{"id":477,"date":"2010-11-25T23:00:00","date_gmt":"2010-11-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2010\/11\/25\/wohlverdienter-ruhestand\/"},"modified":"2010-11-25T23:00:00","modified_gmt":"2010-11-25T22:00:00","slug":"wohlverdienter-ruhestand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2010\/11\/25\/wohlverdienter-ruhestand\/","title":{"rendered":"Wohlverdienter Ruhestand"},"content":{"rendered":"<p>Bei den \u00e4lteren Bekannten meiner Alterskohorte&nbsp; (= Nachkriegsgeborene bis 1955) h\u00e4ufen sich&nbsp; Renteneintritte oder die Vorfreude darauf. Fast alle sind zu fr\u00fch, gehen vor Erreichen des 65. Lebensjahres in Ruhestand. Einige nutzen Altersteilzeitmodelle. Andere werden von \u00c4rzten vorfristig zur Ruhe gesetzt. Wieder andere mobilisieren Ersparnisse oder nehmen geh\u00f6rige Rentenabschl\u00e4ge in Kauf, um ja bald der Tretm\u00fchle zu entfliehen. Allesamt machen sie drei Kreuze, dass ihnen die Rente mit 67 erspart bleibt.<\/p>\n<p>Als 1955er geh\u00f6re ich selbst schon zu denen, die \u00fcber das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten m\u00fcssten, um Vollrente zu beziehen. Sieben Monate l\u00e4nger, bis am 21. Juli 2021 meine regul\u00e4re Arbeitspflicht endet. Das w\u00e4ren noch beinahe elf Jahre Volllast. Wenn ich bisweilen so in mich horche, w\u00e4chst das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr jene Bekannten, die in wesentlich unsch\u00f6neren Berufen ihr Pensum nicht bis zur gesetzlichen Neige erf\u00fcllen wollen oder k\u00f6nnen. Darunter keiner, der sich in die Schubladen Faulenzer, Arbeitsscheuer, Sozialschmarotzer sortieren lie\u00dfe. Malocht haben alle, ob an der Werkbank oder im B\u00fcro, ob mit Kindern oder bei der Altenpflege, ob als Lohnabh\u00e4ngiger oder Selbstst\u00e4ndiger.<\/p>\n<p>Reihum gestandene Arbeitsleut&#8216;, die w\u00e4hrend 35 bis 40 Dienstjahren erlebt haben, wie die Arbeitswelt sich ver\u00e4nderte. Die erfahren mussten, wie das ewige Mehr-Schneller-Billiger an ihren Kr\u00e4ften und Nerven zerrte, sie zusehends auslutschte, erm\u00fcdete, verschliss. Erfahrene Arbeitsleut&#8216;, die \u00fcber den Unfug mancher Rationalisierungsma\u00dfnahme nassforscher Manager nur den Kopf sch\u00fctteln konnten. Stolze Arbeitsleut&#8216;, die das Kotzen kriegten, als sie zuletzt die eigene Erfahrung in Planungen f\u00fcr Produktionssteigerung bei gleichzeitigem Stellenabbau einbringen sollten.<\/p>\n<p>Freund Walter glotzt. Tut er immer, wenn er verunsichert ist. \u201eAber die Menschen werden \u00e4lter, Kinder gibt\u2019s weniger, da muss doch l\u00e4nger gearbeitet werden. Wer soll&nbsp; die Renten sonst finanzieren?\u201c Ach Walter, dass selbst du auf diese Masche hereinf\u00e4llst! Es ist nicht blinder Egoismus, der fast drei Viertel der Leute im Land gegen die Rente mit 67 einnimmt, sondern Gerechtigkeitsgef\u00fchl. Dass die Menschen l\u00e4nger leben, ist sowenig ein Himmelsgeschenk wie die Rente unverdienter Luxus. Beides ist Ergebnis der Anstrengung von Arbeitern, Angestellten, Bauern, Lehrern, Wissenschaftlern&#8230; Und was die Rentenfinanzierung angeht: Ein Arbeiter produziert heute zehn Mal mehr G\u00fcter als sein Vater, ein Bauer das Tausendfache an Lebensmitteln im Vergleich zum Gro\u00dfvater. Die Geburtenrate hat sich derweil nicht mal halbiert, die Lebenserwartung nicht mal um ein F\u00fcnftel zugenommen. Wohin, zur H\u00f6lle, verschwindet all der flei\u00dfig erarbeitete Mehrwert? Wer verpulvert ihn wof\u00fcr?<\/p>\n<p>Erinnere dich, Walter, was wir \u00fcber den ureigentlichen Zweck von Arbeit und Wirtschaft sagten: Lebensgrundlage sichern, Lebensumst\u00e4nde verbessern UND mehr Lebenszeit gewinnen, die der Mensch in Gl\u00fcck investieren kann, statt sie f\u00fcr Arbeitsfron verausgaben zu M\u00dcSSEN. Heute sind wir so produktiv wie nie; viele sp\u00fcren das am eigenen Leib lange bevor der Ruhestand greifbar wird. Und was passiert nun? Man will die Leute auch noch um die Fr\u00fcchte der von ihnen gest\u00e4mmten Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chse prellen, indem ihnen zwei Jahre frei verf\u00fcgbare Lebenszeit gestohlen werden. Der Fortschritt ist die M\u00fchen nicht wert, der einem Qualit\u00e4ten nimmt, die gestern noch selbstverst\u00e4ndlich waren: etwa wohlverdienten Ruhestand zur rechten Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den \u00e4lteren Bekannten meiner Alterskohorte&nbsp; (= Nachkriegsgeborene bis 1955) h\u00e4ufen sich&nbsp; Renteneintritte oder die Vorfreude darauf. Fast alle sind zu fr\u00fch, gehen vor Erreichen des 65. Lebensjahres in Ruhestand. Einige nutzen Altersteilzeitmodelle. Andere werden von \u00c4rzten vorfristig zur Ruhe gesetzt. 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