{"id":5114,"date":"2018-03-05T15:14:00","date_gmt":"2018-03-05T14:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5114"},"modified":"2024-10-10T15:26:15","modified_gmt":"2024-10-10T14:26:15","slug":"neue-generation-uebernimmt-kulturfabrik-koblenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/03\/05\/neue-generation-uebernimmt-kulturfabrik-koblenz\/","title":{"rendered":"Neue Generation \u00fcbernimmt Kulturfabrik Koblenz"},"content":{"rendered":"<h6>Ansprache beim Festabend am 5. M\u00e4rz 2018 anl\u00e4sslich des kollektiven Wechsels der Gesellschafter im Tr\u00e4gerkreis der Kufa<\/h6>\n<p>I<em>nfo-Hintergrund:<\/em><\/p>\n<p><em><strong>ape.<\/strong> 1996 hatte eine 20-k\u00f6pfige Gruppe von Koblenzer B\u00fcrgern um den Gymnasiallehrer Dieter Servatius die Koblenzer Kulturfabrik von deren Gr\u00fcndern aus den 1980ern \u00fcbernommen. So wurde die damals gef\u00e4hrdete Fortexistenz dieses Kulturzentrums gesichert und zugleich dem 1991 ebenfalls von Servatius ins Leben gerufenen Koblenzer Jugendtheater die Spielst\u00e4tte erhalten. Jetzt, 22 Jahre sp\u00e4ter, haben die Kufa-GmbH-Gesellschafter des Servatius-Kreises in einem konzertierten Akt die Verantwortung in die H\u00e4nde einer j\u00fcngeren Generation gelegt. Der Altersdurchschnitt der Gesellschaftergruppe sank damit von 70 auf 45 Jahre, der Frauenanteil stieg von zwei auf sieben.<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Unkorrigiertes Redemanuskript<\/strong><\/p>\n<p>Meine sehr geehrten Damen und Herrn, liebe Kufa-Freunde im Besonderen und hoffentlich auch Kulturfreunde im Allgemeinen,<\/p>\n<p>bekanntlich bin ich ja von Hause aus ein Schreiber. Denn der liebe Gott hat mir statt der Gabe der freien Rede nur ein denkbar schlechtes Ged\u00e4chtnis in die Wiege gelegt. Ihr m\u00fcsst es mir nun also nachsehen, dass ich aufgeschrieben habe und ablese, was ich zum gewichtigen Ereignis hier und heute beitragen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Es gibt da ein Ph\u00e4nomen, das mich zugegebenerma\u00dfen etwas irritiert. Seit ich selbst zur \u00e4lteren Generation z\u00e4hle, laden mich immer h\u00e4ufiger ebenfalls \u00e4ltere \u2013 oder noch \u00e4ltere \u2013 Zeitgenossen aus honorablen B\u00fcrgerkreisen ein: Festreden, Jubil\u00e4umsreden, Preisverleihungsreden und Laudationes zu halten.<\/p>\n<p>Da fragt sich der Kultur- und Gesellschaftskritiker nat\u00fcrlich: Bin ich mit 62 Jahren so harmlos, so altersmilde geworden, dass selbst im b\u00fcrgerlichen Establishment keiner mehr meine Feder und mein Wort f\u00fcrchtet? Hat mir vermeintliche Altersweisheit jenen Biss ausgetrieben, dessentwegen man mich fr\u00fcher bei keinem Festkommerz dabeihaben wollte, dessentwegen man mich tunlichst von jedem Rednerpult ferngehalten hatte?<\/p>\n<p>Vielleicht ist das mit mir so \u00e4hnlich wie mit dem Koblenzer Jugendtheater. Das trifft ja auch allenthalben nur mehr auf Zustimmung, Lob und Beifall. Ich bin diesem Ph\u00e4nomen \u2013 in beiden F\u00e4llen \u2013 noch nicht recht auf die Schliche gekommen. Aber ich muss sagen: Ein Kulturkritiker, der keinen Ansto\u00df mehr erregt, der nicht wenigstens gelegentlich ein bisschen anst\u00f6\u00dfig ist und etwas kontroversen Disput provoziert: So ein Kulturkritiker ist mir irgendwie nicht ganz geheuer.<\/p>\n<p>Und ein Theater von und mit Jugendlichen, das selbst die Elterngeneration, ja sogar die Gro\u00dfelterngeneration allemal entz\u00fcckt, indes niemals auch nur ein bisschen befremdet, so ein Jugendtheater kann einen schon ins Gr\u00fcbeln bringen.<\/p>\n<p>Aber sei\u2018s f\u00fcrs Erste drum; ich komme nachher nochmal darauf zur\u00fcck. Der Vorteil f\u00fcr mich als Seniorredner jedenfalls ist: Niemand will und kann mir vorschreiben, was ich sagen soll oder darf. Ich genie\u00dfe die Freiheit des Shakespear\u2018schen Narren; was ich damit anfange, liegt allein an mir. Und: Auch f\u00fcr den heutigen Abend hat mir keiner Vorschriften gemacht, wie lange ich reden soll oder darf. Ich habe auch keinen gefragt. Das ist nun Ihr Risiko. Also lehnen Sie sich zur\u00fcck, setzen Sie sich gem\u00fctlich \u2013 man wei\u00df ja nicht, was in welcher Menge noch kommt.<\/p>\n<p>Generationenwechsel sind eine feine Sache. Weil: Es stecken immer Spannungsmomente drin und sie sind meist irgendwie kniffelig. Da sitzen die Vorg\u00e4nger ihren Nachfolgern gegen\u00fcber; alle zeigen einander freundliche Gesichter \u2013 und jeder denkt sich seinen Teil.<\/p>\n<p>Die Vorg\u00e4nger sagen: \u201eJa, es wird Zeit, dass die Jungen \u00fcbernehmen. Und wir sind v\u00f6llig sicher, dass unser Werk bei ihnen in guten H\u00e4nden liegt und sich unter ihrer \u00c4gide gedeihlich fortentwickeln wird.\u201c So sagen sie, w\u00e4hrend sie sowohl von Wehmut erf\u00fcllt sind, wie auch von Sorge.<\/p>\n<p>Die Wehmut derer, die abtreten, ist das Normalste von der Welt \u2013 selbst wenn diese Wehmut gepaart ist mit Erleichterung dar\u00fcber, nicht mehr die Last der Verantwortung tragen zu m\u00fcssen. Denn die Alten sp\u00fcren nun, dass sie tats\u00e4chlich alt geworden sind. Dass sie nicht mehr Tr\u00e4ger, Lenker und Motor des Geschehens sind. Dass es auch ohne sie gehen wird. Dass jene Sache, die sie mal mit so viel Enthusiasmus ins Werk gesetzt haben, ihnen jetzt entzogen wird. Sie tun es im vorliegenden Fall zwar freiwillig und aus guten Gr\u00fcnden, was jedoch am Vorgang und Gef\u00fchl des Verlustes wenig \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Dann ist da die Sorge, die vielleicht nur klammheimliche: Werden die Nachfolger es gut machen? Werden sie pfleglich mit dem Erbe umgehen, sodass trotz mancher Ver\u00e4nderung das urspr\u00fcngliche Ansinnen der Vorg\u00e4nger noch erkennbar bleibt? Oder werden sie das Erbe radikal zu etwas v\u00f6llig anderem umbauen? Es wom\u00f6glich modernem Zeitgeist zum Fra\u00df vorwerfen? Oder, schlimmer noch, werden sie es gar verprassen, will sagen: an die Wand fahren?<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite die Jungen, die Neuen, die Nachfolger. Sie sagen: \u201eJa, ihr habt eine gute Arbeit gemacht die letzten 22 Jahre. Wir werden euer Erbe in Ehren halten und uns bem\u00fchen, es ordentlich fortzuf\u00fchren.\u201c So sagen sie \u2013 w\u00e4hrend sie ungeduldig mit den Hufen scharren und denken: \u201eWie sich die Zeiten \u00e4ndern, muss sich auch hier allerhand \u00e4ndern.\u201c Und sie wollen zeigen, dass sie es k\u00f6nnen. Wollen ihr eigenes Werk schaffen, ihre eigene Handschrift erkennbar machen. Auch dieses Bestreben ist das Normalste von der Welt.<\/p>\n<p>Doch ja, ich mag Generationenwechsel. Wie ich auch Jubil\u00e4en nach 10, 25, 50, 100 oder 200 Jahren mag. Denn sie kommen meiner Neigung entgegen, jede Zeiterscheinung stets als Glied einer Kette historischer Entwicklungen zu betrachten und begreifen zu wollen. In eurem Falle, also im Falle der Kufa, f\u00fchrt die Betrachtung der historischen Kette ziemlich schnell zu einer Erkenntnis, die ich versucht habe, in meinem Rhein-Zeitungs-Artikel vom vergangenen Donnerstag fassbar zu machen.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis sei hier mit anderen Worten nochmals unterstrichen: Es handelt sich bei der Koblenzer Kulturfabrik nicht einfach um eine Location, nicht nur um eine profane R\u00e4umlichkeit mit Theatersaal, bewirtetem Foyer, Proben- und B\u00fcror\u00e4umen etc. Im Sosein dieses Gem\u00e4uers stecken von Geburt an ein eigener Geist, eine eigene Haltung, eine eigene Art von Kultur. Die Kufa hat gewisserma\u00dfen einen eigenen genetischen Code, der sie von anderen Kultureinrichtungen in Stadt und Umgebung unterscheidet.<\/p>\n<p>Diese Eigent\u00fcmlichkeit des Ortes ist \u00fcber das permanente Ringen um Finanzmittel, um Umbauten, um Funktionst\u00fcchtigkeit, um Publikum immer wieder mal ins Hintertreffen geraten. Oder man hat sie einfach vergessen angesichts der vielf\u00e4ltig unterschiedlichen Entwicklungen, die \u00fcber die Jahre im Haus stattgefunden haben beziehungsweise von hier ihren Ausgang nahmen. Weil dem so ist, sitzt hier und heute unsichtbar noch eine dritte Generation mit im Saal: die der Kufa-Gr\u00fcnder aus den 1980ern. Ob euch das passt oder nicht, ob denen das passt oder nicht, spielt gar keine Rolle. Es ist de facto so.<\/p>\n<p>Es hat vereinzelt Einw\u00e4nde gegen meinem RZ-Artikel vom Donnerstag gegeben. Nicht aus diesem Kreis hier (zumindest bisher noch nicht), sondern von anderer betroffener Seite. Kritisiert wurde zum einen: Meine Darstellung des \u00dcbergangs von der Erst-GmbH an euch sei falsch. In Wahrheit habe es sich um eine durch die st\u00e4dtische Kulturpolitik provozierte, quasi feindliche \u00dcbernahme gehandelt.<\/p>\n<p>Kritisiert wurde ferner diese Passage: \u201eDamit geh\u00f6rt das Jugendtheater zu einem der vielen bereichernden Momente der Kultur, die von der Kufa ihren Ausgang nahmen.\u201c Daran schlie\u00dft im Artikel eine Aufz\u00e4hlung an, die als Beispiele Jugendkunstwerkstatt, Festivalstern Jugendtheater des Kultursommers, Kulturb\u00fcro Rheinland-Pfalz und weiteres umfasst. Unter deren Protagonisten gibt es den einen oder anderen, der \u00fcberhaupt nicht einverstanden ist mit der Formulierung \u201evon der Kufa ihren Ausgang nahmen\u201c.<\/p>\n<p>Keine Bange, ich will das jetzt gar nicht mit historisch-kriminalistischer Akribie aufdr\u00f6seln. Es w\u00e4re sowieso vergebliche M\u00fch\u2018. Denn mit welchem Altprotagonisten auch immer man sich unterh\u00e4lt: Die Erinnerungen an das damalige Procedere unterscheiden sich teils gravierend, die subjektiven Wahrnehmungen und Einsch\u00e4tzungen der damaligen Vorg\u00e4nge liegen himmelweit auseinander. Und eigentlich spielt das auch keine allzu gro\u00dfe Rolle bei der kulturgeschichtlichen Gesamtbewertung dessen, was die Kufa war und geworden ist. Womit wir wieder beim genetischen Code dieser Institution w\u00e4ren. Den m\u00f6chte ich mal folgenderma\u00dfen umrei\u00dfen:<\/p>\n<p>Die soziokulturell-alternative Bewegung hat von den 1970ern bis in die 1990er gesellschaftliche Freir\u00e4ume, Zentren, Institutionen erstritten und geschaffen, die sich nach Inhalt, Form, Gebaren und Zielen betr\u00e4chtlich von alten Hauptlinien staatlicher oder privater Kulturpflege unterschieden. In S\u00fcddeutschland und in Teilen Norddeutschlands entstanden im Zuge dieser Bewegung zuerst und vor allem selbstverwaltete oder teilautomone Jugendzentren.<\/p>\n<p>In Rheinland-Pfalz, Hessen und NRW verlief die Entwicklung etwas anders: Obwohl vielfach von Jugendlichen und jungen Erwachsenen initiiert und getragen, entstanden nicht so sehr Jugendzentren, sondern alternative Kulturzentren. Die wollten neue Formen des kreativen Miteinanders erproben und eine andere, eine auch sozial ambitionierte Art von Kultur und Leben ins Werk setzen.<\/p>\n<p>Heutzutage ist es kaum mehr nachvollziehbar: Aber fast alle diese alternativen Ans\u00e4tze wurden seinerzeit von der Mehrheitsgesellschaft wie auch von sehr vielen Politikern in L\u00e4ndern und Kommunen misstrauisch be\u00e4ugt bis scharf ablehnend behandelt. Das war auch bei der Kufa so, fand hier wie vielerorts Niederschlag vor allem in ewigen Streitereien um Finanzunterst\u00fctzung durch die \u00d6ffentliche Hand und\/oder staatliche Einflussnahme auf Strukturen und Inhalte der Arbeit in diesen Jugend- und Kulturzentren. Kurzum: Ein nicht unwesentlicher Teil der Biografie besagter Bewegung besteht aus Streitbarkeit, Widerst\u00e4ndigkeit und Durchsetzungwillen gegen das seinerzeitig traditionelle, etablierte Verst\u00e4ndnis von Kultur.<\/p>\n<p>Aus dieser Bewegung sind in Koblenz Tanztheater Regenbogen, Kufa, Kulturinfo, Kulturb\u00fcro, Jugendkunstwerkstatt etc. hervorgegangen. Das alles und noch viel mehr waren schon immer unterschiedliche Ans\u00e4tze und Str\u00f6mungen. Teils haben sie sich \u2013 bis hin zum personellen Austausch \u2013 wechselseitig inspiriert, teils unabh\u00e4ngig voneinander entwickelt. Mal haben sie sich miteinander, mal nebeneinander, bisweilen auch gegeneinander bet\u00e4tigt. Aber hier in Koblenz sind sie fast alle im selben soziokulturellen Biotop zur Welt gekommen und herangewachsen: in der Kulturfabrik.<\/p>\n<p>Manche heute in der hiesigen Kulturlandschaft fest verankerte und inzwischen allgemein hochgesch\u00e4tzte Einrichtung w\u00fcrde vielleicht gar nicht existieren, h\u00e4tte es nicht die Kufa als r\u00e4umliches, ermutigendes, inspirierendes Biotop am Ort gegeben. Und auch der Gedanke ist keineswegs so furchtbar weit hergeholt, dass wir ohne Kufa vom Koblenzer Jugendtheater wom\u00f6glich\/wahrscheinlich schon lange nicht mehr reden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Deshalb bin ich ziemlich gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass mir am Ende meines RZ-Artikels jene, wie ich finde treffende Formulierung eingefallen ist: \u201eOhne den Mut und Pioniergeist der Kufa-Gr\u00fcnder h\u00e4tte es dieses Kulturzentrum nie gegeben; ohne das Engagement des nachherigen Gesellschafterkreises um Dieter Servatius w\u00fcrde es die Kufa l\u00e4ngst nicht mehr geben.\u201c<\/p>\n<p>Aus dem urspr\u00fcnglichen Herkommen mit all seinen K\u00e4mpfen, Kr\u00e4mpfen, M\u00fchen, Momenten des Gelingens wie auch des verzweifelten Scheiterns, aus jenem Versuch einer gelebten Utopie als Alternative zum etablierten Kulturbetrieb definiert sich der spezielle genetische Code der Kufa. Auch ich aber hatte lange eine Sache nicht verstanden: Der \u00dcbergang der Kufa aus sogenannten alternativen H\u00e4nden in sogenannte b\u00fcrgerliche H\u00e4nde hat zwar teils zu deutlichen Schwerpunktverschiebungen bei Selbstverst\u00e4ndnis, Formen und Tun gef\u00fchrt \u2013 aber genau besehen, konnte das bis dato dem genetischen Code des Ortes doch weniger anhaben als erwartet oder bef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Das hat durchaus ein bisschen mit euch zu tun. Mit B\u00fcrgern, deren B\u00fcrgerlichkeit sich eine geistige und kulturelle Offenheit erhalten hat \u2013 sei es von liberalem Hause aus oder weil mancher in seiner Jugend selbst eine alternative, antib\u00fcrgerliche Phase durchlaufen hat. Nehmen wir einfach den \u00c4ltesten hier, Servatius, als Beispiel: Was der Herr Deutschlehrer damals mit dem Literaturkreis, dann der Theatergruppe an seiner Schule auf die Beine stellte, galt in den 70er\/80ern nicht eben als normal. Und als der dickk\u00f6pfige Querkopf dann 1991 das Jugendtheater aus der Taufe hob, war auch das alles andere als ein Zeichen durchschnittlicher B\u00fcrgerlichkeit.<\/p>\n<p>Mehr noch aber hat der relative Erhalt des genetischen Codes der Kufa mit den jungen Leuten zu tun, die hier ein und aus gehen, die hier gemeinsam mit Profik\u00fcnstlern kreativ gesch\u00e4ftig sind. Ich muss diesen Aspekt jetzt nicht weiter ausf\u00fchren, davon war ja umfassend neulich in meiner Rede zum Jugendtheater-Jubil\u00e4um gesprochen worden.<\/p>\n<p>Lieber nehmen wir noch einen dritten Grund f\u00fcr den relativen Erhalt des genetischen Codes her: das Kufa-Verst\u00e4ndnis der allgemeinen \u00d6ffentlichkeit. Wenn ich so von berufswegen durch die diversen Szenen der Kulturlandschaft am Ort sowie in der n\u00e4heren und weiteren Umgebung ziehe und mit den unterschiedlichsten Leuten spreche, bin ich stets aufs Neue \u00fcber eines erstaunt: Wie sehr die Koblenzer Kufa dort drau\u00dfen noch immer als alternative Kulturst\u00e4tte gesehen wird \u2013 als das Andere, das sich von Stadttheater, Philharmonie, \u00f6rtlichen Museen, Festungsevents und Rhein- oder Moselfestivals unterscheidet.<\/p>\n<p>Dieses nach wie vor weit verbreitete Verst\u00e4ndnis \u2013 drau\u00dfen wom\u00f6glich mehr als hier drinnen \u2013 ist ein wunderbares Pfund f\u00fcr die neue Gesellschaftergeneration. Denn es gibt euch richtig viel Freiheit. Die Freiheit manch Neues auszuprobieren. Schlie\u00dflich nimmt man einer alternativen Kulturst\u00e4tte nicht krumm, wenn sie aus dem Rahmen des Gewohnten f\u00e4llt. Im Gegenteil: Man erwartet von ihr geradezu Experimentierfreude und Ungew\u00f6hnliches.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde dann auch jene kulturaffinen Zeitgenossen Staunen machen, die seit l\u00e4ngerem schon die Kufa abtun als blo\u00df noch Unterhaltungs- und Am\u00fcsiertempel, dem k\u00fcnstlerische Innovationskraft weitgehend abhanden gekommen sei. Ja, auch solche Ansichten gibt es drau\u00dfen; nichtmal zu knapp. Sie sind, und das ist schon fast tragisch, vor allem in Kreisen verbreitet, die im Grunde der Kufa als ideellem Ort alternativer Kultur besonders nahe stehen sollten. Da l\u00e4uft etwas schief.<\/p>\n<p>Weshalb ich den neuen Gesellschaftern gleich die Frage mit auf den Weg geben m\u00f6chte: K\u00f6nnte es vielleicht sein, dass diese Kritik am jetzigen Status Quo der Kufa zwar zugespitzt oder \u00fcberspitzt ist, dass der Kritik aber, sagen wir mal: zugleich ein interessanter Impuls f\u00fcr die anstehenden Zukunfts\u00fcberlegungen innewohnt?<\/p>\n<p>Gesch\u00e4tzte Alt- und Neugesellschafterinnen und -gesellschafter,<\/p>\n<p>es tut mir leid, sollte meine doch eher unfestliche Ansprache den einen oder anderen hier im Saal entt\u00e4uschen. Aber beschweren Sie sich deshalb bitte nicht bei mir, sondern bei Dieter Servatius. Der ist schuld. Denn als er mich als Redner f\u00fcr den heutigen Anlass engagierte, wusste er ganz genau, was er von mir NICHT bekommt: Eine staatstragende Festansprache, einen \u201eHosianna!\u201c jubilierenden Lobeshymnus.<\/p>\n<p>Servatius ist derjenige unter ihnen, den ich am l\u00e4ngsten kenne. L\u00e4nger noch als Dirk Zimmer, obwohl ich den schon als B\u00fcbchen auf der Jugendtheaterb\u00fchne herumspringen sah \u2013 und mit ihm alt geworden bin. Servatius kenne ich sogar ein paar Wochen l\u00e4nger als mein liebes Buchh\u00e4ndler-Ehepaar, die Duchsteins.<\/p>\n<p>Gleich nach meiner allerersten Theaterkritik in der Rhein-Zeitung so um 1990 herum, hatte Servatius mich, den Jungkritiker, in seinen Literaturkreis am Max-von-Laue-Gymnasium eingeladen \u2013 und vor versammelter Sch\u00fclergruppe Manfred Molitorisz auf ihn losgelassen, den erfahrenen Regisseur des kritisierten St\u00fccks. Das waren interessante, lehrreiche, f\u00fcr mich aber auch schwei\u00dftreibende zwei Stunden. Und das Honorar damals war: eine Tafel Schokolade.<\/p>\n<p>Seither verfolge ich, was Servatius so treibt \u2013 mal mit allen gesch\u00e4rften Sinnen des Dienst tuenden Kulturkritikers, mal mit dem halben Auge des ewigen Chronisten und alternden Zeitzeugen. \u00dcber die Jahre, inzwischen kann ja schon sagen: \u00fcber die Jahrzehnte hatten wir immer wieder mal ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4che miteinander. Da waren wir oft \u00e4hnlicher Meinung, aber kaum je ganz der selben.<\/p>\n<p>Ein Thema, bei dem wir uns regelm\u00e4\u00dfig in die Haare kriegten, war die von mir so genannte \u201eMusicallastigkeit\u201c des Jugendtheaters. Ich hatte und habe nichts grunds\u00e4tzlich gegen Musicals, sie interessieren mich nur nicht sonderlich. Die von Herrn Webber halte ich allerdings musikalisch allesamt f\u00fcr grottenschlechte Banalit\u00e4ten, abgesehen von seinem fr\u00fchesten: Jesus Christ Superstar. Aber das nur am Rande.<\/p>\n<p>Was mir gegen den Strich ging und ich auch im Hinblick auf den Anspruch \u201eJUGENDtheater\u201c f\u00fcr falsch hielt, war: Dass die in den Anfangsjahren neben den Musicalproduktionen noch regelm\u00e4\u00dfig verfolgten Projektarbeiten mit eigenen St\u00fccken und im Schauspielfach immer mehr von der Bildfl\u00e4che verschwanden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, Musicals erlebten gerade in den 1990ern einen Boom, waren ein von Hamburg ausgehender neuer Modetrend im Entertainment-Getriebe. In Niedernhausen bei Wiesbaden baute man sogar ein eigenes riesiges Theater nur f\u00fcr Musicals. Kein Wunder, dass hier ihn Koblenz Kinder und Jugendliche bei den Musical-Castings dem Jugendtheater die Bude einrannten und wohl noch immer einrennen. Kein Wunder auch, dass sich die Musical-Vorstellungen dann zwei, drei Dutzend mal problemlos ausverkaufen lie\u00dfen \u2013 sie trafen eben voll und treffen teils noch immer den Mainstreamgeschmack des aktuellen Zeitgeistes.<\/p>\n<p>Um nicht falsch verstanden zu werden: F\u00fcr die jeweils mitmachenden Akteure ist auch die Musical-Arbeit eine sehr, sehr wertvolle Jugendarbeit. Daran habe ich bereits in der Rede zum Jugendtheater-Jubil\u00e4um keinen Zweifel gelassen. Und dass ihr, die Altgesellschafter, diese Arbeit erm\u00f6glicht habt, war, ist, bleibt aller Ehren wert. Gleichwohl hat die Jugendtheater-Sache im Laufe der Jahre \u00fcberdeutliche Schlagseite in Richtung Musical bekommen.<\/p>\n<p>Irgendwann begann ich zu bef\u00fcrchten, dass die \u00f6ffentliche Wahrnehmung dessen, was hier geschieht, folgende Richtung einschlagen k\u00f6nnte: Die Kufa ist das Jugendtheater, und das Jugendtheater ist das Koblenzer Musicaltheater. Der zweite Schritt ist schon beinahe eingetreten: Das Jugendtheater wird in der \u00d6ffentlichkeit inzwischen prim\u00e4r als quasi semiprofessionelles Musical-Theater wahrgenommen.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist es beim ersten Schritt noch nicht so weit gekommen. Noch wird die Kufa nicht gleichgesetzt mit dem Jugendtheater \u2013 sondern verstanden als DER ORT, in dem unter anderem das Jugendtheater entstand, daheim ist, bis heute probt und spielt. Zur Vermeidung einer monothematischen Funktionszuweisung hat auch Dirk Zimmers Sch\u00e4ngel-Theater beigetragen, dieser zweite, seit Jahren regelm\u00e4\u00dfig massentaugliche Anziehungspunkt im Kufa-Programm. Ebenso wie im Falle Jugendtheater wird in diesem Fall die Kufa als der Ort wahrgenommen, an dem das Sch\u00e4ngel-Theater geboren wurde, erwachsen geworden ist und bis heute ledbt.<\/p>\n<p>Wie best\u00e4ndig der genetische Code der Kufa als multikultureller Kreativraum der etwas anderen Art ist, l\u00e4sst sich sch\u00f6n daran erkennen: Diese beiden dauerhaft publikumsst\u00e4rksten Theaterformen haben selbst zusammengenommen bislang nicht zu einem Paradigmenwechsel in der allgemeinen Wahrnehmung der Kufa gef\u00fchrt. DIESES HAUS wird eben noch nicht als, sagen wir: popul\u00e4res Volkstheater-Haus angesehen \u2013 selbst wenn manch einer in der hiesigen Kulturszene davon \u00fcberzeugt ist, dass die heutige Kufa mit den Wurzelgedanken ihrer Gr\u00fcnderzeit gar nichts mehr gemein h\u00e4tte. Ich sehe das nicht so \u2013 extrem.<\/p>\n<p>Ich sehe vielmehr, dass der genetische Code dieser \u00d6rtlichkeit nach wie vor existiert und wirkt, dass die Kufa nach wie vor auch ein ideeller Ort ist. Ein Ort, erstritten, entwickelt und gemacht f\u00fcr dies: Inspirierenden Freiheitsraum zu bieten f\u00fcr die kreative Erprobung mannigfaltiger Ideale, Tr\u00e4ume, Vorstellungen, Wege \u2013 nicht zuletzt im Kleinen, Innovativen, Gewagten, Schwierigen jenseits der sch\u00f6nen Highlights; und sei es auch mal mit weniger Mitmachern und weniger Publikum.<\/p>\n<p>Dieses Projekt-Segment wieder zu etablieren, braucht es vielleicht einen etwas l\u00e4ngeren Atem und etwas Risikobereitschaft. Aber was w\u00e4ren gro\u00dfe Schauspielh\u00e4user ohne ihre kleinen Kammerspiel- und Expermintalproduktionen? Auch daf\u00fcr gibt es etliche Mitmacher und einiges Publikum. Und wom\u00f6glich ist es so, dass gerade da verhandelt wird, wessen wir und unsere jungen Leute heutzutage am dringendsten bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Sorry, ich wollte euch nicht belehren, was ihr zu tun habt. Das steht mir nicht zu. Ich wollte nur grob skizzieren, welche Chancen und M\u00f6glichkeiten sich jetzt euch, den Junggesellschaftern, bieten. Denn noch sind die Horizonte offen. Ihr habt die Freiheit und es in der Hand, Weichen zu stellen. Daf\u00fcr w\u00fcnsche ich euch und diesem Haus, damit zugleich der Kultur in Koblenz \u201eGl\u00fcck auf!\u201c Und den Altgesellschaftern sage ich einfach: Danke, dass es die Kufa noch gibt.<\/p>\n<p>Das war\u2018s von mir. Jetzt brauche ich ein Bier.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ansprache beim Festabend am 5. 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