{"id":409,"date":"2016-10-09T22:00:00","date_gmt":"2016-10-09T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/09\/fritz-katers-love-you-dragonfly\/"},"modified":"2016-10-09T22:00:00","modified_gmt":"2016-10-09T21:00:00","slug":"fritz-katers-love-you-dragonfly","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/09\/fritz-katers-love-you-dragonfly\/","title":{"rendered":"Fritz Katers &#8222;Love you, Dragonfly&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>ape\/Bonn.<\/em> Viele leere Pl\u00e4tze im Zuschauerraum. Das ist ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Premieren im gro\u00dfen Schauspielhaus des Theaters Bonn in Godesberg. Nach der Pause sind es noch ein paar mehr. Zur Urauff\u00fchrung kommt \u201eLove you, Dragonfly\u201d von Fritz Kater alias Armin Petras. Im Untertitel wird die Liebeserkl\u00e4rung an eine Libelle bezeichnet als \u201eSechs Versuche zur Sprache des Glaubens\u201d.<\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Um Religion geht es darin zwar allenfalls indirekt in Form von deren Abwesenheit. Das kann man vorher aber nicht wissen. Jedenfalls scheint unter Theaterfreunden das Interesse an j\u00fcngst so hitzig diskutierten Glaubensthemen zu erlahmen.<\/p>\n<p>Cora Saller hat f\u00fcr Alice Buddebergs Inszenierung eine Spielfl\u00e4che gebaut aus vorne offenem, nach hinten steil ansteigendem Halbrund mit umlaufender Wand und einer durchgehenden Sitzbank daran. In diesem an einen Wartesaal erinnernden hermetischen Raum m\u00fchen sich f\u00fcnf Schauspieler redlich, versiert, mal mehr, mal weniger eindr\u00fccklich mit sechs Geschichten \u2013 von denen mindestens die H\u00e4lfte wie gar nicht f\u00fcr die B\u00fchne geschaffene literarische Miniaturen gewirkt sind. Die Neigung des Zusehers ist deshalb gro\u00df, die Augen zu schlie\u00dfen und im Geiste das Gesprochene in Geschriebenes r\u00fcckzuverwandeln. Kurzum: Diese Stories taugen wohl eher zum Lesen denn zum Spielen.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Sechs Episoden reihen sich im Wartesaal der Geschichte zu einer sprunghaften Zeitreise. Die beginnt 1935 in der stalinistischen Sowjetunion bei einem jungen Paar. Dessen m\u00e4nnlicher Teil (S\u00f6ren Wunderlich) hat sich mit Leib und Seele der Sache des Sozialismus verschrieben, w\u00e4hrend die Frau (Mareike Hein) ihr Leben ganz und gar der Liebe zum Gatten weiht. Ein unaufl\u00f6sbarer Widerspruch. Es regnet Buchstaben vom Schn\u00fcrboden, aus denen die Akteure das Wort \u201eLiebe\u201d zusammensuchen und als Leitmotiv dieser Szene an die Wand pappen.<\/p>\n<p>Der im Untertitel angesprochene \u201eGlaube\u201d manifestiert sich in diesem Fall als unaufl\u00f6sbarer und tragisch endender Widerspruch zwischen dem Glauben an absolute Liebe zu einer (politischen) Sache und an ebensolche Liebe zu einem Menschen. Nachher haften an anderen erpuzzelten Begriffen Szenen mit anderen Arten des Glaubens in unterschiedlichen Zeiten: \u201eFamilie\u201d, \u201eFortschritt\u201d, \u201eGott\u201d, \u201eFreiheit\u201d und schlussendlich \u201eLeben\u201d werden angeklebt.<\/p>\n<p>1969 wird ein 13-j\u00e4hriges M\u00e4dchen von eben jenem Sonderling vergewaltigt, dem als einzigen Menschen sie je vertraut hatte. 1985 tr\u00e4umt ein NVA-Soldat (Birte Schrein) in seinem Panzer davon, in den Westen zu gehen. 2014 trifft ein saturierter Professor sein ehemals s\u00fc\u00dfes afrikanisches Adoptivkind (Lena Geyer), das zum M\u00f6der geworden ist. 2018 baut sich ein gesch\u00e4ftst\u00fcchtiger Amerikaner eine Roboterin als Ersatz f\u00fcr seine geliebte Nathalia, die keinen Sex mehr mit ihm haben will; obendrein gr\u00fcndet er eine Firma f\u00fcr Geschlechtsumwandlungen, deren erster Kunde er selbst ist.<\/p>\n<p>Holger Kraft macht den Umwandlungsprozess als bitters\u00fc\u00dfes Bravourst\u00fcck monologischer Schauspielerei zum H\u00f6hepunkt des fast dreist\u00fcndigen Abends \u2013 der einem sonst wegen seines weithin schieren H\u00f6rspielcharakters aus wenigen Dialogen, vielen Monologen und Erz\u00e4hlpassagen noch viel l\u00e4nger vorkommt. Die titelgebende Libelle taucht nur ein einziges Mal in der Erz\u00e4hlung \u00fcber das 13-j\u00e4hrige M\u00e4dchen auf. Im \u00dcbrigen gl\u00e4nzt dies Symbol f\u00fcr Sch\u00f6nheit, Leichtigkeit, Zartheit, Ungebundenheit durch Abwesenheit. Will wohl sagen: Die Sehnsucht nach solch lichtem Wesenskern des Lebens existiert ewiglich, auch wenn wir ihn selbst st\u00e4ndig verlieren oder zerbrechen. <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape\/Bonn. Viele leere Pl\u00e4tze im Zuschauerraum. Das ist ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Premieren im gro\u00dfen Schauspielhaus des Theaters Bonn in Godesberg. Nach der Pause sind es noch ein paar mehr. Zur Urauff\u00fchrung kommt \u201eLove you, Dragonfly\u201d von Fritz Kater alias Armin Petras. 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