{"id":408,"date":"2016-10-02T22:00:00","date_gmt":"2016-10-02T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/02\/lulu-ballett-in-koblenz\/"},"modified":"2016-10-02T22:00:00","modified_gmt":"2016-10-02T21:00:00","slug":"lulu-ballett-in-koblenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/10\/02\/lulu-ballett-in-koblenz\/","title":{"rendered":"&#8222;Lulu&#8220;-Ballett in Koblenz"},"content":{"rendered":"<p><em>ape\/Koblenz<\/em>. Sinnliche, humorige, ersch\u00fctternde, nachdenkliche, politische, t\u00e4nzerisch spannende 90 Minuten. Ballettchef Steffen Fuchs zieht mit seiner von Frank Wedekinds Trag\u00f6die inspirierten Tanzrevue \u201eLulu\u201d am Theater Koblenz allerhand Register, bringt bei unterschiedlichen Zusehern je unterschiedliche Nerven zum Schwingen.<\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Die Frau als Heilige und Hure, als Verf\u00fchrerin und Missbrauchte, als T\u00e4ter und Opfer: Das ist Wedekinds Stoff aus M\u00e4nnertraum und Albtraum; das bleibt auch bei der ausgezeichneten Ballettadaption Thema, doch unter teils ver\u00e4nderten Blickwinkeln.<\/p>\n<p>Fuchs&#8216; Choreografie hat mehr mit dem wiederholt verbotenen Schauspiel von 1913 zu tun, als einige Premierenbesucher nachher bekritteln. Schon die erste der 14 Revue-Nummern entspricht dem Originalprolog: Eine Menagerie von Typen stolziert winkend vor\u00fcber wie zum Beginn einer Zirkus- oder eben Revuevorstellung. Sie w\u00fcrden nachher Sensationelles vorf\u00fchren, verspricht der Tierb\u00e4ndiger in Marktschreiermanier. Lulu, \u201edas wilde, sch\u00f6ne Tier (&#8230;) ward geschaffen, Unheil anzustiften, zu locken, zu verf\u00fchren, zu vergiften \u2013 zu morden, ohne dass es einer sp\u00fcrt\u201d, ruft er bei Wedekind. T\u00e4nzer Arkadiusz Glebocki \u00fcbersetzt das in wortlosen Ballettausdruck. Ergebnis ist ein solistisches Furiosum wilder wie gekonnter Spr\u00fcnge, G\u00e4nge, Figuren enormer Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p>Muss man das Lulu-Schauspiel kennen, um das Lulu-Ballett zu verstehen? Schaden kann&#8217;s nicht, aber n\u00f6tig ist es auch nicht. Was sich in Ines Aldas B\u00fchnenbild aus einer h\u00fcttengro\u00dfen Lade ergie\u00dft, kann durchaus f\u00fcr sich selbst sprechen. Diese B\u00fcchse der Pandora ist nicht nur alt, sondern schon lange ge\u00f6ffnet, hat L\u00f6cher und modert. Von dort her f\u00fcgen sich zu diversen Musiken Nummer f\u00fcr Nummer getanzte Lebensaspekte zum Schicksalsweg einer jungen Frau. Vom Band kommen Wagner und Gershwin, frivole Chansons aus Opas Zeit oder heutiger Pop.<\/p>\n<p>Dieser Weg spiegelt das Ringen zwischen den Beharrungskr\u00e4ften der M\u00e4nnerdominanz, den Ambivalenzen der fraulichen Selbstbefreiung und der Aufl\u00f6sung hergebrachter Geschlechterrollen. Zugleich spiegelt sich der Prozess in Wandlungen der Ballettstilistik seit anno dunnemals. Wie bei Wedekind versucht sich Lulu als T\u00e4nzerin. Bei Fuchs ger\u00e4t sie in den Streit zwischen klassischem und neoklassischem Ballett. Gut weg kommen beide nicht: Vier zu Pomeranzen aufgeplusterte Schwanensee-Eleven werden von gold-kost\u00fcmierten, arroganten Sch\u00f6nlingen niedergemacht.<\/p>\n<p>Kaho Kishinami ist wohl die ideale Lulu-Besetzung in dieser seit Fuchs Amtsantritt auf fast allen Positionen neu besetzten Kompagnie. Denn sie kann sich in grundverschiedenen Tanzstilen intensiv ausdr\u00fccken. Fabelhaft das dichte Pas de Deux mit Pierre Doncq als Dr. Sch\u00f6n, in dem beide versiert auch zeitgen\u00f6ssische Elemente aus den Stilschulen von Forsythe, van Manen, Thoss, Schl\u00e4pfer aufblitzen lassen. Hinrei\u00dfend Kishinamis Wandlung von der in selbstbewusster Kraft durch M\u00e4nnerreihen tanzenden Verf\u00fchrerin zur erschlafft umhergeworfenen Hure, schlie\u00dflich zur kalten M\u00f6rderin ihrer Schinder.<\/p>\n<p>Faszinierend auch zwei Nummern, in denen die \u00e4u\u00dferlich zarte Lulu und die dominahaft starke Gr\u00e4fin Geschwitz aufeinandertreffen. Der Tanz gibt hier seine raumgreifende Dimension auf, reduziert sich auf filigransten Ausdruck auf der Stelle. Bei Kishinami ist es schier stille stehender, gleichwohl extrem konzentrierter Minimalismus, w\u00e4hrend Lisa Gottwik sich mittels eines kompakten Feuerwerks rhythmisch ruckender, zuckender Gesten, Haltungen, Brechungen Ausdruck verschafft.<\/p>\n<p>Dann der wohl meistdiskutierte, gleichwohl am tiefsten ber\u00fchrende Moment: Drag Queens feiern als \u00fcbergeschlechtliches Symbol im vollem Flitter selbstverliebt einen schicken Event. Vor die illustre Szene tritt eine namenlose alte Frau. Sie legt ihr Gewand ab, dann ihr Unterkleid, dann ihren BH \u2013&nbsp; und stellt einer von sinnleerer Unterhaltungssucht triefenden Gegenwart in schweigender W\u00fcrde die Wahrheit des verg\u00e4nglichen Fleisches entgegen. Was das bedeutet? Alles!&nbsp; <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape\/Koblenz. Sinnliche, humorige, ersch\u00fctternde, nachdenkliche, politische, t\u00e4nzerisch spannende 90 Minuten. 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