{"id":474,"date":"2019-10-05T22:00:00","date_gmt":"2019-10-05T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/10\/05\/365-jahre-koblenzer-orchestergeschichte-mit-etlichen-bruechen\/"},"modified":"2019-10-05T22:00:00","modified_gmt":"2019-10-05T21:00:00","slug":"365-jahre-koblenzer-orchestergeschichte-mit-etlichen-bruechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/10\/05\/365-jahre-koblenzer-orchestergeschichte-mit-etlichen-bruechen\/","title":{"rendered":"365 Jahre Koblenzer Orchestergeschichte \u2013 mit etlichen Br\u00fcchen"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>ape.<\/em><\/strong> <strong>Es ist gute Tradition in der Kulturpublizistik, nach l\u00e4ngstens einer halben Generation die Geschichte bedeutender Kulturinstitutionen mal wieder ins Ged\u00e4chtnis zu rufen \u2013 vor allem aber den zwischenzeitlich nachgewachsenen j\u00fcngeren Teil des Publikums erstmals damit vertraut zu machen. Dies soll nun hier im Hinblick auf die Rheinische Philharmonie und deren Vorgeschichte geschehen, mit einem knappen Artikel, der die wichtigsten Marksteine der Historie anleuchtet.<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich werden daf\u00fcr gerne runde Geburtstage als Anlass genommen. Da ein solcher derzeit nicht auf dem Kalender steht, behelfen wir uns mit einem unrunden: 365 Jahre Koblenzer Orchestergeschichte. Das ganz gro\u00df gefeierte 350er-Jubil\u00e4um liegt nun schon 15 Jahre zur\u00fcck. 2004 wurde es mit einem denkw\u00fcrdigen Gro\u00dfkonzert in der Sporthalle Oberwerth begangen: Unter Leitung von Shao Chia L\u00fc hatte ein Musizierapparat aus zwei Sinfonieorchestern (Koblenz und Heidelberg) sowie zehn Ch\u00f6ren vor 3000 Zuh\u00f6rern Sch\u00f6nbergs \u201eGurrelieder\u201c aufgef\u00fchrt. 2013 folgte ein Jubil\u00e4um, das sich auf die j\u00fcngere Geschichte im Koblenzer Musikleben bezog: Gemeinsam begingen Staatsorchester Rheinische Philharmonie und Musikschule Koblenz mit einem Konzert ihr 40-j\u00e4hriges Bestehen, damit verbunden der Freundeskreis der Rheinischen Philharmonie seinen 25. Geburtstag.<\/p>\n<p>Auf also 365 Jahre wird die \u00f6rtliche Orchestergeschichte nun gemeinhin definiert. An deren Anfang stand eine 20-k\u00f6pfige, anno 1654 vom Trierer Erzbischof und Kurf\u00fcrsten Karl Kaspar von der Leyen f\u00fcr seine Koblenzer Residenz gegr\u00fcndete Hofkapelle. Von dort f\u00fchrt die historische Entwicklung mehr oder minder geradlinig zum heutigen Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Diese verbreitete Betrachtungsweise ist einerseits richtig, weil es in Koblenz die meiste Zeit \u00fcber immer nur ein einziges Orchester gab. Sie idealisiert allerdings auch etwas, denn dessen Geschichte ist \u00fcber die Jahrhunderte auch wiederholt v\u00f6llig abgerissen. Beispiel: Galt die Koblenzer Hofkapelle unter dem letzten Trierer F\u00fcrstbischof Clemens Wenzeslaus in den 1780er-Jahre noch als eine der gr\u00f6\u00dften in deutschen Landen, so hatte sie sich 1794 in Luft aufgel\u00f6st. Der kurf\u00fcrstliche Hof zu Koblenz hatte vor den anr\u00fcckenden franz\u00f6sischen Revolutionstruppen das Weite gesucht, anbei wurden die Hofmusiker in alle Winde zerstreut.<\/p>\n<p>Es gab dann in der Stadt 14 Jahre lang gar kein Orchester. Ein Neuanfang erfolgte 1808 mit der Gr\u00fcndung des Musik-Instituts Koblenz durch den B\u00fcrger Joseph Andreas Anschuez.&nbsp; Der sammelte um sich Mitstreiter f\u00fcr die Einrichtung einer Institution zur Pflege und F\u00f6rderung der Musikkultur in der franz\u00f6sischen Rhein-Mosel-Stadt. Es entstand \u2013 jetzt nicht mehr unter feudaler, sondern&nbsp; b\u00fcrgerlicher \u00c4gide \u2013 ein ganz neues Orchester, zusammengesetzt aus Berufsmusikern der Region, passionierten Laieninstrumentalisten sowie Milit\u00e4rmusikern. Von Letzteren gab es ab der 1815 beginnenden preu\u00dfischen Zeit am Ort stets reichlich, denn Koblenz war eine riesige Garnison, und bisweilen hielten sich in den hiesigen Kasernen mehr als ein halbes Dutzend Armeemusikkorps auf.<\/p>\n<p>Von 1808 an war das Koblenzer Orchester f\u00fcr fast ein Jahrhundert prim\u00e4r das Orchester des Musik-Instituts, zugleich das Theaterorchester. Jedenfalls w\u00e4hrend der Hauptspielzeit im Winterhalbjahr. Man muss sich bewusst machen, dass viele Orchester jener Zeit \u2013 sofern sie nicht zum festen Inventar von F\u00fcrstenh\u00f6fen z\u00e4hlten \u2013 ganz anders strukturiert waren als heutzutage. Niemand hatte da eine Jahre oder Jahrzehnte w\u00e4hrende Festanstellung. Eher f\u00fchrten die hauptberuflichen Zivilmusiker ein unsicheres bis prek\u00e4res Dasein als saisonale Honorarkr\u00e4fte. Wer Gl\u00fcck hatte, erhielt f\u00fcrs Winterhalbjahr einen Vertrag f\u00fcr ein Konzert-\/Theaterorchester wie dem Koblenzer und kam in der anderen Jahresh\u00e4lfte bei einer der vielen Kur-Kapellen unter. Im Umfeld von Koblenz gab es solche ein bis vier Dutzend Musiker umfassenden Ensembles etwa in Bad Kreuznach, Bad Ems und Bad Neuenahr. Doch f\u00fcr jede Saison wurden die Karten neu gemischt, die Honorarstellen neu vergeben, der Klangk\u00f6rper neu zusammengesetzt, mit wechselnden Milit\u00e4rmusikern und Dilettanten aufgef\u00fcllt. Wunderlich ist weniger, dass die musikalischen Ergebnisse sich wohl von den heutigen Standards unterschieden haben d\u00fcrften. Beeindruckend ist vielmehr, dass in Koblenz immer wieder auch die gr\u00f6\u00dften und anspruchsvollsten Werke der Klassik zur Auff\u00fchrung kamen.<\/p>\n<p>Am \u00dcbergang vom 19. zum 20. Jahrhundert stand pl\u00f6tzlich die Idee im Raum, Koblenz m\u00f6ge sich von der vorherigen labilen Orchesterpraxis verabschieden und ganzj\u00e4hrig ein st\u00e4ndiges Profiorchester installieren. Hintergrund war der 1901 vollendete Erstbau einer repr\u00e4sentativen st\u00e4dtischen Festhalle. Deren Saal bot 1200 Pl\u00e4tze und eine so am Ort noch nie erlebte Akustik, was die zuvor auf Wirtshauss\u00e4le und Schulaula beschr\u00e4nkte Konzertkultur r\u00e4umlich auf ein v\u00f6llig neues Niveau heben w\u00fcrde. Dem sollte fortan auch die Qualit\u00e4t des Orchesters entsprechen. Anvisiert wurde ein K\u00fcnstler-Orchester in der Tr\u00e4gerschaft eines zu gr\u00fcndenden Philharmonischen Vereins, das sich finanziert aus kommunalen Zusch\u00fcssen und Einlagen der Vereinsmitglieder sowie Engagements bei Musik-Institut, Stadttheater, Casino-Gesellschaft und benachbarten Orten. Auf dieser Grundlage wurde im M\u00e4rz 1901 der Philharmonische Verein zu Koblenz als Orchestertr\u00e4ger gegr\u00fcndet und mit einem finanziellen \u201eGarantiefond\u201d ausgestattet.<\/p>\n<p>Sehr schnell ging es dann mit dem \u201eAufbau\u201d des neuen Orchesters: Es wurde kurzerhand das Bad Kreuznacher Kurorchester mitsamt seinem Chefdirigenten Heinrich Sauer als neues Philharmonisches Orchester Koblenz engagiert. Die Sache lie\u00df sich gut an \u2013 doch ward ihr gleich zu Anfang ein schw\u00e4rendes Problem in die Wiege gelegt: Die Stadt Koblenz kn\u00fcpfte an ihre Bezuschussung unerwartet die Bedingung, das Orchester doch nur jeweils f\u00fcr die Wintersaison zu engagieren. Folge: Die Musiker um Heinrich Sauer mussten zusehen, wie sie den Sommer \u00fcber auf eigenes Betreiben ihr Brot verdienten. Bis 1907 hielt diese Konstruktion. Dann pl\u00f6tzlich wanderte der gesamte Sauer\u2018sche Klangk\u00f6rper mit Sack und Pack nach Bonn aus und gr\u00fcndete dort das Beethoven Orchester. Die Nachbarstadt hatte wohl bessere Konditionen angeboten. Koblenz indes stand nun, just wenige Monate vor den Jubil\u00e4umsfeiern zum 100. Geburtstag des Musik-Instituts, ganz ohne Orchester da. Weshalb man kurzerhand den Kreuznacher Coup von 1901 wiederholte, nur dass jetzt das Kurorchester aus Bad Neuenahr als Stadtorchester am Rhein-Mosel-Eck installiert wurde.<\/p>\n<p>Streng genommen w\u00e4re damit zu attestieren: Die Wurzeln des Koblenzer Staatsorchesters reichen weniger auf die kurf\u00fcrstliche Hofkapelle zur\u00fcck, sondern liegen weit im rheinland-pf\u00e4lzischen Hinterland, in Bad Neuenahr und Bad Kreuznach. Letzteres lie\u00dfe sich denn auch indirekt als eigentliche Wiege des Bonner Beethoven Orchesters bezeichnen. Am Rhein-Mosel-Eck spitzten sich derweil bis 1913 Probleme mit der Orchesterfinanzierung derart zu, dass der Bestand des Klangk\u00f6rpers nur gew\u00e4hrleistet werden konnte, indem die Stadt vollends seine Grundfinanzierung f\u00fcr die Winterhalbjahre \u00fcbernahm. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. An der \u201eHeimatfront\u201c wurde zwar flei\u00dfig weitermusiziert, doch die L\u00fccken im Orchester wurden immer gr\u00f6\u00dfer. Nach Kriegsende und Revolution 1918\/19 stabilisierte es sich nur langsam wieder \u2013 weiterhin als Saisonorchester, das je ein halbes Jahr von der Stadt Koblenz getragen wurde, w\u00e4hrend die Musiker in den \u00fcbrigen Monaten sehen mussten, wo sie bleiben. 1922 beschloss die Reichsregierung eine \u00c4nderung des Versorgungsgesetzes f\u00fcr Angestellte. Daraus konnten die Musiker endlich einen Rechtsanspruch auf Festanstellung mit Pensionsberechtigung ableiten. Die Stadt str\u00e4ubte sich, diesem Anspruch gerecht zu werden. Folge war ein Jahre anhaltender heftiger Dauerzwist zwischen Musikern und Kommune. Dieser versch\u00e4rfte sich wiederholt derart, dass die Stadt Gehaltszahlungen einstellte und f\u00fcr die Gegenseite schlie\u00dflich der Deutsche Musiker-Verband 1925 eine \u201eGeneralsperre\u201c \u00fcber Koblenz verh\u00e4ngte (seinen Mitgliedern also deutschlandweit untersagte, in Koblenz zu gastieren).&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>1928 kam die \u201eSparidee\u201c auf, die Orchester und Theater von Koblenz und Trier zu vereinen. 1929 machte der Vorschlag die Runde, ein Mittelrheinisches Orchester als GmbH ins Leben zu rufen, das Bonn, Koblenz und Trier bespielen sollte. Unter diese \u00dcberlegungen zog der Koblenzer Stadtrat am 26. Februar 1930 einen radikalen Strich: Das st\u00e4dtische Orchester wurde einfach aufgel\u00f6st. Nun aber erhob sich der kulturelle Selbstbehauptungswille von K\u00fcnstlern und B\u00fcrgern: Es wurde eine \u201eNotgemeinschaft ehemaliger Theater- und Orchestermitglieder der Stadt Koblenz\u201c aus der Taufe gehoben und das Orchester zum selbstverwaltet auf eigene Rechnung schaffenden \u201ePhilharmonischen Orchester\u201c r\u00fcckverwandelt. Damit war man wieder beim Zustand der Jahre 1901 bis 1913. &nbsp;<\/p>\n<p>Formal \u00e4nderten die Nazis ab 1933 an diesem Status nichts, zwangen gleichwohl die \u201eOrchestergemeinschaft Koblenzer Berufsmusiker\u201c in die NS-Kulturstrukturen hinein. Was auf keinen gro\u00dfen Widerstand stie\u00df, zumal ab 1937\/38 das Stadtamt f\u00fcr Musik ein Monopol als&nbsp; Konzertveranstalter am Ort innehatte \u2013 und noch w\u00e4hrend des Krieges \u201ezur St\u00e4rkung der Volksgemeinschaft\u201c die Zahl der Konzerte geh\u00f6rig steigerte. Am 25. August 1944 war allerdings Schluss: Zugunsten des \u201etotalen Kriegseinsatzes\u201c wurden s\u00e4mtliche Konzert- und Theateraktivit\u00e4ten untersagt. Im M\u00e4rz 1945 marschierten US-Truppen ins weitgehend zerst\u00f6rte Koblenz ein. Schon sechs Monate sp\u00e4ter kam ein v\u00f6llig neues Orchester zur ersten Probe zusammen, es w\u00fcrde sich bald \u201eRheinische Philharmonie\u201c nennen.<\/p>\n<p>Im September 1945 lockt eine Zeitungsannonce Musiker aus ganz Deutschland an den Mittelrhein. Das eben von einem Verleger gegr\u00fcndete Radio Koblenz will sich ein eigenes Orchester zulegen. Per Anhalter, als Schwarzfahrer auf Eisenbahnwaggons, mit dem Fahrrad und zu Fu\u00df str\u00f6men die Kandidaten zum Vorspiel am 15.9.1945 ins Kurhaus Bad Ems. Dieses Datum gilt als Gr\u00fcndungsdatum der Rheinischen Philharmonie. Im Oktober geht Radio Koblenz auf Sendung und nimmt das neue Orchester unter dem Dirigat von Walter May die Arbeit auf. Doch der Zauber des Anfangs verfliegt rasch: Nach allerhand Querelen entzieht die franz\u00f6sische Besatzung dem privaten Radiomacher die Lizenz. Im M\u00e4rz 1946 \u00fcbernimmt der S\u00fcdwestfunk (heute SWR) das Koblenzer Studio. Da der Sender sein eigenes Orchester hatte, verlor die Rheinische Philharmonie ihren Arbeitgeber. Doch das war nicht das Ende, sondern \u2013 wieder einmal \u2013 ein Anfang. Denn die Musiker blieben und hielten zusammen, als freiwillige Vereinigung, die sich selbst verwaltete. Der gew\u00e4hlte Orchestervorstand war fortan auch f\u00fcr Finanzen, Marketing und Organisation zust\u00e4ndig. Im Fr\u00fchjahr 1946 gab die Rheinische Philharmonie im notd\u00fcrftig hergerichteten \u201eFilmpalast\u201c vor 700 Zuh\u00f6rern dann ihr erstes Konzert als selbstverwaltetes Orchester.<\/p>\n<p>In den Folgejahren absolviert diese kollegiale Musikervereinigung im Konzert- und B\u00fchnenbetrieb von Stadt und Umgebung ein gewaltiges Pensum unter teils widrigsten Bedingungen. Ab 1955 flie\u00dft dann ein kontinuierlicher Finanzzuschuss vom Land. Die als Verein organisierte Rheinische Philharmonie bezahlt ihre Mitglieder von da an nach Tarif. W\u00e4hrend der wirtschaftlichen Rezession um 1967 verzichten die Musiker f\u00fcr eine Weile auf Teile ihres Gehalts, um den Fortbestand des Kollektivs zu sichern. 1969 erh\u00f6ht das Land die Zusch\u00fcsse. Und schlie\u00dflich kommt aus Mainz die in Koblenz umjubelte Nachricht: Die Rheinische Philharmonie wird verstaatlicht, wird zum 1. Juli 1973 Landesorchester und hei\u00dft von da an Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Zw\u00f6lf Jahre sollte es allerdings noch dauern, bis das Orchester auch ein eigenes festes Domizil bekam. Der Einzug ins G\u00f6rreshaus am 15. August 1985 war zugleich gl\u00e4nzender Schlusspunkt des fast vier Jahrzehnte w\u00e4hrenden Engagements von Bassposaunist Erhard May: Der 2012 verstorbene May war 1947 zum Orchester gesto\u00dfen, ab 1962 dessen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und von 1975 bis zur Pensionierung 1985 dessen Intendant. Er war der zentrale Vordenker, K\u00e4mpfer, Strippenzieher, Verhandlungsf\u00fchrer auf Seiten des Orchesters \u2013 beim langen Nachkriegsmarsch von der Notgemeinschaft zum Staatsorchester der Gegenwart.<\/p>\n<p><em><strong>Andreas Pecht<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 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