{"id":316,"date":"2015-11-25T23:00:00","date_gmt":"2015-11-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/25\/ich-fotografiere-dann-erst-bin-ich\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:14","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:14","slug":"ich-fotografiere-dann-erst-bin-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/25\/ich-fotografiere-dann-erst-bin-ich\/","title":{"rendered":"Ich fotografiere, dann erst bin ich"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>ape. Als ich Bub war und mit Schwesterlein nebst Eltern missmutig Sehensw\u00fcrdigkeiten heimsuchte, gab es eine Benimmregel: Wenn da einer mit dem Fotoapparat steht und Deutsches Eck, Heidelberger Schloss oder Zugspitze mit\/ohne Verwandtschaft davor ablichten will, dann l\u00e4uft man ihm nicht durchs Bild. Man wartet an der Seite, bis die Aufnahme gemacht ist. Neulich besuchte ich mit Gesponst den Rheinfall von Schaffhausen. H\u00e4tten wir uns dabei in diesem Sinne anst\u00e4ndig verhalten, wir w\u00e4ren wohl erst nach Mitternacht auf der unteren Aussichtsplattform angelangt.<\/p>\n<p>Wer die Kraft und Sch\u00f6nheit der st\u00fcrzenden Wassermassen livehaftig erleben wollte, musste r\u00fccksichtslos Heerscharen knipsender Touristen vor die Optik latschen. Denn es gab nicht eine Ecke, nicht einen Winkel, nicht eine Blicklinie, die von Smartphone-bewehrten \u201eFotografen\u201d unbehelligt geblieben w\u00e4re. Gewiss, schon fr\u00fcher hatte jede Familie einen, meist war&#8217;s der Vater, der mit Fotoapparat oder Filmkamera die obligaten Urlaubssch\u00fcsse machte. Dabei bremste ihn stets der Umstand, dass nachherige Filmentwicklung geh\u00f6rig ins Geld geht. Heute indes hat jedes Mitglied einer Familie oder Reisegruppe seinen eigenen Bilddatentr\u00e4ger, auf den es die gesehene Welt in grenzen- und schier kostenloser F\u00fclle bannen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wobei \u201egesehen\u201d der falsche Ausdruck ist. Ich habe in Schaffhausen sehr viele Leute beobachtet, die dem Wasserfall nur einen kurzen Blick widmeten, um dann sogleich eine ausschweifende Fotosession zu beginnen. Allf\u00e4lliges Motiv: Die Lieben in jedweder Personalkombination und Positur gro\u00df vor kleinem Rheinfall-Hintergrund; vorneweg man selbst, abgelichtet mit langgestrecktem oder gar mittels Teleskopst\u00e4ngelchen verl\u00e4ngertem Arm. Jedes Bild wurde per Display eingehend gepr\u00fcft. Waren die Ergebnisse zufriedenstellend, zogen die Herrschaften ab \u2013 ohne das Naturschauspiel eines weiteren Blickes zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Was also haben die Leute von den Schaffhausener F\u00e4llen \u201egesehen\u201d? Noch am Ort selbst bereits die Knips-Erinnerung daran. Die wird aber f\u00fcr die Urlaubserz\u00e4hlung daheim wenig bringen, weil die Knipser das Echte nicht so betrachtet, erlebt, gef\u00fchlt haben, dass sie sich daran erinnern k\u00f6nnten. Dutzende, hunderte Abbildungen sind Ged\u00e4chtnisschl\u00fcssel zu \u2013 nichts mehr. Und ich kann mir kaum was Langweiligeres vorstellen, als Fotoabende bei M\u00fcllers oder Facebook-Alben von ihnen nach der Devise \u201eGuckt mal, Hilde vor Wasserfall, Hilde und ich vor Schloss, Hilde im Museum, Hilde und ich\u2026.\u201d Freund Walter f\u00fcgt mit diabolischem Grinsen hinzu: \u201eStell dir vor, Hilde l\u00e4sst sich scheiden und der M\u00fcller kriegt &#8217;ne Neue. Dann kann er all die Hilde-Fotos und M\u00fcllerpaar-Selfies nebst Wasserfall-, Schl\u00f6sser-, Museums-Hintergr\u00fcnden in die Tonne treten.\u201d<\/p>\n<p>Es ist seltsam mit uns Menschen. Da fahren wir weiteste Wege, um die Welt zu sehen, um ihre Sch\u00f6nheiten und Wunderlichkeiten aufzusuchen. Sind wir dann dort, tun wir, als werde all das erst Wirklichkeit, wenn wir uns darinnen, davor oder damit fotografiert haben \u2013 und m\u00f6glichst vielen Mitmenschen die Fotos unter die Nase gerieben. Walter hat schon vor Jahren das Knipsen aufgegeben; er schaut nur. Manchmal bringt er von Reisen Postkarten mit oder kleine Arbeiten \u00f6rtlicher K\u00fcnstler. Aber es gibt nichts Sch\u00f6neres, als wenn er in gem\u00fctlicher Runde von den Erinnerungen an das Ferne und den selbst nach Jahren noch lebhaften Bildern im Kopf freiweg erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung in einem Pressemedium au\u00dferhalb dieser website 48.\/49. Woche 2015)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Als ich Bub war und mit Schwesterlein nebst Eltern missmutig Sehensw\u00fcrdigkeiten heimsuchte, gab es eine Benimmregel: Wenn da einer mit dem Fotoapparat steht und Deutsches Eck, Heidelberger Schloss oder Zugspitze mit\/ohne Verwandtschaft davor ablichten will, dann l\u00e4uft man ihm nicht durchs Bild. Man wartet an der Seite, bis die Aufnahme gemacht ist. 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