{"id":44,"date":"2017-01-02T23:00:00","date_gmt":"2017-01-02T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/01\/02\/20170103\/"},"modified":"2017-01-02T23:00:00","modified_gmt":"2017-01-02T22:00:00","slug":"20170103","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/01\/02\/20170103\/","title":{"rendered":"Ehrenbreitsteiner M\u00fcnzfund erz\u00e4hlt Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape. Koblenz.<\/strong> Ein westerw\u00e4lder Keramikkrug aus dem 17. Jahrhundert. Milchtopf, Wasserkrug, Weinbembel oder zu welchem Verwendungszweck auch immer er dereinst auf dem K\u00fcchenbord stand. Jedenfalls wurde er vor mehr als drei Jahrhunderten pl\u00f6tzlich zweckentfremdet &#8211; und kam gerade deshalb in Koblenz-Ehrenbreitstein, randvoll mit M\u00fcnzen bef\u00fcllt, \u00fcberraschend erst auf die Nachwelt des 20. Jahrhunderts und jetzt in Forscher- und Bewahrerh\u00e4nde der Gegenwart.<\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Der Krug enth\u00e4lt 4640 \u00fcberwiegend kurtrierische M\u00fcnzen aus der Zeit ab 1599, die unter den Trierer Kurf\u00fcrsten Lothar von Metternich, Carl Caspar von der Leyen und Johann Hugo von Orsbeck geschlagen wurden. Die j\u00fcngsten Geldst\u00fccke tragen das Pr\u00e4gedatum 1688 und sind noch wie neu, waren also nur ganz kurz in Umlauf. Und sie wurden in einer Koblenzer M\u00fcnzanstalt hergestellt, wie entsprechende Einstanzungen verraten. Danach nichts mehr, kein einziger Groschen oder Taler aus sp\u00e4teren Jahren. Es ist, als sei der Krug nebst klingendem Inhalt anno 1688 schlagartig aus der Welt verschwunden.<\/p>\n<p>Sowieso ist das nicht g\u00fcldenes Verm\u00f6gen eines Notablen oder reichen Kaufmanns, denn Geldst\u00fccke von h\u00f6herer Zahlkraft und aus weiterer Ferne sind nur sehr wenige vertreten. Vielmehr steckt in dem Krug vor allem ein Haufen von Kleinm\u00fcnzen. Bei 4000 handelt es sich um sogenannte \u201ePeterm\u00e4nnchen\u201d, typisches Volksgeld jener Zeit im Rhein-Mosel-Gebiet und so genannt, weil die M\u00fcnzanstalten des sich bis nach Koblenz erstreckenden kurf\u00fcrstlichen Erzbistums Trier ihnen ein Bildnis des Apostels Petrus aufgepresst haben. Der Gesamtwert der M\u00fcnzen bel\u00e4uft sich auf rund zwei Jahresl\u00f6hne eines damaligen Maurers. Diese doch recht bescheidene Gr\u00f6\u00dfenordnung spricht gegen die kurzzeitig diskutierte These, es handle sich wom\u00f6glich um die Kriegskasse des Kurf\u00fcrsten.<\/p>\n<p>Gleichwohl ist der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz ein f\u00fcr den n\u00f6rdlichen Landesteil bedeutender Schatz zugefallen. Von \u201eFund\u201d mag Chefarch\u00e4ologe Axel von Berg nicht sprechen. Denn der M\u00fcnzkrug stammt aus Familienbesitz. Er wurde j\u00fcngst von der GDKE f\u00fcr gut 50 000 Euro angekauft. Dessen eigentliche Entdeckung geht auf das Jahr 1947 zur\u00fcck: Bei der Beseitigung von Kriegssch\u00e4den fand jemand auf dem Dachboden eines historischen Geb\u00e4udes im Koblenzer Stadtteils Ehrenbreitstein das dort eingemauerte Beh\u00e4ltnis. Das landete anschlie\u00dfend erst bei einem Eisenwarenh\u00e4ndler, danach f\u00fcr Jahrzehnte bei besagter Familie &#8211; was nach Rechtslage vor 1970 ein v\u00f6llig legaler und nicht zu beanstandender Vorgang war. Die GDKE ist durch Hinweise der M\u00fcnzforscher von der Koblenzer Liebenstein-Gesellschaft auf das Artefakt aufmerksam geworden. Dank gro\u00dfz\u00fcgiger finanzieller Unterst\u00fctzung durch den Verein der Freunde und F\u00f6rderer des Landesmuseums Koblenz sowie den F\u00f6rderkreis Kulturzentrum Festung Ehrenbreitstein konnte der M\u00fcnzschatz schlie\u00dflich 2016 in Besitz des Landes Rheinland-Pfalz \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Aus der gemeinsamen Begutachtung durch Arch\u00e4ologen, Numismatiker (M\u00fcnzforscher) und Historiker ergibt sich das folgende historische Narrativ: Es handelt sich bei den M\u00fcnzen um den Kasseninhalt eines kurtrierischen Finanzbeamten mit Amtssitz in Ehrenbreitstein, bei dem \u00f6rtliche Handwerker, Schiffer, Bauern in kleiner M\u00fcnze ihre Steuern ablieferten. 1688 besetzten im Zuge des Pf\u00e4lzischen Erbfolgekrieges Truppen des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Ludwigs XIV. Koblenz sowie die kurf\u00fcrstliche Residenz Ehrenbreitstein im Tal und begannen von dort aus mit der Beschie\u00dfung der Festung Ehrenbreitstein auf der H\u00f6he.<\/p>\n<p>Es ist historisch bekannt, dass der franz\u00f6sische Einmarsch damals sehr schnell erfolgte. Weshalb besagter Beamte sich wohl in aller Eile aus der K\u00fcche irgendeinen gerade greifbaren Keramikkrug schnappte, das f\u00fcr den Kurf\u00fcrsten gedachte Steuergeld hineinsch\u00fcttete und auf dem Dachboden vor den Franzosen verbarg. In welchem Ehrenbreitsteiner Haus genau sich das alles abgespielt hat, ist noch nicht vollends gekl\u00e4rt. Die Stra\u00dfe allerdings steht fest. Und fest steht auf Basis fr\u00fcherer arch\u00e4ologischer Funde wie stadthistorischer Erkenntnisse, dass in eben dieser Stra\u00dfe eine franz\u00f6sische Gesch\u00fctzbatterie in Stellung gegangen war und die Festung beharkt hatte.<\/p>\n<p>Die Vermutung liegt laut Axel von Berg nahe, dass besagter Finanzbeamte nach dem Verstecken der ihm anvertrauten Gelder entweder vom Rhein weg Richtung Westerwald fl\u00fcchtete oder bei den nahen Gefechten umkam. Jedenfalls ward nie mehr etwas von ihm zu h\u00f6ren. Zur\u00fcck blieb in seinem Versteck auf dem Dachboden der noch mit Patina von der einstigen K\u00fcchennutzung \u00fcberzogene M\u00fcnzkrug &#8211; und \u00fcberdauerte unentdeckt die Zeiten bis 1947.<\/p>\n<p>M\u00fcnzen und Beh\u00e4ltnis sind derzeit als Sonderausstellung &#8222;Der aktuelle Fund&#8220; im Haus der Arch\u00e4ologie auf der Festung Ehrenbreitstein ausgestellt. Sie sollen sp\u00e4ter in die Dauerausstellung zur Geschichte der Festung eingegliedert werden. Noch wird parallel allerdings an dem &#8222;Fund&#8220; geforscht. Das Labor der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen etwa untersucht die metallurgische Zusammensetzung vor allem der Peterm\u00e4nnchen, um zu best\u00e4tigen oder zu verwerfen, dass das Metallerz aus Abbaust\u00e4tten in direkt benachbarten Seitent\u00e4lern stammt und auch am Ort verh\u00fcttet wurde. So halten diese M\u00fcnzen wom\u00f6glich noch manche Erkenntnis bereit \u00fcber das wirtschaftliche und soziale Leben im 17. Jahrhundert am Mittelrhein.<\/p>\n<p>Andreas Pecht<\/p>\n<p>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 1. Woche im Januar 2017)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz. Ein westerw\u00e4lder Keramikkrug aus dem 17. Jahrhundert. Milchtopf, Wasserkrug, Weinbembel oder zu welchem Verwendungszweck auch immer er dereinst auf dem K\u00fcchenbord stand. 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