{"id":5123,"date":"2013-03-23T16:07:00","date_gmt":"2013-03-23T15:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5123"},"modified":"2024-10-10T16:15:24","modified_gmt":"2024-10-10T15:15:24","slug":"moment-aufnahme-der-leise-journalismus-von-gabi-novak-oster-und-detlef-oster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2013\/03\/23\/moment-aufnahme-der-leise-journalismus-von-gabi-novak-oster-und-detlef-oster\/","title":{"rendered":"Moment. Aufnahme &#8211; Der leise Journalismus von Gabi Novak-Oster und Detlef Oster"},"content":{"rendered":"<h6><small><big>Fotoausstellung auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz <\/big><\/small><\/h6>\n<p><em><small>(Unkorrigiertes Redemanuskript des Einf\u00fchrungsvortrages, gehalten bei der Er\u00f6ffnungsveranstaltung 23.3.2013)<\/small><\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Liebe Gabi, lieber Detlef,<br \/>meine sehr geehrten Damen und Herrn,<\/p>\n<p>das Nachdenken \u00fcber Fotografie bewegt sich seit den Kindertagen dieses Mediums zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht der sprichw\u00f6rtliche Hymnus: \u201eEin Bild sagt mehr als tausend Worte\u201c. Auf der anderen Seite eine misstrauische Position, die in dem harschen Satz m\u00fcndet: \u201eDie Kamera l\u00fcgt\u201c.<\/p>\n<p>Dass Fotos mit der Wirklichkeit, die sie abzubilden behaupten, oft herzlich wenig zu tun haben, wissen wir alle. Seit mit der Digitalisierung die M\u00f6glichkeiten der nachtr\u00e4glichen Bildverf\u00e4lschung explosionsartig zugenommen haben, kann man etwa die Titelbilder s\u00e4mtlicher Illustrierten als L\u00fcgen verstehen.<\/p>\n<p>Es sind aber nicht nur die neuen Techniken, derentwegen man den Wahrheitsgehalt von Fotos unter Vorbehalt stellt. Manipulative M\u00f6glichkeiten liegen seit jeher im Wesen der Fotografie selbst. Beispiel: F\u00fcr einen Fotografen mit gutem Auge und b\u00f6ser Absicht w\u00e4re es ein Leichtes, im Laufe des Abends auch von den Kl\u00fcgsten hier im Raum Schnappsch\u00fcsse zu machen, auf denen sie alles andere als klug ausschaun. Er m\u00fcsste nur im rechten Moment aus einem gewissen Blickwinkel mit passendem Zoom und gezielter Sch\u00e4rfeneinstellung auf den Ausl\u00f6ser dr\u00fccken: und schon stehst du dumm da.<\/p>\n<p>Weiteres Beispiel, aus einem ganz anderen Bereich: Als vor einiger Zeit dieser uns\u00e4glich amerikanische Mohammed-Film bekannt wurde, erwarteten alle einen gewaltigen Wutsturm in der ganzen muslimischen Welt. Die Bilder, die in den Folgetagen durch die Medien gingen, schienen diese Erwartung zu best\u00e4tigen: Sie zeigten wieder und wieder zornige bis gewaltt\u00e4tige Protestierer. Diese Bilder waren wahr in dem Sinne, dass es die gezeigten Demonstanten tats\u00e4chlich gegeben hat. Aber sie waren nicht wahrhaftig: Man bekam tagelang nur Nahaufnahmen von einigen entfesselten Menschen zu sehen, nie einen gr\u00f6\u00dferen Raumauschnitt. Dann n\u00e4mlich w\u00e4re zu erkennen gewesen, dass die Protestgruppen klein sind, oft nur aus ein paar Dutzend bis wenigen Hundert Menschen bestehend.<\/p>\n<p>Solch mickrige Aufl\u00e4ufe sind eigentlich keine Weltnachricht wert. Weshalb der lauthalse Erregungsjournalismus die allgemeine Erwartungshaltung mit gezielten Bildausschnitten bediente. Die sollten exemplarisch eine vorgeblich weltweite Zorneswelle der muslimischen Massen belegen.<\/p>\n<p>Will sagen: Auch NICHT k\u00fcnstlich gestellte und NICHT nachtr\u00e4glich bearbeitete Fotos bieten kein objektives Abbild der Realit\u00e4t. Fotos sind allemal subjektiv ausgew\u00e4hlte, kleine Ausschnitte aus einem viel gr\u00f6\u00dferen r\u00e4umlichen Ganzen und nur winzige, aus dem Zeitfluss der Wirklichkeit herausgepickte Augenblicke. Insofern kann die Fotografie f\u00fcr Lug, Betrug und Manipulation benutzt werden. Und wir alle sind dieser Art der Nutzung tagt\u00e4glich tausendfach ausgesetzt.<\/p>\n<p>Warum hacke ich hier auf den dunklen Seiten des Mediums herum? Um sie einzustimmen auf deren Gegenteil. Um sie empfindsam zu machen f\u00fcr die Begegnung mit rund 60 Fotos, die teils einem ganz anderen Verst\u00e4ndnis von Journalismus entspringen oder sich teils von der journalistischen Zweckbindung v\u00f6llig emanzipiert haben. Diese in einem Zeitraum von mehr als 30 Jahren entstandenen Fotos haben eines gemeinsam: Das Bem\u00fchen ihrer beiden Sch\u00f6pfer um Wahrhaftigkeit. Nicht objektive Wahrheit (!) \u2013 die kann es in diesem Metier nicht geben. Die Bildauswahl f\u00fcr diese Ausstellung war subjektiv. Ebenso wie zuvor drau\u00dfen in der Welt Gabi Novak-Oster und Detlef Oster jedesmal aus subjektiver Spontanit\u00e4t heraus entschieden haben, dieses oder jenes Motiv abzulichten.<\/p>\n<p>Auf den Begriff \u201eBem\u00fchen um Wahrhaftigkeit\u201c kam ich vor einigen Wochen nach einem Besuch bei den beiden daheim. Dort begegnete ich den f\u00fcr die Ausstellung ausgew\u00e4hlten Fotos erstmals \u2013 und zwar in der reinen Form, noch ohne Untertitelung. Wie die meisten von Ihnen kannte ich bis dahin Fotos von Gabi vornehmlich aus den gro\u00dfen Schicksals- und Human-Reportagen, die sie \u00fcber viele Jahre f\u00fcr die Rhein-Zeitung schrieb und auch mit eigenen Fotos bebilderte.<\/p>\n<p>In der Zeitung fungierten die Bilder einerseits als Rufzeichen, als Blickf\u00e4nger, um Leser in die Lekt\u00fcre des Textes zu ziehen. Andererseits dienten sie als betroffen machender bildlicher Beleg f\u00fcr das Geschriebene. Gabis Bilder setzten quasi ein emotional begr\u00fcndetes Ausrufezeichen hinter ihren Text. Da bildeten das Foto und 1000 oder auch mal 2000 Worte eine Einheit. F\u00fcr die Geschichte, die in der Zeitung zu erz\u00e4hlen war, brauchte es das Bild UND die Worte.<\/p>\n<p>Weil beide, Gabi Novak-Oster und Detlef Oster, urspr\u00fcnglich von der schreibenden Zunft kommen und dem Schreiben Zeit ihres Berufslebens auch treu blieben, wissen sie: Ein Bild sagt NICHT mehr als Tausend Worte \u2013 es sagt etwas anderes und sagt es anders als das Wort. Fotos k\u00f6nnen Aspekte des Menschlichen ausdr\u00fccken und Empfindungen ausl\u00f6sen, f\u00fcr die es wom\u00f6glich gar keine Worte gibt. Fotos k\u00f6nnen Wirkungen von einer Unmittelbarkeit entfalten wie gutes Ballett oder Instrumentalmusik: Unter Umgehung der Ratio schlagen sie ein Br\u00fccke direkt zum Herzen.<\/p>\n<p>Mag sein, es war diese Eigenart der Fotografie, die beide dazu verlockte, dem Medium in ihrem beruflichen wie privaten Leben einen stetig gr\u00f6\u00dfer werdenden Raum zu geben. Bis schlie\u00dflich in Richtung Ruhestand das Fotografieren zur prim\u00e4ren Passion geworden ist und die Sph\u00e4re des Journalismus vollends verlassen hat.<\/p>\n<p>Wir waren beim \u201eBem\u00fchen um Wahrhaftigkeit\u201c, das ich in den Ausstellungsbildern zu erkennen glaube. Dieses Bem\u00fchen kommt schon in Bedingungen zum Ausdruck, die sich Gabi und Detlef selbst auferlegt haben: Kein Bild wird motivisch ver\u00e4ndernd nachbearbeitet, keines als Ausschnitt einem gr\u00f6\u00dferen Foto entnommen, jedes Bild bleibt in seiner aufgenommenen Ganzheit erhalten; kein Motiv wird gestellt, sondern alle sind vom wirklichen Leben hier und anderw\u00e4rts vor die Kamera gesp\u00fclt.<\/p>\n<p>Oder sagen wir besser: Vor die Kameras (Mehrzahl). Denn die beiden waren und sind sehr viel gemeinsam unterwegs, und sehr oft f\u00e4llt ihnen gleichzeitig dasselbe Motiv ins Auge. Dann z\u00fcckt jeder seinen Apparat und beide halten drauf. So war in der Fotosammlung des Paares bald kaum mehr unterscheidbar, welche Aufnahme von wem stammt. Diese Zuordnung ist ihnen inzwischen gleichg\u00fcltig geworden. Weshalb Sie, meine Damen und Herrn, in der jetzigen Ausstellung auch keine namentlich differenzierende Auszeichnung finden werden. Verstehen Sie die Fotos der beiden als eine Art Kollektiv-Oeuvre.<\/p>\n<p>Einer der verr\u00fccktesten Aspekte an dieser Ausstellung ist: Jeder von uns begegnet im Alltag oder auf Reisen Bildmotiven, wie den von Gabi und Detlef festgehaltenen. Aber kaum einer sieht sie, wir sind gewisserma\u00dfen blind daf\u00fcr. Kaum einer erkennt die vielschichtigen oder poetischen oder witzigen oder auch ersch\u00fctternden Botschaften \u2013 die die Wirklichkeit wieder und wieder f\u00fcr kurze Momente zu hinrei\u00dfenden Szenen inszeniert. Das Leben schreibe die besten Geschichten, hei\u00dft es. Das Leben stellt auch die besten Fotomotive.<\/p>\n<p>Den besonderen Augenblick in der steten Flut der Realit\u00e4t sehen, die Intensit\u00e4t dieses Augenblicks spontan sp\u00fcren und dann mit einem Grundrespekt vor den \u201eOpfern\u201c die Kamera draufhalten: Das ist das Geheimnis der Momentaufnahmen von Gabi Novak-Oster und Detlef Oster. Oft sind ihnen beim Dr\u00fccken des Ausl\u00f6sers die Qualit\u00e4ten des Motivs gar nicht bewusst. Sie sp\u00fcren nur intuitiv: das hat was, da ist was. Vielfach werden erst beim nachherigen Betrachten der Fotos Raffinessen und bisweilen komplexe Hintergr\u00fcndigkeiten der fotografierten Szenerie deutlich.<br \/><br \/>Meine Damen und Herrn, lassen Sie sich Zeit beim Betrachten der Fotos, auch mehrfaches Hinschauen lohnt sich: Denn in jedem gro\u00dfen Bild stecken meist mehrere kleine und hinter der Grundstimmung einer Aufnahme verbergen sie allerhand ber\u00fchrende Unterschwingungen oder verbl\u00fcffende Verweise. Und manches Bild b\u00fcndelt ganze Lebensgeschichten \u2013 solche die hinter den Abgelichteten liegen und solche, die wom\u00f6glich noch vor ihnen liegen.<\/p>\n<p>Nicht, dass diese Geschichten tats\u00e4chlich erz\u00e4hlt w\u00fcrden. Dazu ist ein Foto nicht in der Lage. Dazu braucht es das Wort, braucht es viele Worte, tausend und noch viel mehr. Aber wir erkennen in den Bildern die ganzheitliche Essenz von gelebtem Leben, wie sie sich in Gesichter, K\u00f6rper, Haltungen etwa alter Menschen eingegraben hat. Senioren und Greise sind in der Ausstellung zahlreich vertreten. So unterschiedlich deren Verh\u00e4rmungen ausfallen m\u00f6gen, lassen ihnen die Bilder doch eine faszinierende und auf unterschiedliche Weise tief beeindruckende W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Kein Foto ohne Menschen drauf: elende, traurige, vergn\u00fcgte und spleenige, verschlafene oder aktive, bei sich seiende oder nur in der Welt seiende, immer wieder auf irgendetwas oder irgendjemanden wartende&#8230;<br \/>Das sind Momentaufnahmen aus dem Dasein individueller Angeh\u00f6riger unserer seltsamen Spezies. Momentaufnahmen, die trotz ihres Einzelfallcharakters aus sich selbst heraus immer wieder exemplarische Dimensionen annehmen.<\/p>\n<p>Das sind Aufnahmen, die niemanden von irgendetwas \u00fcberzeugen m\u00f6chten und keinem irgendetwas verkaufen wollen \u2013 die aber gerade wegen dieses Bem\u00fchens um Wahrhaftigkeit uns zu genauem Hinschauen anregen. Auf solches Hinschauen folgt das Abenteuer des Innehaltens, des Entdeckens, Interpretierens, F\u00fchlens, Nachdenkens. Nicht mehr, nicht weniger \u2013 doch das ist ziemlich viel heutzutage.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn, lassen Sie sich ein auf dieses Abenteuer. Danke.<br \/><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fotoausstellung auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz (Unkorrigiertes Redemanuskript des Einf\u00fchrungsvortrages, gehalten bei der Er\u00f6ffnungsveranstaltung 23.3.2013) *** Liebe Gabi, lieber Detlef,meine sehr geehrten Damen und Herrn, das Nachdenken \u00fcber Fotografie bewegt sich seit den Kindertagen dieses Mediums zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht der sprichw\u00f6rtliche Hymnus: \u201eEin Bild sagt mehr als tausend Worte\u201c. 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