{"id":501,"date":"2008-11-25T23:00:00","date_gmt":"2008-11-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/11\/25\/weihnachtsbotschaft-von-unten\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:21","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:21","slug":"weihnachtsbotschaft-von-unten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2008\/11\/25\/weihnachtsbotschaft-von-unten\/","title":{"rendered":"Weihnachtsbotschaft von unten"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Neulich wirft Freund Walter in eine traute Runde: \u201eMal unter uns: Habt ihr euer Geld noch, oder ist es verbrannt?\u201c \u00dcber die bis dahin offenherzige Unterhaltung legt sich Verkrampfung. Das Thema scheint gar zu intim. Man kehrt lieber rasch zur\u00fcck zu Glaubensfragen, zu Sexualvorlieben vor dem Fr\u00fchst\u00fcck und Aspekten des Magen-Darm-Gesch\u00e4fts hinterher. Doch Walter legt nach: \u201eWas wird euch denn die neue Abgeltungssteuer kosten?\u201c Und: \u201eWie trifft euch das neue Erbrecht?\u201c Betretenes Schweigen als der Frager die anhebende allgemeinpolitische Diskussion unterbricht: \u201eIch will nicht wissen, was ihr davon haltet, sondern in welchem Ma\u00df ihr betroffen seid.\u201c<\/p>\n<p>Das geht zu weit, w\u00e4re ein Offenbarungseid. Allein der Freund l\u00e4sst die Hosen runter: \u201eDer Finanztumult hat mich vorerst keinen Heller gekostet, die Abgeltungssteuer geht mir am Arsch vorbei und das neue Erbrecht ist mir wurscht.\u201c Maulaffenfeil im Rund. Walters nachgeschobener Grund: \u201eIch verdiene im Jahr brutto nicht mal ein Viertel jener 150 000 Euro, die sich Herr Mehdorn diesmal als Gehaltserh\u00f6hung draufsattelt. Wovon h\u00e4tte ich Aktien kaufen sollen, was in Fonds anlegen, womit spekulieren?\u201c Er rechnet vor: Um den Steuerfreibetrag bei Sparzinsen zu \u00fcberschreiten, m\u00fcsste er, der Unverheiratete, st\u00e4ndig mehr als 20 000 Euro auf der Bank liegen haben. Um im Erbfall zur Kasse gebeten zu werden, m\u00fcsste sein alter Herr ihm \u00fcber 400 000 Euro vermachen. \u201eWovon wird da eigentlich geredet? Das sind f\u00fcr unsereins Betr\u00e4ge wie vom andern Stern!\u201c<\/p>\n<p>Mit \u201eunsereins\u201c meint Walter jenes Drittel der Bev\u00f6lkerung, dass \u00fcber f\u00fcrsorgliche Mahnungen zur zus\u00e4tzlichen Privat-Altersvorsorge nur lachen kann. Wo nichts \u00fcbrig ist, Herr Jesus Christ \u2026 Dabei hei\u00dft es, die Deutschen h\u00e4tten Hunderte Milliarden auf dem Sparbuch, w\u00fcrden nochmal so viele demn\u00e4chst erben?! Mag sein. Aber welche Deutschen? Die Durchschnittsrechnerei macht keinen Unterschied: Etwa zwischen wohlhabenden Mittelrheinern (die soll&#8217;s geben) und solchen, die als Leiharbeiter an ein hiesiges Gro\u00dfunternehmen billig ausgeliehen werden \u2013 von einer Leiharbeitsfirma, die das Unternehmen selbst in die Welt gesetzt hat, best\u00fcckt mit nach der Lehre in eben diesem Unternehmen nicht \u00fcbernommenen Ex-Azubis.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber reden wir eigentlich?! W\u00e4re Walter etwas \u00e4lter, er k\u00f6nnte seinen Zwischenruf mit Klaus Staeks satirischem Klassiker von 1972 verdeutlichen: \u201eDeutsche Arbeiter, die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.\u201c Den Spruch verstanden damals auch nur die Angesprochenen selbst sofort: Wieso, welche Villen? Was heute zu erg\u00e4nzen w\u00e4re um die Frage: Welche SPD? An dieser Stelle w\u00fcrde aus besagter Tischrunde sicher entgegengehalten: Banales Bildnis, das die Vielschichtigkeit heutiger Globalverflechtungen, die Wechselwirkungen zwischen Finanz- und Realwirtschaft, die Bonit\u00e4t, die Variabilit\u00e4t, die Komplexit\u00e4t und andere T\u00e4t\u00e4r\u00e4t\u00e4t\u00e4ten nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Am Ende w\u00e4r&#8217;s wie beim Streit um den Zentralplatz zu Koblenz: Der gemeine Koblenzer wei\u00df l\u00e4ngst nicht mehr, wer hier was, wo, wie, warum will oder nicht \u2013 und vor allem wann. Er versteht nur noch Bahnhof, und dass es zur Buga wom\u00f6glich doch keinen neuen gibt, weil die Kosten &#8211; erwartungsgem\u00e4\u00df &#8211; um ein paar Millionen h\u00f6her liegen als geplant. Schuld sollen sein der Chinese, der Stahlpreis, die Finanzkrise, Mehdorn. Alles normal, von Insidern schl\u00fcssig zu begr\u00fcnden, wie das F\u00e4llen von B\u00e4umen zwecks Begr\u00fcnung der Bundesgartenstadt&nbsp; auch. Nat\u00fcrlich sind Walter und das von Geldanlagen freie Gesellschaftsdrittel (vorhin \u201eunsereins\u201c genannt) viel zu dumm, all die komplexen Zusammenh\u00e4nge zu begreifen. Was aber, sollten sie dennoch mal die Geduld damit verlieren?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich wirft Freund Walter in eine traute Runde: \u201eMal unter uns: Habt ihr euer Geld noch, oder ist es verbrannt?\u201c \u00dcber die bis dahin offenherzige Unterhaltung legt sich Verkrampfung. Das Thema scheint gar zu intim. Man kehrt lieber rasch zur\u00fcck zu Glaubensfragen, zu Sexualvorlieben vor dem Fr\u00fchst\u00fcck und Aspekten des Magen-Darm-Gesch\u00e4fts hinterher. 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