{"id":469,"date":"2011-06-25T22:00:00","date_gmt":"2011-06-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2011\/06\/25\/nackt-unter-blaettern\/"},"modified":"2011-06-25T22:00:00","modified_gmt":"2011-06-25T21:00:00","slug":"nackt-unter-blaettern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2011\/06\/25\/nackt-unter-blaettern\/","title":{"rendered":"Nackt unter Bl\u00e4ttern"},"content":{"rendered":"<p>In Koblenz ist ein seltsames Ph\u00e4nomen zu beobachten: Ein sonst sehr verl\u00e4sslicher Reflex funktioniert nicht mehr. Gemeinhin reagieren Deutsche ja mit Antipathie, wenn moderne Architektur in sch\u00f6ne Landschaft oder in historische Baustrukturen gesetzt wird. \u201eVerschandelung\u201c hei\u00dft es dann reflexartig \u2013 oft ungeachtet, ob es sich bei den neuzeitlichen Bauten um hochwertige Architektur oder profane Nichtsw\u00fcrdigkeit handelt. Ein R\u00e4tsel ist mir deshalb: Warum f\u00fchlt sich das \u00e4sthetische Volksempfinden in Koblenz von der Seilbahn zwischen Deutschem Eck und Festung Ehrenbreitstein nicht gest\u00f6rt?<\/p>\n<p>Ich will das keineswegs gro\u00df kritisieren, sondern blo\u00df die Frage zu bedenken geben. Immerhin ist&nbsp; hier einer der ehrw\u00fcrdigsten Kulturlandschaften Deutschlands so ein Ding aus Stahl und Plastik \u00fcbergest\u00fclpt worden. Doch nur wenige nehmen Ansto\u00df daran. Selbst ein Vertreter des UNESCO-Welterbekomitees rollte j\u00fcngst wie Oma Elfriede aus Pusemuckel blo\u00df verz\u00fcckt die Augen. Beim Anblick der Schwebegondeln verga\u00df der Herr, dass er kein x-beliebiger Tourist ist, sondern als Wahrer des Kulturerbes der Menschheit noch ein paar andere Faktoren bedenken m\u00fcsste. Mag sein, er f\u00fchlte sich wegen des vorl\u00e4ufigen Verzichts auf die Loreley-Br\u00fccke so beschwingt wie jener Bauer, der seine Kuh erfolgreich handelte.<\/p>\n<p>Zugegeben, f\u00fcr Besucher von ausw\u00e4rts ist die Seilbahnfahrt ein nettes Erlebnis, f\u00fcr Einheimische eine praktisch-flotte Verbindung und anfangs auch interessante Art, heimische Umgebung zu erfahren. Weshalb ich mich freue, dass es die Bahn w\u00e4hrend der Bundesgartenschau (BUGA) und nachher noch eine kleine Weile gibt. Doch der Reiz des Neuen verfliegt. Und ob \u201epraktisch-flott\u201c ein hinreichender Grund ist, dieses Vehikel auf ewig \u00fcber das Rhein-Mosel-Eck herrschen zu lassen, wird man wohl fragen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Dass es sich bei Gondeln, Pfeilern und Stationen um Architektur von k\u00fcnstlerisch hohem Wert handelt, kann ernsthaft niemand behaupten. Dass die Talstation zum historischen Panorama aus St. Kastor, Deutschherrenhaus und Deutschem Eck passt wie die sprichw\u00f6rtliche Faust aufs Auge, kann jeder sehen, der die Augen aufmacht, statt sie nur verz\u00fcckt zu rollen. Vielleicht kl\u00e4rt sich die Sicht&nbsp; etwas, wenn im Herbst die Bl\u00e4tter fallen und das Ensemble sich wieder ein halbes Jahr splitterfasernackisch pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>\u201eAch was\u201c, knurrt Freund Walter: \u201eJe l\u00e4nger der Seil-Kram da steht und schwebt, umso mehr gew\u00f6hnt man sich daran. Es haben jetzt schon viele Leute kaum noch eine Vorstellung, wie es hier ohne Seilbahn aussah und aussehen k\u00f6nnte. Nach einer Betriebsverl\u00e4ngerung vielleicht bis 2015 erinnert sich au\u00dfer ein paar Denkmalpflegern, Heimatkundlern und Kunsthistorikern kein Mensch mehr, was den eigentlichen Charakter des Rhein-Mosel-Ecks mal ausgemacht hat.\u201c<\/p>\n<p>Walter ist frustriert. Er sieht zu viele Kr\u00e4fte am Werk, die offen oder klammheimlich mit strategischer Raffinesse auf die Seilbahn als Dauereinrichtung hinarbeiten. \u201ePraktisch-flott und obendrein eine Touristenattraktion: Damit wird das Ding zum vermeintlich alternativlosen Strukturelement wie Autobahn oder Gewerbegebiet. Vielleicht ist das der Grund, warum in diesem Fall der volkst\u00fcmliche Reflex gegen moderne Architektur in altehrw\u00fcrdiger Umgebung nicht funktioniert. Denn wer gewinnt, wenn Mobilit\u00e4tsfreuden und Wachstumsversprechen gegen Kulturerbe antreten?&nbsp; Autobahn und Gewerbegebiet \u2013 m\u00f6gen sie die Welt auch noch so sehr verschandeln.\u201c&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Koblenz ist ein seltsames Ph\u00e4nomen zu beobachten: Ein sonst sehr verl\u00e4sslicher Reflex funktioniert nicht mehr. 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