{"id":415,"date":"2016-10-28T22:00:00","date_gmt":"2016-10-28T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/28\/urvertrauen-im-brodelnden-magma\/"},"modified":"2016-10-28T22:00:00","modified_gmt":"2016-10-28T21:00:00","slug":"urvertrauen-im-brodelnden-magma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/28\/urvertrauen-im-brodelnden-magma\/","title":{"rendered":"Urvertrauen im brodelnden &#8222;Magma&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>ape\/Mainz<\/em>. \u201eMagma\u201d ist die erste Tanz-Produktion der neuen Spielzeit am Staatstheater Mainz summarisch \u00fcberschrieben. Dies Bild vom glutfl\u00fcssigen Gestein, das feurig brodelnd aus tiefem Untergrund an die Oberfl\u00e4che dr\u00e4ngt und sich unaufhaltsam \u00fcber die Welt verstr\u00f6mt, passt trefflich zu den beiden Urauff\u00fchrungen des 100-min\u00fctigen Abends.<\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Dennoch sind \u201eFieber\u201d von Alessandra Corti sowie das bei der Premiere mit spontanen Jubelovationen bedachte St\u00fcck \u201eFall seven times\u201d von Maria Campos und Guy Nader zwei grundverschiedene Choreografien.<\/p>\n<p>Obwohl bar einer durchg\u00e4ngigen Handlung, kann \u201eFieber\u201d als Konglomerat vieler Minierz\u00e4hlungen verstanden werden. Als sei&#8217;s irgendein Platz in irgendeiner heutigen Stadt, kommen auf leerer B\u00fchne vier Frauen und zwei M\u00e4nner zusammen. Eine Zufallsbegegnung unterschiedlichster Menschen, die nun in mannigfach unterschiedliche Beziehungen zueinander treten. In deren Verlauf fallen Alltagsh\u00fcllen, kommen unter M\u00e4nteln, Kappen, Kleidern ungesch\u00fctzte Leiber, Begierden, Tr\u00e4ume zum Vorschein.<\/p>\n<p>Leitmotivisch vorangestellt ist der Text \u201eWas ich glaube\u201d von J.G. Ballard. Dieses Bekenntnis glaubt allerdings an alles und nichts; an L\u00fcgen ebenso wie an das Geheimnis von Parkh\u00e4usern, an den Irrsinn der Blumen wie an die Genitalien gro\u00dfartiger M\u00e4nner und Frauen. Das Prinzip der Beliebigkeit scheint sich im Tanzgeschehen zu spiegeln \u2013 erf\u00e4hrt dort allerdings bald eine Ordnung aus immer wieder einander deckenden oder widersprechenden Individualbed\u00fcrfnissen: Einsamkeit versus Zweisamkeit versus Dasein in der Gruppe; jede Form mal erlebbar als Freud, mal als Leid, schlussendlich m\u00fcndend als ewiger Dauerlauf aller im Hamsterrad des modernen Seins.<\/p>\n<p>Bleibt \u201eFieber\u201d \u00fcber weite Strecken eine t\u00e4nzerisch reduzierte, auf inhaltsschwangere Symbolszenen konzentrierte Arbeit, so ist \u201eFall seven times\u201d das schiere Gegenteil: reines, hinrei\u00dfendes Formballett moderner Art \u2013 auf den ersten Blick hart an der Grenze zur zirzenischen Akrobatik, auf den zweiten gleichwohl von anr\u00fchrender Beseeltheit. Die Choreografie bezieht sich auf das asiatische Sprichwort \u201eWenn du sieben Mal f\u00e4llst, stehe acht Mal wieder auf.\u201d Sich ungehemmt fallen lassen im Vertrauen auf das Auffangen durch die Mitt\u00e4nzer ist ihr Kernelemente.<\/p>\n<p>Wie dieses Prinzip in ungeheuer dichtem, schnellem, vielgestaltigem Str\u00f6men von elf Akteuren zur Minimalmusic von Miguel Marin \u00fcber die B\u00fchne brodelt, solches hat man in Mainz und ringsumher lange nicht gesehen. Wer f\u00e4llt, wer f\u00e4ngt? Wer ist Heber, wer Gehobener? Wessen R\u00fccken dient als Sprungbrett, wessen Schenkel sind Drehachse, welche Arme vereinen sich zum Katapult, welche K\u00f6rper sichern die Landung der Geschleuderten? Das alles flie\u00dft ineinander, ergibt sich auseinander. Jede Frau, jeder Mann wechselt von einer Sekunde zur anderen die Funktion, muss eben verl\u00e4sslich zupacken, gleich drauf im Urvertrauen auf die Verl\u00e4sslichkeit der Kollegen\/Freunde sich hingeben.<\/p>\n<p>Das ist h\u00f6chste Pr\u00e4zision und doch von scheinbar gr\u00f6\u00dfter Leichtigkeit. Noch den wildesten Furor durchtr\u00e4nkt eine nat\u00fcrlich-verspielte, ja z\u00e4rtliche Art des Miteinanders. Eine bemerkenswerte Arbeit der Gastchoreografen Campos\/Nader, eine fulminante Leistung der Compagnie von tanzmainz \u2013 und ein St\u00fcck, das sich Ballettfreunde in der Region nicht entgehen lassen sollten.<em> Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape\/Mainz. \u201eMagma\u201d ist die erste Tanz-Produktion der neuen Spielzeit am Staatstheater Mainz summarisch \u00fcberschrieben. 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