{"id":323,"date":"2015-05-25T22:00:00","date_gmt":"2015-05-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/05\/25\/nachts-auf-der-autobahn\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:15","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:15","slug":"nachts-auf-der-autobahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/05\/25\/nachts-auf-der-autobahn\/","title":{"rendered":"Nachts auf der Autobahn"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>ape. Neulich, am sp\u00e4ten Abend eines Werktages, via A3 auf R\u00fcckfahrt von Frankfurt ins Westerwald-Domizil. S\u00e4mtliche Parkpl\u00e4tze proppenvoll mit LKWs; Rastst\u00e4tten und Tankstellen von Brummis verstopft, die sich teils bis auf den Standstreifen zur\u00fcckstauen. Suchverkehr allenthalben: Das Heer der Stra\u00dfenkapit\u00e4ne ringt verzweifelt um Schlafpl\u00e4tze; ihre Fahrzeiten sind abgelaufen. Unz\u00e4hlige Lastwagen dr\u00e4ngen sich in den und um die Ruhezonen \u2013 dennoch donnern zugleich endlose Trecks h\u00fcben von S\u00fcd nach Nord, dr\u00fcben von Nord nach S\u00fcd. Dazwischen irrlichternde Konvois mit \u00fcberbreiten, \u00fcberlangen, \u00fcberschweren Lasten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mich am Transportmoloch vorbeischl\u00e4ngle, kommen Erinnerungen auf an oft entspannte, manchmal fast einsame Fahrten auf gleicher Strecke, am gleichen Wochentag, zur gleichen Sp\u00e4tabendzeit vor 25 Jahren. Pl\u00f6tzlich zuckt die Erkenntnis als kristallklare Emotion durch alle Sinne: Das ist Wachstum. Und es f\u00fchlt sich im Tohuwabohu der A3 nicht gut an.<\/p>\n<p>Dann schwurbelt das R\u00e4tsel durch den Kopf: Obwohl die Zahl der in Deutschland und im europ\u00e4ischen Drumherum lebenden Menschen seit 1990 nicht gestiegen, eher gesunken ist, explodierte die Menge der G\u00fcter, die zu ihrer Versorgung aufgewandt werden. Wie kann das sein? Irgendein Wissenschaftler hat mal ausgerechnet, dass Nahrungsmittel, Kleidung und Hausrat, die eine vierk\u00f6pfige Durchschnittsfamilie hierzulande Anfang des 20. Jahrhunderts \u00fcber ihre gesamte Lebenszeit ben\u00f6tigte, einen einzigen Sattelschlepper nicht mal ganz f\u00fcllen w\u00fcrde. In den 1970ern h\u00e4tte es schon gut zweier Lastz\u00fcge bedurft, um die gleiche Familie auf dann zeittypischem Standardniveau durchs Leben zu bringen. Heute braucht es daf\u00fcr schon vier bis sechs Brummis. Ginge es nach regierungsamtlichen und wirtschaftsoffiziellen Wunschvorstellungen, m\u00fcssten es in 20 Jahren acht bis zehn sein.<\/p>\n<p>Denn die einzige Utopie unserer globalen Eliten geht so: Fresst und sauft, was das Zeug h\u00e4lt. Investiert parallel in Di\u00e4ten, Sport, Pillen und Kuren. R\u00e4umt zweimal im Jahr euren Kleiderschrank und macht euch mit neuester Mode begehrlich. Schmei\u00dft im Fr\u00fchjahr die im vorherigen Herbst erworbene Hausger\u00e4te-\/Unterhaltungstechnik weg und bringt euch auf den neusten Stand des Fortschritts. Das eben neue Auto ist nach l\u00e4ngstens drei Jahren nur noch eine besch\u00e4mend olle Kamelle. Was sollen euch Kaffeefilter oder Espressok\u00e4nnchen, wenn&#8217;s doch auch eine richtig gro\u00dfe, digital gesteuerte Multifunktionskaffekochk\u00fcchenmaschine tut. Wozu ein kleines Handy, wenn man sich eine Schulheft-gro\u00dfe Mattscheibe vors Maul halten kann. Knutschen, streicheln, v\u00f6geln: Wie uncool ist das denn, wo doch die zweite sexuelle Revolution f\u00fcr gutes Geld die wahre Liebeslust kofferweise bietet in Form von Fesseln, Knebeln, Peitschen und Kneifzangen, von motorisierten Stopfern, Sch\u00fcttlern und Saugern, von gummierten K\u00f6rperteilen oder vollst\u00e4ndigen multifunktionellen Loch- und Spie\u00dfk\u00f6rpern.<\/p>\n<p>Da ert\u00f6nt eine altvertraute Stimme: \u201eJetzt verstehst du auch, wof\u00fcr das alles gut ist \u2013 damit sich niemals mehr jemand einsam f\u00fchle auf der A3; damit jeder dort und \u00fcberall das Gl\u00fcck genie\u00dfe, Teil einer gro\u00dfen Herde zu sein.\u201d Jawohl ihr Lieben alle, die ihr euch Sorgen machtet: Freund Walter spricht wieder mit mir. Und sein erster Satz war: \u201eDu glaubst doch nicht im Ernst, ich w\u00fcrde zulassen, dass deine kleinb\u00fcrgerliche Schw\u00e4che f\u00fcr die Hure Facebook unsere Freundschaft besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung in einem Pressemedium au\u00dferhalb dieser website 22. Woche im Mai 2015)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Neulich, am sp\u00e4ten Abend eines Werktages, via A3 auf R\u00fcckfahrt von Frankfurt ins Westerwald-Domizil. S\u00e4mtliche Parkpl\u00e4tze proppenvoll mit LKWs; Rastst\u00e4tten und Tankstellen von Brummis verstopft, die sich teils bis auf den Standstreifen zur\u00fcckstauen. Suchverkehr allenthalben: Das Heer der Stra\u00dfenkapit\u00e4ne ringt verzweifelt um Schlafpl\u00e4tze; ihre Fahrzeiten sind abgelaufen. 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