{"id":326,"date":"2015-02-23T23:00:00","date_gmt":"2015-02-23T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/02\/23\/die-kehrseite-von-preussens-gloria\/"},"modified":"2015-02-23T23:00:00","modified_gmt":"2015-02-23T22:00:00","slug":"die-kehrseite-von-preussens-gloria","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/02\/23\/die-kehrseite-von-preussens-gloria\/","title":{"rendered":"Die Kehrseite von Preu\u00dfens Gloria"},"content":{"rendered":"<p>ape. Walter summt munter den Marsch \u201eWir preu\u00dfischen Husaren\u201d. Dass ihm nicht der k\u00f6nigstreue Originaltext auf der Zunge liegt, ist klar. Er gr\u00f6lt auch gleich jene Umdichtung, die seit 1800 von Soldaten oft gesungen wurde:<\/p>\n<p>\u201eO K\u00f6nig von Preu\u00dfen, \/ du gro\u00dfer Potentat, \/<\/p>\n<p>wie sind wir deines Dienstes \/ so \u00fcberdr\u00fcssig satt! \/<\/p>\n<p>Was fangen wir nun an \/ in diesem Jammertal \/<\/p>\n<p>allwo ist nichts finden \/ als lauter Not und Qual&#8230; .\u201d<\/p>\n<p>Der Freund schlie\u00dft mit der Aufforderung: \u201eDiesmal sollst du richtig den Oberlehrer geben und eine Geschichtsstunde. Damit die Rheinl\u00e4nder im Preu\u00dfenjahr 2015 nicht ganz vergessen, dass wir dank k\u00f6niglich-preu\u00dfischer Bajonette statt 1848 erst 1918 zur ersten demokratischen deutschen Republik kamen.\u201d<\/p>\n<p>Rheinl\u00e4nder und Preu\u00dfen: ein schwieriges Kapitel. Letztere haben die Eisenbahn ins Rheintal gebracht, die Industrialisierung des Rheinlandes forciert, und es sind ihnen gewisserma\u00dfen das Unesco-Welterbe am Mittelrhein sowie die Mehrzahl der Welterbest\u00e4tten in NRW zu danken. Dennoch str\u00e4ubt sich mir manches gegen das vom Rheinischen Verein ausgegebene Motto \u201eDanke Berlin\u201d f\u00fcr die diesj\u00e4hrige Gedenkkampagne anl\u00e4sslich des Wechsels von franz\u00f6sischer zu preu\u00dfischer Fremdherrschaft \u00fcber das Rheinland vor 200 Jahren.<\/p>\n<p>Die Bayern haben&#8217;s da leichter. Bei denen geh\u00f6rt das Urteil \u201eSaupreu\u00dfen, daamische!\u201d seit anno Urtobak zum Brauchtum. Fragt man sie aber nach ihren aus der Pfalz eingeheirateten Wittelsbacher-K\u00f6nigen von Napoleons Gnaden, dann wird es auch zwiesp\u00e4ltig \u2013 und geschichtsvergessen. Immerhin haben die M\u00fcnchner ihren Ludwig I. vom Thron rebelliert, zuvor seine pf\u00e4lzischen Untertanen ihn mit dem Hambacher Demokratiefest 1832 zur Wei\u00dfglut getrieben und 1848\/49 teils eifrig bei der badischen Revolution mitgefochten. Wer hat die blutig niedergeschlagen? Truppen unter preu\u00dfischer F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Rheinl\u00e4ndern. Die waren keineswegs gl\u00fccklich, als ihre Heimat infolge des Wiener Kongresses preu\u00dfische Rheinprovinz wurde. Goethe schrieb nach einem Besuch in Koblenz: \u201eDer Zustand war nicht erfreulich, in welchem man die Menschen antraf, die nun einem Reiche angeh\u00f6ren, dessen Mittelpunkt von ihnen durch Gebirge, Fl\u00fcsse, Provinzen, ja durch Bildung, Denkweise, Religion, Sitten, Gesetz und Herkommen getrennt ist.\u201d Und Preu\u00dfens Innenminister klagte: \u201eDie Rheinl\u00e4nder betrachten ihr Land als occupirt.\u201d Weshalb in D\u00fcsseldorf Preu\u00dfenprinzen mit Pferde\u00e4pfeln beworfen wurden \u2013 wohingegen man ihnen in Koblenz untert\u00e4nigst Burg Stolzenfels schenkte.<\/p>\n<p>Zu den Aufm\u00fcpfigsten geh\u00f6rten die Koblenzer halt nie. Brav 800 Jahre Trierer Kurf\u00fcrsten gedient, sich dann mit den Franzosen arrangiert, Vorm\u00e4rz und 1848\/49er-Revolution verschlafen (**), die 1918\/19er als Palaver im Theatersaal absolviert. Das Metternich-Gen sitzt tief am Deutschen Eck und das G\u00f6rres-Gen neigt zu katholischer Bittstellerei. Man stellt hier keine Freiheitsb\u00e4ume, h\u00f6chstens Seilbahnmasten. Und man vergisst gerne, dass der \u201eromantische\u201d Preu\u00dfenk\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. nicht nur den Wiederaufbau der Rheinburgen initiierte und die Vollendung des K\u00f6lner Doms. Sondern dass er das Paulskirchen-Parlament auseinander trieb und Volkssouver\u00e4nit\u00e4t als \u201eDreck\u201d bek\u00e4mpfte. Dass er die deutsche Demokratiebewegung 1849 zusammenschie\u00dfen lie\u00df und so weitere 70 Jahre Feudalregiment begr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Deshalb unser Vorschlag zur dialektischen G\u00fcte: Das Motto des Preu\u00dfenjahres um ein Satzzeichen erweitern \u2013 \u201eDanke Berlin?\u201d<\/p>\n<p>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung au\u00dferhalb dieser website 9.\/10. Woche im Februar\/M\u00e4rz 2015)<\/p>\n<p>Anmerkung zur Historie:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Am 27. Februar 1848 erhebt eine Volksversammlung in Mannheim Forderungen nach Volksbewaffnung mit freier Wahl der Offiziere, uneingeschr\u00e4nkter Pressefreiheit, Einrichtung von Schwurgerichten nach englischem Vorbild und sofortiger Herstellung eines deutschen Parlaments. Dies ist der Startschuss zur Badischen Revolution. Am Tag darauf erhebt eine Volksversammlung auch in Mainz republikanische Forderungen. Heidelberg folgt am 5. M\u00e4rz \u2013 und dann gibt es kein Halten mehr: Der antifeudale, nationaldemokratische Impuls breitet sich in Windeseile \u00fcber den ganzen Deutschen Bund und halb Europa aus.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Walter summt munter den Marsch \u201eWir preu\u00dfischen Husaren\u201d. Dass ihm nicht der k\u00f6nigstreue Originaltext auf der Zunge liegt, ist klar. 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