{"id":457,"date":"2012-06-26T22:00:00","date_gmt":"2012-06-26T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2012\/06\/26\/fortschrittsmaerchen\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:18","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:18","slug":"fortschrittsmaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2012\/06\/26\/fortschrittsmaerchen\/","title":{"rendered":"Fortschrittsm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Klar, \u00e4ltere Herrschaften k\u00f6nnen j\u00fcngeren auf den Keks gehen mit ihrem Schw\u00e4rmen, die Welt sei&nbsp; vor ein paar Jahrzehnten sch\u00f6ner, besser, vern\u00fcnftiger gewesen. Oft entpuppt sich das als nostalgische Sch\u00f6nf\u00e4rberei oder verbiesterte Altersgrantelei. Nein, fr\u00fcher war nicht alles besser. Aber: Einiges eben doch. Das f\u00e4llt dem besonders auf, der Entwicklungen in den letzten 20 Jahren mit bundesrepublikanischen Zust\u00e4nden der 1970er\/80er vergleichen kann. Weshalb Typen wie mir (Jahrgang 1955) so schnell die Galle hochkommt angesichts lauten Fortschrittsgetrommels \u2013 f\u00fcr in Wahrheit erb\u00e4rmliche R\u00fcckschritte.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher musste man beim Verschicken eines Pakets kein schlechtes Gewissen haben. Da wusstest du, die Bundespost bezahlt ihre Besch\u00e4ftigten nach Tarif und behandelt sie ordentlich. Lief mal was aus dem Ruder, trat die Postgewerkschaft der Post vor&#8217;s Schienbein und die Verh\u00e4ltnisse waren wieder im Lot. Du wusstest, dein Paket w\u00fcrde im Regelfall binnen 24 bis 48 Stunden unbeschadet sein Ziel erreichen. Dann kam der Fortschritt: Liberalisierung, Privatisierung. Seither rollen&nbsp; Zustelltransporter im Dutzend da her, wo fr\u00fcher ein Postauto die Paketlieferung besorgte. Was \u00f6kologischer und volkswirtschaftlicher Schwachsinn ist. Seither kommen die Lieferungen zwar kaum schneller an, daf\u00fcr ist die Schadensquote h\u00f6her. Seither ist der Paketversand etwas billiger \u2013 weil die Zusteller von den Transportkapitalisten geschunden und ausgebeutet werden, dass es eine Schande ist f\u00fcr unser Land.<\/p>\n<p>Freund Walter steuert als j\u00fcngst gebranntes Kind ein weiteres Beispiel f\u00fcr galoppierenden R\u00fcckschritt im Fortschrittsgewand bei: marktliberales Fernmeldewesen. Unl\u00e4ngst funktionierte sein Festnetztelefon nicht mehr. Zur Fehlerbehebung musste er sich auf eine zerm\u00fcrbende Odyssee zwischen Ger\u00e4tehersteller, Dienstprovider und Netzbetreiber begeben. Es brauchte Stunden bis er zwar zust\u00e4ndige (aber wenig kundige) Menschen fand und ans Handy bekam. Dann schoben sich die \u201eServicecenter\u201c der drei Firmen wechselseitig die Verantwortung zu, wollten ihm zwischendurch gleich neue Vertr\u00e4ge und eine nagelneue Telefonanlage andrehen.<\/p>\n<p>Walter geriet au\u00dfer sich, lie\u00df erst nach Wochen ab von der wutschnaubenden Forderung \u201eAns Flie\u00dfband mit dem Lumpenpack!\u201c und m\u00e4\u00dfigte sich auf \u201eEnteignen, alle!\u201c. Denn sowas h\u00e4tte es fr\u00fcher nicht gegeben. Da war es folgenderma\u00dfen (und jungen Lesern sei gesagt, das ist kein Fake): Hatte man irgendein Problem mit dem Telefon, dann war die erste und einzige Hilfeadresse die n\u00e4chstgelegene St\u00f6rungsstelle der Post. Die Nummer stand in jedem Telefonbuch ganz vorne, und erreichbar war dort zumindest werktags zwischen 8 und 16 Uhr immer jemand.<\/p>\n<p>Zwar fl\u00f6tete der Postler nicht \u201eherzlich willkommen, mein Name ist Kai Ahnung, was kann ich f\u00fcr sie tun?\u201c. Er knurrte \u201ewas gibt\u2019s?\u201c, kannte sich aber aus und k\u00fcmmerte sich. Das mochte etwas dauern, aber zwei, drei Tage sp\u00e4ter r\u00fcckten gelernte Fernmeldetechniker mit Werkzeug nebst kostenlosem Ersatzapparat an und behoben das Problem. In summa ging das flotter, entspannter und f\u00fcr den Verbraucher billiger ab als neulich bei Walter. Gewiss, Zeiten \u00e4ndern sich. Aber warum, zur H\u00f6lle, werden&nbsp; funktionierende Prinzipien ersetzt durch hinrissiges Chaos? Das stiehlt uns mit Sucherei im Anbieter-, Tarif-, Technikdschungel die Zeit und mag sich mit Problemen jenseits des Verkaufs am liebsten gar nicht befassen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\nErstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website Woche 26 im Juni 2012)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klar, \u00e4ltere Herrschaften k\u00f6nnen j\u00fcngeren auf den Keks gehen mit ihrem Schw\u00e4rmen, die Welt sei&nbsp; vor ein paar Jahrzehnten sch\u00f6ner, besser, vern\u00fcnftiger gewesen. Oft entpuppt sich das als nostalgische Sch\u00f6nf\u00e4rberei oder verbiesterte Altersgrantelei. Nein, fr\u00fcher war nicht alles besser. Aber: Einiges eben doch. Das f\u00e4llt dem besonders auf, der Entwicklungen in den letzten 20 Jahren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":47,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[291,1],"tags":[],"archiv":[48,147],"archiv_inhaltlich":[258,260],"class_list":["post-457","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-quergedanken","category-uncategorized","archiv-48","archiv-2012-06","archiv_inhaltlich-kolumnen","archiv_inhaltlich-quergedanken"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=457"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2550,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions\/2550"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/47"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=457"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=457"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}