{"id":426,"date":"2019-06-24T22:00:00","date_gmt":"2019-06-24T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/06\/24\/walter-ullrich-hat-sich-verabschiedet\/"},"modified":"2019-06-24T22:00:00","modified_gmt":"2019-06-24T21:00:00","slug":"walter-ullrich-hat-sich-verabschiedet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/06\/24\/walter-ullrich-hat-sich-verabschiedet\/","title":{"rendered":"Walter Ullrich hat sich verabschiedet"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Buehne-Ullrich-1.png\" title=\"Walter Ullrich bei Abschiedsgala in Neuwied. Der letzte Vorhang? Foto: Theater Neuwied\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-424\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Buehne-Ullrich-1.png\" style=\"height:385px; width:480px\" title=\"Walter Ullrich bei Abschiedsgala in Neuwied. Der letzte Vorhang? Foto: Theater Neuwied\" width=\"480\" height=\"385\" \/> <\/a> <em>ape.\/Neuwied. <\/em>Walter Ullrich, Hannes Houska, Jochen Heyse: Das waren die Theaterprinzipale, die Ende des vergangenen Jahrhunderts zeitgleich \u00fcber viele Jahre das professionelle B\u00fchnengeschehen in der Mittelrheinregion pr\u00e4gten. Alte Schule, dominante Pers\u00f6nlichkeiten alle drei \u2013 Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Intendanten in einer Person. Das kennt man in der deutschsprachigen Theaterwelt heute kaum noch. Houska starb im Februar 2012 im Alter von 80 Jahren, hatte von 1975 bis 1996 als Intendant die Geschicke des st\u00e4dtischen Theaters Koblenz bestimmt. Auch Heyse weilt schon l\u00e4nger nicht mehr unter den Lebenden. Er starb ein Jahr nach Houska 83-j\u00e4hrig, hatte von 1988 bis 2004 die Leitung der Burgfestspiele Mayen innen. Der Dritte im Bunde allerdings, Walter Ullrich, erfreut sich noch seines irdischen Daseins, war bis eben Intendant des Kleinen Theaters Bad Godesberg und zugleich der Landesb\u00fchne im Schlosstheater Neuwied. Jetzt erst, im schon 88. Lebensjahr muss er nach gut 60 Jahren sein Godesberger Privattheater aufgeben und hat dieser Tage nach 40 Jahren die Leitung des Neuwieder Theaters in die j\u00fcngeren H\u00e4nde von Lajos Wenzel \u00fcberantwortet.<\/p>\n<p>Noch eines haben die drei gemeinsam: Ihr Leben mit, im und f\u00fcrs Theater begann bei jedem bereits in Kindertagen und dauerte ununterbrochen bis ins hohe Alter. Der in M\u00f6nchengladbach geborene Ullrich, Spross einer Theaterfamilie, stand erstmals dreij\u00e4hrig auf der B\u00fchne. Mit 15 und einem Volontariat am Theater Halberstadt begann sein berufliches Leben als Schauspieler, nachher auch als Regisseur. Er spielte oder inszenierte an unterschiedlichen Theatern alles, was das Repertoire verlangte. Er wirkte obendrein in einer ansehnlichen Zahl von Kino- und Fernsehproduktionen mit, etwa 1979 in \u201eSteiner \u2013 Das Eiserne Kreuz\u201c, 1981 in \u201eDer Fall Mauritius\u201c oder zuletzt um die Jahrtausendwende in f\u00fcnf Folgen der TV-Serie \u201eVerbotene Liebe\u201c. &nbsp;<\/p>\n<p>Als ich, damals Jungkritiker, vor fast 30 Jahren erstmals Neuwieder Auftritte und Produktionen Ullrichs in Augenschein nahm, war f\u00fcr ihn die Zeit der jugendlichen Helden- und Liebhaberfiguren schon vorbei. Mit knapp 60 kamen ihm da Mannsbilder des reiferen Alters zupass und stand er an der Schwelle zu den gro\u00dfen Altersrollen. Molieres eingebildeter Kranker, Shakespeares Heinrich VIII., mehrfach Lessings weiser Nathan und nat\u00fcrlich alle paar Jahre wieder der Doktor Faust von Goethe waren Paraderollen f\u00fcr ihn. Unz\u00e4hligen anderen Figuren hat er auf seine unverwechselbare Art ebenfalls Leben eingehaucht. Bei einem Gespr\u00e4ch anl\u00e4sslich seines 75. Geburtstages und zeitglich 60-j\u00e4hrigen B\u00fchnenjubil\u00e4ums hatte ich ihn gefragt, ob nicht, wie bei so vielen \u00e4lteren Schauspielern, Shakespeares King Lear ganz oben auf seinem Alterswunschzettel st\u00fcnde. Die Antwort macht deutlich, dass Ullrich sehr eigen sein kann: \u201eSie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mich nach einer Rolle sehne, bei mir drei Frauen auf der Nase herumtanzen.\u201c<\/p>\n<p>Als Walter Ullrich 1958 in seinen Bad Godesberger Theater den Intendantdienst antrat, war er der j\u00fcngste B\u00fchnenchef Deutschlands. Von den fr\u00fchen 2000er-Jahren bis zu seiner Verabschiedung neulich mit einer Gala im Schlosstheater Neuwied war er dann der mit Abstand dienst\u00e4lteste. Mehrmals habe ich \u00fcber die letzten drei Jahrzehnte lange Gespr\u00e4che mit ihm gef\u00fchrt. Die hatten von seiner Seite aus immer auch eine starke wirtschaftliche Komponente. Was zwangsl\u00e4ufig ist bei einem Theaterleiter, der zwei H\u00e4usern vorsteht, die finanziell nicht eben opulent ausgestattet sind. Mit einigem Stolz verwies er vor diesem Hintergrund stets auf die 60 und mehr Prozent, die die Landesb\u00fchne im Neuwieder Schlosstheater als Anteil am Budget selbst einspielt. Im Vergleich mit den meisten anderen Theatern in Deutschland ist das in der Tat ein gigantischer Anteil. Wie auch die zeitweise mehr als 3500 Abonnenten in Neuwied ein richtiges Pfund waren, sch\u00f6pften sie die Platzkapazit\u00e4ten des Hauses mit seinen 273 Sitzen doch beinahe alleine aus. \u201eAls ich 1979 in Neuwied begann, waren es gerade mal 80 Abos\u201c erinnerte sich Ullrich immer gerne.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Intendant2-1.jpg\" title=\"Schl\u00fcssel\u00fcbergabe am Schlosstheater Neuwied von Walter Ullrich an seinen Nachfolger Lajos Wenzel  \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-425\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Intendant2-1.jpg\" style=\"height:344px; width:516px\" title=\"Schl\u00fcssel\u00fcbergabe am Schlosstheater Neuwied von Walter Ullrich an seinen Nachfolger Lajos Wenzel  \" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Intendant2-1.jpg 1024w, https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Intendant2-1-480x320.jpg 480w, https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Intendant2-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a>Der Zuspruch f\u00fcr das Neuwieder Theater seitens eines treuen Publikums aus der Deichstadt und dem n\u00e4heren Hinterland beiderseits des Rheins war immer betr\u00e4chtlich. Doch das Verh\u00e4ltnis zwischen Ullrichs Theaterarbeit und dem Kritiker war zeitweise von erheblichen Spannungen gepr\u00e4gt. Ich schrieb vor mehr als einem Jahrzehnt an dieser Stelle:&nbsp; \u201eManchmal sind Besuche im Schlosstheater Neuwied wie Reisen in eine vergangene Theaterwelt. Hier wird bisweilen gespielt, als sei das Regietheater nie erfunden worden, stehe die Entwicklung des absurden Theaters erst noch bevor und handle es sich bei den andernorts allf\u00e4lligen Neuinterpretationen der Klassiker um einen Irrweg der B\u00fchnenkunst.\u201c Will sagen: Ullrichs Theater war nie Ort revolution\u00e4rer Kunstexperimente, \u00e4sthetischen Furors und das Publikum herausfordernder Innovation. Seine Programme waren popul\u00e4r, setzten auf eine Mischung aus leichter Unterhaltung und klassischer Erbauung. Gepflegt wurde \u00fcberwiegend traditionell-konventionelles Theaterhandwerk. Das aber weithin auf ordentlichem, bisweilen auch ambitionierten Niveau \u2013 so wie es mit den bescheidenen Mitteln ohne festes Ensemble und im G\u00e4stebetrieb eben m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Walter Ullrich und ich haben \u00fcber die Jahre manchen Strau\u00df miteinander ausgefochten, mit der Zeit uns aber auch respektieren und sch\u00e4tzen gelernt. Denn ich erkannte in ihm einen Mann, dessen Blut f\u00fcrs Theater rauscht und ohne den es um die Versorgung \u201eder Provinz\u201c mit B\u00fchnenkunst wesentlich schlechter bestellt gewesen w\u00e4re. Mit seinem Abschied jetzt \u2013 bei der Neuwieder Gala von seiner Seite mit einigen selbstgespielten Szenen nat\u00fcrlich aus Goethes \u201eFaust\u201c zelebriert \u2013 endet zugleich die \u00c4ra der alten Theaterprinzipale und Allrounder. Aber anders als seine einstigen Kollegen Houska und Heyse, lebt Ullrich noch, schl\u00e4gt sein Herz wie ehedem im Theatertakt. Weshalb ich nicht glaube, dass sein Abschied vom IntendantenamtLajos Wenzel <a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Intendant2-1.jpg\" title=\"Schl\u00fcssel\u00fcbergabe am Schlosstheater Neuwied von Walter Ullrich an seinen Nachfolger Lajos Wenzel  \"> <\/a> auch ein Abschied von der B\u00fchne war. Man wird (ihn) sehen. <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape.\/Neuwied. Walter Ullrich, Hannes Houska, Jochen Heyse: Das waren die Theaterprinzipale, die Ende des vergangenen Jahrhunderts zeitgleich \u00fcber viele Jahre das professionelle B\u00fchnengeschehen in der Mittelrheinregion pr\u00e4gten. Alte Schule, dominante Pers\u00f6nlichkeiten alle drei \u2013 Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Intendanten in einer Person. Das kennt man in der deutschsprachigen Theaterwelt heute kaum noch. 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