{"id":3809,"date":"2022-12-29T14:20:13","date_gmt":"2022-12-29T13:20:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=3809"},"modified":"2022-12-30T14:26:32","modified_gmt":"2022-12-30T13:26:32","slug":"trotz-alledem-und-alledem-quergedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2022\/12\/29\/trotz-alledem-und-alledem-quergedanken\/","title":{"rendered":"Trotz alledem und alledem (&#8222;Quergedanken&#8220;)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-875\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/quergedanken-logo.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"167\" \/> Vergangenen Monat hatte ich an dieser Stelle ein recht d\u00fcsteres Bild von den Perspektiven f\u00fcr die n\u00e4here und fernere Zukunft hierzulande und \u00fcberall anderw\u00e4rts gezeichnet. Davon kann ich leider nichts zur\u00fccknehmen. Doch keine zwei Stunden nach Textabgabe lie\u00dfen Freund Walter und ich es uns flachsend, kalauernd, lachend im Wirtshaus einen Abend lang wohlsein. Ist das ein Widerspruch? M\u00fcssten wir nicht vergr\u00e4mt in der Ecke hocken und von fr\u00fch bis sp\u00e4t das elendigliche Schicksal bejammern, das die Menschheit sich selbst wie dem Planeten eingebrockt hat? Und obendrein zetern \u00fcber Inflation, Energiespar-Gebote und andere Unbilden, die selbst uns Angeh\u00f6rige der unteren Mitte drangsalieren, wenn auch nicht so heftig wie das echte untere Drittel der Gesellschaft?<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den wenigen angenehmeren Seltsamkeiten des Homo sapiens, dass er seit jeher selbst noch in finstersten Zeiten zu gelegentlichen Momenten der Freude, ja des Gl\u00fccks f\u00e4hig ist. Geliebt wird auch in der \u00e4rmsten H\u00fctte; gesungen oft sogar an der Front, im Bunker oder mit Hunger im Bauch; immer wieder wird gefeiert, mag auch die Festtafel mager best\u00fcckt sein und der kommende Tag nur weiteren Verdruss versprechen. Vergn\u00fcgt sein, lachen, tanzen in Zeiten des Mangels, der Not, des Krieges, der Unterdr\u00fcckung: Geht das, darf man das? Dass es geht, hat die Realit\u00e4t der Menschheitsgeschichte millionenfach bewiesen. Kleine oder auch nur winzige Gl\u00fccksmomente zu suchen, allen Widernissen zum Trotz immer wieder zu finden, scheint ein Naturgesetz zu sein.<\/p>\n<p>Zur Frage, ob man es darf, fallen mir Zeilen aus einem alten Song von Wolf Biermann ein: <em>\u201eDu, lass dich nicht verh\u00e4rten \/ in dieser harten Zeit (\u2026). Du, lass dich nicht verbittern \/ in dieser bitt\u2019ren Zeit (\u2026). Du, lass dich nicht verbrauchen \/ Gebrauche deine Zeit \/ Du kannst nicht untertauchen \/ Du brauchst uns und wir brauchen \/ Grad deine Heiterkeit\u201c.<\/em> Danach darf man auch und gerade in schweren Zeiten nicht nur lachen und heiter sein, man soll es, ja muss es vielleicht sogar. Denn \u201ewir brauchen\u201c die Heiterkeit \u2013 allerdings nicht, um \u201eunterzutauchen\u201c und das \u00dcble zu verdr\u00e4ngen, zu vergessen, sondern um aus der Heiterkeit Kraft und Ermutigung zu sch\u00f6pfen f\u00fcr das Zusammenstehen gegen das \u00dcble, was immer es jetzt und k\u00fcnftig sei.<br \/>Sobald wir die Bef\u00e4higung zu Freude und Heiterkeit verlieren, haben wir verloren, haben uns Umst\u00e4nde, Verh\u00e4ltnisse oder Unterdr\u00fccker kleingekriegt. Solange noch Spottwitze \u00fcber Diktatoren erz\u00e4hlt werden und mancher Alltagsmalaise auch mit trotzigem \u201eGalgenhumor\u201c begegnet wird, besteht Hoffnung. Solange wir noch Freude an Kunst und Kultur haben, besteht Hoffnung. Solange dies, das oder jenes uns gelegentlich noch vergn\u00fcgt, ist nicht aller Tage Abend. Denn wo es noch Momente der Freude gibt, existiert auch noch die Kraft, zu denken und nachzudenken &#8211; also die Kraft, dem Schicksal nicht einfach ersch\u00f6pft seinen Lauf zu lassen, sondern es gemeinsam in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen.<\/p>\n<p><em>\u201eTrotz alledem und alledem\u201c<\/em> hei\u00dft ein anderer Biermann-Titel, der den Hoffnungsgedanken in einem noch viel \u00e4lteren Gedicht von Ferdinand Freiligrath aufgriff. Und Wolf singt: <em>\u201eWenn wir frieren m\u00fcssen, werden wir \/ Wohl zittern, doch vor K\u00e4lte blo\u00df \/ Und aufrecht geh\u2032n, trotz alledem\u201c<\/em>. In diesem Sinne sei ein guter Rutsch hin\u00fcber nach 2023 gew\u00fcnscht \u2013 das im Gro\u00dfenganzen gewiss nicht einfacher wird, aber dennoch \u2026. trotz alledem. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergangenen Monat hatte ich an dieser Stelle ein recht d\u00fcsteres Bild von den Perspektiven f\u00fcr die n\u00e4here und fernere Zukunft hierzulande und \u00fcberall anderw\u00e4rts gezeichnet. Davon kann ich leider nichts zur\u00fccknehmen. Doch keine zwei Stunden nach Textabgabe lie\u00dfen Freund Walter und ich es uns flachsend, kalauernd, lachend im Wirtshaus einen Abend lang wohlsein. 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