{"id":423,"date":"2019-06-21T22:00:00","date_gmt":"2019-06-21T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/06\/21\/dem-schillerschen-wesen-ganz-nah\/"},"modified":"2019-06-21T22:00:00","modified_gmt":"2019-06-21T21:00:00","slug":"dem-schillerschen-wesen-ganz-nah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/06\/21\/dem-schillerschen-wesen-ganz-nah\/","title":{"rendered":"Dem Schiller&#8217;schen Wesen ganz nah"},"content":{"rendered":"<p><em>ape.\/Wiesbaden.<\/em> Auf zum Staatstheater Wiesbaden: Dort wird Friedrich Schillers \u201eKabale und Liebe\u201c in einer Art gezeigt, die als kleines Wunderwerk gelten darf. Regisseurin Johanna Wehner hat heftig in die Vorlage eingegriffen, hat vieles weggelassen, hat manche Sprechpassage auf einen Ausruf, bisweilen ein einziges Wort verk\u00fcrzt, hat auch ein bisschen Eigenes hinzugef\u00fcgt. Mehr noch: Sie hat den strukturellen Aufbau des St\u00fcckes von 1784 ver\u00e4ndert. So sehr der gut zweist\u00fcndige Abend sich damit vom Original zu entfernen scheint, bleibt am Ende doch der Eindruck, seinem Schiller\u2019schen Wesen kaum je so nahe gekommen zu sein.<\/p>\n<p>Volker Hintermeiers graue B\u00fchne besteht aus nach hinten in versetzter Treppenartigkeit ansteigenden, rechteckigen, leeren Plattformen. Das sind gegeneinander v\u00f6llig offene Spielst\u00e4tten, quasi mehrere kleine B\u00fchnen auf der gro\u00dfen. Und so verh\u00e4lt es sich auch mit dem Spiel: Die im St\u00fcck \u00f6rtliche und\/oder zeitliche Szenentrennung wird weitgehend aufgehoben; Geschehnisse, Gespr\u00e4che, Gedanken treten in direkte Beziehung zueinander, durchdringen einander, verschmelzen miteinander. Doch geht die Gesamtstory dabei keineswegs verloren.<\/p>\n<p>Es streiten auf einer Plattform die kleinb\u00fcrgerlichen Millers \u00fcber eine Liebelei zwischen ihrer Tochter Luise (Mira Benser) und dem adligen Pr\u00e4sidentensohn Ferdinand (Tobias Lutze). Die Mutter (Evelyn Faber) spekuliert auf gesellschaftlichen Aufstieg. Der Vater (Benjamin Kr\u00e4mer-Jenster) f\u00fcrchtet, der hochgestellte Bursche m\u00f6chte die zarte Tochter nur als Wegwerfkonkubine missbrauchen. Parallel hofft auf einer anderen Plattform der Pr\u00e4sident (Janning Kahnert) im Gespr\u00e4ch mit seinem Diener Wurm (Atef Vogel) auf genau solch ruchlose Ambitionen seines Sohnes und f\u00fcrchtet den eigenen gesellschaftlichen Schaden, der aus einer ernsten Verbindung Ferdinands mit einer B\u00fcrgerlichen entstehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die im Original getrennten Szenen stehen sich hier wie leicht verzerrte Spiegelbilder gegen\u00fcber. Ihre Akteure benutzen teils die gleichen S\u00e4tze, werfen einander sich erg\u00e4nzende Worte und Satzteile zu, treten in ein dialogisches Verh\u00e4ltnis zueinander \u2013 bis aus zwei Szenen, auch r\u00e4umlich, eine einzige geworden ist. Und wenn sich dazu noch auf einer dritten Plattform sowie in den Zwischenr\u00e4umen das zarte Liebesspiel der beiden jungen Leute entfaltet, hat Wehners Inszenierung die aufeinander wirkenden Kr\u00e4fte der verschiedenen Ebenen von Schillers Konstellation zur selben Zeit in einen Raum gepackt.<\/p>\n<p>Diesem Prinzip, das ein extrem genaues Sprech- und Bewegungstiming voraussetzt, folgt der gesamte Abend. Es werden dem aufmerksamen Zuseher dadurch Beziehungen und Hintergr\u00fcnde im Schiller-St\u00fcck augenf\u00e4llig, die sonst erst langwierige Textanalysen zutage f\u00f6rdern. Was diese handelnden Personen tun und sagen, ist f\u00fcr jene gedankliche Bedrohung des eigenen Handelns und umgekehrt. Die Intrige von Wurm und Pr\u00e4sident, Misstrauen und Eifersucht ins Verh\u00e4ltnis zwischen Ferdinand und Luise zu s\u00e4en, wird diskutiert, w\u00e4hrend der junge Mann noch unverbr\u00fcchliche Liebe schw\u00f6rt, dem M\u00e4dchen aber schon schwant, dass man sie nicht lieben lassen wird.<\/p>\n<p>Aus der tiefgr\u00fcndigen Ernsthaftigkeit der St\u00fcckbearbeitung ergibt sich fast zwangsl\u00e4ufig, dass die Scheidung zwischen Gut und B\u00f6se hinter das Getriebensein aller und ihre reihum bald erreichte lebenstragische Ratlosigkeit zur\u00fccktritt. Der Satz \u201eIch muss &#8230; was? Was muss ich tun? Was kann ich tun?\u201c wandert von einer zugespitzten Situation zur n\u00e4chsten in den Mund einer anderen verzweifelten Figur. Lady Milford (Karoline Reinke), die sich nach Befreiung sehnende M\u00e4tresse des Herzogs, ringt mit ihm. Ferdinand verliert sich in ihm, Luise k\u00e4mpft zwischen Hellsicht und Weinen mit ihm.<\/p>\n<p>Die Inszenierung zwingt in jeder Rolle zu hoch konzentriertem Spiel, verlangt zugleich von allen intensive charakterliche Ambivalenz und emotionale Entwicklung. So wird dieser Abend \u2013 den Felix Str\u00fcven als Hofmarschall Kalb mit harmlos-launigem Geplauder ins Publikum er\u00f6ffnet \u2013 auch zu einem Exempel bemerkenswerter Schauspielkunst. <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape.\/Wiesbaden. Auf zum Staatstheater Wiesbaden: Dort wird Friedrich Schillers \u201eKabale und Liebe\u201c in einer Art gezeigt, die als kleines Wunderwerk gelten darf. Regisseurin Johanna Wehner hat heftig in die Vorlage eingegriffen, hat vieles weggelassen, hat manche Sprechpassage auf einen Ausruf, bisweilen ein einziges Wort verk\u00fcrzt, hat auch ein bisschen Eigenes hinzugef\u00fcgt. 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