{"id":3624,"date":"2022-11-19T20:38:28","date_gmt":"2022-11-19T19:38:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=3624"},"modified":"2022-11-19T23:25:56","modified_gmt":"2022-11-19T22:25:56","slug":"von-der-strohwitwerschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2022\/11\/19\/von-der-strohwitwerschaft\/","title":{"rendered":"Von der Strohwitwerschaft"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> W\u00e4hrend drau\u00dfen erstmals in dieser Dunkelsaison Streuwagen ihre Bahnen ziehen, hier einige betulich dahinpl\u00e4tschernde Gedanken zum Einstieg in einen gem\u00fctlichen Abend nach v\u00f6llig ereignislosem, behaglich stillem \u2013 also stinkfaul vertr\u00f6deltem &#8211; Tag im Hause. Ein kleines, aber nicht ganz so kurzes Verz\u00e4hlche.<\/p>\n<p>\u201eStrohwitwer\u201c, oder die seit jeher weniger gebrauchte weibliche Form \u201eStrohwitwe\u201c: Kennt ihr den Begriff noch? Bei den \u00c4lteren und Alten d\u00fcrfte er zumindest im passiven Wortschatz noch abgelegt sein. Den J\u00fcngeren muss man ihn vielleicht erkl\u00e4ren, so selten er heute benutzt wird. Also, da geht es nicht um eine traurige Angelegenheit, niemand hat sein Leben ausgehaucht. Das Wort ist ein Verwandter des physikalischen wie auch sprichw\u00f6rtlich \u00fcbertragenen \u201eStrohfeuers\u201c \u2013 schnell und heftig entflammt, genauso schnell auch wieder abgebrannt. Daher kommt die Bezeichnung f\u00fcr Mann oder Frau, die vor\u00fcbergehend, meist nur f\u00fcr wenige Tage, auf die Gegenwart des Ehe- oder Partnerschaftsgesponstes verzichten m\u00fcssen. Bisweilen h\u00f6rt man auch \u201ed\u00fcrfen\u201c.<\/p>\n<p>Betrachten wir die m\u00e4nnliche Seite dieser Angelegenheit, die Strohwitwerschaft. Denn deren Umst\u00e4nde waren traditionell gewichtiger bis dramatischer als der umgekehrte Fall. Lagebeschreibung: Die Gattin ist fort, auf Verwandtenbesuch oder Freundinnentour oder Pilgerfahrt oder Dienstreise. Zu meiner Eltern Lebzeiten war es noch allgemein \u00fcblich, dass die Frau dann vorkocht; f\u00fcr jeden Abwesenheitstag eine Mahlzeit, die sich der Mann nur aufw\u00e4rmen muss. Denn man ging seinerzeit davon aus, dass die allermeisten Herren am Herd kaum mehr zuwege bringen als Siedewurst (geplatzt) und\/oder Spiegeleier (verstochert). Sollte es heute noch Paare geben, bei denen die Verh\u00e4ltnisse \u00e4hnlich liegen, w\u00e4re das, nun ja,\u2026. Allerdings fiele es auch nicht sonderlich ins Gewicht, in Anbetracht tausenderlei Arten von Lieferservice.<\/p>\n<p>Mein Vater hat \u00fcbrigens das Vorgekochte stets stillschweigend entsorgt und nach Feierabend lieber das Wirtshaus aufgesucht. Dort genoss er dann Schnitzel mit Bratkartoffeln (Pommes kamen erst sp\u00e4ter) oder Kochrippchen resp. Bratw\u00fcrste mit Kraut und Stampf. Manchmal begn\u00fcgte er sich auch mit Soleiern, sauren Gurken und Frikadellche aus den Tresengl\u00e4sern. So gut habe ich es nun nicht w\u00e4hrend meiner heute begonnenen viert\u00e4gigen Strohwitwerschaft. Denn von hier daheim bis zum n\u00e4chsten Wirtshaus w\u00e4ren es fu\u00dfl\u00e4ufig gut f\u00fcnf Kilometer quer durch den Wald. Und fahren f\u00e4llt ebenfalls weg: Madame hat das Auto mitgenommen; und bis mich das \u00d6PNV-Netz heroben im Westerwald irgendwo hinbringt, w\u00e4re ich verhungert und mein Leib skelletiert. Aus selbigem Grund schlie\u00dft sich auch eine alte Strohwitwer-Sitte aus: mal wieder allein ganz ungeniert \u201eauf die Piste\u201c gehen.<\/p>\n<p>Ansonsten aber ficht mich das Dasein als Strohwitwer nicht im geringsten an. Kochen kann ich selbst, und wie zumindest mein Gaumen meint, bisweilen auch ganz vorz\u00fcglich. Einsam? Ach was. Obwohl ich von Natur ein ausgesprochen geselliger Kerl bin, mag ich auch das Alleinsein sehr. Stille im Haus, nicht reden m\u00fcssen, nichts abstimmen m\u00fcssen, ohne Ank\u00fcndigung oder Begr\u00fcndung tun oder lassen, wonach eben der Sinn steht, keine Planung f\u00fcr gar nix. Ein Weilchen ist das eine prima Sache. Wie lange so ein zufriedenes Weilchen anhalten w\u00fcrde, wei\u00df ich nicht. Eine, zwei, drei Wochen sind kein Problem, das wurde \u00fcber die Jahrzehnte mehrfach erprobt. L\u00e4nger war ich allerdings noch nie allein und vermute mal, dass so ab der f\u00fcnften oder sechsten Woche sich allm\u00e4hlich das Bed\u00fcrfnis nach wieder etwas mehr Leben in der Bude einstellen w\u00fcrde. Dann w\u00e4re das Stroh wohl vollends abgefackelt.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 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