{"id":508,"date":"2008-04-29T22:00:00","date_gmt":"2008-04-29T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/04\/29\/des-kaisers-neue-kleider\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:22","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:22","slug":"des-kaisers-neue-kleider","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/04\/29\/des-kaisers-neue-kleider\/","title":{"rendered":"Des Kaisers neue Kleider"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Die Welt ist ungerecht. Zwar liegt dieses Trier geradezu am Allerwertesten derselben. Was das St\u00e4dtchen indes keineswegs hindert, zu tun, als sei es deren Nabel. Von den Kaiserthermen zur Porta Nigra bist du in 20 Minuten spaziert. K\u00fcrzer geht\u00b4s vom Koblenzer Hauptbahnhof zu Wilhelms Eck auch nicht. Dennoch t\u00f6nen die dahinten an der Obermosel, wo sich allabendlich Fuchs und Hase \u201egute Nacht\u201c w\u00fcnschen: Trier \u2013 gr\u00f6\u00dfte sp\u00e4tantike Stadt n\u00f6rdlich der Alpen, zweites Rom, Kaiser-Metropole\u2026<\/p>\n<p>Dabei st\u00fcnden die Herrschaften betr\u00f6ppelt da, h\u00e4tte nicht Kaiser Diokletian anno 293 aus schierer politischer Not Treveris, diese belanglose&nbsp; Etappengarnison, zur Kaiserresidenz aufgewertet. Nie w\u00e4re sein Nachfolger, der gro\u00dfe Konstantin, dorthin gekommen. Nie h\u00e4tten Zehntausende j\u00fcngst Anlass gehabt, eine Konstantin-Ausstellung in Trier zu besuchen. Die Trierer selbst w\u00e4ren zwecks weltweiter Aufmerksamkeit ganz auf den ungeliebten Sohn ihrer Stadt verwiesen: Auf Karl Marx, dem sie nun 2018 eine gro\u00dfe Ausstellung einrichten d\u00fcrfen\/m\u00fcssen. Was die wohl zeigen wird? Beschriebenes Papier bergeweise und den sp\u00e4rlichen Hausrat von Gattin Jenny?<\/p>\n<p>Immerhin, Kaiser wie Rauschebart haben die Welt bewegt \u2013 was sich von kurtrierischen F\u00fcrsten kaum sagen l\u00e4sst, wie Mittelrheiner gut wissen. Ein Schloss, das mittlerweile gerade noch als Herberge f\u00fcr Amtsstuben durchgeht, haben sie uns in Koblenz hingestellt. F\u00fcrs \u00f6rtliche Theater kein eigenes Geld gehabt, aber mit Feudal-Franzosen fraternisiert und uns so die Pariser Revolutionsarmee auf den Hals gezogen; nicht ohne selbst beizeiten Fersengeld zu geben. Mit Kurf\u00fcrstens ist kein Staat zu machen, weshalb die Trierer lieber r\u00f6mische Kaiser und sogar den ollen Marx in Dienst nehmen. Hauptsache, Touristen str\u00f6men \u2013 seien es auch&nbsp; Rotchinesen oder neureiche Ex-Komsomolzen auf Nostalgie-Reise zum Urquell des wissenschaftlichen Sozialismus.<\/p>\n<p>Welche Pfunde aber bleiben uns Mittelrheinern? Den Emsern ihre Depesche, den Kaubern ihr Bl\u00fccher, den Mayenern wie den Goarsh\u00e4usenern h\u00fcbsche Frauen-Sagas. Na ja. Und was bleibt den Koblenzern \u2013 au\u00dfer ihrer ewig vergeblichen Suche nach dem Beweis f\u00fcr eine bedeutende Statthalterschaft des Imperium Romanum am Ort? Die blasse Erinnerung an einen gro\u00dfen Augenblick: Rittersturz-Konferenz. Ferner eine zwiesp\u00e4ltige Ahnung von Joseph G\u00f6rres, der erst mit Marx marschierte, unterwegs jedoch zum Papst \u00fcberlief. Ansonsten? Preu\u00dfens Gloria, beidseits des Rheins mal wehrhaft, mal pittoresk in Stein gehauen.<\/p>\n<p>\u201eHaben sich Herr Oberlehrer endlich ausgekotzt?!\u201c Freund Walter wirkt ungehalten: \u201eWarum nur reiten \u00e4ltere Leute immer auf alten Geschichten herum?\u201c Das, mein Lieber, erkl\u00e4rt die j\u00fcngste Gehirnforschung: Sofern ein Menschenhirn zeitlebens rege war und noch nicht pathologisch vergreist ist, neigt es im reiferen Alter intuitiv dazu, komplexe Zusammenh\u00e4nge auch als solche zu betrachten. Beispiel: Erst der zeitliche R\u00fcckbezug l\u00e4sst uns entdecken, dass der Textilhandel just versucht, unser Denken umzukrempeln.<\/p>\n<p>Wenn ich fr\u00fcher neue Pullover brauchte, ging ich im Kaufhaus zur Herrenabteilung und dort in die Sektion, wo s\u00e4mtliche Pullover versammelt waren. Als ich neulich einen kaufen wollte, fand ich nirgends Pullover-Sektionen, in etlichen Etablissements nicht mal mehr eine Herrenabteilung. Die L\u00e4den sind neuerdings nach Marken sortiert, statt vern\u00fcnftig nach Produkten. Hosen, Pullover, Shirts wild durcheinander, einziges Ordnungskriterium: Die Hoheitsinseln von Boss, Esprit, S.Olivier e tutti quanti. Hat irgendein junger Mensch diesen Wandel \u00fcberhaupt bemerkt? Siehste Walter, das ist die St\u00e4rke \u00e4lterer Hirne mit ihren \u201ealten Geschichten\u201c: Sie kaufen Pullover, nicht Schall und Rauch \u2013 ob in Koblenz oder Trier.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist ungerecht. Zwar liegt dieses Trier geradezu am Allerwertesten derselben. Was das St\u00e4dtchen indes keineswegs hindert, zu tun, als sei es deren Nabel. Von den Kaiserthermen zur Porta Nigra bist du in 20 Minuten spaziert. K\u00fcrzer geht\u00b4s vom Koblenzer Hauptbahnhof zu Wilhelms Eck auch nicht. 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