{"id":487,"date":"2010-01-25T23:00:00","date_gmt":"2010-01-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2010\/01\/25\/ohne-faulheit-keine-klugheit\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:20","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:20","slug":"ohne-faulheit-keine-klugheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2010\/01\/25\/ohne-faulheit-keine-klugheit\/","title":{"rendered":"Ohne Faulheit keine Klugheit"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Das ist mal wieder einer der f\u00fcr diese Kolumne typischen Kalauer, werden Sie bei der \u00dcberschrift denken. Generation um Generation hie\u00df es schlie\u00dflich: Ohne Flei\u00df kein Preis. Und m\u00fchen sich nicht aktuell Heerscharen von P\u00e4dagogen redlich um Optimierung des Lernens, Pharmakologen um segensreiche Pillen zur Steigerung der Hirnleistung? Nun kommt dieser Schreiberling daher und bindet uns einen B\u00e4ren auf von wegen \u201eohne Faulheit keine Klugheit\u201c.<\/p>\n<p>Nix B\u00e4r, Herrschaften! Die Wortwahl f\u00fcr den Spruch stammt zwar von mir, aber dem Sinn nach ist er Ergebnis h\u00f6herer Naturwissenschaft modernsten Zuschnitts: der Hirnforschung. Wie anders sollte man jenen unl\u00e4ngst entdeckten Mechanismus im Gehirn deuten, den die Forscher \u201eOffline-Modus\u201c nennen \u2013 und der in jedem Kopf automatisch anspringt, sobald der dazugeh\u00f6rige Mensch zielgerichtetes Werkeln sowie konzentriertes Denken einstellt. Was tut dieser Mechanismus? Er bringt Ordnung in das Kuddelmuddel dessen, was wir tagt\u00e4glich neu lernen, erfahren, erf\u00fchlen, uns ausdenken, zurechtgr\u00fcbeln. Und er baut den Zuwachs an Hirnschmalz erst sinnvoll in die individuelle Schatzkammer aller bisherigen Lebenserfahrungen ein.<\/p>\n<p>Der Witz ist: Das Gehirn macht das ohne unser Zutun von sich aus, im Schlaf und in Phasen des Innehaltens. Dann also, wenn der K\u00f6rper entspannt und Gedanken ziellos dahintreiben. Ein Zustand, den man gemeinhin Mu\u00dfe nennt oder zu Unrecht Faulheit schimpft. Und jetzt Obacht bitte: Das Gehirn macht das nur, wenn man es auch l\u00e4sst. Kurzum: Die ganze sich immer mehr beschleunigende Lernerei, Denkerei, Plackerei, auf die unsere Zivilisation so abf\u00e4hrt, ist f\u00fcr die Katz, macht uns nachgerade bl\u00f6de, sollte kein ordentliches Quantum vom Gegenteil bleiben: Gem\u00e4chlichkeit bis hin zum unverzichtbaren Nichtstun.<\/p>\n<p>Viele der bedeutendsten Geistesleistungen der Geschichte entspringen dem M\u00fc\u00dfiggang. Dem antiken Philosophen Diogenes kamen die kl\u00fcgsten Ideen bekanntlich beim Relaxen im Fass, Descartes unterm Plumeau seiner Schlafst\u00e4tte, Goethe zwischen s\u00fc\u00dfem Tal und weiten H\u00f6hen der Christiane Vulpius. Voltaire und Rousseau w\u00e4ren belanglos, h\u00e4tte sie nicht beim Flanieren mancher Geistesblitz getroffen. Mozarts Genius erfuhr ma\u00dfgebliche Inspiration w\u00e4hrend weinseliger Stunden im Entspannungs-Etablissement. F\u00fcr viele gro\u00dfe Geister war Mu\u00dfe die wichtigste Muse. Mit Fug und Recht h\u00e4ngte deshalb der Dichter Saint-Pol-Roux, sobald er sich zum Mittagsschlaf niederlegte, das Schild vor die T\u00fcr: \u201ePoet bei der Arbeit\u201c.<\/p>\n<p>Da wir dank neuester Hirnforschung nun wissen, dass erst Ausschlafen und M\u00fc\u00dfiggang \u2013&nbsp; also Nichtstun und Faulheit \u2013 Ordnung und damit Klugheit ins Oberst\u00fcbchen bringen, empfehlen wir&nbsp; Politikern und Managern, ihre Terminkalender zu entr\u00fcmpeln. Was nutzt es, wenn sie 14 oder 16 Stunden ackern, aber mangels Mu\u00dfephasen sowieso nichts Gescheites dabei rausk\u00f6mmt. Was uns selbst angeht, d\u00fcrften viele bald feststellen: Wir haben das Nichtstun verlernt. Ein mit leistungsorientierten Freizeitaktivit\u00e4ten prall gef\u00fcllter Feierabend- oder Urlaubsplan ist so wenig Nichtstun, wie sich mit stundenlangem Fernsehkonsum zu maltr\u00e4tieren. Das mag sich zwar etwas angenehmer anf\u00fchlen als regul\u00e4re Arbeit, das Gehirn allerdings macht keinen gro\u00dfen Unterschied zwischen Broterwerb und Freizeitmaloche. In den Offline-Modus kann es hier wie da nicht schalten.<\/p>\n<p>\u201eWeshalb es\u201c, so das \u00e4tzende, aber durchaus logische Res\u00fcmee von Freund Walter, \u201ekaum weiters verwundern darf, dass der heutige Zeitgeist eine gro\u00dfe Dummheit ist: Es fehlt ihm einfach die Klugheit schaffende Kulturtechnik der Faulheit.\u201c&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist mal wieder einer der f\u00fcr diese Kolumne typischen Kalauer, werden Sie bei der \u00dcberschrift denken. Generation um Generation hie\u00df es schlie\u00dflich: Ohne Flei\u00df kein Preis. Und m\u00fchen sich nicht aktuell Heerscharen von P\u00e4dagogen redlich um Optimierung des Lernens, Pharmakologen um segensreiche Pillen zur Steigerung der Hirnleistung? 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