{"id":401,"date":"2016-11-03T23:00:00","date_gmt":"2016-11-03T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/11\/03\/siegeszug-der-zukunftsschrift\/"},"modified":"2016-11-03T23:00:00","modified_gmt":"2016-11-03T22:00:00","slug":"siegeszug-der-zukunftsschrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/11\/03\/siegeszug-der-zukunftsschrift\/","title":{"rendered":"Siegeszug der Zukunftsschrift"},"content":{"rendered":"<p><em>ape\/Mainz<\/em>. \u00dcber den Sommer 2016 hatte das Frankfurter Museum f\u00fcr Angewandte Kunst mit seiner Ausstellung \u201eAlles neu!\u201d Entwicklungen von Typografie und Grafik der zur\u00fcckliegenden 100 Jahre in den Blick genommen. Nebenan in Mainz greift jetzt das Gutenberg-Museum eine einzige Schriftart heraus und widmet ihr die erste monothematische Schau in Deutschland. Die Type hei\u00dft Futura, die Zuk\u00fcnftige, und wird dieser Tage 90 Jahre alt.<\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Futura.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-400\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Futura.jpg\" style=\"height:312px; width:486px\" width=\"480\" height=\"307\" \/> <\/a> Vom Maler und Typografen Paul Renner entwickelt, wurde die Futura 1927 in Frankfurt ver\u00f6ffentlicht und fand von dort aus rasch weltweite Verbreitung. Die Sonderpr\u00e4sentation \u201eFutura. Die Schrift\u201d im Untergeschoss des Gutenberg-Museums startet mit einer \u00dcbersicht \u00fcber die gro\u00df- und kleingeschriebenen Buchstaben dieser Type aus der Familie der sogenannten Groteskschriften. Was den Betrachter gleich in die Frage st\u00fcrzt: Was ist daran derart besonders, dass in den sp\u00e4ten 1920ern die ganze Druck- und Grafikszene vor Aufregung vibrierte?<\/p>\n<p>Von heute aus ist schwer nachvollziehbar, welch radikalen Eingriff in die bis dahin gewohnte \u00c4sthetik der alten Frakturschriften diese streng geometrisch konstruierte, v\u00f6llig schn\u00f6rkellose, jedwede Auf- und Abstriche meidende neue Schrift darstellte. Denn f\u00fcr unsereins geh\u00f6rt die Futura zu den kaum mehr bemerkten Selbstverst\u00e4ndlichkeiten \u2013 seit sie und ihre Ableger im Verlauf des 20. Jahrhunderts dominant wurden in Werbung, Magazingestaltung oder Zeitungs\u00fcberschriften, in Firmenlogos, Stra\u00dfenschildern oder auf Plakaten, Buchdeckeln, ja selbst bei Amtsformularen.<\/p>\n<p>Zu Anfang jedoch war die Futura typografisch ein \u00e4hnlich dramatischer Kontrast zum Gewohnten wie architektonisch das Bauhaus etwa zu Gr\u00fcnderzeit- und Jugendstil. Nicht zuf\u00e4llig wurden damals Publikationen \u00fcber moderne Architektur und Kunst bald \u00fcberwiegend in dieser Zukunftsschrift abgefasst. Wie die Mainzer Ausstellung dokumentiert, mochten nachher selbst die Nationalsozialisten auf das kristallklare Bild der Type nicht verzichten und postulierten 1942 f\u00fcr das gesamte Reich die Abwendung von der Fraktur- und Hinwendung zur Futura-Schrift. Gleichwohl verfolgten sie deren Erfinder, den liberalen Nazigegner Paul Renner und sperrten ihn schlie\u00dflich ein.<\/p>\n<p>Die Ausstellung schreitet in mehreren Stationen mit rund 300 Exponaten vor allem die Verbreitungsgeschichte der Futura ab. Beginnend nat\u00fcrlich in Frankfurt, jener Stadt, die sich in&nbsp; 1920ern quasi neu erfinden wollte und neben zahlreichen modernen Bauprojekten auch etwas bis dahin v\u00f6llig Unbekanntes in Auftrag gab: eine zukunftsweisende Corporate Idendity, ein einheitliches Erscheinungsbild aller st\u00e4dtischen Drucksachen vom Stadtf\u00fchrer \u00fcbers Theaterprogramm bis zum Bu\u00dfgeldbescheid via Futura-Schrift.<\/p>\n<p>Der Rundgang f\u00fchrt zu \u00e4hnlichen Auftr\u00e4gen f\u00fcr den K\u00fcnstler Kurt Schwitters seitens der St\u00e4dte Hannover und Karlsruhe. Unterwegs in die Abteilungen Berlin, M\u00fcnchen, Prag, Wien, Paris, New York sto\u00dfen wir auf Firmenprospekte, Markennamen, Werbeanzeigen im Futura-Design: Opel, VW, Persil, Reemtsma, die Deutsche Bahn und viele mehr hatten sich im 20. Jahrhundert die zeitlos moderne \u00c4sthetik dieser Schrift zueigen gemacht und nutzen sie teils noch immer. Regisseur Stanley Kubrick liebte die Type und setzte sie in zahlreichen seiner Filme f\u00fcr Titel, Vorspann, Plakate ein. Und schlie\u00dflich war Futura 1969 bei der ersten Mondlandung dabei: Die von der Apollo-11-Mission auf dem Erdtrabanten hinterlassene Plakette k\u00fcndet in dieser Schrift von&nbsp; friedlichen Absichten.<\/p>\n<p>\u201eFutura. Die Schrift\u201d ist eine jener Ausstellungen, auf die man sich einlassen muss. Denn es gibt keine Gro\u00dfexponate, die den Besucher per se in den Bann ziehen. Zeitschriften, B\u00fccher, Prospekte, Plakate, Schriftmuster, fliegende Bl\u00e4tter oder Visitenkarten werden erst bei n\u00e4herer Betrachtung Teil der erhellenden, hochinteressanten Erz\u00e4hlung \u00fcber das Besondere einer uns selbstverst\u00e4ndlichen Allt\u00e4glichkeit. <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape\/Mainz. \u00dcber den Sommer 2016 hatte das Frankfurter Museum f\u00fcr Angewandte Kunst mit seiner Ausstellung \u201eAlles neu!\u201d Entwicklungen von Typografie und Grafik der zur\u00fcckliegenden 100 Jahre in den Blick genommen. Nebenan in Mainz greift jetzt das Gutenberg-Museum eine einzige Schriftart heraus und widmet ihr die erste monothematische Schau in Deutschland. 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