{"id":4391,"date":"2023-07-28T10:51:00","date_gmt":"2023-07-28T09:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=4391"},"modified":"2023-07-28T14:52:34","modified_gmt":"2023-07-28T13:52:34","slug":"genuegsamkeit-eine-unterschaetzte-tugend-quergedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2023\/07\/28\/genuegsamkeit-eine-unterschaetzte-tugend-quergedanken\/","title":{"rendered":"Gen\u00fcgsamkeit \u2013 eine untersch\u00e4tzte Tugend (&#8222;Quergedanken&#8220;)"},"content":{"rendered":"<pre><strong>     Monatskolumne Nr. 217, August 2023<br><br><a href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/quergedanken-logo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-875\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/quergedanken-logo.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"167\"><\/a><br><\/strong><\/pre>\n\n\n<p>Wer darauf gekommen ist, wei\u00df ich nicht mehr. Pl\u00f6tzlich schwebt dieses alte \u2212 ja altehrw\u00fcrdige \u2013 Wort \u00fcber dem Gartentisch: Gen\u00fcgsamkeit. Freund Walter und ich sitzen plaudernd beisammen. Jeder einen Humpen Bier vor sich, zwischen uns ein Brett mit K\u00e4se, Schinken, Tomaten, Oliven, Gurken, Butter nebst einem K\u00f6rbchen Brot. Wir schneiden Brocken ab, schieben sie uns zwischen die Z\u00e4hne, missachten die guten Tischsitten und reden mit vollem Maul, weil das Pallaver \u00fcber Gen\u00fcgsamkeit erstmal zur Kontroverse wird.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Walter ist Gen\u00fcgsamkeit ein negativer Begriff: \u201eVon den Reichen seit jeher den Armen als gottgef\u00e4llige Tugend gepredigt, auf dass sie ihr Los erdulden und Wasser trinken, damit F\u00fcrsten und Pfeffers\u00e4cke Wein saufen k\u00f6nnen.\u201c Diesem Befund mag ich nicht widersprechen. Denn so war das, und so ist es noch immer, wenn es etwa um L\u00f6hne oder Renten geht. Es dauert, Walter plausibel zu machen, dass diese Art, das Wort Gen\u00fcgsamkeit zu gebrauchen, ein Missbrauch ist. Im ureigentlichen Sinne meint es eine positive Haltung \u2013 n\u00e4mlich das Gegenteil von leichtfertiger, mutwilliger, verantwortungsloser oder v\u00f6llig sinnloser Gier und Verschwendung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Altvorderenzeiten war Gen\u00fcgsamkeit eine \u00fcberlebenswichtige Tugend: Nicht gen\u00fcgsam mit Jagdrevieren, \u00c4ckern, Vorr\u00e4ten umzugehen, konnte sich bitter r\u00e4chen. Woran erkennbar wird, dass Gen\u00fcgsamkeit auch eine entscheidende Bedingung f\u00fcr Nachhaltigkeit ist. Womit wir in der Gegenwart von Klimawandel, Artensterben, Planetverm\u00fcllung, Entmenschung w\u00e4ren und hier beim Gegenteil von Nachhaltigkeit: der Maxime vom ewigen Wachstum, vom Kaufen-Kaufen-Kaufen des Mehr-Gr\u00f6\u00dfer-Schneller.<\/p>\n\n\n\n<p>Walter hat\u2019s schlie\u00dflich erfasst: \u201eDann geht es beim eigentlichen Sinn von Gen\u00fcgsamkeit nicht darum, die Armen zur Zufriedenheit mit ihrem Schicksal zu dr\u00e4ngen. Denn die sind, gezwungenerma\u00dfen, ja per se gen\u00fcgsam, weil sie sich Mehr-Gr\u00f6\u00dfer-Schneller gar nicht leisten k\u00f6nnen.\u201c Richtig, zumindest gilt das f\u00fcr die Quantit\u00e4t ihres Konsums. Ihnen gleichwohl vorzuwerfen, sie schmissen ihr weniges Geld oft f\u00fcr unn\u00fctzes Zeug zum Fenster raus und w\u00fcrden nach grenzenlosem Konsum gieren, ist eine h\u00e4ssliche Unart. Denn der Markt will es so \u2013 und auch die \u00c4rmeren erstreben blo\u00df (meist vergeblich), was und wie die Wohlhabenderen ganz selbstverst\u00e4ndlich leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zu marktkonformer Verschwendung erzogene und darin gar den Sinn des Lebens sehende Zeitgeist macht vor keiner Gesellschaftsschicht halt. Doch sind die realen M\u00f6glichkeiten sehr verschieden, ihm praktisch zu folgen. F\u00fcr unz\u00e4hlige Menschen weltweit reicht es nichtmal f\u00fcrs N\u00f6tigste, w\u00e4hrend anderweitig beispielsweise Klamotten \u201eaufzutragen\u201c aus der Mode gekommen ist; Autos, Stra\u00dfen, H\u00e4user, Gewerbegebiete unsinniger Weise immer mehr und gr\u00f6\u00dfer werden; die Vielfalt an (oft fragw\u00fcrdigen) Produkten astronomisch w\u00e4chst \u2013 und sich allerhand Leute in einem Hamsterrad bis hin zur Gesundheitsgef\u00e4hrdung abstrampeln, um irgendwie vielleicht dem Leitbild (Trugbild) von superreich, superdynamisch, supersch\u00f6n n\u00e4her zu r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Gen\u00fcgsamkeit hat mit Askese wenig zu tun, viel indes mit Selbstbestimmung und Genussf\u00e4higkeit. F\u00fcr Walter und mich ist etwa das Zusammensitzen beim einfachen Vesper ein Hochgenuss. Wie wir auch in der Widerspenstigkeit gegen Einfl\u00fcsterungen von Werbung und Verschwendungsgeist st\u00e4ndig neue Lebensqualit\u00e4ten entdecken: das Sch\u00f6ne und Sinnerf\u00fcllte im Gen\u00fcgsamen (nicht zu verwechseln mit dem Qu\u00e4lenden der Armut).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monatskolumne Nr. 217, August 2023 Wer darauf gekommen ist, wei\u00df ich nicht mehr. Pl\u00f6tzlich schwebt dieses alte \u2212 ja altehrw\u00fcrdige \u2013 Wort \u00fcber dem Gartentisch: Gen\u00fcgsamkeit. Freund Walter und ich sitzen plaudernd beisammen. Jeder einen Humpen Bier vor sich, zwischen uns ein Brett mit K\u00e4se, Schinken, Tomaten, Oliven, Gurken, Butter nebst einem K\u00f6rbchen Brot. 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