{"id":507,"date":"2008-05-25T22:00:00","date_gmt":"2008-05-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/05\/25\/aberglaube-macht-sexy\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:22","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:22","slug":"aberglaube-macht-sexy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/05\/25\/aberglaube-macht-sexy\/","title":{"rendered":"Aberglaube macht sexy"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Kennen Sie den fundamentalen Unterschied zwischen Manta-Proll und Porsche-Yuppie oder zwischen Polo-Tussi und BMW-Mieze? Nein? Ich auch nicht. Vom Gef\u00e4lle bei den Bankguthaben sehen wir mal ab; das mag gravierend und unverdient sein, fundamental ist es in diesem Fall nicht. Aufs Bildungsgef\u00e4lle zwischen den Klienten brauchen wir ebenfalls nicht einzugehen: Hinsichtlich der Pers\u00f6nlichkeit hat hier der Hauptschulabschluss so wenig genutzt wie dort vielleicht ein Universit\u00e4tsexamen. Beide Typen sind in einem entwicklungsgeschichtlichen Stadium stecken geblieben, in dem der Homo erectus sich zwar vom Affen schon unterscheidet, aber bis zum Homo sapiens noch allerhand vor sich hat.<\/p>\n<p>Die Rede ist von Entwicklungsstufen, wo wir an die Wunderkraft von K\u00f6rperbemalungen, Amuletten, Knochenresten oder Kreuzsplittern glaubten. Von Zeiten also, da Fetische auf den Alltag mehr Einfluss hatten als Menschenverstand. \u201eErkl\u00e4re Fetisch\u201c, wirft Freund Walter ein, \u201esonst beschwert sich wieder einer \u00fcber zu viele Fremdw\u00f6rter.\u201c Also Fetisch \u2013 das ist, wenn ein Mann beim Anblick eines Frauenschuhs in libidin\u00f6se Unruhe ger\u00e4t, obwohl wom\u00f6glich im Schuh gar keine leibhaftige Frau steckt. Der Schuh ist f\u00fcr ihn Objekt der Begierde ganz unabh\u00e4ngig von dessen Funktion als Gehwerkzeug. Mithin ist der Frauenschuh ein Fetisch und der darob erregte Mann ein Fetischist.<\/p>\n<p>Das soll\u2019s auch bei Frauen geben. Amerikanische Zigarren-Fetischistinnen gelangten zu pr\u00e4sidialer Ber\u00fchmtheit. In hiesigen M\u00e4nnerrunden kursieren bisweilen makabere Leidensgeschichten \u00fcber Krawatten-, Staubsauger- oder Rauchverbots-Fetischistinnen. Doch zur\u00fcck zu Manta-Proll und Porsche-Yuppie. Beiden gilt ihr vierr\u00e4driger Untersatz erst in dritter Linie als Fortbewegungsmittel. Zuv\u00f6rderst verstehen sie die Karre als Signum ihrer Pers\u00f6nlichkeit. Sodann als Wundermittel zur Steigerung der eigenen Anziehungskraft und M\u00e4nnlichkeit respektive Fraulichkeit. Ergo, erf\u00fcllt f\u00fcr Proll und Yuppie, Tussi und Mieze das Automobil die gleiche Funktion wie K\u00f6rpertattoo hier oder Cartier-Umh\u00e4nger da: Sind alles Fetische.<\/p>\n<p>Just in Deutschland scheint solcher Aberglaube tief verwurzelt. Beweis: Dort werden die unzweckm\u00e4\u00dfigsten aller Autos gebaut und zuhauf gekauft. Da treiben 250-PS-Verbrennungskraftwerke tonnenschwere Limousinen an, um ein paar Kilo Mensch zu segnen, als Mann oder Frau von Welt erscheinen zu lassen. Da werden Luxuskarossen zu Gel\u00e4ndewagen aufger\u00fcstet, als handle es sich bei deutschen Autobahnen, Koblenzer Boulevards und Westerw\u00e4lder Landstra\u00dfen um s\u00fcdamerikanische Regenwaldpfade oder sibirische Schneepisten; der Gro\u00dfwildgefahr am Mittelrhein wegen vorzugsweise mit B\u00fcffel- und Elefantenf\u00e4nger als Frontsto\u00dfstange bewaffnet.<\/p>\n<p>Woraus folgt (vgl. Schuh-Beispiel): Das Automobil ist f\u00fcr (viele) Deutsche ein Objekt der Begierde, unabh\u00e4ngig von seinem Gebrauchswert. Also ist es ein Fetisch und wird deshalb Deutschland mehrheitlich von Fetischisten bev\u00f6lkert. Weil bei rheinland-pf\u00e4lzischen Politikern Volksn\u00e4he bekanntlich gro\u00df geschrieben wird, versteht man nun auch, weshalb der \u00d6ffentliche Geist hier fortw\u00e4hrend um Stra\u00dfenentwicklung rotiert, statt sich auf die durchaus gewaltige Herausforderung eines zukunftsf\u00e4higen Nahverkehrswesens einzulassen: Politiker mimen die Priesterschaft auf dem asphaltierten Ritualplatz des automobilen Aberglaubens.<\/p>\n<p>Woraufhin Freund Walter, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ziemlich ratlos vor sich hin dichtet: \u201eErst wenn in Hunsr\u00fcck, Eifel, Westerwald und Taunus der letzte Bahnhof verkauft, das letzte Gleis rausgerissen, die letzte Trasse in einen Radweg verwandelt ist und die letzte Bushaltestelle in privatisierter Vereinsamung verstaubt \u2013 erst dann werdet ihr begreifen, dass man Benzin nicht essen kann und Autos ohne Benzin nicht fahren.\u201c &nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie den fundamentalen Unterschied zwischen Manta-Proll und Porsche-Yuppie oder zwischen Polo-Tussi und BMW-Mieze? 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