{"id":294,"date":"2017-03-04T23:00:00","date_gmt":"2017-03-04T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/03\/04\/halbzeitbilanz-der-cheflosen-konzertsaison-in-koblenz\/"},"modified":"2017-03-04T23:00:00","modified_gmt":"2017-03-04T22:00:00","slug":"halbzeitbilanz-der-cheflosen-konzertsaison-in-koblenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2017\/03\/04\/halbzeitbilanz-der-cheflosen-konzertsaison-in-koblenz\/","title":{"rendered":"Halbzeitbilanz der &#8222;cheflosen&#8220; Konzertsaison in Koblenz"},"content":{"rendered":"<p><strong>ape.<\/strong> <em>Die Konzertsaison 2016\/17 beim Staatsorchester Rheinische Philharmonie ist schon eine rechte Eigent\u00fcmlichkeit. In Koblenz k\u00f6nnen sich selbst betagte Klassikfreunde an keine vergleichbare Situation erinnern: Eine ganze Spielzeit ohne eigenen Chefdirigenten im G\u00f6rreshaus, das hat es zumindest im letzten halben Jahrhundert der hiesigen Orchestergeschichte nicht gegeben. Die H\u00e4lfte dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Saison ist nun vor\u00fcber; mithin der richtige Moment f\u00fcr eine kleine Halbzeitbilanz.<\/em><\/p>\n<p>Als Stichtag sei der 27. Januar 2017 genommen, jener Freitag, an welchem unter dem Gastdirigat von Shao-Chia L\u00fc das 5. Anrechtskonzert des Musik-Instituts Koblenz (MI) bei den rund 1100 Besuchern in der Rhein-Mosel-Halle einen tiefen Eindruck hinterlie\u00df. MI-Intendant Olaf Theisen fasst dies in dem eindeutigen Urteil: \u201eDas Konzert unter Shao-Chia L\u00fc war f\u00fcr mich der bisherige H\u00f6hepunkt der Saison.\u201d Die Freude auf dieses Konzert war schon im Vorfeld allgemein. Publikum und viele Orchestermitglieder sahen erwartungsvoll der Wiederbegegnung mit einem guten alten Bekannten entgegen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hatte L\u00fc von 1998 bis 2004 bei der Rheinischen Philharmonie die Position des Chefdirigenten inne und war als solcher allseits gesch\u00e4tzt und beliebt gewesen. Zugleich ist L\u00fc&nbsp; der einzige Gastdirigent in der laufenden Spielzeit, mit dem das Orchester \u00fcberhaupt schon einmal gearbeitet hat; alle anderen G\u00e4ste am F\u00fchrungspult der Anrechtskonzerte, der G\u00f6rreshauskonzerte und vieler Gastspiele waren und sind auch f\u00fcr den verbleibenden Teil der Saison Erstbegegnungen. Noch einmal zur Erinnerung, wie es zu der besonderen Situation gekommen ist, dass die Rheinische Philharmonie ihre Orchesterkonzerte 2016\/17 ohne eigenen Chefdirigenten und mit lauter Gastdirigenten bestreiten muss: Der bisherige Amtsinhaber Daniel Raiskin ist schon weg, sein Nachfolger Garry Walker noch nicht da. Wahl und Verpflichtung des Schotten waren zu kurzfristig erfolgt, als dass der international viel besch\u00e4ftigte Dirigent noch f\u00fcr diese Saison aus seinen zahlreichen anderweitigen Bindungen h\u00e4tte aussteigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Aus der Not eine Tugend machen<\/h3>\n<p>Es galt, aus der Not eine Tugend zu machen. Erstens sollte dem Publikum ein interessantes und mit hochkar\u00e4tigen Solisten besetztes Konzertprogramm geboten werden. Zweitens sollte mit einer Riege m\u00f6glichst guter Gastdirigenten das unter Daniel Raiskin erreichte Niveau des Orchesters gehalten werden. Beides scheint bis zur Halbzeit gegl\u00fcckt zu sein. Publikum und Kritik&nbsp; zeigten sich etwa bei den f\u00fcnf gro\u00dfen Anrechtskonzerten weitgehend \u00fcbereinstimmend angetan von den Leistungen des Orchesters sowie fasziniert von der virtuosen Kunstfertigkeit der Marimbaphonsolistin Marta Klimasara, der Trompeterin Tine Thing Helseth oder des Pianisten Alexander Schimpf. Hohes Lob gab es auch f\u00fcr das Konzert mit dem Chor des Musik-Instituts und der Rheinischen Philharmonie unter Mathias Breitschaft. Letzterer sprach dem Orchester ausdr\u00fccklich seine Anerkennung daf\u00fcr aus, dass es in dieser \u201echeflosen\u201d Phase seine Disziplin, Geschlossenheit und Motivation beibehalte; er habe da schon ganz andere, traurige F\u00e4lle erlebt.<\/p>\n<p>Durchweg positiv f\u00e4llt auch die Halbzeitbilanz von MI-Intendant Olaf Theisen aus: \u201eDas Orchester hat das unter Daniel Raiskin erreichte Leistungsniveau erfreulicherweise gehalten.\u201d Ebenfalls erfreulich ist, dass es keine R\u00fcckg\u00e4nge beim Kartenverkauf gibt:&nbsp; \u201e910 Anrechte und im Schnitt weit \u00fcber 200 Einzelkarten pro Konzert hat das Musik-Institut verkauft.\u201d&nbsp; Auch der Intendant der Rheinischen Philharmonie selbst, G\u00fcnter M\u00fcller-Rogalla, wirkt alles andere als unzufrieden mit der Halbzeitbilanz: \u201eDie Saison l\u00e4uft durchaus spannend. Ich m\u00f6chte jetzt nicht sagen &#8218;wie vorhergesehen&#8216;. Aber was f\u00fcr mich als Intendant wichtig ist: Viele Begegnungen mit vielen Dirigenten und Solisten klappen \u2013 mal sehr gut, mal normal; und selbst wenn es in Einzelf\u00e4llen ein bisschen hakt, ist auch das Normalit\u00e4t.\u201d Was f\u00fcr ihn ganz wichtig sei, und wovon er glaube, dass es h\u00f6rbar ist: \u201eDie Qualit\u00e4t des Orchesters leidet nicht! \u00dcberhaupt nicht. Das hei\u00dft, was ich gehofft hatte und was wir uns auch hier vorgenommen hatten, ist bisher eingetreten.\u201d<\/p>\n<h3>Musiker m\u00fcssen sich jedesmal neu orientieren<\/h3>\n<p>Zufriedenheit also auf vielen Seiten. Wie aber sehen und erleben die Orchestermusiker selbst ihre Situation in dieser Ausnahmespielzeit? Ich bin mit Solotrompeter Andreas Stickel und Geiger Peter Harig vom Orchestervorstand verabredet, um die Sache mal aus Musikersicht beleuchtet zu bekommen. Nicht nur der interessierte Laie fragt sich, wie die Orchesterarbeit jetzt funktioniert so ohne festen Chefdirigenten. Harig: \u201eNa ja, wir sind es gewohnt, mit Gastdirigenten zu arbeiten. In solcher F\u00fclle ist es nat\u00fcrlich etwas ungew\u00f6hnlich. Und fast allen Gastdirigenten dieser Saison sind wir noch nie begegnet. Da musst du dich f\u00fcr jedes Konzert auf einen neuen Dirigenten einrichten. Das ist einerseits sehr spannend, andererseits aber auch sehr anstrengend.\u201d<\/p>\n<p>Spannend sei beispielsweise, erl\u00e4utert Stickel, ob der Dirigent viel zul\u00e4sst an eigener Musikalit\u00e4t der Orchestermusiker oder ob er gestalterisch viel organisiert und vorgibt, sozusagen strikten Fahrplan mache. \u201eDie Arbeitsweisen unterschiedlicher Dirigentenpers\u00f6nlichkeiten k\u00f6nnen sehr weit auseinanderliegen. Etwa so eine technische Sache:&nbsp; Es gibt welche, die dirigieren genau auf den Schlag, andere immer etwas voraus. Darauf muss man sich erstmal einstellen. Und solche Eigenarten stellst du bei Gastdirigenten erst bei den Proben fest. Woraus sich gewisse Unw\u00e4gbarkeiten ergeben k\u00f6nnen: Nicht jedes Orchester kann binnen weniger Stunden seinen ganzen Habitus umstellen.\u201d<\/p>\n<h3>Die M\u00e4use tanzen nicht auf dem Tisch<\/h3>\n<p>Beim eigenen Chefdirigenten wisse man eben, was zugelassen wird, was erwartet wird, wie die Dinge aufs Konzert zulaufen. Man ist aufeinander eingestellt, gewisserma\u00dfen miteinander verwachsen.&nbsp; \u201eIn dieser Spielzeit fehlt nun sozusagen die \u00fcbergeordnete, pr\u00e4gende K\u00fcnstlerperson, die wir als Chefdirigenten kannten und der wir bei den meisten MI-Konzerten wieder begegneten. Da vermisst nun mancher im Orchester k\u00fcnstlerisch den roten Faden: Man wei\u00df nicht, worauf man sich einstellen kann oder soll.\u201d Kritik und Publikum waren mit der bisherigen Saison sehr zufrieden. Wie ist das aus Musikersicht? Trompeter und Geiger meinen \u00fcbereinstimmend: \u201eEs war eine gute Runde. Und wir haben kein Problem, eine Saison in diesem Wechselmodus zu stemmen. Es ist bei uns nicht so, dass die M\u00e4use auf dem Tisch tanzen w\u00fcrden, weil kein Chef da ist. Gar nicht unwichtig dabei ist die Bedeutung und Wirkung unseres neuen Konzertmeisters, der mit seinem Spiel und seiner Pers\u00f6nlichkeit ins Orchester hineinstrahlt, als wichtiger Orientierungsanker und auch als Br\u00fccke zu den wechselnden Dirigenten fungiert.\u201d<\/p>\n<p>Die Spielzeit l\u00e4uft gut, das Orchester nimmt die st\u00e4ndigen Dirigentenwechsel mit professioneller Flexibilit\u00e4t, das Publikum ist angetan. Was will man mehr? Die Antwort von Andreas Stickel und Peter Harig ist kristallklar: \u201eWir freuen uns, wenn dann endlich Garry Walker kommt!&nbsp; Einige Kollegen artikulieren das auch so: Das ist jetzt eine interessante Phase, wir sind aber nicht unfroh, nachher wieder zu wissen, wer da kommt, wie er tickt, wie er arbeitet.\u201d Man wolle nicht missverstanden werden: \u201eWir haben nichts gegen Gastdirigenten. Es war ja bei der Rheinischen Philharmonie immer Usus und wird es sicher auch bei Garry Walker bleiben, regelm\u00e4\u00dfig gute G\u00e4ste einzuladen. Das bringt stets neue Impulse und Energien f\u00fcr Orchester wie Publikum. Es ist aber doch ein Unterschied, ob die Gastdirigate ein erg\u00e4nzendes Element sind oder wie in diesem Jahr die Basis der Orchesterarbeit.\u201d<\/p>\n<h3>Alle freuen sich auf Garry Walker<\/h3>\n<p>Die Vorfreude auf den neuen Chefdirigenten ist sp\u00fcrbar gro\u00df und im Orchester allgemein verbreitet. Das mag f\u00fcr den Au\u00dfenstehenden nur schwer begreiflich sein angesichts des Umstandes, dass die Rheinische Philharmonie und Garry Walker bislang nur einen einzigen musikalischen Kontakt miteinander hatten: Walkers Bewerbungsdirigat, auf dessen Basis das Orchester dann seine einhellige Wahl traf.&nbsp; Wie soll man das nennen? Liebe auf den ersten Blick, entz\u00fcndet w\u00e4hrend einer dreist\u00fcndigen Probe? \u201eIn diesen zwei, drei Stunden war das Orchester wie verwandelt, die Kollegen allesamt gut gelaunt. Vorzeitig kamen sie aus der Pause zur\u00fcck, gespannt, wie es weitergehen w\u00fcrde\u201d, erinnern sich Stickel und Harig. \u201eIn dieser kurzen Zeit hatte Walker das Orchester v\u00f6llig f\u00fcr sich eingenommen \u2013 nicht durch Reden, sondern durch Musizieren.\u201d Die Chemie eines Klangk\u00f6rpers, das Charisma eines Dirigenten: F\u00fcr den Laien geh\u00f6rt beides zu den gro\u00dfen Geheimnissen der Kunst.<\/p>\n<p>So gut und zufriedenstellend die \u201echeflose\u201d Saison l\u00e4uft, ist auch M\u00fcller-Rogalla anzumerken, dass deren besondere Bedingungen \u201ezehren\u201d. \u201eSeit Sommer 2015 arbeite ich mit Garry Walker zusammen. Ich merke schon jetzt, im laufenden Jahr, welchen Vorteil es hat, dann ab September wieder in geordneten Bahnen zu arbeiten. Wir sind jetzt schon in der Planung f\u00fcr 2018\/19.\u201d Die einzige Konstante im Augenblick seien die Dirigate im Theater durch Enrico Delamboye, Leslie Suganandarajah und Karsten Huschke. \u201eIm Konzertbetrieb aber haben wir es mit jedes Mal wechselnden neuen Leuten zu tun. Das ist eine richtige Herausforderung und weder f\u00fcrs Orchester, noch f\u00fcr das Management und die Verwaltung immer einfach. Weshalb von vornherein feststand, dass dieser Modus keineswegs l\u00e4nger dauern darf als ein Jahr.\u201d So geht es nun mit Neugierde und Verve in spannende Konzerte der zweiten H\u00e4lfte der Ausnahmesaison 2016\/17 \u2013 am nahen Horizont den Beginn einer neuen \u00c4ra unter Chefdirigent Garry Walker vor Augen.<\/p>\n<p class=\"rteright\">Andreas Pecht<\/p>\n<p>Infos: <a href=\"https:\/\/www.rheinische-philharmonie.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.rheinische-philharmonie.de<\/a><\/p>\n<p><em>(Erstabdruck\/-ver\u00f6ffentlichung in einem Pressemedium au\u00dferhalb dieser website 2. Woche im M\u00e4rz 2017)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Die Konzertsaison 2016\/17 beim Staatsorchester Rheinische Philharmonie ist schon eine rechte Eigent\u00fcmlichkeit. 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