{"id":3704,"date":"2022-12-14T04:18:00","date_gmt":"2022-12-14T03:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=3704"},"modified":"2022-12-14T11:26:11","modified_gmt":"2022-12-14T10:26:11","slug":"ein-donnerndes-hurra-auf-die-kernfusion-oder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2022\/12\/14\/ein-donnerndes-hurra-auf-die-kernfusion-oder\/","title":{"rendered":"Ein donnerndes \u201eHurra\u201c auf die Kernfusion! Oder?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Gewiss, in Sachen Wissenschaftserkenntnis ist ziemlich interessant, was da kleinexperimentell in einem kalifornischen Labor f\u00fcr ein paar Sekunden funktioniert hat: Kernfusion, die ein bisschen mehr Energie geliefert hat als die gewaltige Menge an Energie, die man zuvor hineinsteckte, um den Fusionsprozess in Gang zu setzten und f\u00fcr einen Moment aufrechtzuerhalten. Bei allen \u00e4hnlichen Versuchen in diversen Laboren weltweit \u00fcber die zur\u00fcckliegenden 30 bis 40 Jahre war dem Prozess meist schon nach wenigen Millisekunden die Luft ausgegangen und hatte die Energiebilanz am Ende jedesmal tiefrote Zahlen geschrieben.<\/p>\n<p>Kann der Mensch nun im Minima\u00dfstab k\u00fcnstlich schaffen, was die Natur, etwa die Sonne, im Gigama\u00dfstab seit Jahrmilliarden ganz selbstverst\u00e4ndlich und perfekt hinkriegt? Genau besehen, wei\u00df das noch niemand. Keiner kann heute sagen, ob in gro\u00dftechnischem Format sicher, verl\u00e4sslich, dauerhaft, wirtschaftlich und ohne gewichtige Kollateralsch\u00e4den f\u00fcr Gemeinwesen und Umwelt \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, was im Labor einen Moment lang funktioniert. Es wird noch unz\u00e4hlige Experimente und technische Entwicklungen brauchen, um erstmal eine Antwort auf das \u201eob\u201c zu finden. Und eigentlich br\u00e4uchte es auch zahllose Untersuchungen, Abw\u00e4gung und Risikostudien hinsichtlich der mittel- und langfristigen Folgewirkungen einer solchen Technik, die m\u00f6glicherweise das Potenzial hat, tiefgreifend unsere gesamte Lebensweise zu beeinflussen.<\/p>\n<p>Aber angesichts der grenzenlosen, nachgerade blindw\u00fctigen Begeisterung von \u00d6ffentlichkeit, Politikern und potenziellen Anlegern \u00fcber das kalifornische Laborergebnis steht zu bef\u00fcrchten, dass es laufen wird, wie es immer gelaufen ist beim Technik\u201cfortschritt\u201c: Wenn\u2019s funktioniert, wird es sogleich als dicke, fette, st\u00fcrmische \u201eAlternativlosigkeit\u201c ins Werk gesetzt \u2013 koste es, was es wolle, mit eventuellen Risiken, Gefahren, Schadfolgen k\u00f6nnen wir uns ja sp\u00e4ter mal befassen. Jetzt nutzen wir erstmal dieses Ei des Kolumbus, diesen Stein der Weisen, diese Ultima Ratio der Energiesicherheit.<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00e4lteren Zeitgenossen ist der schier grenzenlose Jubel, der seit gestern durch die ganze (westliche) Welt brandet, wie ein D\u00e9j\u00e0-vu. Nur dass es sich in diesem Fall nicht um eine Erinnerungst\u00e4uschung handelt, sondern um tats\u00e4chliche Erinnerung. \u201eSichere, saubere, unersch\u00f6pfliche Energiequelle \u2013 ein Meilenstein f\u00fcr die Menschheitsentwicklung\u201c: Fast wortgleich mit den Hymnen der 50er, 60er, 70er auf die \u201efriedliche Nutzung\u201c der Kernspaltung in Atomkraftwerke, wird jetzt in ma\u00dflosem Enthusiasmus das hohe Lied auf die Kernfusion gesungen. Alsbald k\u00f6nne diese uns aller Energiesorgen entheben, schw\u00e4rmen manche Kommentatoren &#8211; wie schon ihre Vorg\u00e4nger ein gutes halbes Jahrhundert zuvor mit Blick auf das anbrechende AKW-Zeitalter. Der damalige Enthusiasmus erwies sich bekanntlich als Schuss in den Ofen.<\/p>\n<p>Die aktuellen Hymnen sind um ein paar neue Begriffe erweitert worden. Vorneweg \u201egr\u00fcn\u201c, \u201eklimaneutral\u201c, \u201enachhaltig\u201c, \u201eohne radioaktiven M\u00fcll\u201c. Wenn dem so w\u00e4re, w\u00e4re das eine feine Sache. Aber de facto wei\u00df noch niemand, ob das \u00fcberhaupt so ist bzw. in gro\u00dftechnischer Anwendung so k\u00e4me. Und wann. Und wie. Und zu wessen Profit. Und zu welchem Preis, f\u00fcr wen \u2026. Meine Sorge gilt nicht dieser technischen Entwicklung an sich, erst recht nicht der Forschung daran, sondern dass sie, wie so viele \u201eFortschritte\u201c, massenhaft zum Einsatz kommt, bevor Risiken und m\u00f6gliche Nebenwirkungen auch nur ansatzweise hinl\u00e4nglich erforscht sind.<\/p>\n<p>Meine Sorge gilt ferner dem Umstand, dass diverse Technikgl\u00e4ubige nun mit der Hoffnung auf eine \u201emittelfristige Ideall\u00f6sung aller Energieprobleme durch die Fusionstechnik\u201c s\u00e4mtliche Anstrengungen f\u00fcr die Energiewende noch mehr als \u00fcberzogen ansehen, jetzt gar f\u00fcr \u00fcberholt halten. Doch selbst wenn alle Hoffnungstr\u00e4ume hinsichtlich der Kernfusion sich maximal erf\u00fcllen w\u00fcrden und diese Technik binnen 30 bis 50 Jahren reif w\u00e4re zur globalen Massenanwendung: Um den Klimawandel in handhabbaren Schranken zu halten, daf\u00fcr w\u00e4re es dann schon viel zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Und am Ende rumort da noch dieser Gedanke im Hinterkopf: Warum eigentlich sollen wir mit gewaltigen Investitionen und extremem Aufwand eine Technik entwickeln und zum Einsatz bringen, die etwas herstellt, das die Sonne ganz umsonst in unersch\u00f6pflichen Mengen liefert? Energie, f\u00fcr deren Ernte wir bereits alle Techniken haben, sie nur sinnvoll zum Einsatz bringen m\u00fcssten.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 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