{"id":397,"date":"2016-12-09T23:00:00","date_gmt":"2016-12-09T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/12\/09\/die-kunst-der-eskalation\/"},"modified":"2016-12-09T23:00:00","modified_gmt":"2016-12-09T22:00:00","slug":"die-kunst-der-eskalation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2016\/12\/09\/die-kunst-der-eskalation\/","title":{"rendered":"Die &#8222;Kunst&#8220; der Eskalation"},"content":{"rendered":"<p><em>ape\/Bonn<\/em>. \u201eKunst\u201d von Yasmina Reza ist ein dankbares St\u00fcck f\u00fcr jeden Kom\u00f6dianten, der begriffen hat, dass seit Shakespeare und Moliere die wirklich guten Kom\u00f6dien nie einfach nur albern sind. Und der es auch versteht, auf des Messers Schneide zwischen Komik und menschlicher Tragik zu balancieren. Denn Rezas zeitgen\u00f6ssische Gesellschaftskom\u00f6dien leben von der steten Gefahr des Absturzes ihrer \u00fcberwiegend wohlsituierten Protagonisten in Richtung Zertr\u00fcmmerung eigener Ideale und Selbstbilder.<\/p>\n<p>Die Schauspieler, die jetzt in den Kammerspielen Godesberg drei \u00fcber ein monochrom wei\u00dfes Gem\u00e4lde zerstrittene Freunde geben, halten die Balance zwischen L\u00e4cherlichkeit und bitterem Ernst fabelhaft. Dabei hilft Hajo Tuschy (Marc), Benjamin Berger (Serge) und S\u00f6ren Wunderlich (Yvan) eine Inszenierung, in der Regisseur Jens Gro\u00df stringent dem Rhythmus des St\u00fcckes aus Eskalation und Deeskalation folgt. Dieser ist typisch f\u00fcr die landauf und -ab sehr erfolgreich gespielten B\u00fchnenwerke der franz\u00f6sischen Gegenwartsautorin.<\/p>\n<p>\u201eKunst\u201d, wie auch \u201eDrei Mal Leben\u201d oder das 2011 von Roman Polanski mit prominenter Besetzung verfilmte \u201eDer Gott des Gemetzels\u201d streben weniger auf einen finalen Showdown zu. Sie eskalieren stattdessen zwischendurch mehrfach zu einer Heftigkeit, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben scheint \u2013 um gleich doch wieder die Luft rauszulassen, zu gesittetem Umgang und vorget\u00e4uschtem oder tats\u00e4chlichem Bem\u00fchen um gegenseitiges Verst\u00e4ndnis zur\u00fcckzukehren.<br \/>\nDenn das ist auch in \u201eKunst\u201d der Anspruch der drei \u201ebesten Freunde\u201d an sich und ihre Freundschaft.<\/p>\n<p>Doch im Disput darum, ob das wei\u00dfe Gem\u00e4lde nun&nbsp; \u201egro\u00dfe moderne Kunst\u201d (Serge) oder \u201egro\u00dfe Schei\u00dfe f\u00fcr 200 000 Euro\u201d (Marc) sei, kommt der ideelle Anspruch unter die R\u00e4der. Stattdessen brechen auf Emilia Schmuckers Einheitsb\u00fchne in modernem Loft-Design von einer Eskalation zur n\u00e4chsten mehr und mehr latente Egoismen, Gegens\u00e4tzlichkeiten, Intoleranzen, Neidkomplexe innerhalb des Trios offen aus. Marc wirft Serge Snobismus vor; Serge bezichtigt Marc der populistischen Kunstfeindlichkeit; der \u00fcbersensible Yvan wird zwischen beiden zerrieben, weil er nur Frieden haben will, f\u00fcr keinen der beiden eindeutig Partei ergreift, sich aber doch wechselnd von beiden vereinnahmen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dass es dem Zuseher in Bonn schier unm\u00f6glich ist, sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit auf die Seite von diesem oder jenem im Trio zu schlagen, spricht f\u00fcr die Qualit\u00e4t des dortigen Spiels. Das h\u00e4lt dem meist schmunzelnden, oft lauthals lachenden, bisweilen aber auch betroffen stillen Publikum einen feinen Spiegel vor. Darin k\u00f6nnen wir mannigfache eigene Z\u00fcge erkennen, die das zivile Miteinander, ja selbst Freundschaften, gar Liebesbeziehungen gef\u00e4hrden: Rechthaberei und Besserwisserei etwa; die Neigung, \u00fcber Art und Vorlieben der Mitmenschen sogleich ein Urteil zu f\u00e4llen; eigene Ansichten und Lebensart als das einzig Wahre, Richtige, Verbindliche zuzulassen.<\/p>\n<p>Kurz vor Ende der 95-min\u00fctigen Vorstellung sitzen Marc, Serge und Yvan ersch\u00f6pft, wortlos, mit leerem Blick wie Fremde nebeneinander. Ihre Freundschaft liegt in Tr\u00fcmmern und das Selbstwertgef\u00fchl von jedem gleich mit. Das haben sie einander angetan. Doch zum guten Schluss \u2013 wir sind in der Kom\u00f6die \u2013 hebt im gro\u00dfen Ungl\u00fcck leise glucksend bei allen Dreien ein sich steigerndes, befreiendes Lachen an: \u00fcber die Idiotie der eigenen Kleingeistigkeit.&nbsp; <em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape\/Bonn. \u201eKunst\u201d von Yasmina Reza ist ein dankbares St\u00fcck f\u00fcr jeden Kom\u00f6dianten, der begriffen hat, dass seit Shakespeare und Moliere die wirklich guten Kom\u00f6dien nie einfach nur albern sind. Und der es auch versteht, auf des Messers Schneide zwischen Komik und menschlicher Tragik zu balancieren. 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