlie\u00dfung auf Lebzeiten beider erfolgt \u2013 weil die Wechself\u00e4lle damaligen Lebens so etwas ohnehin kaum erwarten lie\u00dfen.<\/p>\n<p>1563 erlie\u00df dann das Konzil von Trient das sog. Dekret Tametsi, wonach f\u00fcr einen g\u00fcltigen Ehebund priesterlicher Segen unabdingbar wurde. Und: Diese Ehen wurden nun als unl\u00f6sbare B\u00fcnde f\u00fcrs Leben geschlossen. Damit hatte die Kirche die Hoheit auch \u00fcber K\u00fcche und Bett \u00fcbernommen. Die ideologische Begleitmusik bestand wie gesagt in der gleichzeitig beginnenden jesuitischen Glaubensoffenive zur Verehrung der &#8222;Heiligen Familie&#8220;.<\/p>\n<p>Erst Mitte des 16. Jahrhunderts also hielt ein Familienverst\u00e4ndis Einzug in die abendl\u00e4ndische Geschichte, das es bis dahin \u00fcberhaupt nicht gegeben hatte: Die harmonische Vater-Mutter-Kind-Triade als religi\u00f6s fundiertes Ideal nach dem Vorbild von Josef-Maria-Jesuskind.<\/p>\n<p>Hl. TRIADE HISTORISCH H\u00d6CHST UNWAHRSCHEINLICH<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Aber selbst dieses Vorbild muss, was seine lebenswirkliche Ausmalung angeht, mit einiger Skepsis betrachtet werden. Viele Historiker und Bibelforscher gehen heute davon aus, dass das Bild von der weltlichen Familie Jesu in den Evangelien nachtr\u00e4glich umgezeichnet wurde. Wie auch immer: Eine dreik\u00f6pfige Zimmermanns-Familie nahezu ohne Einbindung in einen gr\u00f6\u00dferen Verwandtschaftsverband ist f\u00fcr das Pal\u00e4stina vor 2000 Jahren schlechterdings undenkbar.<\/p>\n<p>Der damaligen Zeit gem\u00e4\u00df m\u00fcsste die Familie Jesu so aussehen: Jesus ist der Erstgeborene (wg. Jungfrauenempf\u00e4ngnis) von 4 bis 5 \u00fcberlebenden der 10 bis 14 geborenen Geschwister, die mit einer Unzahl anderer Kinder einer Vielzahl von Onkeln und Tanten zwischen den F\u00fc\u00dfen herumwuseln. Opas und Omas d\u00fcrften seltener gewesen sein, denn man lebte bis ins 18. Jahrhundert hinein im Durchschnitt blo\u00df 35 Jahre.<\/p>\n<p>FAMILIENSTRUKTUREN IN DER GESCHICHTE<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Gehen wir einmal weg von der Bibel und schauen ins wirkliche historische Leben hinein und was es dort mit der Familie auf sich hatte.<\/p>\n<p>Hier eine Zahl aus der ethnologioschen Forschung, die zu denken gibt:<br \/>\nVon 849 weltweit erforschten Kulturen herrschte nur in 137 (16 Prozent) die monogame Ehe vor. In 712 Kulturen (84 Prozent) galten hingegen polygame Verbindungen als normal.<\/p>\n<p>Will sagen: Im Weltma\u00dfstab war die Einehe in der Kulturgeschichte die Ausnahme, die Vielehe die Regel. Dabei \u00fcberwog die m\u00e4nnliche Vielehe = ein Mann hat mehrere Frauen. Aber es gab auch eine Reihe von Gesellschaften mit matriarchalischer Struktur. Wohl weniger als politischer Herrschaftsform, wohl aber in sozialer Form. Mutterschaftliche Erblinie, freie Partnerwahl der Frauen, geschlechtsdualistische Verwaltung bis hin zu Kriegf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Ob patriarchalisch oder matriarchalisch, ob monogam oder polygam \u2013 allen fr\u00fcheren Gesellschaften war ein sehr hohes Ma\u00df an sozialer Kollektivit\u00e4t eigen. Stamm, Clan, Sippe, Dorf, Nachbarschaft, Haushalt spielten lebenspraktisch eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere Rolle als die Kernfamilie.<\/p>\n<p>Die \u00e4lteren unter ihnen erinnern sich vielleicht wie es noch in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts in vielen Bauern- und Handwerkerhaushalten zuging:<\/p>\n<p>Gesellen, Knechte, M\u00e4gde, Geschwister, Onkel, Tanten \u2013 sie alle geh\u00f6rten ggf. zu einem Haushalt. Viele historische Zunftordnungen wiesen dem Meister Lebensverantwortung f\u00fcr seine Lehrlinge und Gesellen zu. Der Haushalt war der Angelpunkt des Lebens, nicht die Kernfamilie. Die Kernfamilie allein w\u00e4re in Gesellschaften der J\u00e4ger und Sammler, ebenso der Bauern und Handwerker gar nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig gewesen.<\/p>\n<p>GROSSTEIL HISTORISCHER BEV\u00d6LKERUNG VON EHE AUSGESCHLOSSEN<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Es gibt einen weiteren Grund, warum \u00fcberfamili\u00e4re Gemeinschaften historisch wichtiger waren als die Kernfamilie: Gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung waren von der Ehe schlichtweg ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Wie die gesamte Sklavenpopulation der Antike, so brauchte auch ein Gro\u00dfteil der einfachen Bev\u00f6lkerung des Mittelalters gar nicht erst an Heirat zu denken: Knechte, M\u00e4gde, Gesellen, eben das besitzlose Gesinde jeder Art blieb gr\u00f6\u00dftenteils alleinstehend, lebend in Gemeinschaftsunterk\u00fcnften oder aufgenommen in die Haushalte anderer, Besitzender. Dazu M\u00f6nche und Nonnen oder auch Landsknechte, Knappen, Leibeigene. (= Erkl\u00e4re Unwirtschaftlichkeit der Aufzucht von Sklavenkindern).<\/p>\n<p>Eheschlie\u00dfungen unter Menschen, die nichts hatten, als das Hemd auf dem Leib und eine v\u00f6llig ungewisse Zukunft waren schwierig. H\u00e4tte man damals als Einzelner \u00fcberleben k\u00f6nnen, die mittelalterliche Welt w\u00e4re voll von Single-Haushalten gewesen. So war sie voll von Kollektiven verschiedenster Gr\u00f6\u00dfenordnung. Einsiedler lebten gef\u00e4hrlich und nagten am Hungertuch, einsiedlerische Frauen lebten stets am Rande des Scheiterhaufens.<\/p>\n<p>Noch im 18. und 19. Jahrhundert, ja bis ins mittlere 20. Jahrhundert hinein galt unseren Vorfahren f\u00fcr die Verheiratung eine Konvention, die in manchen Staaten sogar in entsprechenden Gesetze festgeschireben war: Bedingung f\u00fcr eine Heiratserlaubnis war: Die neue Familie muss sich nachweislich ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Liebe hin oder her: Wer ohne Aussicht auf dauerhaft gesicherte Eink\u00fcnfte eine Ehe einging, galt im b\u00fcrgerlichen wie auch im proletarischen Milieu als verantwortungsloser Hallodri oder leichtfertiges G\u00f6r. Die Literatur ist voll von solchen Geschichten.<\/p>\n<p>Wir sehen: Die triadische Kernfamilie ist kein ewiges, naturgesetzliches, alle Gesellschaften und Zeitalter pr\u00e4gendes Prinzip. Das Verst\u00e4ndnis von Familie und ihre Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft unterlag stets dem historischen Wandel.<\/p>\n<p>DAS AMMEN-PRINZIP<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Wie aber ist es mit der Mutter-Kind-Beziehung, von der Herman, Schirrmacher, Mixa und viele, viele andere als von existenzieller Bedeutung f\u00fcr Mutter und vor allem Kind sprechen? Sie ist doch ein Naturgesetz? Oder etwa nicht?<\/p>\n<p>Bei dieser Frage hilft uns die Wissenschaft, in Sonderheit die Entwicklungspsychologie ausnahmsweise mal \u00fcberhaupt nicht weiter. Denn jede Theorie hat ihre Gegentheorie, jede Untersuchung ihre Gegenuntersuchung. Am Ende ist\u00b4s eine Glaubensfrage geblieben, ob solit\u00e4r m\u00fctterliche Umsorgung das Beste f\u00fcr das Kind und Fremdbetreuung ein Gr\u00e4uel ist, oder ob das nicht der Fall ist. Oder ob nicht sogar umgekehrt qualitativ hochwertige Fremdbetreuung dem Kinde besser tut als die Verh\u00e4tschelung durch eine liebestolle Mutter.<\/p>\n<p>Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den diversen psychologischen Schulen lie\u00dfe sich etwa so definieren:<\/p>\n<p>A) Kinder brauchen zum gedeihlichen Aufwachsen<br \/>\neinen Kernbestand an ziemlich intimen Vertrauensbeziehungen, die Liebe, W\u00e4rme und seelische F\u00fcrsorge einschlie\u00dfen. Sie brauchen<\/p>\n<p>B) auf Welterforschung und Sozialerfahrung gerichtete multiple Au\u00dfenreize, Au\u00dfenkontakte und Au\u00dfenbet\u00e4tigungen.<\/p>\n<p>Das Elend dieser Diskussion seit Jahr und Tag ist, dass die eine Partei der Betreuung durch die M\u00fctter Defizite im Bereich B) unterstellt, die andere Seite der Kindesbetreuung durch Personen, die nicht die Leibesmutter sind, die F\u00e4higkeit f\u00fcr den Bereich A) abspricht.<\/p>\n<p>Die M\u00fctterlichkeitsvertreter verweisen dann oft auf \u201efr\u00fcher\u201c, meinen damit: Schon immer habe, naturgem\u00e4\u00df, die Mutter-Kind-Beziehung aus gutem Grund eine zentrale Stellung eingenommen.<\/p>\n<p>Das aber trifft historisch NICHT zu!<\/p>\n<p>\u201eZur Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf\u201c hei\u00dft ein afrikanisches Sprichwort. Darin spiegelt sich wieder, dass in den meisten Kulturen die Kinder nach der Stillzeit in gemeinschaftliche Obhut entlassen wurden, vielerorts heute noch werden. Bei uns haben sich die kollektiven Sippen- und Dorfstrukturen mit fortschreitendem Kapitalismus aufgel\u00f6st. Kinderg\u00e4rten und Schulen sind heute an deren Stelle getreten.<\/p>\n<p>Aber die S\u00e4uglinge, die wurden doch zu allen Zeiten und in allen Kulturen von ihren M\u00fcttern versorgt, gen\u00e4hrt?<\/p>\n<p>Auch diese Annahme kann historisch keine Allgemeing\u00fcltigkeit beanspruchen.<\/p>\n<p>William Shakespeare hat in den Jahren 1595\/96 das uns allen bekannte St\u00fcck \u201eRomeo und Julia\u201c geschrieben. Bei wem sucht und findet die kindliche Julia Vertrauen, Liebe, Trost, Schutz, Hilfe angesichts der Zwangsverheiratungspl\u00e4ne des Vaters? Nicht bei ihrer Mutter, sondern bei ihrer Amme. Bei einer nicht blutsverwandten Frau also, die sie als S\u00e4ugling gestillt, sp\u00e4ter umsorgt, gepflegt, gro\u00dfgezogen hat.<\/p>\n<p>Shakespeares Amme ist kein seltener Einzelfall: Die historische Welt ist voller Ammen. Seit der Antike gaben M\u00fctter der gehobenen St\u00e4nde in der Regel ihre Kinder in die n\u00e4hrende F\u00fcrsorge fremder Frauen. Das war Usus quer durch alle Kulturen und durch alle Zeitalter bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.<\/p>\n<p>Noch Ende des 19. Jahrhunderts geh\u00f6rten beispielsweise in Berlin die sogenannten \u201eSpreewaldammen\u201c zum Stra\u00dfenbild. Meist waren das j\u00fcngere Frauen aus der Niederlausitz, die in sorbischer Tracht ihre Pfleglinge ausf\u00fchrten \u2013 Kinder fremder Leute, die sie gegen L\u00f6hnung stillten und versorgten. In der Schweizer Hauptstadt Bern wurde die letzte gewerbsm\u00e4\u00dfige Amme 1954 in den Ruhestand geschickt.<\/p>\n<p>Aber nicht nur reiche Leute nahmen die Dienste von Ammen in Anspruch. Man muss sich gew\u00e4rtigen, dass in historischer Zeit jedes zweite Neugeborene die ersten vier Wochen nicht \u00fcberlebte. Zugleich kam etwa ein Drittel der geb\u00e4renden Frauen bei einer Niederkunft ums Leben. Es gab also stets eine Menge Frauen mit eingeschossener Milch, aber ohne eigenen S\u00e4ugling, sie zu verf\u00fcttern. Zugleich gab es viele Neugeborene, deren M\u00fctter eben gestorben waren. Und so dumm war das Menschengeschlecht nie, dass es in dieser Situation nicht die logische Konsequenz zog: M\u00fctter, deren S\u00e4uglinge gestorben waren, n\u00e4hrten S\u00e4uglinge, die keine M\u00fctter hatten. Nicht ausnahmsweise, sondern millionenfach. Das Wissen um diese Sachverhalte ist aus dem allgemeinen Bewusstsein verdr\u00e4ngt worden durch die Mutterschafts- und Kleinfamilienverherrlichung im 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Gute Ammen \/ schlechte Ammen<br \/>\nMilchgeschwister<br \/>\nBezahlte Leistung \/ Liebevolle Ersatzmutter<\/p>\n<p>Wir halten heute das Stillen \u2013 nach Schwangerschaft und Geburt \u2013 f\u00fcr den intimsten Akt zwischen Mutter und Kind. Teils nehmen die Ansichten darum Z\u00fcge religi\u00f6ser \u00dcberh\u00f6hung an. Vor allem M\u00e4nner machen gerne ein gro\u00dfes Mysterium daraus. Dem Kind freilich d\u00fcrfte eine satt n\u00e4hrende und z\u00e4rtliche Amme lieber sein, als eine grantige Leibesmutter.<\/p>\n<p>HEIMCHEN AM HERD = EINE GROSSB\u00dcRGERFANTASIE<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den famili\u00e4ren Wurzeln, fordern Eva Herman und Frank Schirrmacher. Der FAZ-Herausgeber macht das etwas kl\u00fcger als Miss Tagesschau. Schirrmacher insistiert auf die tats\u00e4chlich starke Bedeutung der Frauen f\u00fcr die Gesellschaft, fr\u00fcher wie heute. Er unterstreicht dabei \u201edie hohe soziale Kompetenz der Frau\u201c, den Laden zusammenzuhalten und vorw\u00e4rts zu bringen. F\u00fcr Frau Herman reduziert sich diese Kompetenz auf Nestpflege und Kinderumsorgung. So sei es fr\u00fcher gewesen, vor dieser uns\u00e4glichen Emanzipation, und da will sie wieder hin.<\/p>\n<p>Nur: Es war fr\u00fcher gar nicht so!!!<\/p>\n<p>Zumindest nicht in der breiten Bev\u00f6lkerung. Dort hatten die Frauen \u00fcberhaupt nicht die Zeit, den ganzen Tag liebevoll erst die Kinder zu bet\u00fctteln, dann den Mann zu befreidigen.<\/p>\n<p>Es wird h\u00e4ufig so getan, als sei aush\u00e4usige Arbeit und Erwerbst\u00e4tigkeit der Frauen ein Erfindung des 20. Jhdt., insbesondere der j\u00fcngeren Gegenwart. Falsch, v\u00f6llig falsch! Frauen mussten immer auch au\u00dferhalb des Heimes arbeiten. In den 1930ern gingen in Deutschland bereits 53 Prozent der Frauen einer Erwerbsarbeit nach. W\u00e4hrend des Krieges schnellte der Prozentsatz auf fast 80 Prozent hoch \u2013 um w\u00e4hrend der Wirtschaftswunderzeit weit unter 50 Prozent zu fallen. Bis 1991 stieg der Anteil der Erwarbst\u00e4tigen Frauen langsam auf 58 % an. Heute liegt der Anteil der erwerbst\u00e4tigen Frauen bei rund 65 Prozent.<\/p>\n<p>Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts hie\u00df die tats\u00e4chliche Alternative oft: Entweder du w\u00e4schst die Familienw\u00e4sche von Hand, kochst deine Lebensmittel selber ein &#8211; oder du gehst arbeiten, um Waschmaschine und Konserven kaufen zu k\u00f6nnen; Kraft- und Zeitaufwand sind am Ende hier so gro\u00df wie da.<\/p>\n<p>Auch Frauen in Handwerker- und Bauernhaushalten hatten wahrlich anderes zu tun, als dem biedermeierlichen Idyllebild von Familie zu entsprechen und sich im Kinder- und Mannesgl\u00fcck zu verwirklichen. Dieses Wohnzimmeridyll entsprang der Lebenssph\u00e4re des wohlhabenden B\u00fcrgertums des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts. Allerdings war es blo\u00dfe Ideologie, zeigt nur die Kulisse einer Welt, hinter der Amme und Hauslehrer die Kinder betreuten, K\u00f6chin und Hausdiener die Wirtschaft besorgten.<\/p>\n<p>Das Leben des Volkes und seiner Kinder sah ganz anders aus:<br \/>\n(Lebenspraktische Beispiele erz\u00e4hlen)<\/p>\n<p>IDEAL UND REALIT\u00c4T<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Man muss Herman, Schirrmacher und Mixa vorwerfen, dass sie einem Ideal, einer Idylle das Wort reden, die man nicht einmal als \u201cgestrig\u201c apostrophieren kann, weil es sie auch gestern nie gegeben hat. Oder allensfalls f\u00fcr B\u00fcrgertum und proletarische Mittelschicht nur eine ganz kurze Zeit \u2013 im Wirtschaftswunder der 50er und fr\u00fchen 60er.<\/p>\n<p>Das war die Zeit der strahlenden Konsumm\u00fctter, die im Kost\u00fcmchen den neuen Staubsauger schwingen, dem Gatten den neuen Scheiblettenk\u00e4se servieren und die propperen Kindlein mit Rotb\u00e4ckchen-Saft m\u00e4sten.<\/p>\n<p>Doch auch in dieser Zeit wich das tats\u00e4chliche Familienleben vom propagierten Idyll deutlich ab. Generationskonflikte, Beziehungskrisen, sozialer Druck, innerfamili\u00e4re Diktatur &#8230;: Die Familie war immer auch Quell von Ungl\u00fcck; Statistiker weisen sie als denjenigen sozialen Raum aus, in dem nach wie vor die meisten Gewalttaten begangen werden \u2013 von der Tracht Pr\u00fcgel f\u00fcr Frau und Kinder bis zu Vergewaltigung, zu Kindesverwahrlosung und Kindesmisshandlung.<\/p>\n<p>Je br\u00fcchiger das Ideal, umso mehr sprie\u00dfen Sehns\u00fcchte danach. Der Traum von der gl\u00fccklichen Familie erweist sich vor allem f\u00fcr viele Frauen bald auch als Albtraum &#8211; der im Wirtschaftswunder-Deutschland seine gr\u00f6\u00dfte Bl\u00fcte erlebte.<\/p>\n<p>Das allermeiste am klassischen Familienideal war nie real \u2013 war eine Fantasterei, ein Wunschtraum, ein Utopia, obendrein ein m\u00e4nnlich gepr\u00e4gtes, zu dem die Frau zwar als unverzichtbares, aber, zumindest in den j\u00fcngeren patriarchalischen Gesellschaften nie als gleichwertiges Element geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Es ging bei der Emanzipation nie um Gleichmacherei wie Frau Herman behauptet. Es ging um Gleichwertigkeit. Der erste Schritt dazu liegt schon eine Weile zur\u00fcck und bestand in der Anerkennung der Tatsache: Die Frau ist ein vollwertiges menschliches Wesen, dem Manne ebenb\u00fcrtig (nicht gleich) und deshalb mit ebenb\u00fcrtigen Rechten auszustatten. Gleiche Rechte erhielten die Frauen zuerst im Staate, um Ebenb\u00fcrtigkeit in Wirtschaft und privatem Heim wird noch gestritten. Womit wir wieder am Ausgangspunkt meines Vortrages angekommen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>ALLE SIND F\u00dcR MEHR KINDER<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Gibt es eigentlich keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen Emanzipations- bef\u00fcrworten und Gegenemanzipierern?<br \/>\nDoch, die gibt es in zwei zentralen Punkten:<\/p>\n<p>A) Wir sehen eine ganz Gro\u00dfe Koalition f\u00fcr mehr Geburten und Kinder in Deutschland.<\/p>\n<p>B) Es gibt auf allen Seiten einen erkennbar heftigen Widerwillen dagegen, dass das Leben von Frauen und Familien v\u00f6llig den Interessen der Wirtschaft untergeordnet wird.<\/p>\n<p>Ad a): Gro\u00dfe Koalition f\u00fcr mehr Kinder umfasst alle politischen Parteien und die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Die kinder- und ehelosen Bisch\u00f6fe sind ebenso daf\u00fcr wie Frau Herman, der Herr Schirrmacher, die siebenfache Mutter von der Leyen und selbst die dreifache Mutter Radisch.<\/p>\n<p>Letztere, Radisch, h\u00e4lt die Angst vorm Aussterben immerhin f\u00fcr \u00fcbertrieben und die aktuelle Geb\u00e4r-Propaganda f\u00fcr unertr\u00e4glich. Ihre Position: Wenn wir mehr Kinder wollen, m\u00fcssen wir Partnerschaft und Familie neu und anders erfinden, m\u00fcssen wir nicht zuletzt das Arbeitsleben familiengerecht grundlegend umkrempeln.<\/p>\n<p>Stimmen, die im Sinken der Geburtenrate kein gro\u00dfes Problem oder gar einen Segen sehen, gibt es nur vereinzelt.<\/p>\n<p>Und das ist eine au\u00dferordentlich seltsame Entwicklung in den vergangenen 10 Jahren = Paradigmenwechsel in Sachen Einstellung zur Bev\u00f6lkerungsfrage:<\/p>\n<p>In 70\/80\/90ern war Common Sense = Hauptproblem der Menschheit ist die explosionsartig anwachsende \u00dcberbev\u00f6lkerung der Erde. (3 MR in den 50ern, 6,5 heute, 9 bis 10 MR bis Mitte des Jhdt.).<\/p>\n<p>Kriege um Wasser, Acker- und Siedlungsfl\u00e4che, Rohstoffe wurden prognostiziert. Ebenso verheerende Einfl\u00fcsse auf Umwelt durch Energiehunger via Industrialisierung der Entwicklungsl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Auto-Beispiel: 1,3 MR Chinesen und 1 MR Inder streben nach westlichem Lebensstandard. Bei einer Autorate von 1 pro 2 Menschen w\u00fcrde das mehr als 1 MR zus\u00e4tztliche Autos weltweit bedeuten. Folgen\u2026\u2026.., irrwitzig.<\/p>\n<p>Zentrales Anliegen der UNO: Globale Bev\u00f6lkerungsbegrenzung. Dabei Hilfreich: sinkende Geburtenraten auf der Nordhalbkugel.<\/p>\n<p>Paradigmenwechsel dort wg. Panik vor demographischer Entwicklung: Die Deutschen sterben aus, Renten nicht mehr bezahlbar etc.<\/p>\n<p>Jetzt seltsame Global-Konfusion: UNO m\u00fcht sich um Bev\u00f6lkerungskontrolle in der dritten Welt, Industriestaaten unternehmen gewaltige Anstrengungen um bei sich Geburten zu steigern. Kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Geistig = Unwille\/Unf\u00e4higkeit globales Dorf auch als solches zu begreifen. Widerspruch = Man kann nicht wirtschaftlich global handeln, ansonsten aber die Welt mit nationalen Mauern \u00fcberziehen.<\/p>\n<p>Das ist nicht haltbar, wie die bereits stattfindende V\u00f6lkerwanderung von S\u00fcd nach Nord zeigt. Sie wird st\u00e4rker werden, beschleunigt noch durch Klimawandel, egal ob der nat\u00fcrliche oder menschliche Ursachen hat.<\/p>\n<p>Folgerungen ad a):<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br \/>\nAusweitung der Migration ist nicht abzuwenden.<\/p>\n<p>Die angebliche Bedrohung durch Bev\u00f6lkerungsschwund und entleerte Landschaften in DT. ist eine Schim\u00e4re \u2013 globales Menschreservoir ist schier unersch\u00f6pflich.<\/p>\n<p>Selbst wenn stimmen sollte, was Bev\u00f6lkerungstatistiker f\u00fcr DT. ausrechnen: Was w\u00e4re so schlimm daran, wenn 2050 8 bis 10 Prozent weniger Leute in DT leben w\u00fcrden? DT Reich hatte zur zeit der gr\u00f6\u00dften Ausdehnung unter Hitler gerade 70 Mio Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Alle Problemstellungen im Zusammenhang mit den Sozialsystemen sind Fragen der Arbeitsproduktivit\u00e4t, der Arbeitsentwertung, der Arbeitsverteilung.<\/p>\n<p>EXKURS: DIE PILLE<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\nDass die Demographie-Hysterie ausgerechnet zur Jahrtausendwende mit solcher Macht ausbricht, ist von der Sache her nicht begr\u00fcndbar.<\/p>\n<p>Erstens:<br \/>\nIch selbst, Jahrgang 1955, geh\u00f6re zur Generation der Babyboomer. D.h. ich bin ein Kind der Geburtenexplosion in Deutschland nach dem Weltkrieg. Meine etwas j\u00fcngere Schwester ist eine der letzten Babyboomer-Vertreter. Denn in den 1960ern brach die Geburtenrate fast schlagartig ein und sinkt seither kontinuierlich. Das Ph\u00e4nomen sinkender Geburtenrate begleitet die Bundesrepublik seit rund 40 Jahren. Man wusste davon.<\/p>\n<p>Und woher kommt\u00b4s? 1951 meldete der Chemiker Carl Djerassi ein Derivat des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron in den USA als ein Verh\u00fctungsmittel zum Patent an. Am 18.8. 1960 kam die erste Antibabypille unter dem Namen \u201eEnovid\u201c auf den amerikanischen Markt; ein Jahr sp\u00e4ter brachte sie die Berliner Schering AG mit \u201eAnovlar\u201c in Deutschland heraus.<\/p>\n<p>Binnen nur 5 Jahren wurde die Pille zum meistgebrauchten Medikament der n\u00f6rdlichen Hemisph\u00e4re, bald erg\u00e4nzt durch Spirale, Spermien abt\u00f6tende chemische Implikatoren und neuartige Pr\u00e4servative. Pille und Co. Verursachten in den Industriel\u00e4ndern eine tats\u00e4chliche welthistorische Kulturrevolution \u2013<br \/>\nund wir werden noch bedauern, dass diese auf der s\u00fcdlichen Welthalbkugel erst sehr viel sp\u00e4ter in Gang kam und bis heute viel zu langsam voran kommt.<\/p>\n<p>Frau Herman irrt, wenn sie die Schuld f\u00fcr den dt. Geburtenr\u00fcckgang urs\u00e4chlich im heutigen Ergebnis der Frauenemanzipation seit den 60ern sucht, ausgel\u00f6st von 68er-Bewegung. Umgekehrt wird ein Schuh draus:<\/p>\n<p>Zuerst war die Pille \u2013 sie wurde zum entscheidenden Katalysator f\u00fcr eine st\u00fcrmisch sich entwickelnde Emanzipationsbewegung.<\/p>\n<p>Mit der Pille konnte ein Jahrtausende w\u00e4hrendes, meist vergebliches Suchen der Frauen nach effektiven Verh\u00fctungsmitteln, endlich zum Erfolg gef\u00fchrt werden\u2026\u2026. (Kr\u00e4uterweiber, Beschw\u00f6rungen, Kondome aus Leder und Holz, Abtreibungen etc.)<\/p>\n<p>Die Frau wurde von der Diktatur der ungewollten Empf\u00e4ngnis befreit. Verh\u00fctung war nicht l\u00e4nger auf den Goodwill der M\u00e4nner angewiesen. Pl\u00f6tzlich hatten die Frauen es in der Hand, zu empfangen oder nicht. Damit war ihnen die objektive M\u00f6glichkeit einer eigenst\u00e4ndigen Lebensplanung in die Hand gegeben \u2013erstmals in der Menschheitsgeschichte.<\/p>\n<p>AD B = GEMEINSAMKEIT EMANZIPATION\/GEGENEMANZIPATION:<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\nEs gibt auf allen Seiten aus einen erkennbar heftigen Widerwillen dagegen, dass das Leben von Frauen und Familien v\u00f6llig den Interessen der Wirtschaft untergordnet wird.<\/p>\n<p>Das ist ein wirklich sehr ernst zu nehmender Faktor.<\/p>\n<p>Die Erwerbst\u00e4tigkeit oder die potenzielle M\u00f6glichkeit dazu ist f\u00fcr Frauen aus ganz lebenspraktischen Gr\u00fcnden ziemlich wichtig: Wenn heute im Bundesdurchschnitt jede dritte Ehe geschieden wird, in den Gro\u00dfst\u00e4dten fast jede zweite = leicht auszurechnen, welches Ausma\u00df Frauenarmut annehmen w\u00fcrde, h\u00e4tten die meisten keinen Beruf, keine Berufserfahrung oder erst gar keine Berufsausbildung.<\/p>\n<p>Liebe ist eine wunderbare Sache und Treue ist es auch. Aber eine Garantie auf ewige Haltbarkeit der diesbez\u00fcglichen Schw\u00fcre gibt es eben nicht. Das Leben geht nur allzu oft gerade nicht den Weg der hehren Ideale.<\/p>\n<p>Heuzutage erst recht nicht, da berufliche Flexibilit\u00e4t bis in die sp\u00e4te Nacht und \u00fcbers Wochenende verlangt wird, wo Mobilit\u00e4t quer durch die Republik und ins Ausland Grundforderung f\u00fcr viele Jobs ist.<\/p>\n<p>Und schlechte Karten hat im Falle der Trennung dann immer derjenige, der ganz und gar auf die Versorgung durch den Partner gebaut hat, und der nicht in der Lage ist, sich selbst zu ern\u00e4hren. Wenn trifft das am meisten: Frauen, M\u00fctter mit Kindern und vor allem \u00e4ltere Frauen.<\/p>\n<p>Von daher ist Berufst\u00e4tigkeit oder die Bef\u00e4higung zur Berufst\u00e4tigkeit im Bedarfsfall als Notnagel f\u00fcr das Scheitern von Beziehungen nicht zu untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Nun beklagen wir, auch das v\u00f6llig zu recht, oft die \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche durch den modernen Globalkapitalismus. Leistungsprinzip all\u00fcberall, sogar in der Liebe. Rentabilit\u00e4tshetze in Krankenh\u00e4usern, Altenheimen, Theatern und Museen, sogar in der Kirche und auf dem Friedhof. Schule und jetzt auch Kindergarten wird nicht mehr als Ort der Menschenbildung verstanden, sondern als Ort, in dem funktionst\u00fcchtige Arbeitskr\u00e4fte geschmiedet werden. Es gibt kaum noch einen Wert an sich, Wert hat nur noch, was sich im Endeffekt wirtschaftlich rentiert.<\/p>\n<p>So ist es denn auch kein Zufall, dass Frau von der Leyen sehr starken Zuspruch von den Verb\u00e4nden der deutschen Wirtschaft erh\u00e4lt. Dort gibt es ein grundlegendes Interesse an berufst\u00e4tigen jungen Frauen. Nur werden nat\u00fcrlich Schwangerschaft und Mutterschaft als st\u00f6rende Faktoren empfunden. Frauen mit kleinen Kindern stellt man ungern ein, weil ihre Einsetzbarkeit der Kinder wegen begrenzt ist. Eine Optimierung der Fremdbetreuung in staatlicher Hand und auf staatliche Kosten k\u00e4me deshalb der Wirtschaft sehr gelegen.<\/p>\n<p>Interessanter Weise ist bislang kaum ein Unternehmen auf die Idee gekommen, selbst Hand anzulegen und wiederzubeleben, was es in der Fr\u00fchzeit der Bundesrepublik als Tendenz schon einmal gegeben hat: betriebliche Kitas, Familienmittagstisch in der Betriebskantine, tarifvertraglich garantierte Kinderversorgungszeiten w\u00e4hrend der Arbeitszeit, betriebliche Sport- und Freizeiteinrichtungen auch f\u00fcr Kinder und Ehepartner der Betriebsangeh\u00f6rigen. Man hielt einmal solche Dinge f\u00fcr einer wirklich Sozialen Marktwirtschaft angemessen. Es blieb leider bei Anf\u00e4ngen, die schon w\u00e4hrend der ersten Konjunkturdellen auch als erstes wegrationalisiert wurden.<\/p>\n<p>Heute tut die Wirtschaft, als ginge sie die gesamte Familien- und Jugend- und Altersproblematik nichts an. Arbeit ist Arbeit, um alles andere soll sich der Staat und der liebe Gott k\u00fcmmern. Es wird nur reichlich lamentiert, wenn gesellschaftliche Probleme dann auf die betriebliche Wirklichkeit r\u00fcckwirken.<\/p>\n<p>RES\u00dcMEE:<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>So ist die Erwerbst\u00e4tigkeit der Frauen eine zweischneidige Angelegenheit: Einerseits Element der Selbstverwirklichung, des Verdienens von eigenem Geld, der Verminderung der Abh\u00e4ngigkeit vom Manne. Andererseits unterwirft Erwerbst\u00e4tigkeit die Frauen auch allen Schattenseiten der Lohnarbeit.<br \/>\nUND: Die Lasten von Mutterschaft und Hausfrauenschaft bleiben ihr dennoch in den meisten F\u00e4llen zus\u00e4tzlich aufgeb\u00fcrdet.<\/p>\n<p>Das ist in der Tat ein arges Dilemma,<br \/>\naus dem Herman, Schirrmacher, Mixa den Frauen als Ausweg den Verzicht auf Erwerbst\u00e4tigkeit nicht nur anbieten, sondern geradezu abverlangen.<\/p>\n<p>Ein Ausweg, der f\u00fcr die allermeisten Frauen allerdings keiner ist,<br \/>\nweil er sie zur\u00fcckwerfen w\u00fcrde auf den Status ihrer Gro\u00dfm\u00fctter;<br \/>\nweil er sie zur\u00fcckzwingen w\u00fcrde in die von ihnen so empfundene Enge der famili\u00e4ren vier W\u00e4nde;<br \/>\nweil er sie wieder hineindr\u00e4ngen w\u00fcrde in die totale Anh\u00e4ngigkeit vom Ehegatten;<br \/>\nweil obendrein heute das Einkommen eines Verdieners oft objektiv nicht mehr hinreicht, die Familie \u00fcber Wasser zu halten.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr der Frauen in einen Regelzustand, in eine Norm als Hausfrau und Mutter, dieser Zug ist l\u00e4ngst und entg\u00fcltig abgefahren.<\/p>\n<p>Ich kenne viele Frauen, die als Berufst\u00e4tige schwanger wurden, dann mit Freuden in ihren Mutterschutz gegangen sind. Die sechs Monate, ein Jahr, manchmal auch eineinhalb daheim geblieben sind \u2013 um dann mit gr\u00f6\u00dfter Selbstverst\u00e4ndlichkeit den Wiedereintritt ins Berufsleben vorzubereiten. Dann aber begannen die eigentlichen Probleme erst: Denn Arbeitswelt und bisheriges Kinderbetreuungswesen passen nicht zueinander \u2013 und das f\u00fcr nachfolgende 12, 14, 16 Jahre bis die Spr\u00f6sslinge allein zurecht kommen. Mit den M\u00e4nnern brauchten sie meist nicht zu rechnen, und mit Verst\u00e4ndnis auf der Arbeit gleich gar nicht.<\/p>\n<p>ABSCHLIESSEND:<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Mit der nochmaligen Frage, warum diese Frauen nicht einfach zu Hause geblieben sind, komme ich zum Ende.<\/p>\n<p>Die Antwort ist eigentlich denkbar einfach: Weil diese Frauen daheim in der Rolle als Hausfrau und Mutter sehr bald sehr ungl\u00fccklich geworden w\u00e4ren. Und weil ungl\u00fcckliche M\u00fctter f\u00fcr die Erziehung von Kindern alles andere als Gl\u00fccksf\u00e4lle sind. (Ungl\u00fcckliche V\u00e4ter \u00fcbrigens auch).<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte betonen, dass das nicht f\u00fcr jede Frau gilt. Auch Frauen sind, Gott sei dank, sehr verschieden. Deshalb darf in Deutschland, wer mag und sich dabei gut f\u00fchlt, den Lebensweg der ausschlie\u00dflichen Hausfrau und Mutter beschreiten. Umgekehrt muss aber auch gelten: Dass andere Frauen andere Wege beschreiten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Dass in beiden F\u00e4llen die h\u00e4usliche und m\u00fctterliche Arbeit weder gesellschaftlich, noch von Staats wegen angemessen gerechnet und anerkannt wird, ist eine Schande.<\/p>\n<p>Vielleicht wirft mir nun der eine oder andere von Ihnen vor, ich habe das Wohl der Kinder und der Familie zu wenig im Auge. Da widerspreche ich entschieden und empfehle die Lekt\u00fcre des \u201eStern\u201c der vergangenen Woche. Dort wird aufschlussreich entwickelt, dass Familie ein guter Ort f\u00fcr Kinderaufzucht sein kann, es aber keineswegs von Natur aus ist. Dass vielmehr in Deutschland heute etwa 35 Prozent der jungen Familien mit der Erziehung von Kindern weitgehend bis v\u00f6llig \u00fcberfordert sind. Auch und manchmal gerade dort, wo junge M\u00fctter den ganzen Tag daheim sind.<\/p>\n<p>Will sagen: Die Lebenswirklichkeit ist &#8211; und war es, wie wir geh\u00f6rt haben, auch in fr\u00fcheren Zeitaltern schon \u2013 mit dem Beharren auf realit\u00e4tsfernen Idyllebildern weder verstehbar noch erkl\u00e4rbar. Erst recht nicht l\u00e4sst sie sich damit bew\u00e4ltigen oder gar ver\u00e4ndern. Weshalb es einerseits mit der von Frau Herman und Herrn Mixa herbeigesehnten Gegenemanzipation nix werden wird. Weshalb andererseits die Herstellung von besseren Bedingungen f\u00fcr die Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern nicht als Vollendung der Frauenemanzipation missverstanden werden darf.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen zur Diskussion um demographischen Wandel, Familien- und Ehekrise nebst der von Eva Herman, Bischof Mixa und Co. forcierten Kampagne f\u00fcr die R\u00fcckkehr zur traditionellen Frauenrolle. *** (Unkorrigiertes Vortragsmanuskript, teils ausformuliert, teils nur in Stichworten. Das Referat wurde 3. M\u00e4rz 2007 bei Marienberger Seminaren gehalten.) Meine sehr geehrten Damen und Herrn, ich habe ein riesiges [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[301,296,295,290,293,313,300],"tags":[9],"archiv":[60,203],"archiv_inhaltlich":[277,271,262,275,270,269,276],"class_list":["post-5143","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","category-gesellschaft_zeitgeist","category-kunstsparten","category-politik","category-themen","category-vortraege","category-wissenschaft_bildung","tag-freier-lesetext","archiv-60","archiv-2007-03","archiv_inhaltlich-geschichte","archiv_inhaltlich-gesellschaft-zeitgeist","archiv_inhaltlich-kunstsparten","archiv_inhaltlich-politik","archiv_inhaltlich-themen","archiv_inhaltlich-vortraege","archiv_inhaltlich-wissenschaft-bildung"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5143"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5144,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5143\/revisions\/5144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5143"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=5143"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=5143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}