{"id":5118,"date":"2015-03-13T15:40:00","date_gmt":"2015-03-13T14:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5118"},"modified":"2024-10-10T15:42:47","modified_gmt":"2024-10-10T14:42:47","slug":"wahre-kunst-und-ware-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/03\/13\/wahre-kunst-und-ware-kunst\/","title":{"rendered":"Wahre Kunst und Ware Kunst"},"content":{"rendered":"<h6>\u00dcber die Bedeutung von Kunst f\u00fcr den Menschen, und die Bedeutung des Marktes f\u00fcr die Kunst<\/h6>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong><em>ape.<\/em><\/strong> <em>Das nachfolgend publizierte Manuskript eines Vortrages, den ich am 11. M\u00e4rz 2015 bei den Marienberger Seminaren gehalten habe, setzt sich aus ausformlierten Teilen und nur in Stichworten skizzierten Passagen zusammen. Es ist mir zeitlich leider nicht m\u00f6glich Letztere ebenfalls in Schriftform auszuformulieren. Aber der aufmerksame, mitdenkende Leser wird auch aus den Stichworten zumindest den Kern des Gemeinten erschlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Guten Tag meine Damen Herrn,<\/p>\n<p>mein heutiges Thema:<br \/>Die Bedeutung von Kunst und Kultur f\u00fcr den Menschen, und die Bedeutung des Marktes f\u00fcr Kunst und Kultur.<\/p>\n<p>Drei weit verbreitete Missverst\u00e4ndnisse oder Fehleinsch\u00e4tzungen hinsichtlich der Bedeutung und Funktion von Kunst f\u00fcr Mensch und Gesellschaft m\u00f6chte ich vorweg ansprechen.<\/p>\n<p>Missverst\u00e4ndnis I:<br \/>Kunst und Kultur seien ein Luxus, auf den die Menschen erst verfallen, wenn das nackte \u00dcberleben gesichert ist.<\/p>\n<p>&gt; Falsch. Gegenthese: Kunst ist ein \u00fcberlebensnotwendiges Lebensmittel, ein unverzichtbares Antriebsmittel der Zivilisationsentwicklung, und das Bed\u00fcrfnis danach ist in unserer Natur angelegt.<\/p>\n<p>&gt; Beweisverfahren: Historischer Sprung zur\u00fcck zu den ersten Anzeichen f\u00fcr k\u00fcnstlerische Bet\u00e4tigung in der Zivilisationsgeschichte. &gt; Ab in die Arch\u00e4ologie &gt;Ab in die Steinzeit.<\/p>\n<p>Das \u00e4lteste Musikinstrument: 2009 auf der Schw\u00e4bischen Alb entdeckt, 35 000 bis 40 000 Jahre alt, Fl\u00f6te aus G\u00e4nseknochen. Aus derselben Epoche: Erste Menschendarstellung, 6 cm kleine Skulptur aus Mammutelfenbein geschnitzt = ein wohlgen\u00e4hrtes Frauenzimmer mit \u00fcberdimensierten Br\u00fcsten und einer riesigen Vulva.<\/p>\n<p>Keine reale Frau war zu jener Zeit derart ausgestattet. Also: Wunschbild, Sexsymbol, Fruchtbarkeitssymbol, Ritualgegenstand. = K\u00fcnstliches Fantasiegebilde, nicht Abbild der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>&#8211; H\u00f6hlenmalereien in Fankreich und Spanien von 40 000 bis 10 000 v.u.Z<br \/>&#8211; Die Frauen von Andernach\/G\u00f6nnersdorf 14 000 v.u.Z.; \u00e4sthetisch ganz anders als die Matronen zuvor und europaweit verbreitet.<br \/>&#8211; Dazu Schmuck, Hausrat und Keramikverzierungen.<\/p>\n<p>&gt; Funktionen: Ritual, Sozialzeichen, Freude\/Spa\u00df\/Sch\u00f6nheit \u2013 aber \u00fcberlebenstechnisch eigentlich nutzlos. = Selbstzweck der Menschlichkeit.<br \/>Diese Funktionen bleiben der Kunst durchg\u00e4ngig bis in die Gegenwart.<br \/>Und wir nehmen heute an: F\u00fcr die Entwicklung der fr\u00fchen Gesellschaften waren sie mindestens ebenso bedeutend wie technische Innovationen.<\/p>\n<p>&gt;Res\u00fcmee zu Missverst\u00e4ndnis I:<br \/>Wir haben die unterschiedlichsten Fr\u00fch- und Naturv\u00f6lkerkulturen entdeckt: Ohne Privateigentum, ohne Familienstrukturen, unz\u00e4hlige Matriarchate oder g\u00e4nzlich hierarchiefreie Gemeinschaften, G\u00fcterverkehr ohne Geld und ohne Tauschhandel allein auf Geschenkbasis&#8230; Aber wir haben bislang nicht ein einziges Volk, keine einzige Entwicklungsepoche gefunden, in der Kunst nicht essentieller Bestandteil des Lebens gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&gt; Mehr noch: Wir k\u00f6nnen heute davon ausgehen, dass Musizieren, Tanzen, Malen, Bildhauern etc. sich einige zehntausend Jahre vor dem Handel-Treiben und Kriegf\u00fchren entwickelten. a) Es gab bis zur Sesshaftigkeit kaum H\u00e4ndler. b) Es gab bis etwa 8000 v. Chr. keine Krieger, weil die wenigen Menschen jener unglaublich d\u00fcnn besiedelten Epoche begierig waren, einander zu begegnen, nicht einander zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Missverst\u00e4ndnis II:<br \/>Die K\u00fcnste sollen mit Sch\u00f6nheit das Leben im irdischen Jammertal erleichtern. Heute: Kultur soll gefallen und unterhalten.<\/p>\n<p>&gt; Gegenthese: Das H\u00e4ssliche, Bedrohliche, Traurige, Tragische war sp\u00e4testens seit sumerischer, \u00e4gyptischer und schlie\u00dflich griechisch-r\u00f6mischer Antike stets ebenfalls ein zentrales Thema der K\u00fcnste.<br \/>s. antikes Drama, s. Shakespeare, Tschechow, Ibsen, Brecht; s. klassische Musik; s. H\u00f6llen- und Leidensmalerei + Kirchenarchitektur seit dem Mittelalter, s. Goethe, Schiller und die ganze Weltliteratur&#8230;..<\/p>\n<p>&gt; These: Kunst war nie nur versch\u00f6nernder Schmuck oder vergn\u00fcgliche Kurzweil, sondern stets auch Reflexion \u00fcber Mensch und Leben im Guten wie im Schlechten.<\/p>\n<p>Missverst\u00e4ndnis III:<br \/>Es geben keinen Unterschied zwischen E und U, zwischen ernster\/hoher Kunst und Unterhaltungskultur.<\/p>\n<p>Diskurs der 60er\/70er \u00fcber \u201eKultur f\u00fcr alle\u201d wurde oft falsch verstanden. Hilmar Hoffmann meinte mit dieser Forderung: \u00d6ffnung der Hochkultur f\u00fcr alle Volksschichten, nicht Banalisierung der Hochkultur zu Popul\u00e4rkultur.<\/p>\n<p>&gt;These: E und U haben gleiche Existenzberechtigung, aber sie sind nunmal nicht gleich = denn St\u00f6rung des Allt\u00e4glichen\/Selbstverst\u00e4ndlichen und Reflexion (Kunst) sind das Gegenteil von sich unterhalten lassen. E spannt Kopf und Sinne aufs h\u00f6chste an, U schaltet Kopf aus und umschmeichelt die Sinne (Entspannung).<\/p>\n<p>&gt;Unterschied wie gleiche Existenzberechtigung E\/U kennen wir ebenfalls aus der Geschichte:<br \/>antike Trag\u00f6die vs. antike Lustspiele (dionysisch\/bacchantisch); im Mittelalter kirchliche Mysterienspiele vs. Stra\u00dfentheater; hohe Kirchenmusik vs. Kneipenmusik; hehres Theater der Klassik (Goethe) vs. Comedia del arte; Romankultur der Romantik = Kunst vs. Trivial&#8230;<\/p>\n<p>Shakespeare und Moliere brachten E und U noch unter einen Hut, aber selbst in ihren deftigsten und komischsten Momenten arbeiteten sie auf hintersinnige Reflexion \u00fcber Mensch, Gesellschaft, Sein hin. zB Sommernachtstraum oder Der Geizige.<\/p>\n<p>&gt;Die Arroganz von E gegen\u00fcber U ist so elend wie die Anma\u00dfung von U, Kunst zu sein.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Wir haben also gesehen: Kunst zu schaffen und rezipieren ist ein urmenschliches Bed\u00fcrfnis seit Anbeginn der Zivilisation. Betrachten wir nun, was in der Neuzeit daraus geworden ist und noch mehr zu werden droht.<\/p>\n<p>Zitat Nida-R\u00fcmelin:<br \/>\u201eIn der gegenw\u00e4rtigen Umbruchphase der globalen \u00d6konomie ist eine kulturelle Perspektive gefordert und \u2013 damit zusammenh\u00e4ngend \u2013 eine neues Verh\u00e4ltnis von Ethik und Politik, Recht und \u00d6konomie, Staat und Zivilgesellschaft. (Achtung jetzt!:) Die jeweiligen Systeme haben ihre eigene innere Logik und es treten besondere Probleme auf, wenn die Logik des einen Systems auf die des anderen \u00fcbertragen wird oder ein System alle \u00fcbrigen dominiert.\u201c So weit Nida-R\u00fcmelin.<\/p>\n<p>Und damit, Herrschaften, stecken wir mittendrin im aktuellsten \u00dcbertrend \u2013 man kann auch sagen Schlamassel \u2013 der uns alle betrifft. Es ist n\u00e4mlich in unserer Gegenwart die Logik eines Systems dabei, alle anderen Systeme zu dominieren: Die Logik der \u00d6konomie. Das \u00f6konomisch orientierte Denken durchwuchert zusehends s\u00e4mtliche Gesellschaftsporen, hat auch Kunst und Kultur ziemlich fest in den Griff genommen.<\/p>\n<p>Dieser Trend beeinflusst unser Hirn nachhaltig, er ver\u00e4ndert schleichend unser Verh\u00e4ltnis und Verst\u00e4ndnis von Kunst und Kultur. Und dieser Trend spiegelt sich in einem vor ein paar Jahren neu entstandenen Begriff, der mir schon vom Wort her heftiges Bauchgrimmen, um nicht zu sagen \u00dcbelkeit verursacht:<\/p>\n<p>Kreativwirtschaft oder Kulturwirtschaft.<\/p>\n<p>Bedeutet: Subsumierung aller irgendwie mit Kultur\/Kreativit\u00e4t zu tun habenden Zweige in einer Wirtschaftsbranche: traditionelle Kultur- und Bildungsbereiche ebenso wie PR- und Werbeagenturen, Web- und Produktdesigner (inkl. Autos, K\u00fchlschr\u00e4nke, Vibratoren), TV- und Rundfunkbereich, Zeitungen\/Illustrierten, Filmindustrie, Landschaftsgestalter, Freizeitparkbetreiber, K\u00f6che und Touristiker&#8230;.<\/p>\n<p>Der kreativwirtschaftliche Diskurs geistert seit etwa 2008 mit Macht in der Republik herum, auch in Rheinland-Pfalz.<\/p>\n<p>Ich will nicht weiter auf die Absurdit\u00e4t eingehen, dass da beispielsweise die Sch\u00f6pfung von Kunst und die Vermittlung von Kunst in einen Topf ger\u00fchrt wird mit der Werbung f\u00fcr Waschmaschinen, der Vermarktung touristischer Destinationen oder der Zusammenstellung von Klangkulissen f\u00fcr Kaufh\u00e4user, Fahrst\u00fchle und Wirtshaus-Toiletten.<\/p>\n<p>Ich will mich auch nicht langatmig dar\u00fcber aufregen, dass in der Begriffswelt von Kreativ- und Kulturwirtschaft Theater, Museen, Orchester, Kulturzentren und Kulturuclubs, ja selbst K\u00fcnstlerateliers oder die einsamen Schreibklausen von Schriftstellern prim\u00e4r als Wirtschaftsbetriebe betrachtet werden.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte vielmehr auf ein fast noch bemerkenswerteres Ph\u00e4nomen eingehen: Die Kulturszene selbst hat geradezu gierig nach dem Brocken Kreativwirtschaft geschnappt \u2013 vor allem nach dem Zahlenmaterial, das damit einherkam.<\/p>\n<p>Denn wohlfeil die Kulturinstitutionen zusammengerechnet mit Radiosendern, Fernsehanstalten, Werbewirtschaft und Co., l\u00e4sst sich aus den Zahlen ableiten: Der Kulturbereich ist eine wirtschaftliche Supermacht in Deutschland! Nach Umsatz und Besch\u00e4ftigtenzahl rangiert die so definierte Kreativ-\/Kulturwirtschaft nicht weit hinter der Automobilbranche, gleichauf mit Chemiewirtschaft und weit vor dem Transport-Gewerbe.<\/p>\n<p>Ja, das schafft Selbstbewusstein! Pl\u00f6tzlich steht die Kultur als gesellschaftlich relevante, weil \u00f6konomisch bedeutende Kraft da. Pl\u00f6tzlich k\u00f6nnen die Kulturschaffenden den Automobilbossen und Bankern auf gleicher Augenh\u00f6he begegnen. K\u00f6nnen nach Lobbyisten-Manier der Politik mit drohendem Verlust oder erhofftem Zugewinn von Arbeitspl\u00e4tzen winken.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ist die Kulturszene ein mitentscheidender Faktor f\u00fcr die Steigerung des Bruttosozialproduktes \u2013 und nicht l\u00e4nger blo\u00df ein mehr oder minder freundlich bel\u00e4chelter, mehr oder minder gro\u00dfm\u00fctig geduldeter, paternalistisch gehegter Spielplatz oder Vergn\u00fcgungspark am Rande des wirklichen, des ernsten, des \u00f6konomisch bestimmten Lebens.<\/p>\n<p>Der gesellschaftliche Wert von Kunst und Kultur nimmt pl\u00f6tzlich sprunghaft zu, weil er nunmehr nach allgemeinen \u00f6konomischen Ma\u00dfst\u00e4ben bemessen wird. Und wir Idioten machen uns diese Ma\u00dfst\u00e4be auch noch stolz zu eigen \u2013 statt weiter entschieden auf den prim\u00e4ren Selbstwert von Kunst und Kultur f\u00fcr das menschliche Dasein zu pochen.<\/p>\n<p>Mit Verlaub, mit diesem Paradigmenwechsel \u2013 den viele kultursinnige Zeitgenossen auch noch begeistert mitmachen \u2013 hat der Marktliberalismus Kunst und Kultur am Arsch. Wenn wir nicht dagegenhalten, ergeht es den K\u00fcnsten wie den Wissenschaften und der Bildung: Sie werden fortan immer wieder aufs Neue ihre N\u00fctzlichkeit f\u00fcr den wirtschaftlichen Gang der Dinge nachweisen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Werfen wir mal einen Blick auf die Entwicklungen im Bildungsbereich.<\/p>\n<p>Was hat es auf sich mit dem Turbo-Abitur, was mit dem ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Bologna-Prozess an den europ\u00e4ischen Hochschulen? In beiden F\u00e4llen geht es nicht zuletzt um \u00d6konomisierung der Bildung. Begr\u00fcndet werden die \u201eReformen\u201c in beiden F\u00e4llen mit besserer Abstimmung zwischen Bildungswegen und ver\u00e4nderten Anspr\u00fcchen auf dem Arbeitsmarkt. Die vorgebliche Maxime lautet: Die beruflichen Chancen der Sch\u00fcler und Studenten optimieren. Hei\u00dft zugleich: Die Interessen der Wirtschaft bedienen.<\/p>\n<p>Wie auch immer man dazu steht: Es bleibt der Effekt, dass im Zuge dieser Entwicklung das Verst\u00e4ndnis vom Selbstwert der Bildung als humanistische, emanzipatorische Menschenbildung weitgehend verloren gegangen ist. Zugespitzt gesagt: Bildung verkommt zum Wirtschaftsfaktor.<\/p>\n<p>Ein anderes, ganz kleines, aber vielsagendes Beispiel aus dem Bildungsbereich. Die moderne Hirnforschung hatte ausget\u00fcftelt, dass Musikh\u00f6ren, Musizieren und Singen \u00fcberaus positive Wirkungen auf die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung von Kindern hat. Das ist an sich keine weltbewegende neue Erkenntnis, sondern empirischer Wissensstand der P\u00e4dagogik seit Generationen. Neu war nun allerdings der wissenschaftliche Beweis, dass musikalisches Tun sich mittelbar auch positiv auf die Lernf\u00e4higkeit in naturwissenschaftlichen und sprachlichen F\u00e4chern auswirkt.<\/p>\n<p>Frage: Wer griff diese Erkenntnisse vor einigen Jahren am begierigsten auf, rieb sie mit Verve und wachsendem Selbstbewusstsein Lehrerkollegien wie Schulpolitikern unter die Nase? Die Musiklehrer! Sie sahen mit einemmal die Chance gekommen, ihr allweil als Spielerei geringgesch\u00e4tztes Nebenfach geh\u00f6rig aufzuwerten. Und zwar nicht wegen seines kulturellen Wertes an sich, sondern wegen seiner N\u00fctzlichkeit f\u00fcr die harten, wichtigen, \u00f6konomisch relevanten F\u00e4cher wie Mathematik, Physik, Englisch etc.<\/p>\n<p>So richtig absurd wurde die Sache dann, als ein paar amerikanische Forscher meinten herausgefunden zu haben, dass die spielerische Auseinandersetzung speziell mit der Musik Mozarts kindliche Gehirne zu H\u00f6chstleistungen bef\u00e4hige. In den USA entstand sofort eine ganz neue Industrie mit Mozart-Spielen und Mozart-Lernmitteln. Hierzulande ging man es zwar etwas ruhiger und skeptischer an, war aber auch nicht abgeneigt, zwecks Steigerung der allgemeinen Lerneffizienz auf den Mozart-Wunderzug aufzuspringen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass fast zur selben Zeit bekannt wurde: K\u00fche, denen man \u00fcber Lautsprecher im Stall jeden Tag ein paar Stunden Mozart vorspielt, sollten mehr Milch geben.<\/p>\n<p>Um den vermeintlichen Mozart-Effekt (es gibt ihn in der behaupteten Direktheit nicht) ist es inzwischen still geworden, auch ist Musik in den Schulen noch immer kein Hauptfach. Aber der Bedeutungszuwachs f\u00fcr die sogenannten Softskills h\u00e4lt an. Softskills meint soziale Kompetenz , Teamf\u00e4higkeit, individuelle Verantwortlichkeit f\u00fcr die Arbeit in der Gruppe, F\u00fchrungseigenschaften etc. Es hat sich n\u00e4mlich herumgesprochen, dass das im Wirtschaftsleben sehr n\u00fctzliche F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten sind, und dass sie gerade bei kulturell-k\u00fcnstlerischem Tun erworben und trainiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Noch vor ein paar Jahren h\u00e4tte ein junger Arbeitssuchender es tunlichst vermieden, in seinen Lebenslauf f\u00fcr die Job-Bewerbung hineinzuschreiben: Ich spiele in einer Rockband, ich mache Rap-Musik, ich bin ein Poetry-Slamer, ich mache im Jugendtheater mit, ich gestalte in der Jugendkunstwerkstatt aus M\u00fcll zivilisationskritische Skulpturen. Heute w\u00e4ren Jugendliche bl\u00f6d, wenn sie das nicht in ihren Lebenslauf hineinschreiben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Bedeutung der Softskills wird in der Wirtschaft zusehends begriffen; damit auch die letztlich geldwerte Bedeutung des aktiven Engagements von Jugendlichen in der Kultur. Das ist eine gute Entwicklung, keine Frage. Aber sie birgt eine Gefahr, derer wir uns immer bewusst sein sollten: Die m\u00e4chtigen Mechanismen der \u00d6konomie tendieren dazu, Kunst und Kultur von ihrem eigentlichen Daseinszweck zu entfremden. Kunst und Kultur sind n\u00e4mlich ihrem Wesen nach nicht dazu da, die \u00f6konomische Verwertbarkeit der Menschen zu steigern.<\/p>\n<p>Eher im Gegenteil: Kunst und Kultur sollen, wollen in erster Linie zur Emanzipation des Menschlichen von den Zw\u00e4ngen des allt\u00e4glichen R\u00e4derwerks beitragen. Die Besch\u00e4ftigung mit Kunst und Kultur soll prim\u00e4r die Selbstbewusstwerdung des Individuums f\u00f6rdern, soll seinen seelischen und geistigen Selbstwert steigern \u2013 nicht seine wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit. Ich habe es in den letzten Jahren wiederholt erlebt und finde es v\u00f6llig absurd: Da gibt es Institutionen in der Kulturszene, die werben f\u00fcr sich selbst unter dem Motto: Kommt zu uns, macht bei uns mit, das erh\u00f6ht eure Chancen auf Erfolg in Beruf und Arbeitswelt.<\/p>\n<p>Wenn die Kultur sich dazu verf\u00fchren oder treiben l\u00e4sst, ihre Daseinsberechtigung \u00f6konomisch zu begr\u00fcnden, ist das ein gro\u00dfer Schritt in Richtung \u2013 Selbstaufgabe.<\/p>\n<p>Kultur als &#8222;Standortfaktor&#8220;<\/p>\n<p>Ganz neu ist diese Entwicklung \u00fcbrigens nicht. Schon in den fr\u00fchen 1990er-Jahren machte sich in der kulturpolitischen Diskussion ein Begriff und eine Betrachtungsweise breit, die als Vorl\u00e4ufer der Kreativwirtschaft-Ideologie gelten darf: Kultur als Standortfaktor. Damals schossen Sommerfestivals wie Pilze aus dem Boden, weil man entdeckt hatte, dass die Attraktivit\u00e4t von St\u00e4dten und Landstrichen dadurch zunimmt. Damals kam die Argumentation auf, dass das Kulturangebot einer Stadt mitentscheidend sei f\u00fcr ihre Position im Wettbewerb um Industrieansiedlung und Zuzug von Neub\u00fcrgern \u2013 gleichgewichtig neben Verkehrsinfrastruktur und Bildungsangebot. Die Kulturszene hat seinerzeit das Argument Standortfaktor dankbar gegen Kultursparpl\u00e4ne und f\u00fcr die eigene Aufwertung ins Feld gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Damit wir uns nicht missverstehen: Das ist alles durchaus richtig, trifft alles durchaus zu. Aber der Blickwinkel der \u00f6konomischen N\u00fctzlichkeit von Kultur z\u00e4umt das Pferd verkehrt herum auf. Denn diese N\u00fctzlichkeit resultiert gewisserma\u00dfen blo\u00df als automatischer Nebeneffekt aus dem grundlegenden menschlichen Bed\u00fcrfnis nach Kunst und Kultur.<\/p>\n<p>Dieses Bed\u00fcrfnis ist quantativ wie qualitativ von Individuum zu Individuum unterschiedlich ausgepr\u00e4gt. Aber es gibt doch ein ziemlich weit verbreitetes Verst\u00e4ndnis davon, dass zu einem zivilisierten Gemeinwesen ein ger\u00fcttelt Ma\u00df an Kunst einfach dazugeh\u00f6rt. Als vor einigen Jahren der damalige Kulturminister J\u00fcrgen Z\u00f6llner den Bestand der rheinland-pf\u00e4lzischen Staatsorchester zur Disposition stellte, emp\u00f6rten sich in Mainz und Koblenz dagegen auch Menschen, die noch nie in ihrem Leben ein Konzert dieser Orchester besucht hatten. Warum? Nicht, weil sie um die \u00f6konomische Wettbewerbsf\u00e4higkeit ihrer Stadt gef\u00fcrchtet h\u00e4tten. Sondern weil ihnen eine Gro\u00dfstadt ohne ordentliches klassisches Orchester schlichtweg undenkbar erschien.<\/p>\n<p>Diese Denkweise l\u00e4sst sich auf andere Kulturinstitutionen \u00fcbertragen. Wollte die Politik in Mainz, Koblenz, Trier, Kaiserslautern morgen das \u00f6rtliche Theater zusperren, sie h\u00e4tte ein richtiges Problem \u2013 mit den B\u00fcrgern; zumindest mit sehr vielen; jedenfalls erheblich mehr als gew\u00f6hnlich ins Theater gehen. Selbiges bei den angestammten Museen oder Stadtbibliotheken, inzwischen wohl auch bei etlichen soziokulturellen Einrichtungen. Und allemal w\u00fcrde beim b\u00fcrgerlichen Widerstand die \u00f6konomische Konkurrenzf\u00e4higkeit der Stadt nicht die erste Geige spielen.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen haben im Normalfall kein \u00f6konomisches Verh\u00e4ltnis zu den K\u00fcnsten. Freilich, das Publikum muss notgedrungen bezahlen, um \u00fcberhaupt an die Kunstobjekte seines Interesses ranzukommen. F\u00fcr Theater, Museen, Konzerte, Kino etc. ist Eintritt zu entrichten, B\u00fccher und CDs haben einen Preis. Insofern ist auch Kunst erstmal eine Ware. Aber von einigen Sammlern und Kapitalanlegern mal abgesehen, interessiert sich der Kunstrezipient eher wenig f\u00fcr den Geld- und Handelswert des Kunstproduktes, an dem es gerade mehr oder minder Gefallen findet.<\/p>\n<p>Unsere B\u00fccherregale und CD-Sammlungen daheim sind eben nicht als Kapitalanlage oder Sparbuch gedacht. Und anders als beim Kauf von Waschmaschinen, Autos oder Klamotten spielen beim Kino oder Theaterbesuch Preisvergleiche eine allenfalls nachgeordnete Rolle. Nat\u00fcrlich gibt es den Effekt, dass jemand nach einem Konzertbesuch oder den ersten 50 Seiten einer Buchlekt\u00fcre sagt: \u201eDas war sein Geld nicht wert.\u201c Doch dieser Spruch meint nicht wirklich das merkantile Verh\u00e4ltnis zwischen der Ware (Kunst) und ihrem Preis. Der Spruch bringt vielmehr in erster Linie ein negatives \u00e4sthetisches oder ein kunstkritisches Urteil zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Die Beispiele lie\u00dfen sich endlos fortsetzen und lassen sich quer durch das gesamte Kulturspektrum festmachen. Der Jazz und nachher die Beatles: Es dauerte lange, bis die Widerstandsaffekte dagegen so weit abgemildert waren, dass das Kunstvolle in diesen Musikstr\u00f6mungen \u00fcberhaupt erstmal wahrgenommen werden konnte. Moderne Dichtung, modernes Theater, moderne Bildhauer- und Malerei, sowieso das neuartige und auch renitente Kulturverst\u00e4ndnis in den Soziokulturzentren, die seit den 1980er-Jahren \u00fcberall aufkamen: Das alles dauerte bis es auch in einer gewissen Breite Akzeptanz fand, bis ihm ein ordentliches Quantum gesellschaftliche Anerkennung zuteil wurde.<\/p>\n<p>Denn: Jede Zeit braucht ihre Zeit, um Geschmack an und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Neuerungen der K\u00fcnste zu entwickeln.<\/p>\n<p>Womit wir bei einer zentralen Fragestellung w\u00e4ren:<\/p>\n<p>Was wird aus der Kunst, wenn sie sich mit Blick auf den Publikumszuspruch dem jeweiligen Zeitgeschmack anpasst?<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn die Kunstvermittler, also die Museen, Theater, Kulturveranstalter nur noch \u00f6konomisch denken \u2013 also Angebote machen, von denen sie glauben, dass es daf\u00fcr aktuell eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Nachfrage gibt? Wenn also die zu erwartende Einschaltquote den Ausschlag f\u00fcr die Programmgestaltung gibt? Und was geschieht, wenn schlie\u00dflich sogar die K\u00fcnstler selbst vordringlich mit dem Gedanken an ihre Arbeit gehen: Was muss ich wie machen, damit sich meine Arbeitsergebnisse gut verkaufen?<\/p>\n<p>Die Antwort liegt auf der Hand, auch wenn wir sie im atemlosen Getriebe, das l\u00e4ngst auch die Kulturlandschaft erfasst hat, vielfach aus den Augen verloren haben.<\/p>\n<p>Die Antwort lautet: H\u00e4tten K\u00fcnstler sich seit jeher nur am jeweils vorherrschenden Geschmack des Publikums (oder ihrer Auftraggeber) orientiert, dann w\u00e4ren wohl die meisten der bedeutendsten Kunstwerke der Menschheit nie entstanden. Selbst Kompositionen von Mozart und Beethoven, ja von fast allen gro\u00dfen Komponisten sind in der Entstehungszeit beim Publikum sehr oft auf Unverst\u00e4ndnis gesto\u00dfen oder regelrecht durchgefallen. Fast jeder Fortschritt in der Bildenden Kunst war eine schwere, schmerzhafte Geburt. Kurzum: Wahre Kunst kann nicht gedeihen, wenn sie sich nur als wohlfeile Ware versteht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es das, dass ein Schriftsteller sich hinsetzt mit der Absicht: Ich schreibe jetzt einen Publikumsrenner, einen Bestseller. Dieser Autor wird dann, eventuell unter Mitwirkung eines ganzen Helferstabes, all jene Bestandteile zusammensuchen und zusammenbauen, die bei m\u00f6glichst vielen Lesern gerade beliebt sind. Im Augenblick w\u00e4ren das Hausfrauen-, Sekret\u00e4rinnen- und Studentinnenfantasien a la \u201e50 Shades of Grey\u201d von freiwilliger Unterwerfung unters sexuelle Diktat eines potenten Don Juan oder aber \u201eDie Sch\u00f6ne und das Monster\u201c, wobei die Monster heute ebenfalls Sch\u00f6nlinge sind und mit Vampirz\u00e4hnen ausgestattet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Komponisten, oder besser gesagt: Musikstilisten, die es ganz gezielt darauf anlegen, just einen popul\u00e4ren Chartst\u00fcrmer zu schreiben oder k\u00fcnstlich eine trendy Supergroup zu konstruieren und am Markt zu platzieren. Wie es auch Theaterregisseure gibt, die ihr ganzes K\u00f6nnen bewusst darauf verwenden, eine Inszenierung hinzukriegen, die m\u00f6glichst viele Besucher anzieht und sie m\u00f6glichst gut unterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>In all diesen F\u00e4llen diktieren Geschmack und Erwartungshaltung des Publikums, diktiert der Markt dem Kulturprodukt seine Bedingungen. Die Nachfrage bestimmt Form und Inhalt des Angebots wenn nicht v\u00f6llig, so doch ma\u00dfgeblich. Die Ergebnisse dieser Art des Kulturschaffens lassen sich als gewaltige Sintflut von Banalit\u00e4ten bis hin zu regelrechtem Schwachsinn an Bestellerlisten, Hitparaden, Fernsehprogrammen, Veranstaltungskalendern ablesen.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte jetzt eingewandt werden: \u201ePecht, du bist ein elit\u00e4rer Sack und r\u00fcmpfst arrogant die Nase \u00fcber das Volk. Wenn\u2018s den Leuten gef\u00e4llt, lass sie doch.\u201c Von mir aus, nichts dagegen: Ein jeder m\u00f6ge nach eigener Fasson gl\u00fccklich werden.<\/p>\n<p>ABER, jetzt etwas zugespitzt formuliert: Ich bitt mir aus, dass vor allem Leute, die es besser wissen, nicht daherkommen und erkl\u00e4ren, Schei\u00dfe sei Kunst \u2013 nur weil sie mit Schei\u00dfe mehr Geld verdienen als mit Kunst. Und ich bitt mir aus, dass man den Kindern wenigstens die Chance gibt, den Unterschied zwischen Schei\u00dfe und Kunst kennenzulernen. Und ich bitt mir aus, dass man den sozial Schwachen wenigstens die M\u00f6glichkeit gibt, ohne Gef\u00e4hrdung des schmalen Geldbeutels tats\u00e4chliche Kunstangebote wahrnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bitt ich mir noch aus, dass die \u00d6ffentliche Hand nebst den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Kulturauftrag ernst nimmt und daf\u00fcr sorgt: Dass der f\u00fcr F\u00f6rderung der K\u00fcnste und Kunstvermittlung vorgesehene Anteil am Gemeinschaftsgeld aus Steuern und Geb\u00fchren auch tats\u00e4chlich f\u00fcr die F\u00f6rderung der K\u00fcnste und f\u00fcr die Kunstvermittlung eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Schon klar: F\u00fcr sehr viele Kulturinstitutionen sind Einnahmen aus Popul\u00e4rveranstaltungen \u00fcberlebensnotwendig. Solche Ambivalenzen zwischen Kunstanspruch und seiner Finanzierung hat es immer gegeben. Bach, H\u00e4ndel, Hayden, Mozart, um bei den Musikern zu bleiben, mussten stets an ihre Eink\u00fcnfte denken. Auch die Kunst muss essen und will anst\u00e4ndig leben. Wieviel k\u00fcnstlerischen Anspruch, wieviel kreative Freiheit muss der einzelne K\u00fcnstler f\u00fcr Lohn und Brot aufgeben? Wieviel ist er bereit, aufzugeben? Das ist ein sehr schwieriger Balanceakt, der die Kulturgeschichte seit ewigen Zeiten durchzieht.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Historischer Exkurs:<\/p>\n<p>&gt;So alt wie Kunst selbst ist die Frage, wer sorgt f\u00fcr ihre Existenzgrundlage. Und so alt wie diese Frage sind die Spannungen zwischen K\u00fcnstler\/Kunst einerseits und Geldgebern andererseits.<\/p>\n<p>Fr\u00fchere Definition:<br \/>M\u00e4zenatentum = uneigenn\u00fctzige Kunstf\u00f6rderung oder zwecks Begl\u00fcckung des M\u00e4zens allein;<br \/>Sponsoring = Arrangement auf Gegenseitigkeit: Geld f\u00fcr Kunst\/K\u00fcnstler gegen Werbeeffekt\/Renommee f\u00fcr Sponsor.<\/p>\n<p>&gt;Diese Definition ist ein Irrtum.<br \/>Praxis im Feudalismus: Kunst war an H\u00f6fe und Kirchen gebunden, sie zahlten. Und sie versprachen sich was davon: Vergn\u00fcgen, Kurzweil, Glanz des eigenen Hofes, Ansehen. Oder Glanz in den Kirchen zur Ehre Gottes und zur Beeindruckung der Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p>&gt;Vorurteil: Die Herren bestellten, K\u00fcnstler lieferten nach deren Geschmack. Die Sache ist komplizierter.<br \/>= Adel musikalisch gebildet, an Neuem und Hochqualit\u00e4t interessiert. Ein Hof, an dem wie in Koblenz \u201enur feste geschmauset und getrunken wird\u201d (Mozart senior), aber schlecht musiziert, sinkt im \u00f6ffentlichen Ansehen (der Feudalklasse).<\/p>\n<p>Der Herr musste dem K\u00fcnstler deshalb kreative Freir\u00e4ume lassen und manches Kunstexperiment wagen. (Der Papst verzweifelte schier an Michelangelo und lie\u00df ihn die Sixtinische Kapelle dennoch ausmalen; der Kaiser in Wien beschied Beethoven \u201ezu viele Noten, zu viele\u201d und lie\u00df ihn doch spielen.)<\/p>\n<p>&gt;Ab 18. Jh. freie K\u00fcnstler, die sich am Markt behaupten m\u00fcssen.<br \/>Oper in Venedig (Vivaldi), Oper- und Konzertleben in London (G.F. H\u00e4ndel)= b\u00fcrgerliche Wirtschaftsunternehmen, die sich selbst tragen m\u00fcssen. Und doch ging es schon da nicht ohne Geldgeber\/M\u00e4zene. Und meist klagten die K\u00fcnstler \u00fcber \u201eden elenden Geschmack des Publikums\u201d und die Forderungen mancher Geldgeber nach Gef\u00e4lligkeit. &gt;Entsprechend mies oft die Qualit\u00e4t der Darbietungen.<\/p>\n<p>&gt;These: In der Kunst kann nicht einfach gelten \u201ewer bezahlt, bestimmt, was hinten rauszukommen hat\u201d. Wenn doch, kommt hinten selten etwas k\u00fcnstlerisch wertvolles raus.<\/p>\n<p>&gt;Die soziale Demokratie schafft erstmals Freiheit\/Autonomie der Kunst bei gleichzeitiger staatlicher Alimentation von Kunst\/K\u00fcnstlern. Anders ist Kunstfreiheit (als Grundrecht) auch kaum denkbar.<\/p>\n<p>&gt;Geldknappheit des Staates f\u00fchrt zu Aush\u00f6hlung dieses Prinzips. Rotstift all\u00fcberall ausgerechnet seit 1989 auf dem Vormarsch. Primat der \u00d6konomie.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Die Streitereien zwischen K\u00fcnstlern und ihren M\u00e4zenen, Dienstherren, Auftraggebern, Agenten f\u00fcllen B\u00e4nde. Ebenso der Zorn vieler K\u00fcnstler auf die Ignoranz des Publikums ihrer Zeit. K\u00fcnstler streben stets nach m\u00f6glichst weit reichender Autonomie in ihrem Schaffen, ahnend oder wissend, dass sie andernfalls nicht ihr Bestes zu Wege bringen.<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch ist letztlich kaum aufl\u00f6sbar. Aufseiten des Publikums, der \u00d6ffentlichkeit, zumal in der demokratischen Gesellschaft, gibt es zwei Wege mit Autonomie-Streben der K\u00fcnstler umzugehen.<\/p>\n<p>Erstens: Man anerkennt, dass Kunstschaffen von Rang k\u00fcnstlerischer Freiheit und Autonomie bedarf. Daraus folgert: Wir lassen uns auf das Abenteuer ein, Kunst zu begegnen, die anspruchsvoll ist, auch mal anstrengend, ja verunsichernd oder verst\u00f6rend \u2013 und bezahlen trotzdem daf\u00fcr. Dies Abenteuer schlie\u00dft f\u00fcr die Veranstalter oder Kulturvermittler das Risiko ein, dass sie gelegentlich oder \u00f6fter mal nur niedrige Einschaltquoten oder kleinere Besucherzahlen erreichen.<\/p>\n<p>Der zweite Weg w\u00e4re: \u00d6ffentlichkeit und Zahlmeister bestehen darauf, dass Kunst sich am Markt behauptet. Etwa nach der Devise: Das Gute setzt sich letztlich durch; wenn nicht, kann es nicht gut gewesen sein. Dem aber liegt die irrige Annahme zugrunde, das Beste bek\u00e4me stets den meisten Applaus und w\u00fcrde am meisten gekauft. Wir alle aber wissen sehr gut, dass dem leider so nicht ist. Und wir wissen auch, dass keinen guten Geschmack entwickeln oder behalten kann, wer allweil nur mit schlechtem Essen genudelt wird.<\/p>\n<p>Wer aber bestimmt am Ende, was gut und von hohem k\u00fcnstlerischem Wert ist, wenn es der Markt nicht kann?<\/p>\n<p>Erstens gibt es da die Kriterien der Fachwelt. Die k\u00f6nnen bei der Kunstbeurteilung mehr oder minder hilfreich sein.<\/p>\n<p>Zweitens gibt es da die Kulturgeschichte, die gewisse K\u00fcnstler und ihr Werke einfach nicht vergessen kann. Wieder und wieder, manchmal mit langen Abst\u00e4nden dazwischen, werden solche Werke von den Nachgeborenen aufgegriffen. Warum? Weil wahre Kunst den Menschen verschiedensten Zeitalter etwas zu sagen hat, etwas zu geben vermag. Derart entstehen Klassiker.<\/p>\n<p>Und da gibt es nicht zuletzt unser eigenes Empfinden. Unsere Neugierde, unser Suchen, unser Fragen, auch unser individuell mal mehr, mal weniger entwickeltes Gesp\u00fcr f\u00fcr tiefergehende Substanz und Vielschichtigkeit. Dieses Gesp\u00fcr ist viel weiter verbreitet, als man gemeinhin denkt. Beobachten Sie mal 7- bis 12-J\u00e4hrige, wenn sie livehaftig klassischer Musik begegnen. Lasst Euch von Kindern \u2013 die Gelegenheit haben, mal in relativer Ruhe Originalwerke der Bildenden Kunst zu betrachten \u2013 erz\u00e4hlen, was sie da herauslesen.<\/p>\n<p>Meine Erfahrung ist: Jedesmal, wenn man es hinbekommt, dass sich auch ganz einfache Menschen auf Kunst einlassen, erfassen sehr viele intuitiv sehr bald, ob sie es mit gro\u00dfer Kunst zu tun haben oder eher nicht. Schwierig wird es eigentlich immer nur, wenn die Kunstdarbietung die ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Kulturtechniken \u00fcberstapaziert. F\u00fcnf Stunden einer Wagner-Oper zu folgen ist f\u00fcrs erste ebenso zuviel verlangt wie drei Wochen an einem anspruchsvollen Roman zu lesen oder sich einen ganzen Nachmittag lang f\u00fcr 20 abstrakte Gem\u00e4lde zu interessieren. Das muss man erst lernen; so wie man als Erwachsener erst wieder lernen muss, was man als Kind mal konnte: der Fantasie freien Lauf zu lassen; nicht zu fragen, \u201ewas will der K\u00fcnstler mir sagen\u201c, sondern staunend zu erleben, was seine Kunst in meinem Kopf und Herzen ausl\u00f6st.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Bedeutung von Kunst f\u00fcr den Menschen, und die Bedeutung des Marktes f\u00fcr die Kunst \u00a0 ape. Das nachfolgend publizierte Manuskript eines Vortrages, den ich am 11. M\u00e4rz 2015 bei den Marienberger Seminaren gehalten habe, setzt sich aus ausformlierten Teilen und nur in Stichworten skizzierten Passagen zusammen. 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