{"id":510,"date":"2008-02-25T23:00:00","date_gmt":"2008-02-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/02\/25\/ein-mittelrheiner-im-grossen-berlin\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:22","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:22","slug":"ein-mittelrheiner-im-grossen-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/02\/25\/ein-mittelrheiner-im-grossen-berlin\/","title":{"rendered":"Ein Mittelrheiner im gro\u00dfen Berlin"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Man hat uns gesehen. Freund Walter und mich, am Schwerdonnerstag auf dem K\u00f6lner Hauptbahnhof. Er sich von mir verabschiedend, um mit einem Schwarm schw\u00e4bischer N\u00e4rrinnen Richtung Schunkel-M\u00e4rkten zu ziehen. Ich in Eile, weil mein Anschlusszug nach Berlin schon ausgez\u00e4hlt wird. Die M\u00e4dels sind eigens von Stuttgart her \u00fcber Koblenz mit demselben Zug angereist wie wir. Nicht Walters, sondern des dionysisch-k\u00f6lschen Ringelpietzes wegen; was sp\u00e4ter am Tag keinen Unterschied mehr macht. Womit auch die Unterstellung einiger Leser widerlegt w\u00e4re, Walter und ich seien ein Paar. Bisweilen sind wir ein Kopf und ein Ar\u2026, ansonsten aber krankhaft fixiert aufs weibliche Geschlecht.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist nun entdeckt, dass wir \u00fcber Fastnacht den Mittelrhein fliehen. Einer nach dem Motto \u201ewenn schon doll, dann gr\u00f6\u00dftm\u00f6glich\u201c.&nbsp; Der andere nach der Devise: \u201eJe weiter weg von den Dollh\u00e4usern, umso besser.\u201c Da kommt mir Preu\u00dfens und unser aller Hauptstadt gerade recht. Zumal die regierungsgesch\u00e4ftlich dorthin verschlagenen Rheinl\u00e4nder justament auf&nbsp; Heimaturlaub sind. Folglich schlurfe ich als Ehrengast des Bundestages durch die vereinsamten Flure der inneren Bezirke desselben. Kein Mensch weit und breit, nur droben in der Kuppel naseweise Volksmassen und am Hintereingang Wachleute beim Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p>Was soll ich berichten aus dem Herzen der Macht? Es gibt dort beheizte und ordentlich m\u00f6blierte Raucherzimmer. Auf dem Klo der FDP-Fraktion fehlt das Papier. Bei den Gr\u00fcnen kommt nur hei\u00dfes Wasser aus den H\u00e4hnen. Ein Aufzug zwischen SPD- und CDU-B\u00fcros ist mit rohen Brettern vernagelt. An \u00dcberwachungskameras herrscht kein Mangel \u2013 die beobachten der Sicherheit wegen die Abgeordneten. An deren Stelle w\u00fcrden mich die Setzrisse im Verbindungsgang zwischen Reichtstag und Abgeordnetenhaus mehr beunruhigen: Der Gang f\u00fchrt unter der Spree hindurch. Auf der Meile von Brandenburger Tor \u00fcber Parlament bis Kanzleramt zieht\u2019s wie Hechtsuppe. Weswegen zwar das reichlich schwarz-rot-goldene Tuch ringsum h\u00fcbsch flattert, menschliche Hirne indes zu fr\u00f6stelnder Tr\u00e4gheit neigen.<\/p>\n<p>Ein paar Schritte weg vom Regierungsviertel beginnt das gro\u00dfe&nbsp; Berlin. Ach, nenne mir keiner mehr Koblenz oder Mainz eine Gro\u00dfstadt \u2013 m\u00f6gen am Rhein Bier, Schnitzel und Pizza, Theatergarderoben und Parkh\u00e4user auch deutlich teurer sein als an der Spree. Mainz bleibt Mainz und Koblenz ein nettes St\u00e4dtchen. Beiden fehlt so mancherlei zur urbanen Metropole. Etwa ein Nahverkehrsnetz, das Stadtteile und Umland im Minutentakt rund um die Uhr anbindet. Berlin hat so ein Netz, Millionen benutzen es so selbstverst\u00e4ndlich wie unsereins das Telefon. Verglichen damit steckt die Mittelrhein-Region in der verkehrstechnischen Steinzeit. Allerdings k\u00f6nnen dennoch in Berlin etliche zehntausend Deppen von ihren dort \u00fcberfl\u00fcssigen Karren nicht lassen.<\/p>\n<p>Wieder daheim! Ich mit heilen Knochen, trotz mancher U-Bahn-Fahrt selbst durchs n\u00e4chtliche Berlin. Walter \u2013 dem rheinischen Katholizismus sei\u2019s gedankt \u2013 am Aschermittwoch losgesprochen von den karnevalesken S\u00fcnden zu K\u00f6ln. Nun sehen wir den gro\u00dfen Ereignissen entgegen, die sich in den kleinen hiesigen Gefilden anbahnen. Etwa dem ersten mehrt\u00e4gigen Literaturfestival in Koblenz. Oder der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts f\u00fcr den Limes-Kopf-Erlebnispark. Und vor allem: Dem Schaulaufen der letzten drei Kandidaten f\u00fcr die Chefposition am Theater Koblenz vor Kulturausschuss und Rat der Stadt. Am 6. M\u00e4rz f\u00e4llt die Entscheidung; es ist eine der auf Jahre wichtigsten f\u00fcr die heimische Hochkultur. Der Politik sei ein gl\u00fcckliches H\u00e4ndchen gew\u00fcnscht \u2013 auf dass f\u00fcrderhin das Theater die sonst durchaus gesch\u00e4tzte Beschaulichkeit des Mittelrheins mit der Widerst\u00e4ndigkeit k\u00fcnstlerischen Weltgeistes bereichere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man hat uns gesehen. Freund Walter und mich, am Schwerdonnerstag auf dem K\u00f6lner Hauptbahnhof. Er sich von mir verabschiedend, um mit einem Schwarm schw\u00e4bischer N\u00e4rrinnen Richtung Schunkel-M\u00e4rkten zu ziehen. Ich in Eile, weil mein Anschlusszug nach Berlin schon ausgez\u00e4hlt wird. Die M\u00e4dels sind eigens von Stuttgart her \u00fcber Koblenz mit demselben Zug angereist wie wir. 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