{"id":413,"date":"2016-10-18T22:00:00","date_gmt":"2016-10-18T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/18\/biotope-jugendlicher-kreativitaet\/"},"modified":"2016-10-18T22:00:00","modified_gmt":"2016-10-18T21:00:00","slug":"biotope-jugendlicher-kreativitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/18\/biotope-jugendlicher-kreativitaet\/","title":{"rendered":"Biotope jugendlicher Kreativit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>ape. Raus aus der Einsatzstelle. Koffer packen. Umziehen in Jugendherberge, Seminarhaus, Ferienwohnanlage. Mit vielen \u201eKollegen\/innen\u201d f\u00fcr ein paar Tage ausw\u00e4rts zusammenleben, sich austauschen, arbeiten. Das widerf\u00e4hrt mehrmals im Jahr allen jugendlichen Teilnehmern am \u201eFreiwilligen Sozialen Jahr\u201d (FSJ) in Rheinland-Pfalz. Dann ist jeweils Seminarwoche angesagt.<\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Man kennt derartige Ausnahmezust\u00e4nde auch aus dem normalen Berufsleben. Dort hei\u00dft das \u201eWeiterbildung\u201d. F\u00fcr die vier Seminarbl\u00f6cke eines FSJ-Jahres w\u00e4re dieser vor allem als berufliche Zusatzqualifikation verstandene Begriff allerdings zu eng. Denn es geht dabei zwar teils auch um Reflexion und Qualifikation im Hinblick auf die T\u00e4tigkeit in FSJ-Einsatzstellen wie Ganztagsschulen oder Kulturinstitutionen.<\/p>\n<p>Aber es geht eben bei den Seminarwochen zugleich auch um viel mehr: um Allgemeinbildung praktischer, sozialer, kultureller, quasi-philosophischer Art; um (Wieder-)Entdeckung eigener Kreativpotenziale; um Offenheit f\u00fcr ungew\u00f6hnliche Situationen und T\u00e4tigkeiten; ums Erproben ungewohnter Formen des Zusammenwirkens unterschiedlichster Individuen; um Verantwortung f\u00fcr den eigenen Beitrag zu einem kollektiven Werk. Es geht nicht zuletzt um die Freiheit und den Mut, sich jenem zweckfreien Spielen hinzugeben, bei dem nach Friedrich Schiller der Mensch erst wirklich Mensch sein kann.<\/p>\n<h4>Alte Bildungsideale ganz frisch und modern<\/h4>\n<p>Etwas Pathos sei dem Autor erlaubt, der seit Einrichtung des FSJ in Rheinland-Pfalz jedes Jahr f\u00fcr ein oder zwei Wochen seinen Redaktionsschreibtisch verl\u00e4sst, um als Workshopleiter an solchen Seminaren teilzunehmen \u2013 um mit Menschen zu arbeiten, die dem Alter nach seine Kinder, ja bald Enkel sein k\u00f6nnten. Denn gerade weil die Seminarkonzeption fortschrittlich ist, kommen darin im heutigen Schul- und Hochschulbetrieb oft versch\u00fcttete Bildungsideale etwa von Rousseau oder Humboldt wieder zur Geltung: Die Bildung des jungen Menschen sei prim\u00e4r als ganzheitliche Menschenbildung anzulegenEtwas Pathos sei dem Autor erlaubt, der seit Einrichtung des FSJ in Rheinland-Pfalz jedes Jahr f\u00fcr ein oder zwei Wochen seinen Redaktionsschreibtisch verl\u00e4sst, um als Workshopleiter an solchen Seminaren teilzunehmen \u2013 um mit Menschen zu arbeiten, die dem Alter nach seine Kinder, ja bald Enkel sein k\u00f6nnten. Denn gerade weil die Seminarkonzeption fortschrittlich ist, kommen darin im heutigen Schul- und Hochschulbetrieb oft versch\u00fcttete Bildungsideale etwa von Rousseau oder Humboldt wieder zur Geltung: Die Bildung des jungen Menschen sei prim\u00e4r als ganzheitliche Menschenbildung anzulegen \u2013 auf dass er\/sie aus lebendiger Erfahrung heraus seine Talente entfalte, sich entwickle gleicherma\u00dfen zum freien und sch\u00f6pferischen wie zum sozial verantwortungsbewussten Individuum.<\/p>\n<p>Exemplarisch f\u00fcr das Wesen der Seminarwochen seien einige Eindr\u00fccke von einer Jahresabschlusswoche des FSJ-Ganztagsschule im Ferienlager H\u00fcbingen angef\u00fchrt. In jener Ecke des Westerwaldes st\u00f6\u00dft man auf eine idyllisch im Gr\u00fcnen gelegene Wohnanlage aus Reihenbungalows nebst zentralem Haupthaus. Von FSJlern belegt, verwandelt sich das Gel\u00e4nde in einen freundlich belebten Campus. Was man dort allj\u00e4hrlich aufs Neue sieht und erlebt, entspricht ungef\u00e4hr der idealischen Vorstellung von der Akademeia des Platon im antiken Athen.<\/p>\n<h4>Sch\u00f6ne Dinge tun, die man noch nie getan hat<\/h4>\n<p>Auf Terrassen und Wiesen sitzen am ersten Tag locker, aber aufmerksam buntgemischte Gruppen junger Menschen beisammen und besprechen Erfahrungen aus ihrem FSJ. Am Abend machen sie dann, was junge Menschen seit jeher machen, wenn sie in gr\u00f6\u00dferer Zahl beisammen sind: ausgelassen feiern. Am n\u00e4chsten Morgen finden sie sich in ihrem jeweiligen Workshop ein. Den hat sich jeder aus dem Angebot von rund eineinhalb Dutzend verschiedenen Arbeitsfeldern ausgesucht. Dort treffen sie auf einen ihnen meist fremden, anfangs bisweilen auch suspekten Workshopleiter. Mit dem zusammen tun sie nun drei Tage lang Dinge, die manche noch nie getan haben.<\/p>\n<p>Theaterspiel, Tanz, Bandmusik, Chorgesang, Filmemachen, Fotografie, Keramikgestaltung, k\u00fcnstlerische Landschaftsgestaltung, Skulpturenbau mit Schrott und Schwei\u00dfapparat, Architektur, Modedesign, lyrisches Schreiben, journalistisches Tun&#8230; Das Ferienlager H\u00fcbingen verwandelt sich in eine quirlige \u201eK\u00fcnstlerkolonie\u201d. Bei den Workshopleitern\/innen handelt es sich \u00fcberwiegend um freischaffende K\u00fcnstler und Kunsthandwerker, nicht um P\u00e4dagogen. Daraus ergibt sich jedes Jahr aufs Neue in jeder Gruppe die spannende Frage: Gelingt es, allein \u00fcber die Arbeit an einer bestimmten Sache bei den Jugendlichen Aufmerksamkeit, Engagement, Kreativit\u00e4t, produktives Zusammenwirken zu wecken?<\/p>\n<h4>Ideen entwickeln und Machbarkeit erproben<\/h4>\n<p>F\u00fcr viele Teilnehmer\/innen ist die Arbeitsweise der Workshopleiter zuerst befremdlich. Wie K\u00fcnstler nun mal sind, besteht ihr Arbeitsprozess anfangs \u00fcber weite Strecken aus freier Assoziation, aus freiem Spiel mit Ideen und Materialien. Die Workshopleiterin Tanz bringt eben keine vorgefertigte Choreographie mit, die es dann nur noch einzustudieren gilt. Der Workshopleiter Architektur l\u00e4sst sich zehn B\u00fcndel Dachlatten nebst hunderten Quadratmetern Plastikplane anliefern. F\u00fcr das, was aus dem Material entstehen kann, hat er keine Blaupause im Gep\u00e4ck, die blo\u00df nachgebaut werden m\u00fcsste. Es liegt vielmehr an den Jugendlichen selbst, Ideen zu entwickeln, Entw\u00fcrfe zu machen und deren Machbarkeit praktisch zu erproben.<\/p>\n<p>Das sind bisweilen schwierige Prozesse. Denn die jungen Leute sind vielfach auf gradlinige und schnelle Zielerreichung vorgegebener Aufgaben programmiert. Mancher FSJler w\u00fcrde am liebsten das fertige Modell eines angestrebten Ergebnisses sehen und einen konkreten Hanlungsplan f\u00fcr die Erreichung desselben in die Hand bekommen. Genau darum aber geht es bei den Seminarwochen nicht. Die Workshopleiter geben Impulse, b\u00fcndeln Ideen, helfen mit Tips, ermutigen Sch\u00fcchterne, warnen vor Sackgassen oder stehen bei Krisen mit Rat und Tat zur Seite. Wenn ein Workshop richtig gut l\u00e4uft, sind die Teilnehmer sp\u00e4testens am Nachmittag des zweiten Tages Feuer und Flamme f\u00fcr IHRE Arbeit. Und tats\u00e4chlich konnten noch jedesmal am Ende bemerkenswerte Ergebnisse vorgestellt werden.<\/p>\n<h4>&#8222;Und sie verwandeln sich in Kreativbomben&#8220;<\/h4>\n<p>Mancher Jugendliche entdeckt w\u00e4hrend dieser Woche an sich ein nie gekanntes kreatives Talent&nbsp; oder findet Ausdrucksformen f\u00fcr vielleicht lange im Innern verschlossene Gef\u00fchle. Und jedes Jahr wieder gelangen die Workshopleiter schlie\u00dflich zu der Formel: \u201eMan gebe diesen jungen Menschen nur Material, Freiraum, kleine Anregungen, ein bisschen Hilfestellung \u2013 und sie verwandeln sich in Kreativbomben.\u201d Das ber\u00fchmte Edikt von Joseph Beuys, wonach jeder Mensch ein K\u00fcnstler sei, wird hier f\u00fcr ein paar Tage gelebte Realit\u00e4t. Dass die FSJler diese Erfahrung am \u00dcbergang zum Erwachsenen-Dasein machen k\u00f6nnen, ist ein hoher humanistischer Wert per se.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Raus aus der Einsatzstelle. Koffer packen. Umziehen in Jugendherberge, Seminarhaus, Ferienwohnanlage. Mit vielen \u201eKollegen\/innen\u201d f\u00fcr ein paar Tage ausw\u00e4rts zusammenleben, sich austauschen, arbeiten. Das widerf\u00e4hrt mehrmals im Jahr allen jugendlichen Teilnehmern am \u201eFreiwilligen Sozialen Jahr\u201d (FSJ) in Rheinland-Pfalz. 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