{"id":392,"date":"2017-01-01T23:00:00","date_gmt":"2017-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/01\/01\/wenn-angst-die-seele-auffrisst\/"},"modified":"2022-12-26T16:38:52","modified_gmt":"2022-12-26T15:38:52","slug":"wenn-angst-die-seele-auffrisst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/01\/01\/wenn-angst-die-seele-auffrisst\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2017 \/ Wenn Angst die Seele auffrisst"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Angst: Das war nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eines der medial meistbenutzten Worte. Die Berichterstattung rund um die Untat war durchsetzt davon, erst recht der sogleich losbrechende \u00f6ffentliche Disput \u00fcber Ursachen, Schuldige, Wirkungen, Folgen. Man h\u00e4tte den Eindruck gewinnen k\u00f6nnen, die Hauptstadt, ja das ganze Land sei nun von Angst vor terroristischen Aktionen gesch\u00fcttelt. Doch die Realit\u00e4t ist eine andere. Erschrecken, Betroffenheit, Trauer angesichts der Opfer, ja, das gibt es \u00fcberall. Ebenso Entsetzen, Emp\u00f6rung, Zorn angesichts der perfiden Brutalit\u00e4t des Anschlags. Dazu kommen Beunruhigung und Besorgnis hinsichtlich der k\u00fcnftigen Entwicklung des Zusammenlebens unserer Gesellschaft und ihrer Sicherheit.<\/p>\n<h3>Menschen feiern fast wie immer<\/h3>\n<p>Aber es kann keine Rede davon sein, die Bev\u00f6lkerung Deutschlands sei infolge des Berliner Terroraktes von blanker Angst erfasst. Weihnachtsm\u00e4rkte und Einkaufsst\u00e4dte all\u00fcberall waren an den Folgetagen wie vordem gut besucht. Und mancher Reporter m\u00fchte sich vergebens, Besuchern ein Angst-Bekenntnis abzuringen. Die Menschen feierten drau\u00dfen und daheim Weihnachten, wie sie es immer getan hatten. Sie lie\u00dfen es an Silvester krachen, werden auch im neuen Jahr wieder ins Fu\u00dfballstadion oder zum Rockfestival gehen und zur Fastnacht die Pappnas&#8216; aufsetzen. So leicht bringen ein paar Anschl\u00e4ge, seien sie noch so grausig, eine 80-Millionen-Gesellschaft nicht aus dem Tritt. Wer sich erinnert: Das gelang schon den links- und rechtsextremistischen Terrorwellen nicht, die w\u00e4hrend der 1970er\/80er Jahre in wesentlich gr\u00f6\u00dferer Zahl und in summa mit deutlich mehr Opfern Deutschland und seine westeurop\u00e4ischen Nachbarn heimsuchten.<\/p>\n<p>Wie die damaligen \u201epolitischen\u201d Terroristen, so haben die heutigen \u201ereligi\u00f6sen\u201d Terroristen eine Destabilisierung unserer Gesellschaft zum Ziel. RAF, Rote Brigaden oder Neofaschisten scheiterten damals prim\u00e4r an zwei Umst\u00e4nden: Erstens mochten die \u201eVolksmassen\u201d ihren vermeintlich \u201erevolution\u00e4ren\u201d Umtrieben nicht folgen, und zweitens lie\u00dfen sich die westeurop\u00e4ischen Gesellschaften durch Terroranschl\u00e4ge nicht in hysterisches Angst-Chaos st\u00fcrzen. Was vor 40 Jahren galt, gilt noch heute: Terrorakte sind furchtbar, schmerzlich und nicht hinnehmbar; doch haben sie f\u00fcr sich genommen keineswegs das Zeug, unser Gemeinwesen und unsere Lebensart nachhaltig zu verwunden, gar zu zerst\u00f6ren. Das kann die Gesellschaft sich nur selbst antun. Indem ihre Mitglieder, Parteien, Medien, Institutionen sich auf das Spiel mit der Angst einlassen. Indem sie selbst Angst sch\u00fcren, ja heranz\u00fcchten \u2013 die schlie\u00dflich dazu treibt, das man sich Zug um Zug von der Vernunft wie von den eigenen Grundwerten entfernt.<\/p>\n<p>Wenn Terrorabwehr mit Fl\u00fcchtlingsabwehr gleichgesetzt wird, hat Angstmache die Vernunft bereits ausgehebelt. Vergessen ist, dass es Taliban- und IS-Terror in Westeuropa bereits gab, lange bevor die 2015er Fl\u00fcchtlinge hier ankamen. Verdr\u00e4ngt ist, dass islamistische Terrorakteure wie Touristen oder Gesch\u00e4ftsleute per Flugzeug, Eisenbahn, Schiff, Auto kreuz und quer durch Europa reisten. Ausgeblendet ist, dass viele seit Jahren, Jahrzehnten, teils schon in der zweiten oder dritten Generation hier daheim sind und hier erst zu Terroristen wurden; dass sogar etliche Hundert junge Europ\u00e4er und Deutsche ohne Migrationshintergrund aus ihrer abendl\u00e4ndischen Herkunftskultur ausgebrochen sind und sich dem IS angeschlossen haben.<\/p>\n<h3>Destabilisierender Spaltpilz<\/h3>\n<p>F\u00fcr die Terrorstrategie des IS ist der Fl\u00fcchtlingsstrom nur eine Bewegungsm\u00f6glichkeit von vielen. Die Barbaren nutzen sie umso lieber, je deutlicher wird, dass auf diesem Weg den europ\u00e4ischen Gesellschaften der destabilisierende Spaltpilz der \u201eAngst vor den Fremden\u201d eingepflanzt werden kann. Und so ist bei nicht wenigen Zeitgenossen der unter humanit\u00e4rem wie auch unter sicherheitspolitischem Gesichtspunkt fatale Fehlschluss provoziert worden: die Fl\u00fcchtlinge seien die Ursache f\u00fcr den Terror, und die hiesigen Terrorprobleme gel\u00f6st, wenn wir nur die Fl\u00fcchtlinge wieder los w\u00e4ren. Die Migrationsstr\u00f6me in geregelte Bahnen lenken zu wollen, ist eine vern\u00fcnftige Sache. Eine ganz andere Sache aber ist es, Vorurteile, Feindseligkeit, Hass gegen und Angst vor allen Zuwanderern zu pflegen oder zu sch\u00fcren \u2013 und Migrationsabwehr als effektive Terrorabwehr zu verkaufen. Die IS-Strategen lachen \u00fcber diesen Humbug, denn zwar haben sie das 2015er Durcheinander gerne genutzt, waren und sind aber f\u00fcr ihre Terroraktionen nicht im geringsten\u00a0 darauf angewiesen.<\/p>\n<p>Es hat eine seltsame Bewandtnis mit der Angst. Einerseits ist sie nat\u00fcrlicher<br \/>\nSchutzmechanismus vor Gefahren. Andererseits hei\u00dft es im Volksmund zurecht: \u201eAngst ist ein schlechter Ratgeber.\u201d Denn dieses Gef\u00fchl hat die Macht, auszuschalten, was den Menschen insbesondere ausmacht: Vernunft und Empathie, also die F\u00e4higkeit des analytisch-sachlichen Denkens verbunden mit der F\u00e4higkeit des Sich-Hineinf\u00fchlens in andere Menschen. Nicht nur Psychologen wissen, dass \u00fcberschie\u00dfende Angst tats\u00e4chliche oder angenommene Gefahren vor dem geistigen Auge zu Gr\u00f6\u00dfenordnungen steigert, die mit der Realit\u00e4t herzlich wenig zu tun haben. Deshalb geh\u00f6rt Angstsch\u00fcren seit jeher zum wichtigsten Werkszeug populistischer Demagogen.<\/p>\n<p>Angst kann noch eine weitere menschliche Ureigenschaft \u00fcberlagern: Neugierde. Menschen und Gesellschaften gelangen dann zu gelassener Zuversicht, wenn sie in einem Gleichgewicht leben \u2013 aus hinreichender Angst und Vorsicht vor realen Gefahren einerseits, ausreichendem Ma\u00df an Neugierde und Wagemut andererseits, wie sie f\u00fcr jede Weiterentwicklung unabdingbar sind. Wir erleben derzeit indes ein Ungleichgewicht bis hin zur Feindseligkeit zwischen beiden Ureigenschaften. Bei den einen \u00fcberwiegt die Angst vor dem Fremden und dem Neuartigen. Sie sehen ihre angestammte Lebensart gef\u00e4hrdet, sei es durch wirtschaftliche und soziale Verwerfungen oder Umw\u00e4lzungen, sei es durch kulturelle Ver\u00e4nderungen oder sei es infolge des Zuzugs von Menschen aus diversen Weltgegenden. Was den einen Angst macht, ist bei den anderen vor allem mit Neugierde verbunden, mit Entdeckerfreude am Fremden, mit der Lust auf Vielgestaltigkeit, auf Bereicherung durch das Andere, auf Multikulturalit\u00e4t &#8230;<\/p>\n<h3>Angst vor der Angst<\/h3>\n<p>F\u00fcr die einen sind die Globalisierung und j\u00fcngst beispielsweise die Aufnahme von einer Million Fl\u00fcchtlingen schlichtweg eine Katastrophe. Die anderen hingegen sehen darin prim\u00e4r eine Herausforderung, verbunden mit mannigfachen Chancen sowie der unbedingten Pflicht zur humanen Hilfeleistung. Letztere f\u00fcrchten etwas ganz anderes. Sie f\u00fcrchten, Rechtspopulisten k\u00f6nnten die Ver\u00e4ngstigten mit \u201epostfaktischer\u201d Hetze derart aufstacheln, dass alles verloren geht, was seit Kriegsende an Liberalit\u00e4t in Deutschland und Europa errungen wurde. Damit stecken gerade die westlichen Gesellschaften derzeit in einer sehr schwierigen Lage: Ein Teil der Bev\u00f6lkerung hat Angst vor globaler \u00dcberfremdung seiner gewohnten (klein)b\u00fcrgerlichen Lebensart; einen anderen Teil \u00e4ngstigt nichts mehr als eben diese Angst, weil sie als politisch-kulturelles Rollback zum Verlust einer ebenfalls gewohnten liberalen und weltoffenen Lebensart f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>So kann nun quasi jeder vor jedem Angst haben. Dieser vor globaler Offenheit, jener vor dem R\u00fcckfall in nationalen Radikalkonservatismus. Der Gegensatz zwischen beiden Lebensarten und Weltsichten ist im Grunde weder etwas Neues noch ein rein deutsches Ph\u00e4nomen. Alle westlichen Demokratien waren seit Ende des 2. Weltkrieges gepr\u00e4gt von der Entwicklung hin zu einem Nebeneinander unterschiedlicher Lebenskulturen, die sich regelm\u00e4\u00dfig aneinander gerieben haben. Das Streben nach Friedens- und Freiheitserhalt sowie nach\u00a0 Wohlstandserwerb war \u00fcber mehrere Nachkriegsjahrzehnte der kleinste gemeinsame Nenner dieses Nebeneinanders. Damit einher ging das wirtschafliche, politische, kulturelle Zusammenr\u00fccken Europas, ja der gesamten Welt. Bis nun alles mit allem verkn\u00fcpft und jeder von jedem abh\u00e4ngig ist.<\/p>\n<h3>Brexit, Trump, Le Pen, FP\u00d6, AfD, Pegida<\/h3>\n<p>Das ist Globalisierung. Sie macht die Realit\u00e4t un\u00fcbersichtlich, st\u00fcrzt sie in einen permanenten Ver\u00e4nderungsprozess, der die Menschen fast t\u00e4glich mit Neuem und Ungewohntem konfrontiert. Kommen dazu tats\u00e4chliche oder f\u00fcr alsbald bef\u00fcrchtete Gef\u00e4hrdungen des eigenen Lebensniveaus oder der Lebensperspektiven etwa durch Finanzkrisen, Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg, dann w\u00e4chst die Angst und mit ihr die Feindseligkeit gegen\u00fcber den Ver\u00e4nderungen, w\u00e4chst zugleich die Sehnsucht nach dem vermeintlich goldenen Gestern der nationalstaatlichen Dominanz. Gesellt sich hierzu obendrein das mehr oder weniger begr\u00fcndete Gef\u00fchl, Regierungen, \u201eEliten\u201d, \u00fcbernationale Kr\u00e4fte wie EU, Banken, Weltkonzerne w\u00fcrden r\u00fccksichtslos nur ihr eigenes S\u00fcppchen kochen, so hei\u00dfen die Ergebnisse Brexit, Trump, Le Pen, FP\u00d6, AfD, Pegida. Unter deren Einfluss mutieren dann teils verst\u00e4ndliche Bef\u00fcrchtungen und Sorgen, berechtigte Kritik an den politischen Institutionen wie an den unsozialen Ausw\u00fcchsen des globalen Turbokapitalismus zu einer Mischung aus Angst und Wut\u00a0 mitsamt Hinwendung zu politischer, gesellschaftlicher und kultureller Gestrigkeit.<\/p>\n<p>Es sind \u00fcberall im Westen neben den alten liberalen und multikulturellen Geistern gerade die jungen Menschen, vorneweg j\u00fcngere Frauen, die dieser Entwicklung schier fassungslos und mit wiederum eigenen \u00c4ngsten gegen\u00fcberstehen. Sie hatten weder f\u00fcr den Brexit noch f\u00fcr Trump gestimmt; sie haben den rechtsnationalen Hofer als \u00f6sterreichischen Pr\u00e4sidenten verhindert; sie m\u00f6gen in ihrer Mehrheit von der AfD nichts wissen. Nationaler Radikalkonservatismus ist dem Gros der Jungen wesensfremd. Denn sie sind aufgewachsen in weltweiter Vernetzung mit einer musikalischen, filmischen, modischen, kulinarischen, sprachlichen, beruflichen Globalkultur. Zu ihren Schulkameraden, Studienkommilitonen, Freunden geh\u00f6ren in gr\u00f6\u00dfter Selbstverst\u00e4ndlichkeit Leute von \u00fcberall her. Viele bereisen seit Kindertagen andere L\u00e4nder und Erdteile, studieren, arbeiten, leben, lieben hier oder dort. Die Frauen wollen nichts wissen von einer R\u00fcckkehr zur Rolle als Heimchen. Die Lesben und Schwulen wollen sich nicht wieder verstecken m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Der Generationenbruch<\/h3>\n<p>So manifestiert sich in der aktuell sehr tief gewordenen Kluft zwischen Nationalkonservatismus und modernem Liberalismus auch ein Generationenbruch. Denn die Mehrheit der westlichen Jungen ist \u2013 bei durchaus regionaler Heimatverbundenheit \u2013 nicht national, sondern international orientiert. Ihre Geistes- und Lebenswelt ist das globale Dorf. Die Jungen sehen ihre Aufgaben und Chancen f\u00fcr die eigene Zukunft in der internationalen Offenheit. Ihre Sorge, ja Angst, ist jetzt gro\u00df, die populistischen Angstsch\u00fcrer k\u00f6nnten in der Generation ihrer Eltern und\/oder Gro\u00dfeltern eine Mehrheit f\u00fcr die Kehrtwende hin zu Abschottung, Deliberalisierung und Autoritarismus gewinnen \u2013 und damit die Zukunftswege der jungen Globalgeneration verbauen.<\/p>\n<p>Wir stehen derzeit vor dem unseligen Ph\u00e4nomen, dass unterschiedliche Teile der Bev\u00f6lkerung Angst haben, jeweils andere Teile k\u00f6nnten die Vorherrschaft \u00fcber die Entwicklung der Gesellschaft erringen. Das Nebeneinander der Lebensarten und Weltsichten ist aus den Fugen; der eine h\u00e4lt den anderen f\u00fcr \u00fcbergeschnappt und weltfremd, der andere den einen f\u00fcr inhuman, reaktion\u00e4r und ebenfalls weltfremd. Die Lage ist verfahren, die Atmosph\u00e4re vergiftet und guter Rat teuer. Es wird 2017 allerhand zu bereden sein bei der Suche nach Wegen in Richtung einer labilen friedlichen Koexistenz innerhalb der Gesellschaft oder wenigstens zu wieder halbwegs zivilisiertem Umgang miteinander. Sage niemand, er habe ein Patentrezept. Denn das gibt es nicht \u2013 f\u00fcr ein Umfeld, in dem sich Angst und Wut bereits tief in Herzen und Seelen hineingefressen haben.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Angst: Das war nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eines der medial meistbenutzten Worte. Die Berichterstattung rund um die Untat war durchsetzt davon, erst recht der sogleich losbrechende \u00f6ffentliche Disput \u00fcber Ursachen, Schuldige, Wirkungen, Folgen. 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