{"id":5141,"date":"2009-04-27T10:29:00","date_gmt":"2009-04-27T09:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5141"},"modified":"2024-10-11T10:34:46","modified_gmt":"2024-10-11T09:34:46","slug":"im-anfang-war-johann-sebastian-bach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2009\/04\/27\/im-anfang-war-johann-sebastian-bach\/","title":{"rendered":"Im Anfang war Johann Sebastian Bach"},"content":{"rendered":"<p>(<em>Unkorrigiertes Manuskript, teils ausformliert, teils in Stichworten eines etwa 2-st\u00fcndigen Vortrages \u00fcber Leben, Werk, Bedeutung von Bach. Gehalten am 26.4.09 bei den Marienberger Seminaren.)<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Meine Sehr verehrten Damen und Herrn,<\/p>\n<p>herzlich willkommen zu diesen drei Stunden \u00fcber Johann Sebastian Bach. W\u00e4re dies eine Festveranstaltung, w\u00fcrde sie nat\u00fcrlich umstandslos beginnen mit klingendem Spiel aus der Feder des 1685 in Eisenach geborenen und 1750 in Leipzig gestorbenen Musikers. Nun sind wir aber bei den Marienberger Seminaren, was allemal bedeutet: Auch dem Kunstgenuss will und soll sich das Auditorium mit wachem Verstand n\u00e4hern. Weshalb am Anfang der Veranstaltung einmal mehr das Wort steht.<\/p>\n<p>Keine Angst, Sie kriegen reichlich Musik. Nach einer kleinen Hinf\u00fchrung durch mich, werden Volker Siefert und Sabine Melchioriuns mit einem etwa 20-min\u00fctigen Musikblock in die Klangwelt Bachs entf\u00fchren. Danach folgt mein Vortrag Station um Station dem Leben dieses schon fast sagenumwobenen Komponisten und Virtuosen des Barock. Wir werden dabei nicht nur einem bedeutenden Musiker und seinem Schaffen n\u00e4hertreten, sondern auch einen \u00fcberaus interessanten Menschen kennenlernen. Ich werde dabei ihr Augenmerk auf Seiten von Bachs Pers\u00f6nlichkeit lenken, die im Zuge der traditionellen deutschen Verehrungskultur entweder vergessen oder ganz bewusst marginalisiert wurden.<\/p>\n<p>Etwa zur Mitte des Seminars kommt wieder Volker Siefert mit Musik zum Zuge, dann mit einem Block Bachscher Kirchenmusik, die ja eine zentrale Komponente seines Schaffens darstellt. Dieser kirchenmusikalische Block f\u00fchrt zugleich in den letzten Teil meines Vortrages hinein, der sich einerseits mit der letzten und l\u00e4ngsten Phase in Bachs Leben befasst: seinen beinahe 28 Jahren als Thomaskantor zu Leipzig. Andererseits werde ich auch kurz darauf eingehen, was nach Ableben des Musikers Seltsames geschah: Seine Musik verschwand f\u00fcr fast 80 Jahre fast v\u00f6llig aus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Bevor wir nun ins Thema richtig einsteigen, m\u00f6chte Ihnen noch sagen, was dieses heutige Seminar NICHT bietet. Erstens: Ersch\u00f6pfende Vollst\u00e4ndigkeit. Die kann es beim Referieren \u00fcber ein Menschenleben nie geben; erst recht nicht bei einem Leben, das ein so gewaltiges, vielgestaltiges und bedeutsames Oeuvre hevorgebracht hat wie im heute vorliegenden Fall. Dieses Seminar wird folglich Schwerpunkte setzen, von ausgew\u00e4hlten Aspekten aus Bachs Leben und Werk handeln. Wobei ich hoffe, dass meine Auswahl und ihre Anordnung dann doch ein recht brauchbares Gesamtbild hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was das Seminar zweitens nicht bietet: Ich werde Sie auf keinen Fall mit musikwissenschaftlichen Formanalysen Bachscher Werke drangsalieren. Sollten sich passionierte Bach-Spezialisten unter Ihnen befinden, so seien diese um Nachsicht gebeten. Dieses Seminar ist nicht als Beitrag zu akademischem Bach-Diskurs und akademischer Bach-Rezeption gedacht. Es richtet sich vielmehr als allgemeinverst\u00e4ndliche, interessante und durchaus auch kurzweilige Einf\u00fchrung in Leben, Werk und Bedeutung von Johann Sebastian Bach ans breite Publikum, an interessierte Bach-Laien, ja an Musik-Laien. So wurde die Veranstaltung angek\u00fcndigt, so ist sie konzipiert, so wird sie uns allen, hoffe ich, Hirn und Herz erfreuen.<\/p>\n<p>In medias res! (Zur Sache, Sch\u00e4tzchen)<br \/>\nLassen sie uns ganz kurz und grob kl\u00e4ren, in welchem welthistorischen Umfeld wir uns bei der Besch\u00e4ftigung mit J.S. Bach bewegen. Als Bach 1685 zur Welt kommt, herrscht Ludwig der XIV. (der Sonnenk\u00f6nig) im 42. Jahr \u00fcber Frankreich, 30 weitere sollten noch folgen. Der Westf\u00e4lische Friede und damit die Neuordnung Europas nach katholischen und protestantischen Einflusssph\u00e4ren liegt 37 Jahre zur\u00fcck. W\u00e4hrend Bachs Lebzeit schwingt sich Preu\u00dfen von einem bedeutungslosen F\u00fcrstentum zum K\u00f6nigreich von europ\u00e4ischem Gewicht auf, versucht Zar Peter der Gro\u00dfe Russland zu einer modernen europ\u00e4ischen Gro\u00dfmacht zu entwickeln. Kurzum: Bach wird ins \u201eZeitalter des Absolutismus\u201c hineingeboren, und zwar auf der protestantischen Seite. Zu seinen Zeitgenossen z\u00e4hlen etwa Isaac Newton, John Locke, Leibniz, Voltaire, Rousseau.<\/p>\n<p>Was sagt uns das? Die Welt zu Bachs Zeit befand sich auf allen Ebenen im Umbruch und steckte voller Widerspr\u00fcche \u2013 politisch, technisch, \u00f6konomisch, geistig. Leider wissen wir sehr wenig dar\u00fcber, ob und wie unser Mann davon etwas mitbekam und beeinflusst wurde. Denn Johann Sebastian hat au\u00dfer Noten kaum schriftliche Zeugnisse hinterlassen, \u00fcberhaupt war er kein gro\u00dfer Schreiber. Da er die meiste Zeit seines Lebens in der th\u00fcringisch-s\u00e4chsischen Provinz verbrachte, geht man davon aus, dass er nicht eben der Allerweltl\u00e4ufigste war. Ausgenommen die musikalischen Entwicklungen in Europa, denen er stets mit wachem Interesse begegnete, ohne deshalb freilich gleich dr\u00e4ngende Erkundungsenergie zu entwickeln. Anders als die meisten gro\u00dfen Klassikmusiker in der Geschichte, begab sich Bach nie auf ausgedehnte Auslandsreisen.<\/p>\n<p>== Exkurs (freie Rede): Die Orte in denen Bach lebte, Regionalverteilung, historische Bedeutung \u2013 Eisenach, Ohrdruf, L\u00fcneburg, Arnstadt, M\u00fchlhausen, Weimar, K\u00f6then, Leipzig.<\/p>\n<p>Daher wohl r\u00fchrt das in der Musikgeschichte lange verbreitete Bild von Bach als armem, unbekanntem und von der Welt verkannten Provinzorganisten. Ein falsches Bild, wie wir inzwischen wissen. Er war zu Lebzeiten kein Unbekannter. Allerdings war sein Ruf von ganz anderer Natur als derjenige seiner musikalischen Zeitgenossen Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich H\u00e4ndel. Diese beiden waren schillernde Superstars des barocken Musikbetriebes, gingen in den H\u00f6fen und notablen Salons Europas ein und aus, feierten in Konzerts\u00e4len und vor allem auf Opernb\u00fchnen der in- und ausl\u00e4ndischen Metropolen umjubelte und brillant bezahlte Triumphe.<\/p>\n<p>Bach hat nicht eine einzige richtige Oper komponiert. Seinen kirchlichen und weltlichen Werken hing damals der Ruf an, sehr ernst und sehr kompliziert zu sein. Er selbst galt als grantiger Eigenbr\u00f6tler und als kaum gesellschaftsf\u00e4hig. Man hielt ihn f\u00fcr einen k\u00fcnstlerischen Puristen, der sich um Vorlieben des Publikums und um den Zeitgeschmack nicht im geringsten schert. Ein Komponist, der die Musikform der zu gr\u00f6\u00dfter Komplexit\u00e4t entwickelten Fuge als wichtigsten Weg und Gipfel musikalischen Schaffens betrachtete, konnte damals und kann bis heute schwerlich zu Popularit\u00e4t gelangen.<\/p>\n<p>Dennoch kannten Musiker und Musikliebhaber all\u00fcberall seinen Namen, sprachen mit Hochachtung, ja fast scheuem Respekt von ihm und seiner Kunst. Sie wussten oder sp\u00fcrten: In Bach haben sie einen Meister vor sich, einen wahrhaft Gro\u00dfen \u2013 den nur kaum einer wirklich versteht. Im Mai 1747 besucht der Thomaskantor auf Einladung Friedrichs des II. das neue Schloss Sanssouci bei Berlin. Der Preu\u00dfenk\u00f6nig war ein gro\u00dfen Freund der Musikkunst, komponierte selbst (nicht besonders gut), spielte aber mit einigem Talent Querfl\u00f6te. Als ihm die Ankunft von Johann Sebastian gemeldet wurde, gebot Friedrich dem allf\u00e4llig h\u00f6fischen Geschnatter und Get\u00e4ndel sogleich Ruhe und verk\u00fcndete respekt- wie erwartungsvoll: \u201eDer alte Bach ist da\u201c.<\/p>\n<p>Womit es nun auch f\u00fcr uns Zeit f\u00fcr den ersten Musikblock wird. Ich habe Herrn Siefert gebeten, ans Ende dieses Blockes eine typische Bachsche Fuge zu setzen, damit wir einen Eindruck gewinnen k\u00f6nnen von der Art Musik, die f\u00fcr Bach ein Leben lang von zentraler Bedeutung war. Um Ihnen das H\u00f6ren dann etwas zu erleichtern, noch kurz ein paar S\u00e4tze zur Fuge generell.<\/p>\n<p>Was ist eine Fuge?<br \/>\nDie Fuge ist eine musikalische Form, die einem bestimmten Kompositionsprinzip folgt. Das besteht laut Lexikon vor allem daraus, dass ein zu Beginn vorgestelltes musikalisches Hauptthema auf imitierende Weise durch alle Stimmen gef\u00fchrt wird. Wobei diese Stimmen, in gleichberechtigtem Verh\u00e4ltnis zueinander stehen. In der Regel sind es gem\u00e4\u00df den Stimmlagen im Chor vier Stimmen \u2013 Sopran, Alt, Tenor, Bass.<br \/>\nEin \u00e4hnliches Formprinzip d\u00fcrfte Ihnen allen noch aus der Schulzeit gut bekannt sein: der Kanon.<br \/>\nBeispiel: Bruder Jakob schl\u00e4fst du noch.<br \/>\nMit zeitversetzten Eins\u00e4tzen singen dann die Gruppen das Lied oder Thema eigenst\u00e4ndig durch, um an einem bestimmten Punkt gemeinsam auf zu enden. Wenn der Kanon gut komponiert ist und richtig gesungen wird, macht der Gesamtklang was her. Und wenn der Dirigent den Schlusspunkt richtig gew\u00e4hlt hat, finden die Stimmen am Ende zu einem sch\u00f6nen Schlussakkord wieder zusammen. \u00c4hnlich, wenn auch viel komplizierter, ist es bei der Fuge \u2013 weshalb vom 14. Jahrhundert bis etwa Ende des 16. der Kanon auch Fuge genannt wurde.<\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Grundunterschiede zwischen beidem wird schlie\u00dflich: In der Fuge wird bald nicht mehr nur das unver\u00e4nderte Thema durch die diversen Stimmen gef\u00fchrt, sondern das Thema erf\u00e4hrt unterwegs das Thema Ver\u00e4nderungen, Variationen. Es werden Zwischenmodulationen eingebaut, das Thema selbst wird entwickelt, umstrukturiert, auf den Kopf gestellt, gespiegelt, rumgedreht, zerst\u00fcckelt, neu zusammengesetzt und das oft in jeder Stimme auf unterschiedliche Weise. Zu einem Hauptthema kann sich ein zweites, manchmal ein Drittes gesellen, die wiederum durch alle Stimmen gef\u00fchrt und dabei variiert werden; das Werk nennt sich dann Doppel- oder Tripelfuge. Und wie kein anderer je zuvor und auch keiner mehr nachher erforscht und erprobt Johann Sebastian Bach systematisch den gewaltigen Kosmos der fugalen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Sein unter dem Titel \u201eDie Kunst der Fuge\u201c erschienener ber\u00fchmter Zyklus umfasst 14 Fugen und vier Kanons, denen im Prinzip ein einziges Thema zugrunde liegt, das sie in allen erdenklichen Formen durchgestalten. \u201eDie Kunst der Fuge\u201c ist, \u00e4hnlich wie Bachs Zyklus \u201eDas Wohltemperierte Klavier\u201c gewisserma\u00dfen eine Art Forschungsbericht und Lehrbuch zugleich. \u00dcberhaupt hat sich Bach selbst mehr als Musikgelehrter denn als K\u00fcnstler verstanden. Aber ist ein anderes Thema.<br \/>\nJetzt sind Sie dran Herr Siefert.<\/p>\n<p>MMMMMMMMMMM<\/p>\n<p>\u201eNicht Bach, sondern Meer sollte er hei\u00dfen&#8220;, mit diesen Worten verneigte sich Ludwig van Beethoven im Gedenken an Bach, weil in dessen Schaffen zahllose Musikstr\u00f6mungen genial zusammenflossen. Die Romantik verkl\u00e4rte den Leipziger Thomaskantor dann zum Gottvater der Tonkunst &#8211; Denkmal und Lehrer ist Bach von da bis heute geblieben. Bei seinen Zeitgenossen war das, wie schon gesagt, etwas anders. Bevor er als Komponist \u00fcberhaupt wahrgenommen wurde, galt er in deutschen Landen vor allem als bis zur Schrulligkeit unbestechlicher Orgelpr\u00fcfer. Wurde in irgendeiner Kirche eine neue Orgel gebaut, wurde Bach engagiert, sie abzunehmen. Sein gestrenges Urteil war bei den Orgelbauern insbesondere in Th\u00fcringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Ungl\u00e4ubiges Staunen rief damals bei denjenigen, die es miterlebten, Bachs virtuoses Orgelspiel hervor. Andreas Liebert hat in seinem 1999 oder 2000 erschienen Roman &#8222;Mein Vater, der Kantor Bach&#8220; allerlei Bekanntes und Verb\u00fcrgtes mit gebotener erz\u00e4hlerischer Freiheit zu einer kundigen wie lebhaften Bach-Ann\u00e4herung verwoben. Darin wird folgende vielsagende Episode erz\u00e4hlt. Bach besuchte in den 1730er-Jahren mit Sohn Friedemann in Dresden eine Auff\u00fchrung von Adolph Hasses Oper &#8222;Cleofide&#8220;. Tags darauf sitzt er an einem Dresdner Orgeltisch:<br \/>\n&#8222;Die Kirche war bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. S\u00e4mtliche Hofmusiker waren zugegen (&#8230;). Bach wandte sich um, richtete die Augen auf den Altar. Dann senkte er den Kopf und betete: &#8218;La\u00df dir wohlgefallen die Rede meines Mundes und das Gespr\u00e4ch meines Herzens vor dir, Herr.'(&#8230;) Dann begann er zu spielen. Ein kolorierter Choral machte den Anfang. Ein schlichter Beginn, aber Bach verzierte die Melodie so originell, dass die Zuh\u00f6rer die Luft anhielten. (&#8230;)&#8220;<br \/>\nSodann spielte Bach der beschwingten Stadt Dresden eine Orgelsonate voller Grazie und Lebenszugewandtheit auf, wechselte alsbald mit einem gewaltigen Akkord zu seinem c-Moll-Pr\u00e4ludium, das mit &#8222;Klangmassen \u00e4ngstigte und zerknirschte&#8220;. Es folgten drei Chor\u00e4le, die &#8222;das bewegte Herz f\u00fcr die Andacht gegen Gott&#8220; \u00f6ffnen sollten. Schlie\u00dflich der H\u00f6hepunkt: Bach fantasierte \u00fcber ein Thema aus der Oper &#8222;Cleofide&#8220;. Deren anwesender Komponist &#8222;starrte zur Orgel: Was tat dieser Mann mit seiner Melodie? Bach pr\u00e4sentierte sie in einem kanonischen Pr\u00e4ludium im vollen Werk. (&#8230;) Die H\u00e4lfte der K\u00f6pfe hatte sich gedreht. Viele M\u00fcnder standen offen. Hasse sch\u00fcttelte den Kopf, wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.<br \/>\n(&#8230;) Nach einer ausgedehnten Fuge \u00fcber Hasses Thema modulierte Bach in seine d-Moll-Toccata, deren Unisono-Anfang wie ein Blitzstrahl durch die Kirche zuckte. Bach tobte sich aus, spielte mit atemberaubender Geschwindigkeit und steigerte den Toccatenschluss in solch ungeheuerliche Klanggewalt, dass einige die H\u00e4nde falteten und zu beten begannen. &#8211; ,Wer nur den lieben Gott l\u00e4\u00dft walten`: im schlichten vierstimmigen Satz endete Bach sein Konzert. Die j\u00e4he Stille war l\u00e4hmend, aber nahezu vollkommen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Schilderung mag romanhaft \u00fcberzeichnet sein, deckt sich aber mit vielen anderen Berichten. Sie macht einige wesentliche Z\u00fcge in Bachs Werk und Pers\u00f6nlichkeit deutlich, auf die wir heute noch \u00f6fter sto\u00dfen werden: Die tiefe Religiosit\u00e4t des Komponisten, der bis in einzelne Takte hinein seine Musik in den Dienst am Glauben stellt. Seine \u00fcberragende musikalische und spieltechnische Genialit\u00e4t, die ihm den souver\u00e4nen Umgang mit jeder Musik, egal welcher Schwierigkeit, erlaubte. Dazu Bachs Besessenheit von der Musik und seine daraus resultierende Vierschr\u00f6tigkeit, ja \u00dcberheblichkeit im Umgang mit jenen, denen Musik nicht Nabel der Welt war.<\/p>\n<p>Diplomatisch war es gewiss nicht, dem bei Hofe so gesch\u00e4tzten Hasse in aller \u00d6ffentlichkeit vorzuexerzieren, was sich aus seinen Melodien mit Bachscher Kunst Gro\u00dfes machen lie\u00dfe. Doch Diplomat war Bach nie, eher ein renitenter, bisweilen heftig aufbrausender Querkopf und Dicksch\u00e4del.<\/p>\n<p>Johann Sebastian Bach wird heute verwehrt als &#8222;Jahrtausend-Genie&#8220;. Das noch immer landl\u00e4ufige Verst\u00e4ndnis vom begnadeten, quasi vom Himmel gefallenen Genie wurzelt in der zu mystischen Verkl\u00e4rungen neigenden Romantik. Dass zur Entfaltung von individuellem Talent auch Flei\u00df, Neugierde sowie ein f\u00f6rderliches Lebensumfeld geh\u00f6ren, wird bei allgemeiner Neigung zur Verg\u00f6tterung, zu Helden- und Star-Kult gerne \u00fcbersehen. Bach konnte nur zum Musikgiganten werden, weil er am 21. M\u00e4rz 1685 in Eisenach in eine Familie hineingeboren wurde, f\u00fcr die Musizieren als Handwerk zum Broterwerb und Musik als Lebensinhalt seit Generationen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war.<\/p>\n<p>Das st\u00e4dtische Leben in der zweiten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts kennt eine Musikkultur, von deren Reichhaltigkeit man sich heute kaum mehr einen Begriff macht. F\u00fcrstenhof, Kommune, Schule und Kirche sind die vier S\u00e4ulen der offiziellen Musikpflege, dazu kommen Salons, Gasth\u00e4user, Familien. Zum Zeitpunkt von Johann Sebastians Geburt z\u00e4hlt Eisenach gerade 6000 Einwohner, auf die etwa zwei bis drei Dutzend haupt- und nebenamtliche Musiker plus Sch\u00fcler und Laien kommen. Die Stadt unterh\u00e4lt eine Ratsmusik-Kompagnie, die zwei Mal t\u00e4glich vom Rathaus-Balkon und zu vielen anderen Anl\u00e4ssen aufspielt. Der herzogliche Hof unterh\u00e4lt ebenfalls eine Kapelle. Die Lateinschule (Gymnasium) ist Ort intensiver Musikerziehung, ihr Chorus musicus zentraler Vokal-Klangk\u00f6rper der Stadt und zugleich Kirchenchor.<\/p>\n<p>Bachs Vater Ambrosius \u00fcbt in Eisenach das Amt des obersten Stadtmusikers nicht-akademischen Rangs aus; sein Onkel Johann Christoph ist dort Stadtorganist und Hofcembalist. Und wohin auch immer man seinerzeit zwischen Eisenach, Erfurt und Schweinfurt kommt: Irgend ein Herr namens Bach spielt die Orgel, dirigiert den Chor, geigt am ersten Pult. Bache unterrichten &#8222;Lehrlinge und Gesellen&#8220; (Musiker galten vielerorts als eine Art Handwerkszunft) auf Tasten-, Blas-, Zupf- und Streichinstrumenten, lehren Notenschreiben und musikalische Formen. Ein dichtes Netz von Berufsmusikern aus dem Bach-Clan \u00fcberzieht gut eineinhalb Jahrhunderte lang vor allem Th\u00fcringen.<\/p>\n<p>So selbstverst\u00e4ndlich wie Sprechen, Laufen und Lesen, lernen Johann Sebastian und andere Jung-Bache jeweils etliche Instrumente zu spielen. Gesang ist ohnehin allgegenw\u00e4rtig. Das Instrumentalspiel bringt automatisch erste Komponiererfahrung mit sich, denn die herrschende Lehrmethode des Barock l\u00e4\u00dft Sch\u00fcler exemplarische Werke erst auswendig lernen, sodann nachahmen.<\/p>\n<p>Mit dem Onkel kriecht klein Sebastian, Lappen und Werkzeug schwingend, in der Orgel herum. Die Pflege und Wartung des Instruments war damals Organistenpflicht. Wann immer er in Eisenach oder anderswo Orgelbauer am Werk sieht, gesellt er sich hinzu. Bach wird sp\u00e4ter nicht nur der gr\u00f6\u00dfte Orgel-Virtuose, sondern auch der angesehenste Sachverst\u00e4ndige f\u00fcr Orgeltechnik in Mitteldeutschland sein. Dieses Interesse ebnet dem 18-J\u00e4hrigen den Weg zu seiner ersten Organistenstelle: In Arnstadt vertraut man ihm die technische Abnahme und das Einweihungskonzert einer neuen Orgel an und beh\u00e4lt ihn dann.<\/p>\n<p>Doch zuvor gilt es, Schicksalsschl\u00e4ge zu verwinden. Der 10-J\u00e4hrige verliert kurz hintereinander Mutter und Vater; er wird aufgenommen im Haushalt seines 14 Jahre \u00e4lteren Bruders Christoph, Organist im th\u00fcringischen Ohrdruf. Der ist ein eifriger, weltoffener Musiksammler und erm\u00f6glicht Johann Sebastian vermutlich auch die erste Besch\u00e4ftigung mit Qualit\u00e4tsmusik aus ganz Europa. Horizonte sind ge\u00f6ffnet. Und weil dem 15-J\u00e4hrigen am Lyzeum in Ohrdruf kein &#8222;Freitisch&#8220; mehr zusteht, der Bruder ihn ohne dieses Stipendium f\u00fcr begabte Waisenkinder aber nicht ern\u00e4hren kann, muss er sich entscheiden: Sofort Musikhandwerker werden oder andernorts M\u00f6glichkeiten finden, die h\u00f6here Schule abzuschlie\u00dfen. Johann Sebastian entscheidet sich f\u00fcr Letzteres, reist nach Norddeutschland und wird &#8211; vermittelt vom Ohrdrufer Kantor Elias Herda &#8211; in die Oberklasse der angesehenen L\u00fcneburger Michaelisschule aufgenommen. Oft wandert er von dort nach Hamburg, vor allem um die bedeutendsten Organisten jener Zeit zu h\u00f6ren: Johann Adam Reinken und Dietrich Buxtehude.<\/p>\n<p>Johann Sebastian ist der erste aller Bache, der den Weg zu akademischer Bildung einschl\u00e4gt. Zwar wird er nie eine Universit\u00e4t besuchen, sondern &#8222;nur&#8220; autodidaktisch &#8222;studieren&#8220;, aber schon hier, in jungen Jahren, manifestiert sich sein sp\u00e4ter ureigenes Selbstverst\u00e4ndnis: Nicht blo\u00df Virtuose, Musik-Gelehrter will er sein. Doch 1703 landet der L\u00fcneburger Schulabsolvent erst mal als musizierender &#8222;Lakai Bach&#8220; in der Kapelle des Herzogs von Sachsen-Weimar.<br \/>\nBachs erste Stellung nach Abschluss der Schulzeit ist also die eines namenlosen Orchestermusikers am kurf\u00fcrstlichen Hof zu Weimar. Dort h\u00e4lt es den 18-J\u00e4hrigen gerade ein paar Monate. Er folgt bald einem Ruf ins th\u00fcringische Arnstadt, wo er 1703 bis 1707 seine erste Organistenstelle an der Neuen Kirche St. Bonifatius innehat. T\u00e4glich mehrmals spielt er in Gottesdiensten und Andachten, zu Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Er hat den Chor zu leiten und komponiert auch selbst gelegentlich ein St\u00fcck.<\/p>\n<p>Doch ist Johann Sebastian alles andere als ein f\u00fcgsamer Diener seiner Herren. Zusehends ger\u00e4t er mit Stadtoberen und kirchlichen Vorgesetzten in Konflikt. Was jenseits der Stadtgrenzen seinen Ruf als Orgelvirtuose begr\u00fcndet, stellt f\u00fcr die heimische Gemeinde nur Anlass zur Klage dar: Der Herr Bach improvisiere gar zu arg, verschn\u00f6rkele sein Orgelspiel, das Mitsingen werde immer schwieriger. Mehrfach wird der Organist verwarnt &#8211; doch der trotzt, vom kunstvoll kreativen Spiel will er nicht lassen.<\/p>\n<p>Nach einem Studienaufenthalt bei Friedrich Buxtehude in L\u00fcbeck, f\u00fcr den er seinen Urlaub eigenm\u00e4chtig um einige Wochen verl\u00e4ngert, klingen die Orgelt\u00f6ne noch kunstsinniger, noch &#8222;moderner&#8220;. Zugleich wird das Verh\u00e4ltnis zwischen Bach und seinen Vorgesetzten geradezu unwirsch. Dann noch dieser, von der Chronik \u00fcberlieferte Vorfall: Chorleiter Bach soll sich auf dem Marktplatz von Arnstadt \u00f6ffentlich mit einem oder mehreren seiner Sch\u00fcler gepr\u00fcgelt haben.<br \/>\nProbleme mit Z\u00f6glingen begleiten ihn zeitlebens &#8211; der Meister hat einfach keine Lust, sich mit unwilligen und nicht oder nur m\u00e4\u00dfig talentierten Scholaren und Choristen herumzuplagen. Schon in Arnstadt insistiert der J\u00fcngling (viele seiner Sch\u00fcler sind \u00e4lter als er) auf die Einstellung eines Chorleiters. Auch als reifer Thomaskantor dr\u00fcckt er sich sp\u00e4ter in Leipzig, obschon ansonsten \u00fcberaus flei\u00dfig, vor schulischen Pflichten, wann immer er kann. Wiederholt besch\u00e4ftigt er sogar &#8211; sehr zum \u00c4rger der Dienstherren &#8211; auf eigene Rechnung Hilfslehrer, die ihn von ungeliebten Arbeiten entlasten.<\/p>\n<p>Bachs Arnst\u00e4dter &#8222;Sturm-und-Drang-Zeit&#8220; endet 1707, als er die Organistenstelle in der freien Reichsstadt M\u00fchlhausen annimmt. Dort erh\u00e4lt er zwar ein gutes Sal\u00e4r, kann seine junge Familie ordentlich versorgen und ist wohl auch als Kompositeur willkommen. So erfreulich die Verh\u00e4ltnisse also f\u00fcr ihn sind, bald schon rei\u00dft er vor dem dort heftig entflammten Streit zwischen pietistischer und orthodox-lutherischer Glaubensrichtung aus &#8211; und landet wieder in Weimar. Von 1708 bis 1717 ist er da Hoforganist und Kammermusikus des Herzogs.<\/p>\n<p>Fast neun Jahre wirkt er am Weimarer Hof, befasst sich w\u00e4hrend dieser von relativem Wohlstand gepr\u00e4gten Lebensetappe haupts\u00e4chlich mit weltlicher Musik. In diese Zeit f\u00e4llt wohl auch sein entscheidender Durchbruch zum Komponieren, f\u00fcr das er nie systematischen Unterricht erhalten hatte. Die Motivation, sich intensiver dem Komponieren zu widmen, wurde wohl befl\u00fcgelt durchs Bachs intensive Besch\u00e4ftigung mit Antionio Vivaldis Violinkonzerten, die er in Weimar f\u00fcr Klavier umarbeitet. Einige seiner fr\u00fchen Komposition aus dieser Zeit, sollten sp\u00e4ter als Teil einer gr\u00f6\u00dferen Werksammlung ber\u00fchmt werden: der Brandenburgischen Konzerte. Auf die komme ich nachher noch einmal. Das Ende von Bachs Weimarer Phase jedenfalls ist derart, dass mancher Bach-Verehrer die Episode nur zu gern \u00fcbergeht:<\/p>\n<p>Bach hat ein reizvolles Angebot aus K\u00f6then bekommen, das er unbedingt annehmen m\u00f6chte. Aber der in Leibeigenschafts-Kategorien denkende Weimarer Herzog will &#8222;seinen Organisten&#8220; nicht ziehen lassen. Der immerhin schon 32-j\u00e4hrige und inzwischen in Mitteldeutschland fast ber\u00fchmte Johann Sebastian schimpft, flucht, wird ganz unbotm\u00e4\u00dfig laut gegen seinen Herzog &#8211; und wandert darob f\u00fcr 20 lange Tage in den Kerker. Am Ende setzt Bach seinen Dickkopf auf etwas eigent\u00fcmliche Art doch noch durch: Man schmei\u00dft ihn mit Gattin, drei kleinen S\u00f6hnen, Sack und Pack hochkant aus Weimar hinaus.<\/p>\n<p>Lassen sie uns einen Abstecher zum Familienleben des Musicus machen. Bach war zwei mal verheiratet. Seine beiden Frauen brachten insgesamt 19 Kinder zur Welt, von denen etwa die H\u00e4lfte das Erwachsenenalter nicht erreichte. Eine f\u00fcr das fr\u00fche 18. Jahrhundert durchaus normale Sterblichkeitsquote, die allerdings deutlich macht, dass Leid und Trauer damals auch in Haushalten mit vergleichsweise solidem Lebenstandard wie bei den Bachs regelm\u00e4\u00dfig zu Gast waren.<\/p>\n<p>Johann Sebastian war 22 Jahre alt, als er w\u00e4hrend seiner Zeit in Arnstadt seine erste Frau kennenlernte und zwar \u00fcber die Musik. Maria Barbara war Sopranistin und eine Cousine zweiten Grades von ihm. In den Ratsakten von Arnstadt ist notiert, der Herr Organiste habe eine &#8222;frembde Jungfer auf das Chor&#8220; geholt und &#8222;musicieren la\u00dfen&#8220;. Sie m\u00fcssen sich das vorstellen: Im Jahre 1707 holt ein blutjunger, im winzigkleinen Arnstadt nicht sonderlich beliebter Organist eine fesche Maid \u2013 die Maria Barbara gewesen sein soll \u2013 auf die Kirchenempore, um mit ihr dort in trauter Zweisamkeit und fern der \u00f6ffentlichen Kontrolle zu musizieren und wohl auch etwas S\u00fc\u00dfholz zu raspeln. Solches Benehmen verstie\u00df gegen eindeutig gegen die seinerzeitige Anstandsnorm und war f\u00fcr die Herren des th\u00fcringischen Provinzst\u00e4dtchen ein Skandal, der auch nicht dadurch kleiner wurde, das die beiden noch im selben Jahr heirateten.<\/p>\n<p>Mit Maria Barbara hatte Johann Sebastian insgesamt sieben Kinder, darunter auch Wilhelm Friedemann. Dieser \u00e4lteste Bach-Spr\u00f6\u00dfling sollte neben seinem Bruder Carl Philipp Emanuel, Kammercembalisten Friedrichs des Gro\u00dfen, die musikalische Tradition des Vaters fortsetzen. Jedoch war Friedemann, dem wohl gr\u00f6\u00dften Komponistentalent unter Bachs Kindern, kein sch\u00f6ner Lebensabend verg\u00f6nnt. Nach einigen beruflichen Erfolgen &#8211; er brachte es bis zum Musikdirektor von Halle &#8211; starb er arm, vergessen und m\u00f6glicherweise geistig-nervlich zerr\u00fcttet in Berlin.<br \/>\nAuch das Leben seines Vaters war von harten Schicksalsschl\u00e4gen nicht verschont geblieben. In seiner Weimarer Zeit trafen zwei Totgeburten die &#8222;Bache&#8220; schwer. Es sollte noch schlimmer kommen. 1720 starb nach 13 Jahren &#8222;vergn\u00fcgter Ehe&#8220; pl\u00f6tzlich Maria Barbara. Ihr Mann, inzwischen Kapellmeister und Kompositeur am F\u00fcrstenhof in K\u00f6then, stand pl\u00f6tzlich mit drei S\u00f6hnen allein in der Welt.<\/p>\n<p>Vom Tod Maria Barbaras hart getroffen, blieb Bach dennoch nicht allzu lange allein. Im Dezember 1721 heiratete er die erst 20-j\u00e4hrige Anna Magdalena, j\u00fcngste Tochter eines f\u00fcrstlichen Hof- und Feldtrompeters, und selbst Hofs\u00e4ngerin in K\u00f6then. Von ihr schrieb Bach im 1730, da\u00df sie &#8222;gar einen sauberen Soprano singet&#8220;. Die musikalische Gattin gebar ihm im Laufe der 29-j\u00e4hrigen Ehe 13 Kinder. Um die Erziehung seiner zahlreichen Spr\u00f6\u00dflinge k\u00fcmmerte sich der Vater h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Denn Bach war stolz auf seine musikalische Familie. Den musizierenden Vorfahren setzte er mit einem selbst verfa\u00dften ausf\u00fchrlichen Stammbaum &#8211; dem &#8222;Ursprung der Musicalisch-Bachischen Familie&#8220; &#8211; ein Denkmal.<br \/>\nDiese Tradition wollte er bewahren. So war er fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df auch seine Kinder, die er stolz &#8222;gebohrene Musici&#8220; nennt, in die Fu\u00dfstapfen ihres Vaters treten werden. Doch die Gr\u00f6\u00dfe Johann Sebastians erreichte keiner.<\/p>\n<p>Das eingangs skizzierte Bild in der \u00d6ffentlichkeit von Bach als vierschr\u00f6tigem, eigenbr\u00f6tlerischem Puristen relativiert sich beim Blick ins Bachsche Hausleben.<\/p>\n<p>= Frei erz\u00e4hlen<br \/>\n&#8211; nat\u00fcrlich war er ein Patriarch;<br \/>\n&#8211; unwirsch, wenn nachl\u00e4ssig ge\u00fcbt und schlecht musiziert wurde;<br \/>\n&#8211; Musik von morgens bis abends in allen Zimmern;<br \/>\n&#8211; nicht nur die eigenen Kinder, auch Privatsch\u00fcler, die teils im Hause logierten;<br \/>\n&#8211; Familienkonzerte, spontane Rundges\u00e4nge bei Tisch;<br \/>\n&#8211; Bach ein Genussmensch: gegessen wurde m\u00f6glichst gut.<\/p>\n<p>Die Jahre in K\u00f6then waren f\u00fcr J.S. Bach musikalisch eine \u00fcberaus produktive Zeit. Der F\u00fcrst war ein kunstsinniger Mann, seinem Hofkapellmeister zumindest in den ersten drei Jahren auch menschlich zugetan. Und er wusste, dass von Nichts nichts gutes kommen kann: Seine Hofkapelle war mit exquisiten Musikern besetzt, f\u00fcr die Bach auch sehr schwierige St\u00fccke schreiben konnte. So entstanden denn auch in K\u00f6then einige sehr wichtige Sammelwerke. Etwa das Clavierb\u00fcchlein f\u00fcr Friedemann und das \u201eClavierb\u00fcchlein f\u00fcr Anna Magdalena Bachin\u201c, das Fr\u00fchfassungen der Franz\u00f6sischen Suiten enth\u00e4lt. Beides sind quasi systematisch fortschreitende \u00dcbungshefte f\u00fcr den Instrumentalunterricht. Womit sich Bach bei aller Kunstfertigkeit einmal mehr auch formidabler als Musikdidaktiker erweist.<\/p>\n<p>== Freier Einschub: Kl\u00e4ren, dass Bach mit \u201eClavier\u201c nicht nur das Hammerklavier meint.<\/p>\n<p>Von den \u201eBrandenburgischen Konzerten\u201c war schon kurz die Rede. Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung eigentlich eigenst\u00e4ndiger und auch zu unterschiedlichen Zeiten entstandener St\u00fccke. Dieses Prinzip, selbstst\u00e4ndige und oft unabh\u00e4ngig voneinander geschriebene Kompositionen nachher unter bestimmten Gesichtspunkten zu Zyklen zu vereinen, findet sich bei Bach h\u00e4ufig. Die oben genannten Clavierb\u00fcchlein gehorchen diesem Prinzip. Ebenso Sammlungen wie die Brandenburgischen oder das \u201eWohltemperierte Klavier\u201c, dessen erster Teil ebenfalls in K\u00f6then zustande kam. Wenn wir heute meinen, es handle sich dabei um ins sich geschlossene, auf einen Schwung komponierte Gro\u00dfwerke, dann liegen wir einfach falsch. Bach hat, wie die meisten Komponisten, stets das eigene Oeuvre auch als eine Art Fundus oder Steinbruch f\u00fcr sich selbst benutzt. Soll ja niemand glauben, Beethoven beispielsweise habe sich seine Sinfonien jeweils in einem genialischen Schaffensrausch von der Seele gekotzt. Sowas kommt bisweilen vor, aber in der Regel sind musikalische Gro\u00dfwerke Ergebnisse eines Zusammentreffens von kreativer Inspiration mit bereits geschaffenem Material. Komponisten, meine Damen und Herrn, sind meistens Meister der Synergie \u2013 der Mehrfachverwertung und Variation eigener Ideen.<\/p>\n<p>Nochmal zu den Brandenburgischen Konzerten. Bach hatte Elemente davon bereits in Weimar geschrieben, ohne freilich zu wissen, dass er sie sp\u00e4ter einmal in K\u00f6then mit j\u00fcngeren Kompositionen zusammenpacken w\u00fcrde, um sie 1721 dem Markgrafen von Brandenburg-Schwedt zu widmen. Den hatte er in Berlin kennen- und sch\u00e4tzen gelernt, wohin der K\u00f6thener F\u00fcrst seinen Kapellmeister geschickt hatte, ein neues Cembalo einzukaufen. Bei der R\u00fcckkehr von dieser Reise \u00fcbrigens fand Bach seine erste Frau gestorben und bereits beerdigt. Die Brandenburgischen sind eine Gruppe von sechs wunderbaren Konzerten, die anders als das Wohltemperierte Klavier, die Kunst der Fuge oder die 1741 in Leipzig vollendeten Goldberg-Variationen, noch keinem erkennbaren \u00fcbergreifenden Ordnungsprinzip folgen. Abgesehen von einem vielleicht: F\u00fcr jedes g\u00e4ngige Instrument damaligen Ensemblemusizierens halten die Brandenburgischen eine veritable Solostimme bereit.<\/p>\n<p>Bevor wir uns allm\u00e4hlich der gro\u00dfen Leipziger Bach-Phase und damit auch verst\u00e4rkt seinem kirchenmusikalischen Schaffen n\u00e4hern, noch ein paar S\u00e4tze zum Wohltemperierten Klavier, weil dieser Zyklus f\u00fcr das Schaffen sp\u00e4terer Komponisten \u00e4hnlich bedeutsam ist, wie die Kunst der Fuge. Das WK wird heute als zweiteiliger Zyklus verstanden, von dem jeder Teil aus 24 Pr\u00e4ludien (Vorspielen oder Hinf\u00fchrungen) und 24 Fugen besteht. Der erste Teil entstand 1722\/23 in K\u00f6then, der zwei um 1744 in Leipzig, wobei Bach selbst Letzteren nicht ausdr\u00fccklich als Bestandteil des WK nennt.<\/p>\n<p>Das Raffinierte und f\u00fcr die fernere Musikentwicklung Wichtige ist: Dass die St\u00fccke ihren Grundt\u00f6nen nach chromatisch aufw\u00e4rts durch alle zw\u00f6lf Dur- und Moll-Tonarten f\u00fchren. Damit leistet Bach erstmals eine systematische Erforschung der klanglichen M\u00f6glichkeiten der sogenannten Wohltemperierten Stimmung von Tasteninstrumenten, die seit dem sp\u00e4ten 17. Jahrhundert die bis dahin \u00fcberwiegende Mittelt\u00f6nige Stimmung Zug um Zug als Dominante abl\u00f6ste. Die Sache mit diesen Stimmungen , meine Damen und Herrn, ist eine Wissenschaft f\u00fcr sich. Und wir w\u00fcrden uns alle in tiefe Verzweiflung st\u00fcrzen, wollte ich die damit zusammenh\u00e4ngenden physikalischen, instrumentaltechnischen und h\u00f6rpsychologischen Aspekte jetzt und hier erkl\u00e4ren. Ich habe das andernorts wiederholt versucht und bin kl\u00e4glich gescheitert \u2013 wahrscheinlich, weil ich den ganzen Kladeradatsch selbst nie vollends begriffen habe. Lassen sie uns deshalb einfach festhalten: J.S. Bach hat mit dem WK ein Werk geschaffen, das die M\u00f6glichkeiten und Charaktereigenschaften aller Tonarten der damals noch jungen wohltemperierten Stimmung systematisch auslotet. Womit klar sein sollte, dass es sich beim WK nicht einfach um eine Sammlung sch\u00f6ner, meisterlicher Kompositionen f\u00fcr Klavier, Cembalo und Spinett handelt, sondern fast mehr noch um eine musikhistorische Pioniertat.<\/p>\n<p>Wo wir schon bei den Pioniertaten Bachs sind, muss auch die Sache mit dem Daumen zur Sprache kommen \u2013 eine Innovation, die die Spieltechnik auf Tasteninstrumenten revolutionierte. Beim Orgelvirtuosen Bach bestaunte man zu seiner Zeit, dass er beide H\u00e4nde (und beide F\u00fc\u00dfe dazu) in vollkommener Eigenst\u00e4ndigkeit einzusetzen wusste. Damals v\u00f6llig neu war auch, dass er &#8222;alle Finger benutzte&#8220;, will sagen, auch beide Daumen. Johann Matthias Gesner, Rektor der Leipziger Thomanerschule, schrieb: &#8222;Wenn Du Bach sehen k\u00f6nntest (. . .), wie er mit beiden H\u00e4nden und allen Fingern das Clavier spielt, wie der Rhythmus ihm in allen Gliedern sitzt. Ich glaube, dass mein Freund Bach viele M\u00e4nner wie Orpheus in sich schliesst.&#8220;<\/p>\n<p>Ich will das noch einmal ausdr\u00fccklich hervorheben, weil es gemeinhin nur wenig bekannt ist: Bis ins fr\u00fche und mittlere 18. Jahrhundert wurden Tasteninstrumente im Regelfall blo\u00df mit ACHT Fingern gespielt. Die Benutzung der Daumen war zwar nicht verboten, aber eben auch nicht \u00fcblich \u2013 au\u00dfer um hie und da hilfsweise einen gro\u00dfen Tastenabstand zu \u00fcberbr\u00fccken oder mehrt\u00f6nige Akkorde zu greifen. Die systematische Nutzung der Daumen als variable Drehachse f\u00fcr die \u00fcbrige Hand, war als regul\u00e4re Spieltechnik nicht bekannt. Es dominierte das geradlinige Acht-Fingerspiel, wie es naturw\u00fcchsig auch Kinder anwenden, die ohne Anleitung ein Klavier erkunden&#8230;. 1 Finger, 2 Finger, 4, 8<br \/>\nZB Tonleiterspiel, komplexe Fingers\u00e4tze, \u2026.<br \/>\nBach bezog nun systematisch die Daumen ins Spiel ein \u2013 und er\u00f6ffnete so bis dahin nie wahrgenommene M\u00f6glichkeiten schnellen, flie\u00dfenden, komplexen Vortrages auch von Werken bis dahin nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen Schwierigkeitsgrades. Musikp\u00e4dagoge, der er immer war, geh\u00f6rte die systematische Erarbeitung zweckdienlicher und optimaler Fingers\u00e4tze bald zu den grundlegenden Standards in der Ausbildung seiner Sch\u00fcler. F\u00fcr den Laien ist wohl kaum nachvollziehbar, welch gewaltige Bedeutung die Emanzipation der Daumen beim Tastenspiel f\u00fcr die Entwicklung der Musikkultur darstellt. Aber ohne Daumeneinsatz w\u00e4ren die meisten den Bachschen Klavier- und Orgelwerke nicht spielbar, w\u00e4ren erst recht die unsterblichen Klavierwerke der nachfolgenden Klassik und Romantik schlechterdings undenkbar.<\/p>\n<p>Damit wir uns nicht missverstehen. Johann Sebastian Bach hat weder die musikalische Form der Fuge noch die wohltemperierte Stimmung und auch nicht das Spiel mit den Daumen ERFUNDEN. Das alles existierte schon, fand er vor \u2013 als fr\u00fches Entwicklungsstadium oder noch roh und ungeschliffen, vielfach benutzt, aber unverstanden, unerforscht und wenig durchdrungen. Wie ein Naturforscher und\/oder Ingenieur legte er das vorgefundene Material quasi unter Mikroskop und Seziermesser, ergr\u00fcndete systematisch die Eigenschaften des Materials und seine Entwicklungspotenziale \u2013 um davon dann neue Techniken und Produkte abzuleiten. Bachs Innovationen, die wie gesagt vielfach zugleich musikp\u00e4dagogischen Charakter hatten, funktionieren bis heute als &#8222;Kunst der Entwicklung vorhandenen Materials&#8220;.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wirkten sie bei seinen S\u00f6hnen: Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Christian sind selbst recht bedeutende Komponisten geworden. Carl Philipp verfasste die erste gedruckte Klavierschule \u00fcberhaupt. Johann Christian pr\u00e4gte als Lehrer den jungen Wolfgang Amadeus Mozart. Alle gro\u00dfen Vertreter der europ\u00e4ischen Musik, von den Wiener Klassikern \u00fcber Schubert, Schumann, Brahms und Liszt bis hin zu Heutigen wie Hans Werner Henze, wurden entscheidend von Bach beeinflusst. Ganz besonders trug das &#8222;Wohltemperierte Klavier&#8220;, gerne auch &#8222;das Alte und Neue Testament der Klaviermusik&#8220; genannt, dazu bei, das Tonmaterial von Beschr\u00e4nkungen zu befreien und der Gestaltung durch nachfolgende Komponistengenerationen mit ganz anderen Stilen zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Vita von J.S.<br \/>\nAuf die gro\u00dfe Kreativzeit von K\u00f6then legt sich bald ein Schatten: Der F\u00fcrst heiratet eine v\u00f6llig a-musische Prinzessin und verliert alsbald die Lust an der Ensemblemusik; vielleicht n\u00f6hlt ihm seine Holde auch nur dauernd die Ohren voll, wegen der Ausgaben f\u00fcr die von ihr so wenig geliebte Hofmusik. Wie dem auch sei: Bach wird die Arbeit in K\u00f6then zusehends verleidet, weshalb er beginnt, sich nach einem neuen Wirkungsfeld umzusehen. Schon im Herbst 1720, also im Todesjahr seiner ersten Frau, bewirbt er sich auf die Organistenstelle an einer der Hauptkirchen in Hamburg. Bach wird zwar zum Vorspiel zugelassen, f\u00e4hrt aber dann doch nicht an die Elbe, weil die dortigen Peffers\u00e4cke sich den Einstieg in die Position vom Bewerber erstmal ordentlich bezahlen lassen wollen. F\u00fcr den eben verwitweten Vater dreier Kinder ein Unding.<\/p>\n<p>Im Juni 1722 stirbt Johann Kuhnau. In Kirchemusikerkreisen ist das bis heute ein klangvoller Name. Mit Kuhnaus Tod wird die Stelle des Thomaskantors zu Leipzig frei. Bach bewirbt sich, wird in der Sachsenmetropole aber keineswegs mit offenen Armen empfangen. Davon mehr gleich nach einer 5-min\u00fctigen Pause f\u00fcrs menschliche Bed\u00fcrfnis und dem sich anschlie\u00dfenden 20-min\u00fctigen Genuss Bachscher Kirchenmusik aus H\u00e4nden und Herz von Volker Siefert sowie aus Kehle und Herz von Frau Melchiori.<\/p>\n<p>Am 31. Mai des Jahres 1723 \u00fcbernimmt Johann Sebastian Bach jenes Amt, das er bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750 innehat: Er wird Thomaskantor in Leipzig. Nicht, dass der Rat der s\u00e4chsische Stadt sich um ihn rei\u00dfen w\u00fcrde. Georg Philipp Telemann, seinerzeit Musikdirektor der f\u00fcnf Hamburger Hauptkirchen, gilt als Favorit. Telemann sagt Leipzig aber ab. Grund: die Hanseaten haben ihrem Star, als h\u00f6rten Leipzig buhle um ihn, das Gehalt kr\u00e4ftig anhoben. Gew\u00e4hlt wird in Leipzig dann Bachs anderer Mitbewerber, der Darmst\u00e4dter Kantor Christoph Graubner. Weil die Hessen Graubner aber nicht ziehen lassen wollen, kommt schlie\u00dflich Bach zum Zuge. Und der Rat der Stadt Leipzig erlangt peinliche Unsterblichkeit mit dem Ausspruch: &#8222;Da man nun die Besten nicht bekommen kann, muss man eben Mittlere nehmen . . .&#8220;<\/p>\n<p>Bach als drittrangiger Notnagel? Ist er, jetzt Ende 30, noch immer so unbekannt? Keineswegs, aber die Ratsherren zu Leipzig sind einfach selbstgef\u00e4llige und hochn\u00e4sige Ignoranten; vom hohen Ross herab werfen sie nur beil\u00e4ufige Blicke auf das Juwel aus dem benachbarten Th\u00fcringen. Dass Bachs Stern nach dem Weimarer Fiasko als Hofkapellmeister des F\u00fcrsten Leopold zu K\u00f6then inzwischen im musikinteressierten Deutschland hell erstrahlt, ist ihnen v\u00f6llig entgangen.<\/p>\n<p>In K\u00f6then hatte Bach einen wesentlichen Teil seiner weltlichen Kompositionen geschaffen, darunter neben den schon genannten auch die Violinkonzerte in a-Moll und E-Dur, das Doppelkonzert in d-Moll, Sonaten f\u00fcr Solovioline, Orchester-Suiten und etliches mehr. Vieles davon zugleich musikpraktische Lehrwerke, die sich bis zum heutigen Tag als ebenso kunst- wie didaktisch sinnvoller Ausbildungsbestandteil f\u00fcr jeden ambitionierten Klavier-Aspiranten bew\u00e4hren. Bach landet nun also in Leipzig, damals wirtschaftliches Zentrum Sachsens und Universit\u00e4tsstadt von Rang.<\/p>\n<p>Dort hat er eine F\u00fclle von Funktionen zu erf\u00fcllen: Als Kantor war er f\u00fcr die Musik in den vier Hauptkirchen der Stadt zust\u00e4ndig, hatte die Orgel zu spielen und die Ch\u00f6re zu leiten. Zugleich war er automatisch zweiter Konrektor, Musiklehrer, Lateinlehrer und Aufsichtsperson in der Thomasschule nebst zugeh\u00f6rigem Internat. Obendrein fiel ihm das Amt des Generalmusikdirektors f\u00fcr ganz Leipzig zu, damit Verantwortung f\u00fcr die Stadtmusik und die klangliche Ausgestaltung weltlicher Offizialfeierlichkeiten. Kurzum: Bach wird mit Pflichten und Arbeit \u00fcberh\u00e4uft &#8211; darunter das Komponieren von Kantaten f\u00fcr die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Die Forschung vermutet etwa 300 Kirchenkantaten, von denen rund 180 erhalten sind.<\/p>\n<p>&#8222;Jauchzet Gott in allen Landen!&#8220; hei\u00dft eine der vielleicht bekanntest Bach-Kantaten Wie kein anderer verstand der Thomaskantor die Umsetzung des bibilischen Textes in musikalischen Gestus: Die Freude strahlt aus der Gesangslinie heraus. Kein Wunder, dass diese Kantate (BWV 51) mit dem ber\u00fchmten abschlie\u00dfenden &#8222;Alleluja&#8220; eines der popul\u00e4rsten Sakralwerke der Musikliteratur \u00fcberhaupt wurde.<\/p>\n<p>Mit ihrer gro\u00dfen Anzahl sind die Kantaten den Kernbestand des Bachschen Vokalwerkes. Sie bildeten das musikalische Gegenst\u00fcck zur Predigt des lutherischen Gottesdienstes, und erklangen in Leipzig an jedem Sonntag in den beiden Hauptkirchen, der Thomas- und der Nikolaikirche. Diese Pflicht, jeden Sonntag eine Kantate aufzuf\u00fchren, zwang Bach in Leipzig dazu, sich ein umfangreiches Kantaten-Repertoire zuzulegen.<br \/>\nSo entstanden mit \u00e4u\u00dferster Konsequenz vier Jahre lang jede Woche eine neue Kantate; insgesamt sind f\u00fcnf komplette Jahrg\u00e4nge \u00fcberliefert. Eine unglaubliche Produktivit\u00e4t, die jedoch ihre Vorbilder hat: Georg Philipp Telemann beispielsweise schrieb neben seinen 44 Passionen und 40 Opern 12 komplette Kantaten-Jahrg\u00e4nge, Bachs Vorg\u00e4nger in Leipzig, Johann Kuhnau (1660-1722), brachte es auf 14 Jahrg\u00e4nge.<\/p>\n<p>Den fragw\u00fcrdigen Rekord in dieser Produktion h\u00e4lt Johann Philipp Krieger (1649-1725) mit unvorstellbaren 2000 Kantaten.<\/p>\n<p>Was ist \u00fcberhaupt eine Kantate?<br \/>\nLaut Wikipedia handelt es sich bei allen barocken Kantaten um mehrs\u00e4tzige musikalische Werke f\u00fcr (in der Regel) Orchester Chor und Vokalsolisten, die f\u00fcr die Auff\u00fchrung im Gottesdienst (Kirchenkantate) oder bei einem festlichen gesellschaftlichen Anlass (weltliche Kantate) bestimmt waren. 1730 erkl\u00e4rt Bach in einer Eingabe an den Leipziger Stadtrat, die auf mehr Geld und st\u00e4dtisches Engagement f\u00fcr die Musik abzielt, wie er sich die Idealbesetzung seiner Kirchenkantaten vorstellt: vier S\u00e4nger, die alle solistische Aufgaben wahrnehmen, aber auch die Chorpartien bestreiten, dann allerdings durch ein bis zwei weitere S\u00e4nger je Stimme verst\u00e4rkt werden; dazu 2 bis 3 erste Violinen, 2 zweite Violinen, 1 bis 2 Violas und eine kr\u00e4ftig besetzte Continuogruppe. Die heute gebr\u00e4uchliche klare Rollenaufteilung zwischen Gesangssolisten und Chor hat es in Bachscher Zeit wahrscheinlich so nicht gegeben.<\/p>\n<p>Die Bachkantaten sind der letzte H\u00f6hepunkt der lutherischen Kirchenmusik mit ihren beiden traditionellen Bestandteilen, der polyphonen Chormusik und dem Choral. Das Aufregendste ist dabei die Art und Weise, die unglaubliche Vielfalt, in der Bach den Hauptchoral durch die ganze Kantate hindurch bearbeitete (Beispiel: Christ lag in Todesbanden, BWV 4), die Choralmelodie auf unterschiedlichste Weise durch die Stimmen und Instrumente f\u00fchrte.<br \/>\nAls unendlicher Erfinder von Choralbearbeitungen kombinierte Bach dieses traditionelle Element mit den damals modernen Elementen des Rezitatives und der Arie, beides Bestandteile der italienischen Oper.<br \/>\nBachs Kantaten sind musikhistorisch der letzte Moment einer tiefen Fr\u00f6mmigkeit, die noch ohne jeden Schatten der Aufkl\u00e4rung keine Spur von Zweifeln am Wort der Verk\u00fcndigung kennt. So gesehen, schuf Bach mit seinem reichen sakralen Kantatenwerk die letzte und gleichzeitig intensivste rein religi\u00f6se Musik.<\/p>\n<p>Neben Lehr-, Verwaltungs- und Konzertverpflichtungen also ein gewaltiges Kompositions-Pensum, dem sich Gro\u00dfwerke wie Johannes- und Matth\u00e4uspassion, sp\u00e4ter die h-Moll-Messe sowie im weltlichen Bereich etwa die Kunst der Fuge und die Goldberg-Variationen beigesellen. Kein Wunder, dass Bach bald unentwegt mit Stadtr\u00e4ten und Rektoren im Clinch liegt um Entlastung, um Unterst\u00fctzung, um Aushilfen, um mehr Geld. Bach hat sich der leidigen Pflicht zum Lateinunterricht und zur Sch\u00fclerbeaufsichtigung im Internat entzogen, indem er auf eigene Rechnung einen Hilfslehrer besch\u00e4ftigte. Was bei sweinen Vorgesetzten auf wenig Verst\u00e4ndnis st\u00f6\u00dft. 1730 spitzt sich der Streit derart zu, dass der Kantor Leipzig den R\u00fccken kehren will. Ihm wird massiv eine nachl\u00e4ssige Amtsf\u00fchrung vorgeworfen, derweil er im Gegenzug heftig den Niedergang der Kirchenmusik wegen mangelnden Engagements seitens der Stadt und der Schulleitung kritisiert. Ein neuer Rektor (der musische Johann Matthias Gesner) entspannt die Situation, bis von 1936 an ein wiederum neuer Rektor (der z\u00e4nkisch-kleingeistige Johann August Ernesti) einen weiteren Dauerstreit vom Zaun bricht.<br \/>\nWie schon Jahrzehnte zuvor Arnstadt das Genie des jungen Bach und sein Ansehen in Fachkreisen nicht begriffen konnte, so kapiert jetzt auch Leipzig kaum, dass dieser daheim beinahe als Last empfundene Mann au\u00dferhalb der Stadt im schon fast mythischen Ruf eines musikalischen Giganten steht.<br \/>\nLassen Sie mich noch einmal auf die eingangs erw\u00e4hnte Begegnung zwischen dem Preu\u00dfenk\u00f6nig Friedrich II. und Bach im Mai 1747 zur\u00fcckkommen.<br \/>\n== Freies Erz\u00e4hlen der Begebenheit ==<\/p>\n<p>Das bisweilen benutzte Bild vom Leipziger Bach, als einem tiefernsten Protestanten, der sich haupts\u00e4chlich der Kirchenmusik hingegebenen habe, ist einseitig. Denn eben so sehr wie der Thomaskantor durchaus weltlichen Gen\u00fcssen (Essen und Trinken vor allem) zugeneigt war, geh\u00f6rte au\u00dferkirchliche Musik weiterhin zu seinem Schaffen. Von 1729 an leitet Bach, mit kurzer Unterbrechung bis etwa 1741, in Leipzig auch das urspr\u00fcnglich von Telemann gegr\u00fcndete Collegium Musicum. Dieser haupts\u00e4chlich aus Studenten bestehende, versierte, sehr diesseitige Musizierverein tritt vorwiegend im Zimmermannschen Kaffeehaus auf &#8211; einem unter protestantischen Puristen damals nicht unumstrittenen Etablissement.<\/p>\n<p>== Exkurs in freier Rede \u00fcber: a) Matth\u00e4us-Passion, b) Goldberg-Variationen ==<\/p>\n<p>Anfang der 1740er, also etwa mit 55 Jahren, beginnt Bachs allm\u00e4hlicher R\u00fcckzug aus dem Musikleben. Auch sein sch\u00f6pferisches Feuer brennt nur mehr auf kleiner Flamme: Der hinf\u00e4llig werdende Thomaskantor, den ein starkes Augenleiden und motorische St\u00f6rung in der Schreibhand qu\u00e4len, konzentriert sich darauf, sein Werk zu sichten, zu ordnen, zu optimieren. Nach zwei Augenoperationen, ausgef\u00fchrt von dem damals schon umstrittenen Starstecher John Taylor ausgef\u00fchrt stirbt Bach am 28. Juli 1750 in Leipzig. Diesem Taylor \u00fcbrigens, eine Art reisender Wunderheiler, fiel neun Jahre sp\u00e4ter in London auch Georg Friedrich H\u00e4ndel in die Finger und zum Opfer.<br \/>\nJohann Sebastian Bach ist tot &#8211; und auch um sein Werk wird es bald und f\u00fcr viele Jahrzehnte recht still. Was nicht wirklich \u00fcberraschend kam, da Bach noch zu Lebzeiten zwar \u00fcber alle Ma\u00dfen geachtet wurde, aber seine Musik kaum mehr verstanden. Bereits 1737 hei\u00dft es in einer kritischen Schrift \u00fcber Bach: &#8222;Dieser grosse Mann w\u00fcrde die Bewunderung gantzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit h\u00e4tte, und wenn er nicht seinen St\u00fccken durch ein schw\u00fclstiges und verworrenes Wesen das Nat\u00fcrliche entz\u00f6ge, und ihre Sch\u00f6nheit durch allzu grosse Kunst verdunkelte.&#8220; Zwar stand der Kritiker Johann Adolph Scheibe mit diesem vernichtendem Urteil damals allein auf weiter Flur. Aber de facto bringt er die Haltung seiner Zeit auf den Punkt: Die l\u00e4ngst Trend gewordenen \u00e4sthetischen Maximen von Melodie, Nat\u00fcrlichkeit, Annehmlichkeit, Gef\u00e4lligkeit hatten mit der strengen Welt Bachscher Kontrapunktik und Polyphony kaum mehr etwas gemein.<\/p>\n<p>Dies ist bis heute ein Problem geblieben. W\u00e4hrend etwa Mozart und Beethoven auch einem Massenpublikum unserer Tage zug\u00e4nglich sind, bleiben Bach-Vorlieben auf einen kleineren Kreis beschr\u00e4nkt. Bachs Kompositionen sind zweifelsfrei Werke genialischer Gr\u00f6\u00dfe. Aber diese Qualit\u00e4t erschlie\u00dft sich in sehr vielen St\u00fccken nicht sofort, bedarf bisweilen einiger H\u00f6rerfahrung. Dass Bachs Musik blo\u00df akademisch sei, ist falsch. Doch ihre affektiven, das Herz ergreifende Aspekte sind oft in ein komplexes Kunst-Gewebe gebettet, mit dem musikalisch nicht vorgebildete heutige Zeitgenossen sich doch schwer tun k\u00f6nnen.<br \/>\nEs gibt Ausnahmen. Manche Kantate, etliche Chor\u00e4le und ganz besonders die gro\u00dfen Passionen verm\u00f6gen selbst oberfl\u00e4chliche H\u00f6rer spontan zu ergreifen. Wegen ihres &#8222;erhabenen&#8220; Charakters wurden diese Werke von der Romantik zuerst &#8222;wiederentdeckt&#8220; und erfolgreich dem Konzertrepertoire einverleibt. Nicht zuf\u00e4llig etwa wurden im Bach-Jahr 2000 die meisten Festkonzerte mit der Matth\u00e4us- oder der Johannes-Passion bestritten.<\/p>\n<p>Felix Mendelssohn war es, der 1829 mit der ersten Wiederauff\u00fchrung der Matth\u00e4us-Passion 100 Jahre nach ihrer Leipziger Urauff\u00fchrung das fast vergessenen Bach-Oeuvre ins Musikleben zur\u00fcckholte und den bis heute g\u00fcltigen &#8222;Mythos Bach&#8220; begr\u00fcndete. Schleiermacher, Hegel, Heine &#8211; Gr\u00f6\u00dfen des neuen deutschen Idealismus &#8211; waren bei der Auff\u00fchrung in der Berliner Singakademie zugegen. Ideen-geschichtlich war die Zeit reif f\u00fcr eine Musik, die nicht mehr der Zerstreuung dient, sondern Allegorie f\u00fcr ein Weltgef\u00fchl ist. Musikalisch hatte Beethoven den Boden daf\u00fcr bereitet, dass die Romantik und das neue Bildungsb\u00fcrgertum Bach in den Rang des Gottvaters der klassischen Musik erheben konnten.<\/p>\n<p>Wie stark der Mythos Bach und seine Musik von da an wirkten, mag folgender Ausspruch \u00fcber die Matth\u00e4us-Passion belegen: &#8222;. . . durchblickt man das Zaubergewebe, ist man ganz berauscht vor Seligkeit. Nichts S\u00fc\u00dferes, Zarteres, R\u00fchrenderes und in den Volksszenen &#8211; nichts Gro\u00dfartigeres kennt die Musik.&#8220; Der Satz stammt einem Brief des kommunistischen Arbeiterf\u00fchrers Karl Liebknecht an seinen Sohn, geschrieben am 18. M\u00e4rz 1917 im Zuchthaus Luckau.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re ich am Ende \u00fcbergebe noch einmal an unsere beiden Musiker, auf dass sie uns mit Bach in den Restsonntag entlassen.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Unkorrigiertes Manuskript, teils ausformliert, teils in Stichworten eines etwa 2-st\u00fcndigen Vortrages \u00fcber Leben, Werk, Bedeutung von Bach. Gehalten am 26.4.09 bei den Marienberger Seminaren.) *** Meine Sehr verehrten Damen und Herrn, herzlich willkommen zu diesen drei Stunden \u00fcber Johann Sebastian Bach. 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