{"id":5121,"date":"2013-11-19T15:56:00","date_gmt":"2013-11-19T14:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5121"},"modified":"2024-10-10T16:01:42","modified_gmt":"2024-10-10T15:01:42","slug":"wo-jugendliche-ihre-kreativitaet-entdecken-und-entfalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2013\/11\/19\/wo-jugendliche-ihre-kreativitaet-entdecken-und-entfalten\/","title":{"rendered":"Wo Jugendliche ihre Kreativit\u00e4t entdecken und entfalten"},"content":{"rendered":"<h6>\u00dcber die kulturellen Schlussseminare des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz<\/h6>\n<p><em>(Unkorrigiertes Manuskript eines Vortrages, gehalten am 19.11.2013 vor Lehrern und Schulrektoren beim Einsatzstellentreffen FSJ-Ganztagsschule Rheinland-Pfalz in Koblenz)<\/em><\/p>\n<p><em><strong>ape.<\/strong> <\/em>Sehr geehrte Damen und Herrn, liebe Freunde vom Kulturb\u00fcro, weil ich von Berufs wegen zur schreibenden und nicht zur plaudernden Journalistenzunft geh\u00f6re, habe ich mir aufgeschrieben, was ich die n\u00e4chsten 10 Minuten erz\u00e4hlen will.<\/p>\n<p>Thema: die Abschlussseminare des FSJ-Ganztagsschule jeden Sommer im Familienferiendorf H\u00fcbingen\/Westerwald. Um es gleich zu sagen: Diese vier Tage sind f\u00fcr mich als Kulturjournalist jedes Jahr wieder eine faszinierende Unternehmung. Meine Frau pflegt zu sagen: &#8222;Gehst du mal wieder in deinen Jungbrunnen?!&#8220; Und das klingt dann keineswegs bedauernd.<\/p>\n<p>Um Ihnen diese Faszination zu vermitteln, lassen Sie mich einen Augenblick zur\u00fcckerinnern an die erstmalige Ankunft in H\u00fcbingen. Das war, glaube ich, im Sommer 2009. Da gurkst du also in irgendeine weltabgeschiedene Ecke des Westerwaldes. Dort st\u00f6\u00dft du auf die idyllisch im Gr\u00fcnen gelegene Wohnanlage aus Reihenbungalows nebst zentralem Haupthaus. Du stellst dein Auto ab, begibst dich auf die Suche nach einem FSJ-Verantwortlichen, der dir dein Bett zeigt.<\/p>\n<p>Und was findest du beim ersten Gang \u00fcbers weitl\u00e4ufige Gel\u00e4nde vor? Einen freundlich belebten Campus. Genauer \u2013 und das mag nun etwas hochtrabend klingen, trifft die Sache aber recht gut: Was ich damals sah und seither immer wieder sehe, entspricht ungef\u00e4hr meiner idealischen Vorstellung von der Akademeia des Platon im antiken Athen. Auf Terrassen, Wiesen, unter B\u00e4umen sitzen locker, aber aufmerksam buntgemischte Gruppen junger Menschen (in summa mehr als 230) beisammen und besprechen Eindr\u00fccke, Erfahrungen, Lehren aus ihrem zur\u00fcckliegenden FSJ. Am Abend machen sie dann, was junge Menschen seit jeher machen, wenn sie in gr\u00f6\u00dferer Zahl und weitgehend eigener Verantwortung zusammen sind: ausgelassen feiern; eben die Potenziale ihres jungen Lebens ausprobieren und genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen nach dem Anreisetag finden sich die Jugendlichen in neuen Konstellationen in ihrem jeweiligen Workshop ein (je bis zu 15 Teilnehmer). Den hat sich jeder aus dem Angebot von rund eineinhalb Dutzend ganz verschiedenen Arbeitsfeldern ausgesucht. Dort treffen sie auf einen ihnen meist v\u00f6llig fremden, Anfangs bisweilen auch ziemlich suspekten Workshopleiter. Mit dem zusammen tun sie nun drei Tage lang Dinge, die manche noch nie getan haben. Dinge, f\u00fcr die sich jeder aus diesem oder jenem, gelegentlich auch unerfindlichem Grund interessiert.<\/p>\n<p>Mit dem Beginn der dreit\u00e4gigen Workshops treten die jungen Leute zum Abschluss ihres FSJ in eine T\u00e4tigkeitssph\u00e4re ein, die fast gar nichts mehr mit dem zur\u00fcckliegenden Jahr zu tun hat. Zumindest ist das auf den ersten Blick so. Auf den zweiten wird allerdings deutlich: Auch diese Workshops sind ein Element im Prozess der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung. Sie bieten einen nicht allt\u00e4glichen Raum f\u00fcr individuelle Neigungsfindung und Talenterprobung \u2013 auch f\u00fcr neuartige gruppendynamische Erfahrungen.<\/p>\n<p>Theaterspiel, Tanzperformances, Bandmusik, Chorgesang, Filmemachen, Fotografie, Keramikgestaltung, k\u00fcnstlerische Landschaftsgestaltung, Skulpturenschaffung mit Schrott und Schwei\u00dfapparat, Architektur, Modedesign, lyrisches Schreiben oder in meiner Gruppe journalistisches Arbeiten. So etwa ist das Spektrum der Workshops, die das Ferienlager H\u00fcbingen jedes Jahr rasch in einen quirligen Kreativcampus verwandeln.<\/p>\n<p>Bei den 18 Workshopleitern der Abschlusswoche handelt es sich \u00fcberwiegend um freischaffende K\u00fcnstler und Kunsthandwerker, nicht um hauptberufliche P\u00e4dagogen. Daraus ergibt sich jedes Jahr aufs Neue in jeder Gruppe die spannende Frage: Gelingt es, weitgehend ohne methodisch-didaktische Raffinesse, einfach nur \u00fcber die Arbeit an einer bestimmten Sache bei den Jugendlichen Aufmerksamkeit, Engagement, Kreativit\u00e4t, produktives Zusammenwirken zu wecken und zu entfalten?<\/p>\n<p>F\u00fcr viele der jugendlichen Teilnehmer ist die Arbeitsweise der meisten Workshopleiter anfangs recht befremdlich. Denn wie K\u00fcnstler nun mal sind, sein m\u00fcssen, besteht ihr Arbeitsprozess gerade in der Startphase \u00fcber weite Strecken aus freier Assoziation, aus freiem Spiel mit Ideen und Materialien. Die Workshopleiterin Tanz bringt eben keine vorgefertigte Choreographie mit, die es dann nur noch nach bestem Verm\u00f6gen einzustudieren gilt.<\/p>\n<p>Der Workshopleiter Architektur l\u00e4sst sich im einen Jahr zehn B\u00fcndel Dachlatten nebst etlichen hundert Quadratmetern Plastikplane anliefern, im n\u00e4chsten Jahr sind es bespielsweise 250 leere Bierk\u00e4sten. F\u00fcr das, was aus dem jeweiligen Material im H\u00fcbinger Gel\u00e4nde entstehen kann, hat er keine Blaupause im Gep\u00e4ck, die von den Teilnehmern blo\u00df nachgebaut wird. Es liegt vielmehr an den Jugendlichen selbst, Ideen zu entwickeln, Entw\u00fcrfe zu machen und deren Machbarkeit praktisch zu erproben.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn, das ist nicht selten ein ziemlich schwieriger Prozess. Denn diese jungen Erwachsenen sind vielfach vor allem auf Effizienz, auf gradlinige und schnelle Zielerreichung bei der Umsetzung vorgegebener Aufgaben programmiert. Mancher FSJler w\u00fcrde am liebsten das fertige Modell eines angestrebten Ergebnisses sehen und einen konkreten Handlungsplan f\u00fcr die Erreichung desselben in die Hand gedr\u00fcckt bekommen.<\/p>\n<p>Genau darum aber geht es in den Workshops NICHT. Es geht vielmehr um Erkundung von Neuland, um das \u00d6ffnen von T\u00fcren und Horizonten; es geht um das Entdecken und Erwecken der eigenen Kreativit\u00e4t. Und ja, es geht auch um das Wiederausgraben des meist schon versch\u00fctt gegangenen oder entstellten Spieltriebs.<\/p>\n<p>Die Workshopleiter geben dabei Impulse, b\u00fcndeln Ideen und Ans\u00e4tze, helfen mit praktischen und technischen Tips, ermutigen Sch\u00fcchterne und Mutlose, warnen vor Sackgassen oder stehen bei Krisen mit Rat und Tat zur Seite. Wenn ein Workshop richtig gut l\u00e4uft, sind die Teilnehmer sp\u00e4testens am Nachmittag des zweiten Tages Feuer und Flamme f\u00fcr IHRE Arbeit dort \u2013 zumindest aber ordentlich interessiert daran und aus weitgehend eigenem Antrieb aktiv bei der Sache.<\/p>\n<p>Als Leiter des Workshops Journalismus genie\u00dfe ich das Privileg, einen Gro\u00dfteil all dieser Prozesse auf dem H\u00fcbinger Gel\u00e4nde als mittelbarer Beobachter verfolgen zu k\u00f6nnen. Denn die Teilnehmer meiner Gruppe sind ab Sp\u00e4tvormittag des ersten Tages als zweik\u00f6pfige Reporterteams unterwegs, um Nachrichten, Berichte, Interviews, Minireportagen vom gesamten Campus und \u00fcber jeden Workshop auf die Beine zu stellen. Daraus wird dann bis zum Abend jedes Tages eine Art Lagerzeitung gestrickt.<\/p>\n<p>Es kommt dann beispielsweise ein Team aus der Schrottwerkstatt zur\u00fcck und meldet staunend: \u201eDa sind ja fast mehr M\u00e4dchen als Jungs dabei \u2013 und die wollen aus alten Rohren, Kocht\u00f6pfen, Bettfedern eine Pferdeskulptur zusammenschwei\u00dfen.\u201c Vom Theater-Workshop bringt ein anderer Reportertrupp kopfsch\u00fcttelnd den Momenteindruck mit: \u201eDie sind v\u00f6llig durchgeknallt, machen nur Schweinskram, reden \u00fcber Sex-Stellungen und wie man lustvoll st\u00f6hnt.\u201c Sp\u00e4ter stellt sich heraus, die Theaterleute arbeiteten zu diesem Zeitpunkt f\u00fcr ihre Persiflage auf Goethes \u201eFaust\u201c an einer Schattenszene \u00fcber das Tete-a-Tete zwischen Mephisto und Frau Marthe.<\/p>\n<p>Oder es kommt die Nachricht herein: \u201eDicke Luft bei den Musikern\u201c. Will sagen: Da steckt ein Workshop in der Krise, weil vielleicht sehr unterschiedliche Vorstellungen und Neigungen noch keinen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Von den Landschaftsk\u00fcnstlern oder Architekten oder auch Dichtern bringen meine Leute die Meldung mit: \u201eGro\u00dfer Frust dort. Die haben nach einem ganzen Tag harter Arbeit alles eingerissen oder weggeschmissen, weil sie das Ergebnis doof fanden. Jetzt fangen sie bei Null wieder an.\u201c<\/p>\n<p>Meist am letzten Tag liegt dann auch ein Artikelchen auf dem Tisch, das von Panik im Film-Workshop berichtet \u2013 weil man dort nicht wei\u00df, ob man bis zur Pr\u00e4sentation am Abend die riesige Menge selbst gespielten und gedrehten Materials noch vern\u00fcnftig geschnitten kriegt. Irgendwie klappt&#8217;s dann doch noch.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn, ich hoffe, diese wenigen Beispiele lassen Sie eine ungef\u00e4hre Ahnung von der Atmosph\u00e4re in H\u00fcbingen gewinnen. Kreatives Machen und Tun in allen Ecken. Bei Keramikern, Malern und Dichtern spielt sich das meist in ruhiger, individueller Versunkenheit ab; andere Sparten machen Wald, Wiesen, Wege, Gemeinschaftsr\u00e4ume und Unterk\u00fcnfte zu bisweilen turbulent bespielten Sets und B\u00fchnen.<\/p>\n<p>Mancher Jugendliche entdeckt dabei an sich eine nie gekannte kreative Ader oder findet pl\u00f6tzlich eine Ausdrucksform f\u00fcr lange im Innern verschlossene Gef\u00fchle. Ja, wir haben w\u00e4hrend der Workshop-Arbeit und wiederholt bei deren Schlusspr\u00e4sentation vor dem gro\u00dfen Publikum des Gesamtplenums erstaunliche Talent-\u00d6ffnungen erlebt \u2013 und manchmal auch regelrechte Outcomings oder karthatische Momente. Und jedes Jahr wieder gelangen die Workshopleiter gegen Ende der Woche zu der Formel: Man gebe diesen Jugendlichen Material, Freiraum, kleine Anregungen, ein bisschen Hilfestellung \u2013 und sie verwandeln sich in Kreativbomben.<\/p>\n<p>Interessanterweise verschwindet w\u00e4hrend der Workshop-Tage bei den meisten FSJlern Zug um Zug auch die Scheu, anderen die Ergebnisse ihrer seltsamen, scheinbar zweckfreien Arbeit zu zeigen. Am Ende geniert sich kaum noch jemand, sondern \u00fcberwiegt der Stolz auf das Selbstgeschaffene. Dann WOLLEN die Jugendlichen ihre Werke beim mehrst\u00fcndigen Abschlussevent in Form von B\u00fchnenperformances, Filmvorf\u00fchrungen und Ausstellungen auch allen zeigen.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmte Edikt von Joseph Beuys&#8216;, wonach jeder Mensch ein K\u00fcnstler sei, wird hier f\u00fcr ein paar Tage gelebte Realit\u00e4t. Dass die FSJler in H\u00fcbingen diese Erfahrung am \u00dcbergang zum Erwachsenen-Dasein machen k\u00f6nnen, halte ich f\u00fcr einen hohen Wert an sich. Weshalb es mich mit Freude erf\u00fcllt, auch im kommenden Sommer das Faszinosum jugendlicher Kreativexplosion wieder miterleben und mitgestalten zu d\u00fcrfen.<br \/>\nAndreas Pecht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die kulturellen Schlussseminare des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz (Unkorrigiertes Manuskript eines Vortrages, gehalten am 19.11.2013 vor Lehrern und Schulrektoren beim Einsatzstellentreffen FSJ-Ganztagsschule Rheinland-Pfalz in Koblenz) ape. 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