{"id":410,"date":"2016-10-10T22:00:00","date_gmt":"2016-10-10T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/10\/don-karlos-gar-nicht-gestrig\/"},"modified":"2016-10-10T22:00:00","modified_gmt":"2016-10-10T21:00:00","slug":"don-karlos-gar-nicht-gestrig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/10\/don-karlos-gar-nicht-gestrig\/","title":{"rendered":"&#8222;Don Karlos&#8220; gar nicht gestrig"},"content":{"rendered":"<p><em>ape\/Wiesbaden.<\/em> Wenn der eigentlich im Opernfach beheimatete Uwe Eric Laufenberg Schauspiel inszeniert, ist genaues Hinschauen angezeigt. Fast traditionelle Darstellung darf einen so wenig irritieren, wie zeitaufwendige Treue zum Originaltext. Jetzt hat der Intendant des Wiesbadener Staatstheaters den \u201eDon Karlos\u201d von Friedrich Schiller eingerichtet. Mit fast vier Stunden l\u00e4sst er dem Text heutzutage ungewohnt viel Raum, und den Darstellern Zeit, dessen Tiefengeflecht nachzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Vergessen ist rasch die stimmliche Indisponiertheit des Titeldarstellers in der Anfangsphase. Nils Strunk erspielt einen jungen Karlos, der leidet an der Gef\u00fchlsk\u00e4lte des k\u00f6niglichen Vaters Philipp. Noch mehr leidet er daran, dass dieser ihm die geliebte Braut wegschnappte, sie zur spanischen K\u00f6nigin und somit zu seiner Stiefmutter machte. Schiller packte diesen famili\u00e4ren Konflikt mit einer weltpolitischen Umbruchsituation zusammen. Darin ist Philipp Vertreter der altm\u00e4chtigen Feudalreaktion, w\u00e4hrend Sohn und Gattin (in selbstkasteiender Strenge: Llewellyn Reichman) einem in Europa erwachenden Freiheitsgeist zuneigen.<\/p>\n<p>Laufenberg bleibt bei dieser Konstruktion der Wechselwirkung zwischen Privatem und Politischem.&nbsp; Er l\u00e4sst Schillers Blankvers-Text ohne modern-interpretatorische Eingriffe f\u00fcr sich selbst sprechen \u2013 zurecht darauf vertrauend, dass das St\u00fcck von 1787 zwar einen konkreten Fall verhandelt, dessen Exemplarit\u00e4t aber in ihrer \u00fcberzeitlichen Bedeutung bis in die Gegenwart verstehbar ist. Sicherheitshalber unterstreicht die Inszenierung dies mit wenigen historischen Br\u00fcckenschl\u00e4gen: K\u00f6nig Philipp tr\u00e4gt grauen Gesch\u00e4ftsanzug, der ihn als Sinnbild auch f\u00fcr M\u00e4chtige heute ausweist; das Schlussbild zeigt ihn umschlungen vom Gro\u00dfinquisitor vor einem Foto zerbombter H\u00e4user unserer Tage.<\/p>\n<p>Gisbert J\u00e4ckel hat das B\u00fchnenbild in k\u00fchl reduzierter Eleganz gehalten. Mal deutet es auf tiefer B\u00fchne des K\u00f6nigs Arbeitszimmer an, mal einen Garten, mal das Boudoir der \u2013 von Kruna Savi\u0107 als zugleich sinnlich und empfindsam geformten \u2013 Prinzessin Eboli. Dann wieder senkt sich eine Gitterwand herab, l\u00e4sst nur einen schmalen, intimen Streifen Vorderb\u00fchne frei, Dort werden Intrigen und Verschw\u00f6rungen geschmiedet, Ger\u00fcchte kolportiert. Dort k\u00e4mpft Karlos seinen inneren Zwist aus zwischen hoffnungsloser Liebe zur Stiefmutter und von Freund Posa angestacheltem Willen zum Aufstand gegen den politischen wie privaten Vater-Diktator.<\/p>\n<p>Das alles ist Schiller in schierer Reinform \u2013 selbst dort, wo Karlos den in Wiesbaden nackten Frauenreizen der Eboli erliegt oder Philip in barmender Leibesentbl\u00f6\u00dfung gleicherma\u00dfen Opfer schn\u00f6der Mannseifersucht wie der Angst vor dem neuen Zeitgeist wird. Laufenberg l\u00e4sst blo\u00df mit Sch\u00e4rfe ausspielen, was bei Schiller zwischen den Zeilen steht, dazumal aber nicht offen aussprechbar war.<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht F\u00fcrstendiener sein!\u201d und \u201eGebt Gedankenfreiheit!\u201d schmettert Posa seine gro\u00dfe Rede dem Autokraten entgegen. Mag der Agitationston auch etwas eint\u00f6nig schrill geraten sein, so verfehlt Stefan Graf in der Rolle des Sendboten einer neuen Zeit doch nicht die Wirkung des sch\u00e4umenden Schiller&#8217;schen Freiheitspl\u00e4doyers. Wie h\u00e4ufig bei diesem St\u00fcck gesehen, ger\u00e4t auch in Wiesbaden die Figur Philipps zur interessantesten. Tom Gerber f\u00fcllt sie mit einer faszinierenden Ambivalenz aus bald eiseskalter reaktion\u00e4rer Staatsr\u00e4son, bald abgrundtiefer Selbstqu\u00e4lerei bis hin zum Zusammenbruch.<\/p>\n<p>Das zeigt \u2013 in Schillers und unserer Hoffnung \u2013 eine Herrschschaft am Ende ihrer Zeit, die nicht begreift, warum ihre Zeit enden muss. Doch verweist das Schlussbild dieses nie lange werdenden Abends darauf, dass das Ende auch 230 Jahre nach Urauff\u00fchrung des \u201eDon Karlos\u201d noch immer nicht eingetreten ist. Dass im Gegenteil des Philipps System gerade eine Renaissance erlebt. Weshalb Schillers wunderbares St\u00fcck wieder einmal gar nichts mit musealer Gestrigkeit zu tun hat. <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape\/Wiesbaden. Wenn der eigentlich im Opernfach beheimatete Uwe Eric Laufenberg Schauspiel inszeniert, ist genaues Hinschauen angezeigt. Fast traditionelle Darstellung darf einen so wenig irritieren, wie zeitaufwendige Treue zum Originaltext. Jetzt hat der Intendant des Wiesbadener Staatstheaters den \u201eDon Karlos\u201d von Friedrich Schiller eingerichtet. 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