{"id":495,"date":"2009-05-25T22:00:00","date_gmt":"2009-05-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2009\/05\/25\/vom-glueck-ein-eis-zu-essen\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:21","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:21","slug":"vom-glueck-ein-eis-zu-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2009\/05\/25\/vom-glueck-ein-eis-zu-essen\/","title":{"rendered":"Vom Gl\u00fcck, ein Eis zu essen"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Menschen in den Stra\u00dfen der Stadt. Sagen wir, an einem Fr\u00fchsommertag in Koblenz. Ein buntes V\u00f6lkchen. Dicke, Schlanke; Junge, Alte; Sch\u00f6ne, weniger Sch\u00f6ne; Wichtige, Normale; Eilige,&nbsp; Gem\u00e4chliche. Dazu solche, die das eine sind, doch das andere gern w\u00e4ren. Und stets einige, die in der festen, aber irrigen \u00dcberzeugung herumlaufen, das andere zu sein. Die sind dann peinlich. Sobald allerdings Sonnenlicht sich \u00fcber die Stadt ergie\u00dft, bringt ein kollektiver Lustanfall&nbsp; das Gewusel aus dem Tritt: Lust auf Eis. Am Stiel, im Becher, vor allem in der Waffelt\u00fcte. Ein Begehren so m\u00e4chtig, dass selbst Freund Walter geduldig mitmacht, was er sonst kategorisch verweigert: Schlangestehen \u2013 vor einer der j\u00fcngst zahlreich gewordenen Theken, in denen sich k\u00fchl vertraute bis nie f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene Kreationen t\u00fcrmen.<\/p>\n<p>Nein, es soll hier nicht die verkaufsf\u00f6rdernde Wirkung von Eis-Bergen in Schlaraffenland-Dimension er\u00f6rtert werden. Lust und Verf\u00fchrung geh\u00f6ren nun mal zusammen wie Nacktheit und W\u00e4sche. Wer wollte schon gegen gelegentliche Verf\u00fchrung polemisieren, wenn man sie nur merkt und auch was davon hat. Wie beim Eis offenkundig der Fall. Denn T\u00fcte oder Becher erstmal in der Hand, passiert dies: War einer eben noch gesch\u00e4ftig dahergeeilt, l\u00e4sst er nun den Fu\u00df vom Gas. Laufen wird Gehen, Gehen wird Schlendern. Er\/sie will das Tete-a-Tete mit s\u00fc\u00dfen Kugeln oder sahniger Creme auskosten, nicht sich beim beil\u00e4ufigen Quickie verschlucken.<\/p>\n<p>Selten isst jemand Eis gegen den Hunger. Eis-Essen ist ein Akt ungebundener Lust, ein Luxus, den man sich g\u00f6nnt. Niemand braucht die kalte S\u00fc\u00dfspeis&#8216; zum \u00dcberleben. Aber was w\u00e4re das Leben ohne sie? Weshalb auch der fixeste Bratwurst-Verschlinger oder D\u00f6ner-Verdr\u00fccker sich f\u00fcrs Eis etwas Zeit nimmt. Lecken, saugen, schl\u00fcrfen, schlozen, auch mal kabbern oder frech zubei\u00dfen \u2013 von links, von rechts, von oben, von unten. Deshalb ist Speiseeis an Sommertagen ein gro\u00dfartiger Entschleuniger: Rund um die Eistheken beruhigt sich der Lauf des Lebens signifikant. Deshalb ist Eis auch ein gro\u00dfer Gleichmacher: Ob Prolet oder Oberb\u00fcrgermeister (nebst Kandidaten), mit der T\u00fcte in der Hand werden alle geduldiger, gelassener, ertr\u00e4glicher. Genuss will Weile haben, Zuwendung und Hingabe.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich, du Sch\u00f6nschw\u00e4tzer, andernfalls saut man sich doch rundum ein.\u201c So Walters&nbsp; Statement zum Thema. Er kennt sich aus mit dem in der Sonne rasch inkontinenten Element; sein Vater erz\u00e4hlt gerne: Den h\u00e4tten wir mit Eis gro\u00dfziehen k\u00f6nnen, w\u00e4r&#8216; das nicht jedesmal eine solche Schweinerei gewesen. Vielleicht r\u00fchrt daher, dass ein im Umfeld der Eisdielen ganz normaler Vorfall den Freund stets aufs Neue ersch\u00fcttert. Da h\u00e4lt ein kleines M\u00e4dchen oder ein kleiner Junge freudestrahlend seine Waffelt\u00fcte mit einer Eiskugel drin\/drauf in der Hand. Das s\u00fc\u00dfe Wunderwerk fest im Blick wird zweimal gen\u00fcsslich geleckt. Dann lenkt das Getriebe der Stra\u00dfe oder die Mahnung der Eltern \u201epass auf!\u201c die&nbsp; Augen f\u00fcr einen Moment ab: Gleich kippt die kleine, um die T\u00fcte geschlossene Faust zur Seite \u2013&nbsp; und, platscht, liegt die Eiskugel im Dreck.<\/p>\n<p>Das Kind starrt erst erstaunt auf die leere T\u00fcte in seiner Hand, dann fassungslos auf den Flatsch zu seinen F\u00fc\u00dfen, schlie\u00dflich flehentlich zu Mama, Papa, Oma oder Opa. F\u00fcr den kindlichen Eisfreund&nbsp;&nbsp; geht in diesem Augenblick nicht weniger als die Welt unter. Und mit den ersten Tr\u00e4nen schie\u00dft ihm die ewige Frage des Unschuldigen nach dem \u201eWarum\u201c aus den Augen. Vielleicht ist es diese von fast jedem einmal gemachte Kindheitserfahrung, die uns bis ins Alter treibt, eine uralte Kulturtechnik auszu\u00fcben: konzentrierte Hingabe an einfaches, nutzloses, aber lustvolles Tun \u2013 wenigstens noch ab und zu beim Eis-Essen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen in den Stra\u00dfen der Stadt. Sagen wir, an einem Fr\u00fchsommertag in Koblenz. Ein buntes V\u00f6lkchen. Dicke, Schlanke; Junge, Alte; Sch\u00f6ne, weniger Sch\u00f6ne; Wichtige, Normale; Eilige,&nbsp; Gem\u00e4chliche. Dazu solche, die das eine sind, doch das andere gern w\u00e4ren. Und stets einige, die in der festen, aber irrigen \u00dcberzeugung herumlaufen, das andere zu sein. 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