{"id":50,"date":"2018-02-24T23:00:00","date_gmt":"2018-02-24T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/02\/24\/die-fremdeste-fremdartigkeit\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:12","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:12","slug":"die-fremdeste-fremdartigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/02\/24\/die-fremdeste-fremdartigkeit\/","title":{"rendered":"Die fremdeste Fremdartigkeit"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a> <strong>ape.<\/strong> Lassen Sie mich eine kleine Geschichte aus fernen Jugendtagen erz\u00e4hlen. \u201eOch n\u00f6\u00f6!\u201c, mault Freund Walter. \u201eNicht schon wieder eine Lehrparabel, bei der man den Hintersinn erst ergr\u00fcbeln muss. Red\u2018 Tacheles!\u201c Das ist ein alter Streitpunkt zwischen uns. Denn ich bin der Ansicht, man darf den Lesern was zutrauen. Und je mehr eigene Schlussfolgerungen sie ziehen, umso gr\u00f6\u00dfer der Reiz und umso nachhaltiger die Wirkung des Denkansto\u00dfes. Walter sieht das anders und knurrt deshalb achselzuckend: \u201eMach doch, was du willst.\u201c Dann also die Story, die wie folgt geht:<\/p>\n<p>Ich bin im vergangenen Jahrhundert in einer Kleinstadt von 7000 Seelen aufgewachsen. Um die Wende von den 1960ern zu den 70ern war ich 14 bis 17 Jahre alt und geh\u00f6rte dort einer Clique Altersgenossen\/innen an, von denen einige im nahen Heidelberg aufs Gymnasium gingen. Von dort brachten wir allerhand Einfl\u00fcsse aus der damaligen Umbruchswelt der 68er-Studentengeneration mit ins provinzielle Hinterland des Neckartals. Logisch, dass unsere um die 20, an Wochenenden auch mal 50 und mehr Jugendliche umfassende Clique in besagter Kleinstadt bald zu einem, sagen wir: sehr ungew\u00f6hnlichen Faktor wurde.<\/p>\n<p>Kein Mensch dort hatte so lange Haare wie wir und trug so eigent\u00fcmliche Klamotten: die Jungs in verwaschenen bis zerrissenen Hosen, Opas Arbeitsmantel oder zerschlissene Milit\u00e4rparka \u00fcbergezogen; die M\u00e4dels in Schlagjeans oder auch mal einem Minirock, dazu schwere Boots an den F\u00fc\u00dfen, obenrum Batik-Shirts, Pal\u00e4stinenser-Schals, bunte Flickerldecken und meist weithin \u201eduftend\u201c nach Patschuli-\u00d6l. Niemand h\u00f6rte, sang, gr\u00f6lte so seltsame Musik so laut wie wir, tanzte gar an Stra\u00dfenecken, auf dem Marktplatz, im Park dazu. Und noch niemals hatte dort jemand erlebt, was bei uns Usus war: Knutscherei in aller \u00d6ffentlichkeit. Das einzige Element, das wir aus der V\u00e4terkultur \u00fcbernommen hatten, war die Liebe zu Bier und Tabak.<\/p>\n<p>Wir waren per se eine Provokation f\u00fcr die Mehrheitsgesellschaft am Ort \u2013 selbst wenn wir keiner Fliege was zuleide taten. Sahen sie uns kommen, wechselten Altb\u00fcrger die Stra\u00dfenseite \u2013 beschimpften uns als Hippies, Gammler, Faulenzer, Kommunisten. Mancher w\u00fcnschte uns \u201eins Arbeitslager\u201c oder \u201enach dr\u00fcben\u201c, einige zischten \u201eGaskammer\u201c.&nbsp; Kurzum: Die etwas andere Lebensart eines Teils der eigenen Jugend war f\u00fcr viele der Kleinst\u00e4dter die fremdeste Fremdartigkeit, die sie in der Heimat je erlebt hatten. Weit fremdartiger noch als die Aussiedler aus den ehemals deutschen Ostgebieten, die sie bis eben stets misstrauisch be\u00e4ugt hatten; ja, fremdartiger selbst als die Gastarbeiter aus Italien, Jugoslawien, Griechenland, der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Fertig. Das war meine Geschichte. Walter rei\u00dft die Augen auf: \u201eUnd den Rest soll man sich denken? Dann sag\u2018 mir wenigstens, was aus deinen Kumpanen geworden ist.\u201c Soweit mir bekannt, verdienen die meisten ihr Brot als Facharbeiter und Handwerker, sind Lehrer, \u00c4rzte, Wissenschaftler, Musiker, Journalisten geworden oder leiten eine eigene Firma. Von zweien wei\u00df ich, dass es das Schicksal nicht gut mit ihnen meinte, ein weiterer hat Suizid begangen. Statistischer Durchschnitt also; vom etwas erh\u00f6hten Anteil der Leute mit Hochschulabschluss mal abgesehen. \u201eUnd wie ticken die heute\u201c, will Walter wissen. Wei\u00df ich nicht, die Kontakte sind sp\u00e4rlich. Doch ich hoffe, dass sich alle daran erinnern, f\u00fcr die Mehrheit in ihrem St\u00e4dtchen mal die fremdeste Fremdartigkeit gewesen zu sein.<\/p>\n<p>\n<em>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 09. Woche im Februar\/M\u00e4rz 2018)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 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