{"id":4797,"date":"2024-03-16T09:53:00","date_gmt":"2024-03-16T08:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=4797"},"modified":"2024-03-16T12:14:31","modified_gmt":"2024-03-16T11:14:31","slug":"erinnerung-an-cellistin-marlis-koehn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2024\/03\/16\/erinnerung-an-cellistin-marlis-koehn\/","title":{"rendered":"Erinnerung an Cellistin Marlis K\u00f6hn"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Koblenz 16.3.2024.<\/em><\/strong> <em>Vergangene Woche ist f\u00fcr viele v\u00f6llig unerwartet Marlis K\u00f6hn gestorben. Die Cellistin war Anfang der 1970er die erste Frau im Staatsorchester Rheinische Philharmonie. 40 Jahre lang hatte sie im Koblenzer Klangk\u00f6rper musiziert, ist auch nach ihrer Pensionierung anno 2010 dem Orchester noch einige Jahre als dienstbarer Geist treu geblieben. Mit einem von mir 2011 \u00fcber sie geschriebenen Artikel (s. nachfolgenden Text) m\u00f6chte ich noch einmal an diese wunderbare Frau erinnern.<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<h3>&#8222;Cello-Mieze&#8220; verw\u00f6hnt das Orchester<\/h3>\n<p><em><strong>ape. Koblenz.<\/strong><\/em> Was tun Musiker der Rheinischen Philharmonie, wenn sie nicht musizieren, proben, \u00fcben? Unsere Artikelreihe \u201eNach Dienst\u201c sucht einige Orchester-Mitglieder in ihrem privaten Umfeld auf, erz\u00e4hlt von ihren nicht immer allt\u00e4glichen Hobbys, Passionen, Engagements. Das vergangene Heft berichtete \u00fcber die \u201ePraxis f\u00fcr energetisches Heilen\u201c der Kontrafagottistin Ursula Blobel. In der jetzigen Ausgabe ist der Begriff \u201enach Dienst\u201c weiter gefasst: Das Augenmerk gilt der Cellistin Marlis K\u00f6hn, die nach ihrer Pensionierung im vergangenen Sommer die Bewirtschaftung der Orchester-Cafeteria im G\u00f6rreshaus \u00fcbernommen hat.<\/p>\n<p>Fragt man Rheinische Philharmoniker nach ihrer Kollegin Marlis K\u00f6hn, kann es passieren, dass der eine oder andere stutzt: \u201eWer? \u2013 Ach, sie meinen Mieze.\u201c Das wiederum irritiert Au\u00dfenstehende. Wieso wird eine selbstbewusste Frau und \u00fcber Jahrzehnte gestandene Cellospielerin, die zudem im Orchester erkennbar hohes Ansehen genie\u00dft, \u201eMieze\u201c genannt? Doch kaum jemand im G\u00f6rreshaus wei\u00df, woher dieser Spitz-, Uz-, Kosename in K\u00f6hns Fall r\u00fchrt. Er war schon immer da: Marlis K\u00f6hn wird \u2013 respektvoll, freundschaftlich, kollegial \u2013 eben Mieze gerufen, seit sie in Koblenz Dienst tut. Und das macht sie l\u00e4nger als alle Musiker, die heute zum Orchester geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste man in der Vergangenheitsform sprechen, denn im Juni 2010 ging die Cellistin in den Ruhestand. Da waren ziemlich genau 40 Jahre vergangen, seit sie 1970 erstmals bei der Rheinischen Philharmonie Anstellung genommen hatte. Aber die Vergangenheitsform sperrt sich, denn die kleine, blonde 65-J\u00e4hrige mit dem munteren Blitzen um Augen und Mund ist anhaltend pr\u00e4sent im Orchesterleben. Nicht nur als gelegentliche Vertretung oder zur Verst\u00e4rkung gro\u00dfer Konzertprojekte: Eben pensioniert, hat sie sogleich die Bewirtschaftung der Orchester-Cafeteria im G\u00f6rreshaus \u00fcbernommen \u2013 also einen f\u00fcr Versorgung, Stimmung und damit auch Spielfreude der Musiker wichtigen Job.<\/p>\n<p>\u201eOhne Mampf kein Kampf\u201c hei\u00dft es beim Milit\u00e4r, was positiv gewendet f\u00fcrs Orchester bedeutet: Guter Kaffee, schmackhafte Snacks und angenehme Atmosph\u00e4re in den Proben- oder Konzertpausen sind dem musikalischen Schaffen allemal zutr\u00e4glich. Die neue \u201eWirtin\u201c wei\u00df, was die Kollegen wollen und ihnen gut tut. Sie stand schlie\u00dflich unz\u00e4hlige Male mit 50, 60 oder mehr Leuten in der Warteschlange vor dem Kiosk und der dazugeh\u00f6rigen kleinen K\u00fcche im Erdgeschossflur des G\u00f6rreshauses. Dort f\u00fchrt nun sie selbst das Regiment.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, sie r\u00fcckt lange vor Beginn der Vormittags- und der Abendpausen an: kocht Kaffee, gibt W\u00fcrstchen in den Erw\u00e4rmer, b\u00e4ckt frische Br\u00f6tchen aus, belegt sie abwechslungsreich, garniert kreativ und richtet oft auch Selbstgemachtes an wie Nudelsalat oder verfeinerten Yogurt. Durchaus ehrgeizig folgt sie dabei dem Variationen-Prinzip, will immer wieder mit Neuem im Angebot \u00fcberraschen. K\u00f6hns Teller und Sch\u00e4lchen bringen Kreationen an Mann und Frau, die Gaumen wie Auge ansprechen. \u201eMieze verw\u00f6hnt uns richtig\u201c, hei\u00dft es denn auch bei den Musikern; und: \u201eJedesmal sind wir neugierig, was sie sich wieder ausgedacht hat.\u201c Weshalb Miezes gr\u00f6\u00dfte Sorge ist, \u201edass mir mal nichts mehr einf\u00e4llt\u201c. Auf ein versiertes Repertoire im K\u00fcchenfach k\u00f6nne sie kaum zur\u00fcckgreifen: \u201eIch kann nur wenig kochen, bin \u00fcberhaupt kein Hausfrauentyp.\u201c Eine Selbstaussage, die beim Besuch in Marlis K\u00f6hns Horchheimer Privatdomizil durch den schlichten Umstand best\u00e4tigt wird: Die Cellistin hat eine wundersch\u00f6ne Wohnung, aber in der K\u00fcche statt eines richtigen Herdes nur eine einsame kleine Kochplatte.<\/p>\n<p>Was sie nicht hindert, f\u00fcr die Cafeteria eine Menge Kreativit\u00e4t zu entwickeln. Neue, helle Stehtische hat sie zimmern lassen, an denen auch gr\u00f6\u00dfere Gruppen Platz finden. Den Kaffeeausschank hat sie zur Selbstbedienung ausgelagert, damit die Schlangen am Kiosk kleiner werden und auch der Letzte noch zeitig vor Pausenende zu seiner St\u00e4rkung kommt. Gesundes hat sie ins Sortiment aufgenommen: Obst, Tee aus Bio-Anbau oder Vollkornbr\u00f6tchen etwa. Kurzum: Die Frau geht mit Verve und Vergn\u00fcgen an die neue Aufgabe. \u201eJa doch, das macht Spa\u00df, die Kollegen zu bewirten\u201c, sagt sie \u2013 auch wenn es manchmal sp\u00e4te Nacht wird, bis sie mit dem Aufr\u00e4umen fertig ist, und obwohl \u201efinanziell blo\u00df ein Taschengeld \u00fcbrig bleibt.\u201c R\u00e4ume, Ger\u00e4te, Geschirr stellt die Philharmonie, ansonsten bewirtschaftet sie die Cafeteria auf eigene Rechnung.<\/p>\n<p>Die pensionierte Musikerin als Orchester-Wirtin: Wieder f\u00e4llt Marlis K\u00f6hn unbeabsichtigt die Pionier-Rolle zu. Das war schon 1970 so, als eigens f\u00fcr sie die Statuten der Rheinischen Philharmonie ge\u00e4ndert werden mussten: Sie war die erste Frau in dem bis dahin reinen M\u00e4nnerorchester (von der seit jeher obligaten Harfinistin abgesehen). Gut zehn Jahre bevor Karajan bei den Berliner Philharmonikern die ersten Musikerinnen durchsetzte, brach die aus dem M\u00fcnsterland stammende Cellistin in Koblenz den Frauenbann. \u201eEine M\u00e4dchen in meine Orchester, was ist daaas?\u201c, rief der damalige Chefdirigent der Rheinischen, Walter Crabeels, in gutm\u00fctiger Verwunderung beim Dienstantritt K\u00f6hns aus. Die erste Frau sei im Orchester damals sehr gut aufgenommen worden, erinnert sie sich. \u201eDie Erwartung der m\u00e4nnlichen Kollegen war allerdings: Ich sollte einerseits stets N\u00e4hzeug dabei haben, andererseits ordentlich Skat klopfen k\u00f6nnen.\u201c Ja, so war\u2018s.<\/p>\n<p>Eigentlich hatte sich Marlis K\u00f6hn ihr Rentnerdasein anders vorgestellt. \u201eReisen wollte ich, und vor allem frei sein von Dienstpl\u00e4nen.\u201c Weshalb ihr die Idee aus dem Kollegenkreis erst gar nicht gefiel, die Nachfolge der aus Alters- und Gesundheitsgr\u00fcnden endenden Cafeteria-Bewirtung durch die Familie Deuster zu \u00fcbernehmen. Ihr Missfallen w\u00e4hrte gerade mal eine Nacht. Dann hatte sie sich mit der Vorstellung angefreundet, weiter im Kreis der Kollegen und Freunde zu wirken \u2013 aus eigenem Spa\u00df, sowie zur Freude der Koblenzer Orchesterfamilie.<\/p>\n<p>Und wie kam es nun zu \u201eMieze\u201c? Reiner Zufall. Das Orchester in Recklinghausen suchte 1970 eine Cello-Aushilfe, ein Studienkollege empfahl die frisch gebackene Absolventin der K\u00f6lner Musikhochschule und k\u00fcndigte locker-flockig das baldige Kommen der \u201eCello-Mieze\u201c an. Schon hatte Marlis K\u00f6hn ihren Namen weg. Nach Koblenz gelangte er mit besagtem Studienkollegen, den wiederum sie etwas sp\u00e4ter an die Rheinische Philharmonie vermittelte. Wie Musikerleben eben manchmal so spielen. <em>Andreas Pecht (Februar 2011)<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Koblenz 16.3.2024. Vergangene Woche ist f\u00fcr viele v\u00f6llig unerwartet Marlis K\u00f6hn gestorben. Die Cellistin war Anfang der 1970er die erste Frau im Staatsorchester Rheinische Philharmonie. 40 Jahre lang hatte sie im Koblenzer Klangk\u00f6rper musiziert, ist auch nach ihrer Pensionierung anno 2010 dem Orchester noch einige Jahre als dienstbarer Geist treu geblieben. 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