{"id":3893,"date":"2023-01-27T06:08:00","date_gmt":"2023-01-27T05:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=3893"},"modified":"2023-01-27T16:14:52","modified_gmt":"2023-01-27T15:14:52","slug":"nun-macht-doch-mal-langsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2023\/01\/27\/nun-macht-doch-mal-langsam\/","title":{"rendered":"Nun macht doch mal langsam (&#8222;Quergedanken&#8220;)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/quergedanken-logo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-875\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/quergedanken-logo.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"167\" \/><\/a> Nicht erst seit ich Rentner bin erscheint mir die Welt wie in Raserei gefallen. Schon fr\u00fcher kam mir bei allerhand Anl\u00e4ssen die alte Volksweisheit in den Sinn: \u201eGut Ding will Weile haben.\u201c Bedeutet: Soll etwas ordentlich gemacht werden und von Bestand sein, braucht das eben seine Zeit. \u201eNumme net hudle\u201c pflegte mein Vater selig, zu Lebzeiten Schreinermeister, seine Lehrbuben zu mahnen, wenn diese oberfl\u00e4chliches Schnellschnell mit sorgsamem Gutmachen verwechselten.<\/p>\n<p>Omas Brotteig reifte noch fast zwei Tage. Binnen drei Minuten kann man(n) vielleicht ein Kind zeugen, aber kaum einen allseits als sch\u00f6n empfundenen Liebesakt gestalten. Und die Deutsche Bahn w\u00e4re auch besser beraten, ihre Anstrengungen auf Verl\u00e4sslichkeit, P\u00fcnktlichkeit und Fl\u00e4chenabdeckung zu konzentrieren, statt sich mit H\u00f6chstgeschwindigkeitsz\u00fcgen zu ersch\u00f6pfen. Ob die Fahrt nach Berlin sechs oder f\u00fcnf Stunden dauert, w\u00e4re mir piepsegal, wenn ich denn nur sicher sein k\u00f6nnte, alle Anschl\u00fcsse zu erreichen, nicht in Frankfurt, Dortmund oder irgendwo in der Wallachei h\u00e4ngen zu bleiben.<\/p>\n<p>Mit Freund Walter hatte ich neulich einen Plausch dar\u00fcber: Dass die Menschheitsentwicklung ein \u00fcber alle Zeitalter fortlaufender Prozess von Migration, V\u00f6lkervermischung und Kulturaneignung war\/ist, steht ja fest. Aber war\/ist sie nicht zugleich auch ein Prozess st\u00e4ndiger Beschleunigung aller Lebensaspekte? F\u00fcr die l\u00e4ngste Periode des Menschendaseins auf dem Planeten, also die steinzeitlichen Jahrzehntausende, kamen wir zu keinem Schluss. Denn es ist durchaus m\u00f6glich, dass unsere Uraltvorderen Zeitgewinne bei der \u00dcberlebenssicherung durch Fortschritte bei Werkzeugen und Jagdwaffen einfach benutzten, um sich ein paar St\u00fcndchen l\u00e4nger am Feuer auszustrecken oder sich vermehrt anderen sch\u00f6nen Seiten ihres Lebens zu widmen (erz\u00e4hlen, singen, tanzen, H\u00f6hlenw\u00e4nde bemalen, Erkenntnissuche etc.). Klar jedoch ist: Die bis heute anhaltende Beschleunigung der Kommunikation begann mit der Erfindung der Schrift; die Beschleunigung von Fortbewegung und Transport mit der Domestizierung von Last-\/Reittieren und der Erfindung des Rades.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kamen Verbrennungsmaschinen, Elektrizit\u00e4t und die kapitalistische Leitphilosophie \u201etime is money\u201c, Zeit ist Geld, hinzu \u2013 und haben den Homo sapiens in eine beispiellose Tempo-Orgie gest\u00fcrzt. Die dauert nun schon fast drei Jahrhunderte und rast mit der Digitalisierung in exponentiell zunehmender Hatz wieder und wieder um den Erdball; durch Fabriken, B\u00fcros, Gesch\u00e4fte; \u00fcber Schienen, Stra\u00dfen und durch die L\u00fcfte; mitten hinein auch in K\u00fcchen, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer, in Freizeit und Urlaub. L\u00e4ngst hat der Tempolustzwang K\u00f6pfe und Herzen vereinnahmt, ist die sprichw\u00f6rtliche \u201eWeile\u201c ein Feindbild geworden: Mal als unproduktive Langsamkeit verunglimpft und bek\u00e4mpft; mal als qu\u00e4lende Langeweile empfunden, sobald die Dauerflut aus Unterhaltung und Action einen Moment schw\u00e4chelt.<\/p>\n<p>\u201eDumm ist nur\u201c, meinte Walter, \u201edass die sachlichen und menschlichen Kollateralsch\u00e4den dieser Raserei mittlerweile ihren Nutzen oft \u00fcbertreffen. Schnell und viel-neu ist nunmal nicht automatisch gut &#8211; und kaum jemand kann (etliche wollen auch nicht) bei Tempo und F\u00fclle der sogenannten Fortschritte noch die Spreu vom Weizen trennen.\u201c Welcher Fortschritt ist sinnvoll, welcher nur profitabler Humbug, welcher gar sch\u00e4dlich f\u00fcr Mensch und Umwelt? Wir Rasenden bemerken es leider meist erst im Nachhinein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht erst seit ich Rentner bin erscheint mir die Welt wie in Raserei gefallen. 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