{"id":422,"date":"2019-06-20T22:00:00","date_gmt":"2019-06-20T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/06\/20\/18-aspekte-von-freiheit-in-je-200-sekunden\/"},"modified":"2019-06-20T22:00:00","modified_gmt":"2019-06-20T21:00:00","slug":"18-aspekte-von-freiheit-in-je-200-sekunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/06\/20\/18-aspekte-von-freiheit-in-je-200-sekunden\/","title":{"rendered":"18 Aspekte von &#8222;Freiheit&#8220; in je 200 Sekunden"},"content":{"rendered":"<p><em>ape.\/Mainz.<\/em> \u201eFreiheit\u201c ist die j\u00fcngste Produktion von tanzmainz am Staatstheater der Landeshauptstadt benannt. Schon der Titel l\u00e4sst erwarten, was der 60-min\u00fctige Abend auch best\u00e4tigt: Das vom israelischen Choreografenpaar Guy Weizmann und Roni Haver kreierte St\u00fcck hat eine stark gesellschaftspolitische Dimension. Die schafft sich Ausdruck bereits in der Farbgebung: B\u00fchne, Licht, Kost\u00fcme \u2013 alles durchg\u00e4ngig in Varianten von Rosa gehalten. Will sagen: Wir heutigen Hiesigen betrachten unser Freiheitsideal meist durch eine rosarote Brille. Vier Frauen und vier M\u00e4nner demonstrierten dann aber tanzend, spielend, sprechend, singend, dass es ganz so einfach nicht ist mit der Freiheit.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Freiheit-2-tanzmainz-c-Etter.jpg\" title=\"Szene aus &quot;Freiheit&quot; bei tanzmainz. Foto: Thomas Etter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-421\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Freiheit-2-tanzmainz-c-Etter.jpg\" style=\"float:right; height:480px; margin:5px; width:320px\" title=\"Szene aus &quot;Freiheit&quot; bei tanzmainz. Foto: Thomas Etter\" width=\"320\" height=\"480\" \/> <\/a> Am Anfang steht die \u2013 unausgesprochene \u2013 Behauptung: \u201eIch bin frei.\u201c Eliana Stragapede bringt sie in einem luftigen, vielgestaltigen Solo zu wundersch\u00f6ner Barockmusik zum Ausdruck. Die anderen sieben Ensemblemitglieder schauen aus dem Hintergrund zu, lassen sie gew\u00e4hren. Alle tragen zu diesem Zeitpunkt kurze einheitliche Lederkleidchen in dunklem Rosa: Eine Gesellschaft von Gleichen l\u00e4sst ihresgleichen individuelle Freiheit. Diese Illusion idealisierender Wahrnehmung w\u00e4hrt genau 200 Sekunden.<\/p>\n<p>Dann \u00fcbernimmt krachende Elektronik das klangliche Regiment; senken sich chic gebogene Sperrgitter auf die B\u00fchne; kriegen die Akteure allesamt das gro\u00dfe Zittern, als h\u00e4tte man sie an eine Stromleitung geklemmt. Jeder kann tun, was er will, allerdings nur im Rahmen der Gitterlandschaft und sofern die Zittrigkeit es zul\u00e4sst. Freiheit ist gegeben, findet ihre Grenzen aber im System des gro\u00dfen Ganzen und in dessen fortw\u00e4hrend durchsch\u00fcttelnden Zugriff auf das Individuum.<\/p>\n<p>Auch diese metaphorische Passage dauert, wie alle 16 noch folgenden, nur 200 Sekunden. Jede der kurzen Szenen beleuchtet andere Aspekte von Freiheit respektive deren Begrenzung. Hier gibt es Spannen liebevoller, lebensfreudiger Gemeinschaft, die hernach doch die vermeintlich fremde Asiatin ausgrenzt, jenen unangepassten Jungen mobbt. Da sind Momente, in denen Freiheit unter m\u00e4nnlichem wie weiblichem Zampanostreben oder sexuellen Dominanzbegierden verloren geht. Dort zwingen Katastrophen wie Krieg und Umweltzerst\u00f6rung die Akteure in Schutzanz\u00fcge. Fast unmerklich ver\u00e4ndern sich Zug um Zug die vom Maison de Faux geschaffenen Kost\u00fcme.<\/p>\n<p>Die Einheitlichkeit zu Beginn weicht rasch einer Individualisierung der Outfits sowie deren zugleich fortschreitender Aufr\u00fcstung. Zu rosa R\u00f6ckchen, hippieesken Flatterhosen und Badem\u00e4nteln gesellen sich Knie- und Ellbogenschoner, Boxhandschuhe, Lawinenjacken, Helme, K\u00f6rperschilde. Die individuelle Freiheit scheint eine Kampfarena geworden, in der jeder jedem, jeder allen, alle jedem Schmerz zuf\u00fcgen, und die oberste Maxime lautet: Es geht allein um die Durchsetzung meiner Freiheit.<\/p>\n<p>T\u00e4nzerisch ruft die Choreografie ein breites Spektrum zeitgen\u00f6ssischer Formen in hohem Tempo auf. Ausdruckstarke Soli, wild verwirbelte Ensembles oder Formationen in h\u00f6chster Akkuratesse stellen Fragen, erheben Forderungen, st\u00fcrzen in Zweifel \u2013 und ringen sich schlussendlich bei wieder barockem Sch\u00f6nklang zu einem Vorschlag an den modernen Menschen durch: Sch\u00fctze, bewahre und nutze deine Freiheit, indem du hin und wieder einen kleinen Teil davon aufgibst zugunsten der Freiheit aller. Tanz als sinnliche Performance, die zum intellektuellen Diskurs anregt: In diesem Fall funktioniert das oft verquast endende Unterfangen ziemlich gut. <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape.\/Mainz. \u201eFreiheit\u201c ist die j\u00fcngste Produktion von tanzmainz am Staatstheater der Landeshauptstadt benannt. Schon der Titel l\u00e4sst erwarten, was der 60-min\u00fctige Abend auch best\u00e4tigt: Das vom israelischen Choreografenpaar Guy Weizmann und Roni Haver kreierte St\u00fcck hat eine stark gesellschaftspolitische Dimension. 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