{"id":443,"date":"2013-07-24T22:00:00","date_gmt":"2013-07-24T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2013\/07\/24\/fluffige-sommertage\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:16","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:16","slug":"fluffige-sommertage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2013\/07\/24\/fluffige-sommertage\/","title":{"rendered":"Fluffige Sommertage"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Es gibt so W\u00f6rter, die gibt es offiziell gar nicht. Wenn viele Leute sie aber lange genug benutzen, gibt es sie pl\u00f6tzlich doch. \u201eFluffig\u201c ist so ein eigent\u00fcmlich wunderbares Wort. In meinem j\u00fcngsten Duden (von 2006) steht es drin, im zerfledderten Vorg\u00e4nger von 1996 fehlt es noch. Ich bin sehr gl\u00fccklich, dass wir \u201efluffig\u201c haben, es auch schreiben d\u00fcrfen, folglich mancherlei damit bezeichnen k\u00f6nnen, auch uns selbst so f\u00fchlen. Und was bedeutet es nun korrekterweise? Das ist das sch\u00f6nste an der Sache: Aufs i-T\u00fcpfelchen genau wei\u00df das wohl niemand. Spielt auch keine Rolle. Wie dies W\u00f6rtchen mit \u201eflu\u201c \u00fcber die Zunge perlt, sein \u201eff\u201c durch die Lippen haucht und unterwegs zur verschmitzten \u201eig\u201c-Endung den&nbsp; gespitzten Kussmund zum erwartungsfrohen Knutschmund \u00f6ffnet \u2013 steht \u201efluffig\u201c in eigener Vollkommenheit f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p>Der Duden \u00fcbersetzt es blo\u00df als \u201eleicht und locker\u201c. Das l\u00e4sst an gelungenes P\u00fcree, wohlgeratenen Apfelstrudel oder kandierten Eischaum denken. Womit aber nur ein Bruchteil der Verwendungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr das Wort erfasst w\u00e4re. Bei meinem Freund Walter etwa hat sich \u201efluffig\u201c zum schieren Tick ausgewachsen, seit auf den Juni-Sp\u00e4twinter wider Erwarten doch noch echte Sommertage folgen und die Frauen mit \u201efluffiger\u201c Garderobe in \u201efluffiger\u201c Stimmung Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze endlich wieder zum Leuchten bringen. Da k\u00f6nnen die Stadtgestalter in Koblenz oder Neuwied, Bad Ems, Mayen oder Montabaur sich noch so sehr m\u00fchen: Ohne entspannt durch die Stadt swingende M\u00e4dchen, Frauen, Damen bleibt Urbanit\u00e4t ein frommer Wunsch.<\/p>\n<p>Ach Gott, verehrte Kritiker\/innen, mit Sexismus hat das gar nix zu tun. Das ist eine Frage der \u00c4sthetik (wie sie halt kein Mann hinkriegt). Eine Frage der Sch\u00f6nheit in der Unterschiedlichkeit, ohne die etwa \u201eSummer in the City\u201c ein hohler Spruch bleibt \u2013 \u00e4hnlich dem j\u00fcngsten Werbeslogan eines gro\u00dfen Kaufcenters. Beim Anblick dieser Parole musste ich mich neulich auf dem Koblenzer Zentralplatz fast \u00fcbergeben: \u201eWir shoppen nicht mehr, wie kaufen uns gl\u00fccklich.\u201c Rund 20 Jahre hat es gebraucht, bis die Werbefuzzis \u201eShoppen\u201c als eine Art Lebensqualit\u00e4t im allgemeinen Bewusstsein verankert hatten. Jetzt reicht ihnen die Mischung aus gro\u00dfem Einkauf nebst Flanieren, Kaffeetrinken, Eisessen nicht mehr. Das umsatzschwache Beiwerk soll verschwinden, allein das richtige Kaufen als wahres Gl\u00fcck empfunden werden. Walter nennt das \u201emerkantile Pornographie\u201c: kein Vorspiel, kein Nachspiel; rein, raus; Ware gegen Geld; fertig.<\/p>\n<p>Versuchen Sie mal, darauf das Wort \u201efluffig\u201c anzuwenden. Gleich kriegen doch Mundwerk und Hirnwindungen Kr\u00e4mpfe. Bei Ihnen nicht?! Dann geh\u00f6ren Sie wom\u00f6glich auch zu den Leuten, denen es egal ist, dass fremde und eigene Geheimdienste, ausl\u00e4ndische und inl\u00e4ndische Internetfirmen mitgucken und mith\u00f6ren (k\u00f6nnen), wenn Sie mit Gott und der Welt kommunizieren oder mit Ihren Liebsten Privatestes raspeln. Walter hat neulich ein Experiment gemacht: Er setzte sich wortlos zu wildfremden Menschen an den Caf\u00e9-Tisch, schaute sie minutenlang an und h\u00f6rte ihren \u2013 rasch verstummenden \u2013 Gespr\u00e4chen zu. Beschwerden ob dieser Ungeh\u00f6rigkeit konterte er mit der Bemerkung: \u201eIch will nichts von Ihnen; Sie sehen mich auch nicht wirklich; eigentlich bin ich gar nicht da. Allerdings geht es mir hier im Caf\u00e9 viel besser, als meinen armen Kollegen in Ihrem Smartphone.\u201c Walter fand&nbsp; das \u201efluffig\u201c, die Betroffenen weniger.<\/p>\n<p><em>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 30. Woche im Juli 2013)&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt so W\u00f6rter, die gibt es offiziell gar nicht. Wenn viele Leute sie aber lange genug benutzen, gibt es sie pl\u00f6tzlich doch. \u201eFluffig\u201c ist so ein eigent\u00fcmlich wunderbares Wort. 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